1Zwischen Ende 1876 und Sommer 1879 nahm Marx seine Studien zur politischen Ökonomie erneut mit großer Intensität auf. Aus dieser Arbeitsphase stammen die im vorliegenden Band versammelten Materialien: zwölf Exzerpthefte, zwei Notizbücher und drei Einzelexzerpte, die insgesamt knapp 950 Manuskriptseiten aus Marxʼscher Feder umfassen. Den Kern bilden elf zusammenhängende, zwischen März 1878 und Sommer 1879 entstandene Hefte, in denen sich Marx vor allem mit Theorie und Geschichte des Geld- und Kreditwesens sowie der Wirtschaftskrisen beschäftigte.

2In seinen Auszügen entwickelte Marx zahlreiche und teils ausführliche eigene Überlegungen zu zentralen Problemen seiner Kritik der politischen Ökonomie. Im Mittelpunkt stehen dabei insbesondere Fragen des Kredit- und Aktienwesens, der Zusammenhang von Kredit und Krisen sowie Probleme der Wert- und Preistheorie. Darüber hinaus behandelte Marx den Fall der Profitrate, Monopole, nichtkapitalistische Produktionsweisen – darunter auch die sogenannte asiatische Produktionsweise – sowie die historische Entwicklung ökonomischer Formen.Die meisten eigenen Überlegungen von Marx befinden sich in den Heften I, II und IV. Nähere Informationen hierzu bieten die Apparatteile „Entstehung und Überlieferung“. Schließen [1] Neben seinen „Randnoten zu Dührings ‚Kritischer Geschichte der Nationalökonomie‘“ (siehe MEGA I/27), den Manuskripten zum zweiten Buch des „Kapital“ (siehe MEGA II/11), dem Exzerptheft „Oekonomisches en général“ mit den Randglossen zu Adolph Wagners „Lehrbuch der politischen Ökonomie“ (vorgesehen für MEGA IV/28) sowie einigen Briefen wird hiermit eines der bedeutendsten Zeugnisse für das ökonomische Denken des späten Marx vorgelegt.

3Die für den Band zentralen Autoren, aus deren Schriften Marx so umfangreiche Auszüge erstellte, haben zu Lebzeiten keine nachhaltige Wirkung entfaltet und sind heute weitgehend in Vergessenheit geraten. Hierzu zählen Ilarion Ignatʼevič Kaufman aus dem Russischen Reich, der Italiener Pietro Rota, der Amerikaner Charles A. Mann und der Deutsche Karl Dietrich Hüllmann. Mithilfe der Marxʼschen Exzerpte können diese Autoren neu entdeckt werden. Mit Ernest Seyd und John Peter Gassiot treten zudem zwei englische Autoren hinzu. Insgesamt wird Marxʼ Bemühen deutlich, sich die Erkenntnisse der politischen Ökonomie verschiedener Länder anzueignen. Marx las alle Bücher und Schriften in der Originalsprache; insbesondere machte er von seinen Kenntnissen des Russischen und Italienischen Gebrauch. Die über rund 210 Manuskriptseiten hinweg exzerpierten Passagen aus Kaufmans „Theorie und Praxis des Bankwesens“ übersetzte er aus dem Russischen ins Deutsche.

4Marx wurde durch Kaufmans Rezension des „Kapital“ auf ihn aufmerksam, aus der er zustimmend im Nachwort zur zweiten Ausgabe des „Kapital“ zitierte (MEGA II/6, S. 707–709). In der Folge ließ er sich mehrere Bücher Kaufmans aus St. Petersburg zusenden. Die Exzerpte aus dessen „Theorie und Praxis des Bankwesens“ füllen die Hefte I und II. Daran schließen sich, thematisch fortführend, zwei weitere Hefte (Hefte III und IV) an, in denen Marx Fragen des Wechselkurses und der kaufmännischen Arithmetik behandelt. Der Zusammenhang der ersten drei Hefte wird auch durch ihre von Marx selbst vorgenommene Nummerierung von I bis III angezeigt. Heft IV enthält die Fortsetzung der in Heft III begonnenen Exzerpte aus dem Lehrbuch zur Kaufmannsarithmetik von Friedrich Ernst Feller und Carl Gustav Odermann sowie umfangreiche Kommentare von Marx u. a. über Zins, Grundrente und Profit, von denen einige an seine Bemerkungen in Heft I über Profitrate und „natürliche Monopole“ anschließen.

5Ungefähr parallel zu den Exzerpten aus Kaufman im März/April 1878 stieß Marx auf das Buch „Der Börsen- und Gründungs-Schwindel in Deutschland“ von Otto Glagau. Aus diesem fertigte er zwar keine Exzerpte an, aber es inspirierte ihn zu weiteren Untersuchungen des Gründerkrachs von 1873. Dazu exzerpierte er aus Schriften von Heinrich Joachim Gehlsen (im Sommer 1878), Otto von Diest (Heft IX), Bethel Henry Strousberg (Heft X) und Rudolph Meyer (Heft XI), den Hauptvertretern einer konservativen, gegen Bismarck, den Liberalismus und das Geldkapital gerichteten Kritik an Spekulation und Korruption. Während Marx Kaufman attestierte, eine „begeisterte Apologie der Gründungs- u. Schwindelwirthschaft“Marx an Sigmund Schott, 29. März 1878 (RGASPI, Sign. f. 1. o. 1. d. 6857). Schließen [2] verfasst, dabei jedoch unfreiwillig den notwendigen Zusammenhang von kapitalistischer Produktion und Kreditschwindel demonstriert zu haben, fand er bei den zeitgenössischen deutschen Autoren, die über das „System Strousberg“ und den Gründerkrach schrieben, konkretes Anschauungsmaterial über den mit dem Aktienwesen verbundenen „Schwindel“, den er spätestens seit seinen Studien zur Krise von 1866 in Buch 3 des „Kapital“ in kritischer Absicht darstellen wollte.Siehe die Einführung zu MEGA IV/19. Schließen [3] Den Standpunkt der deutschen Autoren, die häufig das Grundeigentum verteidigten, charakterisierte Marx hingegen als den des „moralisirenden Philister“, der den Kreditschwindel „als ‚Auswuchs‘ ‚Missbrauch‘ etc verurtheilt“.Marx an Sigmund Schott, 29. März 1878 (RGASPI, Sign. f. 1. o. 1. d. 6857). Schließen [4] Marx wollte also einerseits mit dem „Apologeten“ Kaufman gegen die moralische Empörung der „Geldphilister“ die Notwendigkeit des Schwindels und der Krisen zeigen, andererseits mit dem reichhaltigen und aktuellen Material der Geldmarktgegner gegen die beschönigende Darstellung des Kreditwesens bei Kaufmans Einspruch einlegen.

6Zwischen März und September 1878 führte Marx nicht nur die Hefte I bis IV des vorliegenden Bandes, sondern stellte auch die „Geologischen Exzerpte“ zusammen, die in MEGA IV/26 veröffentlicht sind.

7Zwischen Anfang Oktober 1878 und Januar 1879 entstand dann eine Gruppe von fünf Exzerptheften (Hefte V bis IX), in denen Marx die beiden Werke Pietro Rotas über die Geschichte der Banken und über die Prinzipien des Bankwesens gründlich durcharbeitete. Sie schließen inhaltlich unmittelbar an die Gruppe der Exzerpthefte zu Kaufman an; auf den jungen italienischen Ökonomen Rota war Marx bei Kaufman gestoßen. Marx ging dabei mehrmals bei Rota genannter Literatur nach und unterbrach seine Exzerpte aus Rota durch Exzerpte aus dessen Quellen (z. B. Georges Perrot und Charles A. Mann). In all diesen Heften führte er seine Studien auch in andere Richtungen weiter: italienische politische Ökonomie (Heft V), amerikanische politische Ökonomie, insbesondere des Staatspapiergelds und des Amerikanischen Bürgerkriegs (Heft VI), Handelsgeschichte des antiken Griechenlands, des Byzantinischen Reichs und des deutschen Mittelalters (Heft VII) sowie Naturphilosophie (Heft VIII). In den bis Sommer 1879 geführten Heften IX bis XI schließlich beschäftigte sich Marx vorwiegend mit aktuellen Beiträgen deutscher, französischer und englischer Ökonomen zur Funktionsweise des Geldmarkts und zur Entstehung und Behandlung von Wirtschaftskrisen.

Zum Inhalt von MEGA IV/25

8Alle Materialien werden erstmals veröffentlicht. Die Hefte werden in der Reihenfolge ihrer Entstehung dargeboten. Die ersten drei Hefte hat Marx selbst nummeriert; die weiteren Heftnummern werden redaktionell ergänzt. Die Materialien des Bandes umfassen:

9Von Marx:

101) ein nicht betiteltes Heft aus den Jahren 1876 bis 1878 (156 Seiten) mit umfangreichen bibliographischen Notizen und Exzerpten aus:

  • Aleksej Adrianovič Golovačev: Desjatʼ let reform, 1861–1871 (Zehn Jahre Reformen, 1861–1871) (1872)
  • William Cobbett: A History of the Protestant “Reformation” in England and Ireland (1868)
  • Henry Dewar: David Hume (1833)
  • 19 Schriften von und über Robert Owen (1813–1840)
  • Remarks on the Impolicy of Restrictions on Commerce (1821)
  • Magnus Björnstjerna: The Public Debt, Its Influence and Its Management (1831)
  • Essays in Anglo-Saxon Law (1876)

112) ein parallel zu diesem Heft angelegtes und in den Jahren 1877 bis 1881 geführtes Notizbuch (16 Seiten) mit ausschließlich bibliographischen Notizen

123) eine aus Materialien des Hefts gewonnene Aufstellung (2 Seiten) mit Schriften von Robert Owen, die wahrscheinlich für Engelsʼ „Anti-Dühring“ bestimmt war

134) ein im März 1878 erstelltes und mit Heft I betiteltes Exzerptheft (79 Seiten) mit Ausführungen von Marx zur ökonomischen Theorie und Exzerpten aus:

  • Ilarion Ignatʼevič Kaufman: Teorija i praktika bankovago dela. T. 1. Kredit, banki i denežnoe obraščenіe (Theorie und Praxis des Bankwesens. Bd. 1. Kredit, Banken und Geldzirkulation) (1873)

145) das daran anschließende, zwischen März und spätestens August 1878 entstandene Heft II (159 Seiten) mit Ausführungen von Marx zur ökonomischen Theorie und Exzerpten aus:

  • Ilarion Ignatʼevič Kaufman: Teorija i praktika bankovago dela. T. 1. Kredit, banki i denežnoe obraščenіe (Theorie und Praxis des Bankwesens. Bd. 1. Kredit, Banken und Geldzirkulation) (1873) (Schluss)
  • Ilarion Ignatʼevič Kaufman: Teorija i praktika bankovago dela. T. 2. Istorіja bankov (Theorie und Praxis des Bankwesens. Bd. 2. Geschichte der Banken) (1877)
  • Načalo (1878)
  • Vladimir Ivanovič Gerʼe, Boris Nikolaevič Čičerin: Russkіj dilettantizm i obščinnoe zemlevladenіe (Russischer Dilettantismus und Gemeindelandbesitz) (1878)
  • Ernest Seyd: Bullion and Foreign Exchanges Theoretically and Practically Considered (1868)

156) das ungefähr im August 1878 erstellte Heft III (87 Seiten; hier 35 Seiten) mit Auszügen aus:

  • Ernest Seyd: Bullion and Foreign Exchanges Theoretically and Practically Considered (1868) (Schluss)
  • Friedrich Ernst Feller, Carl Gustav Odermann: Das Ganze der kaufmännischen Arithmetik (1859)

167) das wahrscheinlich im Anschluss entstandene Heft IV (70 Seiten; hier 48 Seiten) mit Ausführungen von Marx zur ökonomischen Theorie und Auszügen aus:

  • Friedrich Ernst Feller, Carl Gustav Odermann: Das Ganze der kaufmännischen Arithmetik (1859) (Schluss)

178) vor dem 24. September 1878 entstandene Auszüge (13 Seiten) aus:

  • Heinrich Joachim Gehlsen: Das kleine Buch vom grossen Bismarck (1877)

189) das im Oktober 1878 entstandene, in Fortsetzung der Exzerpte aus den Werken von Kaufman, Seyd und Feller/Odermann redaktionell betitelte Heft V (38 Seiten) mit Exzerpten aus:

  • Pietro Rota: Storia delle banche (1874)
  • George Perrot: Démosthène et ses contemporains (1873)
  • Antonio Ciccone: Principj di Economia Politica (1874)
  • Giuseppe Ricca-Salerno: Sulla teoria del capitale (1877)
  • Karl Dietrich Hüllmann: Deutsche Finanz-Geschichte des Mittelalters (1805)

1910) das anschließende Heft VI (93 Seiten) von Oktober/November 1878 mit Exzerpten aus:

  • Pietro Rota: Storia delle banche (1874) (Fortsetzung)
  • Giovanni Mussida: Libertà e Protezione (1877)
  • Luigi Cossa: Guida allo Studio dellʼEconomia Politica (1876)
  • Charles A. Mann: Paper Money, the Root of Evil (1872)
  • Amasa Walker: The National Currency and the Money Problem (1876)
  • Henry V. Poor: Money and its Laws (1877)

2011) ein parallel zu den ab Oktober 1878 unternommenen Studien geführtes Notizbuch (17 Seiten) aus den Jahren 1878/1879 mit ausschließlich bibliographischen Notizen

2112) das auf Heft VI folgende Heft VII (92 Seiten) mit Exzerpten aus:

  • Pietro Rota: Storia delle banche (1874) (Schluss)
  • Karl Dietrich Hüllmann: Handelsgeschichte der Griechen (1839)
  • Karl Dietrich Hüllmann: Geschichte des Byzantischen Handels bis zum Ende der Kreutzzüge (1808)
  • Karl Dietrich Hüllmann: Deutsche Finanz-Geschichte des Mittelalters (1805)

2213) das anschließende Heft VIII (92 Seiten) mit Exzerpten aus:

  • Karl Dietrich Hüllmann: Deutsche Finanz-Geschichte des Mittelalters (1805) (Schluss)
  • Pietro Rota: Principj di scienza bancaria (1873)
  • Pietro Ellero: La questione sociale (1874)
  • Otto Caspari: Leibnizʼ Philosophie (1870)
  • Gottfried Wilhelm Leibniz: Opera Philosophica (1840)
  • René Descartes: Opuscula Posthuma, Physica et Mathematica (1701)
  • zwei Vorträgen von Emil Du Bois-Reymond (1871)
  • fünf Aufsätzen aus Jean Pierre Brissot de Warville: Bibliothèque philosophique (1782)

2314) eine aus diesem Heft gewonnene Abschrift (4 Seiten), die wahrscheinlich für Engelsʼ „Dialektik der Natur“ bestimmt war

2415) das ungefähr Januar/Februar 1879 entstandene Heft IX (41 Seiten) mit Exzerpten aus:

  • Pietro Rota: Principj di scienza bancaria (1873) (Schluss)
  • Otto von Diest-Daber: Geldmacht und Socialismus (1875)
  • Otto von Diest-Daber: Der sittliche Boden im Staatsleben (1876)
  • Joseph-Louis Rey: Des erreurs de la Banque de France et des crises financières (1866)
  • Victor Bonnet: Questions économiques et financières a propos des crises (1859)
  • John Peter Gassiot: Monetary Panics and their Remedy (1867)

2516) das anschließende Heft X (12 Seiten) mit Exzerpten aus:

  • John Peter Gassiot: Monetary Panics and their Remedy (1867) (Schluss)
  • John Peter Gassiot: London and Westminster Bank. Address to the Shareholders (1876)
  • Bethel Henry Strousberg: Dr. Strousberg und sein Wirken von ihm selbst geschildert (1876)
  • Henri-Charles Mailfer: De la démocratie dans ses rapports avec lʼéconomie politique (1878)

2617) das zwischen 8. Juni und 7. August 1879 entstandene Heft XI (39 Seiten) mit Exzerpten aus:

  • Rudolph Meyer: Politische Gründer und die Corruption in Deutschland (1877)

27Von Engels:

2818) Notizen (1 und 2) aus dem Jahr 1877 über die russische Armee im Russisch-Türkischen Krieg von 1877/1878.

Anlass und Themen der Exzerpte

29Kritik des Sozialismus. Das erste mit dem vorliegenden Band veröffentlichte Heft, das Heft aus den Jahren 1876 bis 1878, dokumentiert Marxʼ Zuarbeit zu Engelsʼ „Anti-Dühring“. Marx lieferte mit den „Randnoten zu Dührings ‚Kritischer Geschichte der Nationalökonomie‘“ nicht nur einen (wiewohl skizzen- und lückenhaften) Abriss der Geschichte der politischen Ökonomie (siehe MEGA I/27, S. 180–209), sondern sammelte zudem Material von und zu Robert Owen, wahrscheinlich auch um Eugen Dührings konservative Sozialismus-Vorstellungen zu kritisieren. Dühring hatte ein vermeintliches Recht des männlichen Arbeiters auf Ehe propagiert und die für die Aufhebung der Familie eintretenden „utopischen Sozialisten“ wie Owen und Fourier als widernatürliche Angriffe auf Ehe und Kleinfamilie denunziert (siehe Entstehung und Überlieferung). Engels betonte dagegen im „Anti-Dühring“ die Bedeutung einer Vergesellschaftung der Hausarbeit. Die vorliegenden Exzerpthefte zeigen zudem, dass Marx nicht nur zum „Anti-Dühring“, sondern auch zu Engelsʼ „Dialektik der Natur“ kleinere Vorarbeiten geliefert hat. Aus den entsprechenden Auszügen in Heft VIII zur Naturphilosophie (Leibniz, Descartes, Caspari, Du Bois-Reymond) fertigte Marx eine kleine Abschrift an, die aller Wahrscheinlichkeit nach für Engels bestimmt war.

30Theorie. Für Buch 2 des „Kapital“ verfasste Marx wahrscheinlich ab Ende April 1877 das 56 Seiten umfassende Manuskript V, im Oktober/November 1877 das 17-seitige Manuskript VI und ab 2. Juli 1878 das 7 Seiten umfassende Manuskript VII (siehe MEGA II/11). Die vorliegenden Exzerpte sind erkennbar mit seinem Vorhaben verbunden, auch die Arbeit an Buch 3 des „Kapital“ wiederaufzunehmen, für das seit 1865 ein Gesamtentwurf vorlag (siehe MEGA II/4.2). Bei diesen Exzerpten handelt es sich um vorbereitende Studien und eine Sammlung von Materialien, die vermutlich in eine Überarbeitung und endgültige Gestaltung des Kapitels zum zinstragenden Kapital und Kredit eingeflossen wären. Insbesondere mit den umfangreichen Auszügen aus Kaufmans „Theorie und Praxis des Bankwesens“ hat Marx intensiv gearbeitet, wie nicht zuletzt die zahlreichen Marginalien und farbigen Unterstreichungen im Text zeigen. Kaufmans Überlegungen stimulierten ihn zu vielen eigenen Bemerkungen, Kommentaren und Ausführungen über das Kreditwesen und seine Wirkung auf Produktion, Wert und Preis. Themen der Exzerpte wie auch der Marxʼschen Kommentare sind darüber hinaus: Aktienwesen, Börse, Kredittechniken wie Leerverkauf und Reportoperation („Repo“), Wechselkurs, Staatspapiergeld, Staatsverschuldung. Die vielen Kommentare, die Marx inmitten seiner Exzerpte notiert, werden hier erstmals zugänglich gemacht.

31Geschichte. Marx untersuchte ausgiebig die Geschichte des Geld- und Kreditwesens, der Banken und der Krisen. Kaufman und Rota legten beide sowohl einen Band zur Theorie des Bankwesens als auch einen Band zur Geschichte der Banken vor. Durch die historischen Forschungen Karl Dietrich Hüllmanns vertiefte Marx seine Kenntnisse über Banken, Handel und wirtschaftlichen Verkehr im antiken Griechenland, im Byzantinischen Reich und im deutschen Mittelalter und damit auch über vorkapitalistische Produktionsweisen. Bei Rota informierte er sich insbesondere über die Geschichte der Banken im Italien des Mittelalters und der Neuzeit, bei Kaufman über die Entstehung der Bank of England, bei Mann über das Banksystem im Amerika der Gegenwart. Sein besonderes Interesse galt den zahlreichen Episoden des Staatspapiergelds: im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg (ab 1775), in der englischen ‚Restriction Period‘ (1797–1821), im Amerikanischen Bürgerkrieg (1861–1865) sowie während des Corso forzoso (1866) im italienischen Einigungskrieg. Viel diskutiert war bei den studierten Autoren die Frage nach dem Einfluss des Staatspapiergelds auf Warenpreise und Krisen. Rota sah die Krise von 1873 und ihre Dramatik auch den vorgangegangenen Experimenten mit Staatspapiergeld geschuldet, und in seinem Buch mit dem programmatischen Titel „Paper Money, the Root of Evil“ betonte Charles A. Mann, dass eine Überemission von Papiergeld auf Kosten der Arbeiterklasse vor allem die Spekulation beflügelt. Marx lobte zudem Kaufmans „polemics against paper-money“Marx an Nikolaj Francevič Danielʼson, 10. April 1879. Schließen [5] und schien selbst nach einer Kritik des Staatspapiergelds gesucht zu haben, die nicht von den Prämissen der Quantitätstheorie des Geldes ausgeht.

32Krisenerwartungen. Zum Zeitpunkt der Arbeit an den Exzerptheften schätzte Marx die 1873 mit dem Gründerkrach in Wien, New York und Berlin ausgebrochene Krise als „chronisch“ geworden ein.So schrieb er Nikolaj Francevič Danielʼson am 19. November 1878: „The most interesting field for the economist is now certainly to be found in the U. States, and, above all, during the period of 1873 (since the crash in September) until 1878—the period of chronic crisis. Transformations—which to be elaborated did require in England centuries—were here realised in a few years.“ (BL, Sign. f18–19.) Schließen [6] Er sah die Krise bis in die Gegenwart wirken, erwartete noch 1878/1879, dass sie ihren Höhepunkt in England erreichen würde, und gab an, den zweiten Band des „Kapital“ (mit den Büchern 2 und 3) nicht fertigstellen zu können, ehe die Krise derart kulminiert sei.„I should under no circumstances have published the second volume before the present English industrial crisis had reached its climax. The phenomena are this time singular, in many respects different from what they were in the past […]. It is therefore necessary to watch the present course of things until their maturity before you can ‘consume’ them ‘productively’, I mean ‘theoretically’.“ (Marx an Nikolaj Francevič Danielʼson, 10. April 1879.) Schließen [7] In den vorliegenden Exzerpten beschäftigte er sich daher mit dem Gründerkrach von 1873. Mit dem Wiener Börsencrash vom Mai 1873 befasste sich etwa Pietro Rota in einem eigens für die zweite (von Marx herangezogene) Auflage seiner „Principj di scienza bancaria“ neu hinzugefügten Kapitel über das Börsenwesen, in dem er einen krisenverschärfenden Faktor sah. Über die Krise in New York, die Charles A. Mann antizipiert hatte, schrieb Amasa Walker, und über die Gründerperiode in Deutschland die gegen Bismarck agitierenden Autoren Glagau, Gehlsen, Diest-Daber und Meyer. Marx sammelte in seinen Exzerpten erneut viel Material aus der Geschichte der Wirtschaftskrisen und informierte sich außerdem über neue Krisentheorien (u. a. von Victor Bonnet, Clément Juglar und Walter Bagehot), bei denen immer auch die Frage erörtert wurde, ob und wie man den Krisen begegnen könnte. Geldpolitische Vorschläge drehten sich um Reservefonds und Diskontratenmanagement der Bank of England sowie eine internationale Koordinierung zwischen den Staatsbanken. Charles A. Mann ging pessimistisch von einer Verschärfung der Krisen durch das Staatspapiergeld aus, aber Rota nahm optimistisch an, dass die Krisen in der Zukunft seltener auftreten und milder ausfallen würden, was Marx mit Skepsis kommentierte. Vor dem Hintergrund der in seinen Augen teilweise neuartigen Erscheinungen des Wirtschaftslebens der 1870er Jahre reformulierte aber auch Marx einige Zusammenhänge in eigenen krisentheoretischen Bemerkungen.

33Politik. In einigen Exzerpten verfolgte Marx sporadisch die ihn dauerhaft beschäftigende russische Politik. Er untersuchte die „Russischen Reformen“ der 1860er Jahre bei Golovačev, insbesondere die Justizreform. Über den Russisch-Türkischen Krieg von 1877/1878 werden einige Notizen von Engels über die russischen Truppenaufstellungen und -bewegungen veröffentlicht. Marx beschäftigte sich durch die Zeitschrift „Načalo“ und bei Gerʼe/Čičerin auch mit Theorien über den Ursprung der russischen Dorfgemeinde. Dem Ursprung der englischen Rechtsinstitutionen hingegen (im römischen oder im germanischen Recht?) ging er in seinen Auszügen aus den „Essays in Anglo-Saxon Law“ nach, in denen er erstmals auf Rudolph Sohm stieß, aus dessen Werk er später in Heft 1880/1881 (MEGA IV/27) exzerpierte. Ein weiteres Thema ist die Innen- und Außenpolitik Otto von Bismarcks. Glagau, Diest-Daber und Meyer wollten Bismarck als Bundesgenossen des „Gründerschwindels“ und der „Korruption in Deutschland“ entlarven, Gehlsen darüber hinaus noch die Abhängigkeit Bismarcks von der russischen Politik demonstrieren. Die Entstehung dieser Exzerpte zeigt, dass sich Marx schon näher für diese Vorgänge interessierte, bevor im Oktober 1878 das „Sozialistengesetz“ erlassen wurde.

34Wissenschaft. Die Exzerpte dokumentieren die Ausbreitung der politischen Ökonomie in den Vereinigten Staaten, Russland, Italien, Deutschland und Frankreich. Obwohl Marx im Nachwort zur zweiten Auflage des „Kapital“ (1872) auszusagen schien, dass die politische Ökonomie als Wissenschaft an ihr Ende gelangt sei (MEGA II/6, S. 702/703), ging er weiterhin neuere Publikationen dieser Disziplin durch. In Italien fanden, gegen die alten liberalen Ökonomen gerichtet, unter jüngeren Ökonomen die Ideen der historischen Schule Verbreitung. Die neuen italienischen Ökonomen wollten sich weniger auf Abstraktionen stützen als vielmehr Lehren aus der Geschichte ziehen, da sie fanden, dass die allgemeinen Grundsätze wenig Aussagekraft für die besondere Situation Italiens hatten. Dagegen wollte der Amerikaner Charles A. Mann die amerikanischen Phänomene mithilfe der Grundsätze der vermeintlich „englischen“ politischen Ökonomie analysieren – auch um die allgemeine ökonomische Theorie um die Prinzipien des Staatspapiergelds zu erweitern. Für Mann begründeten Unterschiede zwischen Ländern keine unterschiedlichen Wissenschaften, so wenig wie die Verschiedenheit der Fauna eine eigene Biologie rechtfertige. Marx verfolgte aber neben aktuellen Entwicklungen in der politischen Ökonomie insbesondere auch die Rezeption des ersten Bandes des „Kapital“, und zwar im Russischen Reich (Kaufman), Deutschland (Carl Knies) und Italien (Giuseppe Ricca-Salerno, Fedele Lampertico, Antonio Ciccone). Gegen die aus seiner Sicht fast durchweg unzulängliche Rezeption seines Werks wiederholt und reformuliert Marx in den Heften einige Erkenntnisse (etwa zu Werttheorie, Geld, Mehrwert, Formbestimmung des Kapitals), die er im „Kapital“ dargestellt hatte.

Anmerkungen

  • [1]Die meisten eigenen Überlegungen von Marx befinden sich in den Heften I, II und IV. Nähere Informationen hierzu bieten die Apparatteile „Entstehung und Überlieferung“.
  • [2]Marx an Sigmund Schott, 29. März 1878 (RGASPI, Sign. f. 1. o. 1. d. 6857).
  • [3]Siehe die Einführung zu MEGA IV/19.
  • [4]Marx an Sigmund Schott, 29. März 1878 (RGASPI, Sign. f. 1. o. 1. d. 6857).
  • [5]Marx an Nikolaj Francevič Danielʼson, 10. April 1879.
  • [6]So schrieb er Nikolaj Francevič Danielʼson am 19. November 1878: „The most interesting field for the economist is now certainly to be found in the U. States, and, above all, during the period of 1873 (since the crash in September) until 1878—the period of chronic crisis. Transformations—which to be elaborated did require in England centuries—were here realised in a few years.“ (BL, Sign. f18–19.)
  • [7]„I should under no circumstances have published the second volume before the present English industrial crisis had reached its climax. The phenomena are this time singular, in many respects different from what they were in the past […]. It is therefore necessary to watch the present course of things until their maturity before you can ‘consume’ them ‘productively’, I mean ‘theoretically’.“ (Marx an Nikolaj Francevič Danielʼson, 10. April 1879.)

Zitiervorschlag

Timm Graßmann: Einführung zu MEGA IV/25. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital, Bd. IV/25, hg. v. der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://megadigital.bbaw.de/M5417651. Abgerufen am 08.08.2026.