Inhaltsbeschreibung und Datierung

1Das vorliegende Heft ist über einen längeren Zeitraum hinweg, wahrscheinlich zwischen 1876 und 1878 entstanden und enthält verschiedenartige Studienmaterialien von Marx zu einer Reihe von politischen, ökonomischen und juristischen Themen. Über den gesamten Zeitraum hinweg nutzte Marx das Heft für bibliographische Notizen, die ca. ein Drittel der beschriebenen 156 Heftseiten füllen. Es dokumentiert zudem Marx’ Bemühungen, seine Kenntnisse der englischen Sprache zu verbessern. Aus William Cobbetts „History of the Protestant Reformation“ notierte er sich Formulierungen und Wendungen.

2Einen Schwerpunkt des Hefts bilden die verschiedenen Materialien, die Marx in Vorbereitung seiner „Randnoten zu Dührings ‚Kritischer Geschichte der Nationalökonomie‘“ sammelte. Marx unterstützte damals Engels in seiner theoretischen Arbeit gegen den deutschen Sozialisten Eugen Dühring. Für Engels’ „Anti-Dühring“ schrieb Marx mit den „Randnoten“ einen Abriss der Geschichte der politischen Ökonomie (veröffentlicht in: MEGA I/27. S. 145–209). Marx hatte zuvor eine historische Darstellung der Entwicklung der politischen Ökonomie im geplanten vierten Buch des „Kapital“ beabsichtigt, dafür aber nie einen Entwurf verfasst. Dührings „Kritische Geschichte der Nationalökonomie“ bot somit eine Gelegenheit, sich zu diesem Thema zu äußern. Das bereits veröffentlichte Arbeitsmaterial (siehe MEGA I/27. S. 131–144), das Marx sich für die „Randnoten“ zusammengestellt hat, wird mit der erstmaligen Veröffentlichung des vorliegenden Hefts erweitert um Marx’ Studien zu David Hume und Robert Owen.

3Entstehungszeit und Inhalt der Studien zu Owen im vorliegenden Heft machen es sehr wahrscheinlich, dass sie mit Engels’ Vorbereitungen für den dritten Abschnitt „Sozialismus“ des „Anti-Dühring“ im Zusammenhang stehen. Dühring hatte sich auf Hume gestützt, aber Owen komplett verworfen. Marx wollte dagegen sowohl Hume kritisieren als auch Owen verteidigen. Um Material zu sammeln, mit dem Dührings Behauptungen widerlegt werden könnten, ging er auf 31 Heftseiten insgesamt 19 Titel von und zu Owen durch. Zwischen Engels’ Verteidigung von Owen im „Anti-Dühring“ (siehe MEGA I/27. S. 430–433) und Marx’ Exzerpten bestehen einige inhaltliche Gemeinsamkeiten. Marx und Engels warfen Dühring eine mangelnde Kenntnis des Owen’schen Werks vor. Gegen Dührings konservative Familien- und Ehevorstellungen betonten sie zudem die „feministische“ Seite Owens (siehe unten). Dass die Notizen zu Owen in erster Linie für Engels bestimmt waren, wird nicht zuletzt dadurch gestützt, dass Marx einige Informationen daraus auf ein anderes Blatt schrieben, das er Engels zukommen ließ (siehe Entstehung und Überlieferung).

4Das vorliegende Heft enthält außerdem kürzere Exzerpte zu ökonomischen Themen. Aus einem nicht überlieferten Brief Samuel Moores vom 8. November 1877 notiert sich Marx Berechnungen über das Verhältnis von Löhnen und Preisen (S. 65) und aus der anonymen Broschüre „Remarks on the Impolicy of Restrictions on Commerce“ (London 1821) Statistiken, die eine Wirkung von Transportkosten auf Preise zeigen (S. 99/100). Transportkosten bilden einen Gegenstand des zweiten Buch des „Kapitals“, an dem Marx zu der Zeit arbeitete (siehe MEGA II/11). Schließlich setzte sich Marx anhand von Magnus Björnstjernas Broschüre „The Public Debt, Its Influence and Its Management“ mit der Bedeutung der Staatsschulden in der modernen Wirtschaft auseinander. Björnstjerna wandte sich gegen die klassische Auffassung und sah in den Staatsschulden ein Mittel zur Vermehrung des gesellschaftlichen Reichtums.

5Schließlich sind im Heft juristische Sujets versammelt. Marx informiert sich über die Justizreform im Russischen Reich von 1864 und ihre Grenzen sowie über die von Bismarck erlassene Verordnung betreffend das Verbot von Zeitungen und Zeitschriften vom 1. Juni 1863. Zudem exzerpiert er die „Essays in Anglo-Saxon Law“ über englische Verfassungsgeschichte.

6Engels datierte das Heft auf dem Umschlag mit „1877“. Marx hat das Heft allerdings zu unterschiedlichen Zeitpunkten und aus verschiedenen Anlässen in einem Zeitraum von spätestens 1876 bis 1878 benutzt. Auf S. 31 findet sich die Datierungsnotiz „12 July. 1876“; an diesem Tag erhielt Marx eine Reihe von Büchern von seinem Buchhändler Philip Stephen King. Auch die bibliographischen Notizen auf der Innenseite des vorderen Deckels (S. [0]), die Vermerke u. a. zu Schriften aus dem Jahr 1876 enthalten, sprechen für eine intensivere Benutzung des Hefts ab 1876. Die Notizen zu „Hinrichs Vierteljahrskatalog“ der Jahre 1869 bis 1873 (S. 1–25) könnten sogar schon vor 1876 angefertigt worden sein.

7Die Notizen zu den „Randnoten zu Dührings ‚Kritischer Geschichte der Nationalökonomie‘“ sind auf wahrscheinlich Januar bis Anfang März 1877 datiert worden (siehe MEGA I/27). Engels arbeitete kontinuierlich über einen längeren Zeitraum hinweg am „Anti-Dühring“, der abschnittsweise in einer Zeitschrift erschien. Der dritte Abschnitt „Sozialismus“ entstand zwischen Mitte November 1877 und Mitte März 1878. Während dieser Zeit entstanden auch Marx’ Notizen zu Robert Owen. Im Heft geht ihnen der Auszug aus einem Brief von Samuel Moore vom 8. November 1877 voraus, und es folgt eine Bücherliste (die Utin-Liste), die mit dem 27. März 1878 datiert ist. Wahrscheinlich erstellte Marx diese Notizen zwischen Dezember 1877 und Januar 1878 (siehe unten). Da die ökonomischen Exzerpte sowie die Auszüge aus den „Essays in Anglo-Saxon Law“ unmittelbar auf die Notizen zu Owen folgen und jeweils auf der gleichen Seite beginnen, auf der das vorangegangene Exzerpt endet, sind sie in der Reihenfolge, in der sie im Heft erscheinen, und vermutlich im Laufe der folgenden Monate, also ungefähr in der ersten Jahreshälfte 1878 entstanden.

8Auch die bibliographischen Notizen zu den Büchern von Ilarion Ignat’evič Kaufman machte Marx wahrscheinlich zeitgleich zu seinen Exzerpten daraus im März/April 1878. Die Notizen über die Bismarck’sche Verordnung vom 1. Juni 1863 am Ende der beschriebenen Seiten des Hefts (S. 151) könnten, wie Marx’ Studien zu Bismarck (siehe Entstehung und Überlieferung), Mitte des Jahres 1878 entstanden sein.

Bibliographische Notizen

9Es war eine Gewohnheit von Marx, in seinen Exzerptheften und Notizbücher für ihn relevante Literatur in gesonderten Verzeichnissen zusammenzustellen. Im vorliegenden Heft sind insgesamt rund 55 Seiten mit solchen bibliographischen Notizen gefüllt. Sie lassen sich in vier Kategorien einteilen.

10Erstens ging Marx Kataloge des Buchhandels durch. Vorwiegend handelt es sich dabei um Hinrichs Vierteljahreskatalog der Jahre 1869 bis 1873 (S. 1–25), der die Anzeigen des „Börsenblatts für den Deutschen Buchhandel“ zusammenstellte und auch von der Bibliothek des British Museum abonniert war, sowie um Kataloge von deutschen Antiquariaten wie R. L. Prager (Berlin) und L. M. Glogau (Hamburg) aus den Jahren 1875 bis 1877. Marx verschaffte sich so einen Überblick über die neu erschienene deutschsprachige Literatur. Viele Titel kreuzte er erst mit Tinte an; in einem (oder mehreren) weiteren Durchgang dann strich er einige Marginalien wieder und fügte andere mit Rotstift hinzu. Viele Titel versah er mit einem Erledigungsvermerk mit Rotstift, die im Edierten Text als durchgezogene rote Randanstreichung wiedergegeben werden.

11Ferner erstellt sich Marx, zweitens, Übersichten mit weiterführender Literatur. Parallel zu den Exzerpten aus den beiden Büchern von Kaufman ab März 1878 schreibt er sich dort genannte Titel heraus (S. 47/48 und 145–148). Weitere thematische Übersichten macht er zur Agrikultur (S. 25/26), zur Geschichte der Bank of England (S. 147/148) und zur „Labour Question“ (S. 148).

12Drittens formuliert er konkrete Desidera. In einer mit „Nachzusehn“ (S. 32) betitelten Liste notiert sich Marx die Titel von 21 Büchern. Einige dieser Bücher hatte er tatsächlich nachgeschlagen: die Schriften von Low, Bresson, Hoyle und Villegardelle sind in seiner Bibliothek überliefert (siehe MEGA IV/32) und die von Hüllmann hat er exzerpiert. Auch bei seiner Aufstellung „Blue Books etc. Fehlendes“ (S. 35–37) handelt es sich um einen Arbeits- und Beschaffungsplan für noch benötigte und auszuwertende offizielle statistische Literatur, die er unter 15 thematische Ordnungspunkte gliederte. Möglicherweise prüfte Marx hier die Bestände der Bibliothek des British Museum.

13Schließlich dokumentiert Marx an mehreren Stelle bei ihm eingegangene Bücher, in der Liste „12 July. 1876. Erhalten v. P. S. King“ etwa jene Titel, die ihm vom Londoner Buchhändler Philip Stephen King zugestellt worden waren. Einige von ihnen befinden sich in Marx’ Bibliothek. Auch von dem russischen Emigranten Nikolaj Isaakovič Utin erhielt er am 27. März 1878, bevor dieser nach Russland reiste, eine Reihe von Büchern, die, wie Marx notiert, „dem Outine u. nicht mir gehören“ (S. 144). Von den vermerkten 26 Werken sind gleichwohl acht in Marx’ Bibliothek überliefert (siehe MEGA IV/32. S. 42).

Aleksej Adrianovič Golovačev: Desjat’ let reform, 1861–1871

14 А. А. Головачевъ: Десять лѣтъ реформъ. 1861–1871. Изд. „Вѣстника Европы“. Санктпетербургъ 1872. (S. 41.)

15Nach dem Tod von Zar Nikolaus I. (1855) und der Niederlage im Krimkrieg (1856) entstand im Russischen Reich unter Zar Alexander II. ein Bedürfnis nach wirtschaftlichen und politischen Veränderungen. Zu den Reformern zählte der im Tverer Gouvernementskomitee tätige liberale Politiker und Publizist Aleksej Adrianovič Golovačev, der die Aufhebung der Leibeigenschaft propagierte und mitorganisierte. (Siehe Terence Emmons: The Russian Landed Gentry and the Peasant Emancipation of 1861. Cambridge 1968, S. 73ff.) Als Mitgestalter der Verordnungen vom 19. Februar 1861 lässt er in seinem Buch „Zehn Jahre Reformen, 1861–1871“ Revue passieren.

16Die Abschaffung der Leigeigenschaft sah Golovačev durch die Justizreform von 1864 komplettiert. Die Aufgabe der Justizreform (Gesetz vom 20. November 1864) sei die praktische Umsetzung der Aufhebung der Leibeigenschaft gewesen. Zuvor waren die Gerichte in Russland nicht unabhängig, sondern Teil der Staatsverwaltung. (Siehe Dietrich Beyrau, Manfred Hildermeier: Von der Leibeigenschaftsordnung zur frühindustriellen Gesellschaft: 1856 bis 1890. In: Handbuch der Geschichte Rußlands. Band 3.1. 1856–1945. Von den autokratischen Reformen zum Sowjetstaat. Stuttgart 1983. S. 5–201, hier: S. 84–87.) Es existierte keine Tradition des Juristenstands und keine Trennung von Justiz und Polizei. Die Justizreform von 1864 war dagegen an den Prinzipien der Rechtstaatlichkeit orientiert: Unabhängigkeit der Richter, Zulassung selbständiger Rechtsanwälte, Einsatz von Staatsanwälten, Einführung des Schwurgerichts. Später folgten Reformen des Bildungswesens (1864/1865) sowie der ländlichen und städtischen Selbstverwaltung (1864–1870). Ziel der Reformen war die Modernisierung des Staats, ohne die Autokratie infrage zu stellen.

17Marx beobachtete die Reformen im Russischen Reich über Jahre hinweg, z. B. 1876/1877 in seinen Exzerpten aus „Die ländliche Verfassung Rußlands“ von August von Haxthausen im Heft „Diversa“ (siehe Entstehung und Überlieferung). Golovačevs Buch erhielt er am 27. Dezember 1872 von Nikolaj Francevič Daniel’son (vgl. Marx an Daniel’son, 18. Januar 1873). Sein Exemplar, mit vielen Marginalien von ihm, ist überliefert (siehe MEGA IV/32. Nr. 495). Noch einmal exzerpierte er daraus 1881 in einem Heft zu Fragen der Agrarverhältnisse in Russland (IISG, Marx-Engels-Nachlass, Sign. B 167). In den vorliegenden Auszügen notiert er sich einige Informationen über die in der neuen „Gerichtsverfassung in Russland“, wie er das Exzerpt betitelt, bestimmten verschiedenen rechtsprechenden Organe und ihr Verhältnis zum Staat. Er hält mehrere Beispiele für eine weiterhin bestehende Abhängigkeit der Justiz von der Staatsverwaltung fest. Die Trennung von Staat und Justiz war in der Verfassung unvollständig.

18Die Abhängigkeit der Justiz im Russischen Reich hatte Marx schon im Brief an Friedrich Engels vom 5. Juli 1870 betont, als er über die Verurteilung Nikolaj Gavrilovič Černyševskijs schrieb: „Чернышевскій, erfuhr ich von L. wurde 1864 zu 8 J. travaux forcés in den sibirischen Minen verurtheilt, hat also noch zwei Jahre zu schanzen. Das erste Gericht war anständig genug zu erklären, daß absolut Nichts gegen ihn vorliege, u. die angeblichen umtrieberischen Complott-Geheimbriefe evidente forgeries seien (was sie waren). Aber der Senat, auf kaiserlichen Befehl, warf dieß Urtheil allerhöchst um u. sandte den listigen Mann, der so ‚geschickt sei‘, hieß es im Urtheil, ‚daß er seine Schriften in einer gesetzlich unantastbaren Form halte u. dennoch darin öffentlich Gift ausschenke‘ — nach Sibirien. Voilà la justice russe.“

William Cobbett: A History of the Protestant “Reformation” in England and Ireland

19 William Cobbett: A History of the Protestant “Reformation,” in England and Ireland; Showing how that Event Has Impoverished and Degraded the Main Body of the People in those Countries. In a Series of Letters, Addressed to all Sensible and just Englishmen. Dublin, London 1868. (S. 59 und 61–63.)

20Für seine im vorliegenden Heft dokumentierten Vorarbeiten zum „Anti-Dühring“ beschäftigte sich Marx eingehend mit dem Leben und Wirken von David Hume und zog dazu, auf den Seiten 58 und 60, auch die vorliegende Arbeit von William Cobbett heran (diese Vorarbeiten sind veröffentlicht in: MEGA I/27. S. 143/144). Dühring bezeichnete Hume als einen „ernstlichen und subtilen Denker“ (E. Dühring: Kritische Geschichte der Nationalökonomie und des Socialismus. 2., theilweise umgearb. Aufl. Berlin 1875. S. 121), wohingegen Cobbett ihn als Lügner vorstellte: „a lying Historian“, wie Marx festhielt (MEGA I/27. S. 143). Während Marx auf Seite 58 des vorliegenden Hefts bei Cobbett mehrere Zitate über Hume sammelte, begann er auf der nächsten Seite (S. 59), sprachliche Formulierungen aus derselben Schrift herauszuziehen. Danach beschrieb er den Rest der Seite 58 und die Seite 60 mit weiteren Kommentaren zu Humes Leben und politischem Wirken. Zur eigenen Orientierung machte er dabei die Arbeitsvermerke am Ende der Seite 58 „schlage die nächste Seite um“ und am Anfang der Seite 60 „Fortsetzung v. vorvoriger Seite“.

21In den vorliegenden (S. 59 begonnenen und dann ab S. 61 fortgesetzten) Auszügen geht es zwar an einer Stelle ebenfalls um Hume, den Cobbett abermals als Lügner („The malignity of this liar“) denunziert (S. 62). In erster Linie sammelt Marx bei Cobbett allerdings sprachliche Formulierungen und Redewendungen, offensichtlich um seine Kenntnisse und Fertigkeiten in der englischen Sprache zu verbessern. In der „New York Tribune“ vom 22. Juli 1853 hatte er Cobbetts schriftstellerische Fähigkeiten lobend hervergehoben: „As a writer he has not been surpassed.“ (MEGA I/12. S. 224.) Von Cobbetts Englisch wollte er sich offenbar etwas abschauen. Davon, dass es sich um Sprachstudien handelt, zeugt auch, dass Marx die Heftseiten jeweils durch einen senkrechten Tintenstrich in zwei Spalten teilte und die Formulierungen listenförmig anordnete. Teilweise nahm er Umformungen vor, und seine Unterstreichungen deuten darauf hin, dass er besonderes Augenmerk auf Präpositionen legte. Am Ende seiner Tabelle strich Marx einige Formulierungen am Rand an (S. 63/64); diese stammen nicht aus Cobbetts „History of Protestant Reformation“, sondern wurden wahrscheinlich mehreren anderen Quellen entnommen.

22Die vorliegende Zusammenstellung von sprachlichen Formulierungen stammt nicht aus Cobbetts „Political Register“, wie es in MEGA I/27 irrtümlicherweise mehrmals heißt, sondern aus dem vierten Brief seiner „History of the Protestant Reformation“ (Cobbett, S. 54–71). Die von Marx notierten Seitenangaben (siehe MEGA I/27. S. 143) lassen darauf schließen, dass er eine Ausgabe von 1868 oder 1869 verwendete. Eine frühere Auflage des Buchs, möglicherweise die erste (London 1824), hatte er bereits im ersten Band des „Kapital“ zitiert (siehe MEGA II/5. S. 229 u. 580). Kurze Auszüge aus „Cobbett’s Political Register“ hatte Marx im November 1869 angefertigt (siehe MEGA IV/18. S. 701/702).

Henry Dewar: David Hume

23 [Henry Dewar:] Hume, David. In: The Edinburgh Encyclopædia. Conducted by David Brewster. Vol. 11. Edinburgh 1833. S. 340–345. (S. 66–68.)

24Nach Cobbett zieht Marx eine weitere Quelle heran, die David Hume kritisch betrachtete. Eugen Dühring bezog sich auf äußerst positiv auf Hume. Er sah in ihm und Adam Smith die „ernstlichere Constituierung“ (Dühring, S. 15) der politischen Ökonomie und behauptete damit, kritisierte Marx, eine philosophische Grundlegung dieser Wissenschaft. Marx glaubte, Dühring würde Hume zu Unrecht aus zwei Gründen überhöhen. Einmal wollte er Hume als seinen Vorgänger präsentieren, „so dass das Lob von Hume’s Person Selbstlob meint“ (MEGA I/27. S. 159.8), und dann den Ursprung der politischen Ökonomie in die Philosophie verlegen. Auf diese Weise wäre plausibel gemacht, so Marx, dass auch der Abschluss der politischen Ökonomie durch einen Philosophen (Dühring habilitierte sich in der Philosophie) erfolgen würde. Marx bezeichnete Dührings Ansatz, unter Rückgriff auf dessen eigene Begrifflichkeiten, spöttisch als „wurzelhaftige ‚Wirklichkeitsphilosophie‘“ (MEGA I/27. S. 159.14).

25In seinen „Randnoten zu Dührings ‚Kritischer Geschichte der Nationalökonomie‘“ wollte Marx daher Dührings großes Vorbild Hume kritisieren. Zum einen zeigen, dass „Hume kein origineller Forscher im Gebiet der politischen Oekonomie“ (MEGA I/27. S. 157.40–41) war, sondern bloß Dühring dessen Quellen (wie J. Massie und Jacob Vanderlint) nicht kannte (MEGA I/27. S. 155–159). Zum anderen auf eine Reihe von aus seiner Sicht einseitigen, irreführenden und falschen ökonomischen Zusammenhängen hinweisen, die Hume vertreten hatte: eine einseitige Behandlung des Geldes; die Quantitätstheorie des Geldes; die Unterstellung eines Einflusses von Bankgeld auf Warenpreise; und nicht zuletzt eine Preistheorie, wonach der Warenpreis abhängig vom Arbeitslohn sei (MEGA I/27. S. 156).

26Marx entwickelte daneben noch eine andere Argumentationslinie, wonach Hume politisch konservativ gewesen sei und gegen die Interessen der Massen geschrieben habe, indem er etwa hohe indirekte Steuern auf Konsum befürwortete (MEGA I/27. S. 158). Um Dühring als Historiker zu disqualifizieren, verwies Marx insbesondere auf William Cobbett (siehe oben). In seiner „History of England“ wie auch in seiner politischen Praxis sei Hume „ein bittrer Tory, […] d. h. also bittrer Folger der Partei, deren Stichwort ‚church und state‘ [lautet]“ (MEGA I/27. S. 144), gewesen.

27Marx wollte diese Einschätzung noch durch weitere Quellen bestätigen. Er fand sie in der „Edinburgh Encyclopædia“, einer 1830 fertiggestellten 18-bändigen Enzyklopädie, die von Sir David Brewster in Edinburgh als Konkurrenzprojekt zur „Encyclopædia Britannica“ herausgegeben wurde. Den mit „H. D.“ gezeichneten Artikel zu Hume schrieb, was Marx nicht bekannt war, Henry Dewar. Dewar war Mitglied der Royal Society of Edinburgh und verfasste neben „Hume“ viele mit dem Buchstaben H beginnende Einträge (Harris, Harvey, Helvetius, Hippocrates, Hobbes, Haller, Hunters, Hutton) für die „Edinburgh Encyclopædia“ (siehe The Edinburgh Encyclopædia; Conducted by David Brewster. In 18 Vols. Vol. 1. Edinburgh 1830. S. X). Marx exzerpiert u. a. Dewars folgende Einschätzung von Humes „History of England“: „his sarcasms are directed only against the great mass of the nation, while his sympathetic feeling and indulgence are reserved for kings and ministers“ (S. 67).

Notizen zu und Auszüge aus Schriften von und zu Robert Owen

28

  • New View of Society. Tracts Relative to this Subject. Published by Robert Owen. London 1818. (S. 68 und 99.)
  • Messrs. Cobbett and Attwood. The Currency. In: The Crisis, or the Change from Error and Misery, to Truth and Happiness. Ed. by Robert Owen. Vol. 1. Nr. 27, 8. September 1832. S. 106–109. (S. 69–72.)
  • [Robert Owen:] A New View of Society: or, Essays on the Principle of the Formation of the Human Character, and the Application of the Principle to Practice. London 1813. (S. 72.)
  • Robert Owen: Observations on the Effect of the Manufacturing System: with Hints for the Improvement of those Parts of it which Are Most Injurious to Health and Morals. Dedicated most Respectfully to the British Legislature. London 1815. (S. 72.)
  • Robert Owen: An Address Delivered to the Inhabitants of New Lanark, on the first of January, 1816, at the Opening of the Institution established for The Formation of Character. 2. Ed. London 1816. (S. 73.)
  • Robert Owen: A New View of Society: or, Essays on the Formation of the Human Character. Preparatory to the Development of a Plan for Gradually Ameliorating the Condition of Mankind. 2. Ed. London 1816. (S. 73.)
  • Mr. Owen’s Proposed Arrangements for the Distressed Working Classes, Shown to be Consistent with Sound Principles of Political Economy: in Three Letters Addressed to David Ricardo. London 1819. (S. 73–81.)
  • Henry Grey Macnab: The New Views of Mr. Owen of Lanark Impartially Examined, as Rational Means of Ultimately Promoting the Productive Industry, Comfort, Moral Improvement, and Happiness of the Labouring Classes of Society, and of the Poor … London 1819. (S. 81.)
  • Robert Owen: An Explanation of the Cause of the Distress which Pervades the Civilized Parts of the World, and of the Means whereby It May Be Removed. London 1823. (S. 81–86.)
  • The Addresses of Robert Owen, (as Published in the London Journals), Preparatory to the Development of a Practical Plan for the Relief of all Classes, without Injury to any. London 1830. (S. 86–89.)
  • Robert Owen: A Development of the Origin and Effects of Moral Evil, and of the Principles and Practices of Moral Good, Exemplified in the Following Proofs of the Irrationality of the Old Immoral World, Contrasted by an Exposition of the Principles and Practices which Will Ensure the Rationality of the New Moral World. Manchester, London 1838 (S. 89.)
  • Robert Owen: The Catechism of the New Moral World. Manchester, London [1838 od. 1840]. (S. 89.)
  • R[obert] Buchanan: An Exposure of the Falsehoods, Calumnies, and Misrepresentations of a Pamphlet Entitled “The Abominations of Socialism Exposed;” Being a Refutation of the Charges and Statements of the Rev. Joseph Barker, and all Others who Have Adopted a Similar Mode of Opposing Socialism. Manchester 1840. (S. 89–95.)
  • The Co-Operator. Brighton. Nr. 28, 1. August 1830. S. 1–4. (S. 95–97.)
  • A Letter to the Rev. W. L. Pope, Tunbridge Wells, in Reply to Two Sermons Preached by Him on the Subject of Co-Operation. [1829.] (S. 97.)
  • Robert Owen: Lectures on an Entire New State of Society; Comprehending an Analysis of British Society, Relative to the Production and Distribution of Wealth; the Formation of Character; and Government, Domestic and Foreign. London [1830 od. 1835]. (S. 98.)
  • [Robert Owen:] Observations on the Critique Contained in the Edinburgh Review for October 1819, of Mr Owen’s Plans, for Relieving the National Distress. Edinburgh 1819. (S. 98/99.)
  • Robert Owen: Peace on Earth – Good Will towards Men. Development of the Plan for the Relief of the Poor, and the Emancipation of Mankind. London 1817. (S. 99.)

29Der Anlass für die vorliegende Materialsammlung mit Schriften von und zu Robert Owen war wahrscheinlich ebenfalls Marx’ Unterstützung von Engels’ Arbeit am „Anti-Dühring“. Dühring bezog sich in seiner „Kritischen Geschichte der Nationalökonomie und des Socialismus“ zwar positiv auf David Hume (siehe oben), sprach sich aber vehement gegen die Tradition des utopischen Sozialismus aus. In dem Kapitel „Die Missgebilde der socialen Phantastik“ verwarf er insbesondere Werk und Wirken von Charles Fourier, Robert Owen und Barthélemy-Prosper Enfantin. Gegen Dühring wollte Engels hervorheben, dass der Tradition des utopischen Sozialismus eine große Bedeutung zukommt.

30Mit der Vorbereitung des dritten Abschnitts „Sozialismus“ des „Anti-Dühring“ begann Engels Anfang August 1877. Er beschaffte sich zunächst die Primärliteratur des utopischen Sozialismus. Offenbar unterstützte Marx ihn dabei. Engels suchte die Schriften Owens, wie aus Marx’ Brief vom 8. August 1877 hervorgeht, in dem Marx schrieb, „die Sachen von Owen (ebenso die ‚Fausse Industrie‘ von Fourier)“ bei sich zu Hause nicht finden zu können, und fortfuhr: „Ad vocem Owen. Die Schrift von Sargant wäre leicht zu haben; wichtiger und nicht zu haben die kleine Broschüre on private marriages. […] Im Nothfall wohl alle Schriften Owens zu haben von old Allsop. Meanwhile habe ich bei mir eine solch wichtige Schrift Owens gefunden, worin er ein Resume seiner ganzen Doctrin giebt. ,The Revolution in the Mind and Practice of the Human Race‘, 1849. Ich hatte sie ganz vergessen. Diese, zusammen mit Fourier’s ,Theorie des quatre Mouvements‘ und ,Nouveau Monde Industrie!‘ und Hubbard’s Schrift über St. Simon bringe ich heut in Dein Haus.“ (IISG, MEN, Sign. L 4712.) Engels folgte Marx’ Rat und wandte sich an Thomas Allsop, einen Börsenmakler und Publizisten. In seiner Antwort bot Allsop Engels am 29. November 1877 alle bei ihm befindlichen Owen-Schriften an. Allsop sandte Literatur auch an Marx, denn dieser schrieb ihm am 1. Januar 1878: „My best thanks for the Owen addresses and proclamations.“ (RGASPI, Sign. f. 1, op. 1, d. 6692.) Marx recherchierte für die vorliegende Zusammenstellung aber auch in der Bibliothek des British Museum, wovon die Signaturen zeugen, die er zu mehreren Schriften notierte. Auch in seinem Notizbuch aus den Jahren 1877 bis 1881 vermerkte er 15 in der Bibliothek des British Museum vorhandene Schriften Owens.

31Im Zuge der Marx’schen Recherchen entstand die vorliegende 31-seitige Zusammenstellung von Schriften von und zu Owen. Unter den Titeln befinden sich auch eine Herausgeberschaft Owens sowie die Zeitschriften „The Crisis“, an der er beteiligt war, und „The Co-Operator“, die von einem seiner Anhänger gegründet wurde. Insgesamt notierte Marx 19 Titel, erschienen im Zeitraum von 1813 bis 1840. Es handelt sich um eine eher breite Übersicht mit kürzeren Notizen zu verschiedenen Themen. Zu einigen Schriften gab Marx nicht mehr als ihren Titel an, aus anderen wiederum fertigte er längere Auszüge an. Die Auszüge zeigen die Breite der Fragen, die Owen behandelte: die Arbeitsgeldtheorie, die Owen im Streit zwischen William Cobbett und Thomas Attwood um eine Geldreform gegen beide in Anschlag brachte (S. 69–72); Theorie der Wirtschaftskrisen (S. 73/74); Owens Engagement gegen die damalige Form der Ehe (S. 89–95); die Rolle der Erziehung (S. 95–97) usw.

32Auffällig ist, dass Marx in seinen Notizen und Exzerpten auch die ganze Bandbreite des Owen’schen „Feminismus“ abdeckt, während etwa Owens Religionskritik keine Rolle spielt. Marx vermerkt zum Beispiel, wie Owen die Arbeitsersparnis durch vergesellschaftete Hausarbeit vorrechnet (S. 79), die christliche Priesterehe dafür anklagt, viel Unglück über die Liebenden gebracht zu haben (S. 90–92), Kernfamilie (S. 93) und Monogamie (S. 94) kritisiert sowie gegen die „Edinburgh Review“ wettert, „noch im 1819“ behauptet zu haben, Frauen seien Männern geistig unterlegen (S. 99). Wahrscheinlich sollten auch diese Zitate gegen Dühring in Anschlag gebracht werden.

33Denn von ihm sogenannte „Geschlechtsverhältnisse“ (Dühring, S. 283/284) waren ein wichtiges Thema in Dührings „Kritischer Geschichte der Nationalökonomie und des Socialismus“. Dühring war, anders als Owen, ein vorbehaltloser Verteidiger der Ehe. So kritisierte er vehement den von Thomas Robert Malthus als Mittel gegen die Überbevölkerung vorgeschlagenen „Verzicht auf Ehe“ für die Arbeiter; die „gesunde Ansicht“ sei stattdessen die „von der Förderlichkeit der Volksvermehrung“ (Dühring, S. 131). Die „verkehrte Gesinnung“ von Malthus und Ricardo bestehe „in der Feindschaft gegen den Naturtrieb und in der Zumuthung […], die natürliche Sittlichkeit durch den Verzicht auf die Ehe zu entwurzeln“ und die Ehe dagegen „zu einem Luxusbedürfnis“ (Dühring, S. 191) zu machen.„Der Proletarier, der nichts als seine […] Kinder besitzt, soll kein Recht haben, als solcher zu existieren, sondern die Arbeiterschaft soll sich mehr und mehr selbst decimiren.“ (Dühring, S. 191.) Schließen [1] Während Dühring Malthus und Ricardo die „Grundvorstellung“ vorwarf, „dass die geordnete Art der menschlichen Existenz in der Gestalt der Familie“ (Dühring, S. 191) den Bedürfnissen der modernen Wirtschaft unterzuordnen sei, lobte er wiederum David Hume dafür, für diejenigen Partei ergriffen zu haben, „welche aus socialen Günden an Ehe und guter Sitte verhindert werden“ (Dühring, S. 132).

34Auch Dührings ablehnende Haltung gegenüber den Frühsozialisten war eng mit deren Vorstellungen über die „Geschlechtsverhältnisse“ verbunden. Mit ihren „socialistischen Phantasiespielen“ (Dühring, S. 238) zählte er sie zu den Theoretikern der „Verzerrungen der Ehe“ (Dühring, S. IX). Dass Dühring die Frühsozialisten nicht ausschließlich unter ökonomischen Gesichtspunkten bewertete, fiel auch Engels auf, der Dührings Vorwürfe wie folgt verstand: „Mit Ausnahme von Babeuf und einigen Communards von 1871 sind sie allesammt keine ‚Männer‘.“ (MEGA I/27. S. 240.) Dühring stellte die Frühsozialisten vielmehr als religiöse Fanatiker, Verrückte und Kinder dar.

35So bemängelte Dühring Owens Commune in New Harmony für ihre „Lockerung und ziemlich wilde Gestaltung“ (Dühring, S. 301); dort seien nur Feste gefeiert worden.Er monierte: „Man lebte zunächst sehr vergnügt, gab in der alten Rappistenkirche Dienstags Bälle und Freitags Concerte […]“ (Dühring, S. 301). Schließen [2] Gleichzeitig bestritt er, dass die Kritik der Ehe bei Owen eine theoretisch-systematische Bedeutung habe: „Wer sich nur nach den Hauptschriften richtete, würde nicht im Entferntesten auf ernstliche Angriffe gegen Eigenthum und Ehe schliessen.“ (Dühring, S. 300.) Engels wies dies zurück, indem er Dühring, anscheinend auch auf Grundlage der vorliegenden Materialsammlung von Marx, eine mangelhafte Quellenkenntnis vorhielt: „Was aber gar die zwölf, Robert Owen gewidmeten Seiten angeht, so hat Herr Dühring dafür absolut keine andre Quelle als die miserable Biographie des Philisters Sargant, der die wichtigsten Schriften Owens – über die Ehe und die kommunistische Einrichtung – ebenfalls nicht kannte.“ (MEGA I/27. S. 433.) Dühring hatte daher nahegelegt, Owens Ehekritik stünde in keinem Zusammenhang mit seinem kommunistischen System.„Man darf hierin keinen entschiedenen Communismus voraussetzen.“ (Dühring, S. 301.) Schließen [3] Engels wandte dagegen ein, dass in Fouriers und Owens Sozialismusvorstellungen die Vergesellschaftung der Hausarbeit ein wesentliches Moment bilde: „Bei Beiden soll die Bevölkerung sich in Gruppen von 1600–3000 über das Land vertheilen; jede Gruppe bewohnt im Centrum ihres Bodenbezirks einen Riesenpalast mit gemeinsamem Haushalt.“ (MEGA I/27. S. 454.) In den vorliegenden Marx’schen Exzerpten finden sich Aussagen von Owen, die Engels’ Behauptung stützen: über eine Arbeitsersparnis von 20% „where 250 families unite in one system of maintenance“ (S. 79) und darüber, dass die Interessen privater Familien und einer Gemeinschaft „freier und intelligenter Individuen“ völlig entgegengesetzt seien (S. 95).

36Marx wird in Heft 1880/1881, unter positivem Bezug auf Fourier, bemerken, dass die moderne Familie alle Antagonismen der Gesellschaft und des Staats in Miniatur enthält.

37Marx’ Notizen entstanden zwischen Mitte November 1877 und Mitte März 1878, zu einer Zeit, als Engels am dritten Abschnitt arbeitete (die Niederschrift desselben schloss Engels am 30. April 1878 ab, siehe: MEGA I/27. S. 1063–1065). Ihnen geht ein Auszug aus einem Brief von Samuel Moore an Marx vom 8. November 1877 voraus, und es folgt, nach drei weiteren Exzerpten, eine Bücherliste, die mit dem 27. März 1878 datiert ist. Möglich wäre, dass Marx nach dem Bescheid von Allsop die Durchsicht im British Museum übernahm - in diesem Falle ist als Entstehungszeit Dezember 1877 anzunehmen. Er dankte Allsop brieflich am 1. Januar 1878.

38Marx hat aus seiner Materialsammlung später Notizen ausgezogen. Überliefert ist eine Aufstellung von seiner Hand über Werke Owens aus den Jahren 1813 bis 1823. Es handelt sich wahrscheinlich um eine Zuarbeit zum „Anti-Dühring“.

Remarks on the Impolicy of Restrictions on Commerce

39 Remarks on the Impolicy of Restrictions on Commerce; with a Particular Application to the Present State of the Timber Trade. London 1821. (S. 99/100.)

40Diese anonyme Broschüre entstand unter dem Eindruck der Krise von 1818/1819, die in England heftige Debatten über die Ausrichtung der Wirtschaftspolitik entfachte. Sich auf Adam Smiths Kritik an Schutzzöllen und Monopolen stützend, spricht sich der Autor für eine Abschaffung der britischen Schutzzölle auf skandinavisches Holz aus. Schweden und Norwegen seien zu Unrecht durch Zölle belastet, während kanadisches Holz aus falschen kolonialpolitischen Gründen privilegiert sei und Zollbefreiung genieße. Die skandinavischen Länder sollte Großbritannien vielmehr auch aus politischen Gründen den Kanadiern gleichstellen: Sie dürften nicht in die Hände Russlands geraten.

41Marx notiert sich die unterschiedlichen Transportkosten von kanadischem und skandinavischem Holz sowie eine Tabelle über die (zollbereinigten) Holzpreise verschiedener Länder. Transportkosten bilden einen Gegenstand des zweiten Buch des „Kapitals“, an dem Marx zu der Zeit arbeitetete (siehe MEGA II/11).

Magnus Björnstjerna: The Public Debt, Its Influence and Its Management

42 M[agnus] B[jörnstjerna]: The Public Debt, Its Influence and Its Management Considered in a Different Point of View from Sir Henry Parnell, in his Work on Financial Reform. London 1831. (S. 100–110.)

43Autor dieser 60-seitigen Broschüre war Magnus Björnstjerna, ein schwedischer General und Diplomat. Er richtete sich gegen Henry Parnell, Autor des damals gerade erschienenen Buchs „Financial Reform“ (1830), aus dem Björnstjerna viele Zitate wiedergibt. Marx kannte Parnell, der viel über Currency, Steuern, Staatsschuld und Bank of England schrieb, exzerpierte aber anscheinend keine seiner Schriften direkt. Parnell taucht gleichwohl mehrmals in Marx’ Exzerpten auf. In Manchester-Heft 3 notierte Marx eine gegen John Ramsay McCulloch gerichtete Schrift Parnells über die Bank of England (MEGA IV/4. S. 202); John Fullarton verwies auf Parnells „Observations on Paper Money“ (MEGA IV/7. S. 49); George Poulet Scrope gab Parnells Statistiken über Steuern, Staatsschuld und Zinsbelastung des Staatshaushalts in Großbritannien wieder (MEGA IV/8. S. 596).

44Parnell bezog sich auf die klassischen Auffassungen von Smith und Ricardo. Aber Björnstjerna lobt das British Empire für seine „gigantic structure of its finances and credit“ (S. 2). Fast alle Welt glaube, Schulden verstießen gegen das öffentliche Interesse und führten zu Bankrott und Ruin. Dabei hätten fast alle Schriftsteller den Fehler begangen, die Staatsschuld mit den Schulden einer Privatperson zu verwechseln (S. 7). Im Gegenteil würden Schulden Stärke bedeuten (S. 12) und die Kapitalakkumulation befördern (S. 14). Daraus leitet Björnsterna umfassende Vorschläge ab. Marx hält fest: „England, sagt der Bursche, könnte Irland von Staats wegen (i. e. durch Contrahirung neuer Staatschuld) auf die Beine bringen, u. dadurch sich selbst helfen“ (S. 102). Auch zur ökonomischen Entwicklung Schwedens schlägt Björnsterna dem Land eine interne Staatsverschuldung vor (S. 102/103).

45Marx wusste nicht, wer der Autor dieser nur mit „M. B.“ gezeichneten Schrift war, und schrieb sie in der Überschrift irrtümlicherweise einem „Lord Burgherst“ oder „Lord Burghersh“ (S. 110) zu. Er überspringt die theoretischen Ausführungen am Anfang des Buchs und setzt ein, als Björnstjerna die Geschichte der Staatsschuld in England rekapituliert. Die Geschichte demonstriere, dass Macht und Wohlstand Großbritanniens seit Erfindung und Zunahme der Staatsschuld zugenommen haben. Marx interessiert sich einerseits für Statistiken – sie zeigen eine Zunahme der Staatsschulden seit Ende des 17. Jahrhunderts bei gleichzeitiger Zunahme des Nationaleinkommens –, andererseits für die Entwicklung des Bankwesens in den Vereinigten Staaten und in Frankreich.

46Marx notiert sich außerdem Zitate von Jacques Lafitte, den er in eigenen Worten als „moneymonger and debtmonger“ (S. 107) bezeichnet. Der gleiche Effekt, die Stimulierung der Zirkulation, ginge auch von der Ausbildung des Bankwesens aus. Marx exzerpiert Björnstjernas Kritik an Lafittes Vorschlägen zur Tilgung der Staatsschuld (S. 108). Aber auch Björnstjerna selbst wird von Marx direkt kritisiert (S. 100 und 105).

47In der französischen Ausgabe des „Kapital“ hatte Marx die Idee, dass Schulden Reichtum bedeuten, eingeordnet. „La dette publique opère comme un des agents les plus énergiques de l’accumulation primitive.“ (MEGA II/7. S. 671) Die moderne Doktrin, dass ein Volk um so reicher wird, je mehr es sich verschuldet, sei demnach konsequent (ebenda). Bei Björnstjerna fand Marx weiteres Anschauungsmaterial für diese Doktrin. Er exzerpiert: „the debt … not only a proof of wealth, but also a medium by which it is acquired.“ (S. 105.)

Essays in Anglo-Saxon Law

48

  • Henry Adams: The Anglo-Saxon Courts of Law. In: Essays in Anglo-Saxon Law. Boston 1876. S. 1–54. (S. 110–120.)
  • H[enry] Cabot Lodge: The Anglo-Saxon Land Law. In: Essays in Anglo-Saxon Law. Boston 1876. S. 55–119. (S. 120–143.)

49Diese amerikanische Aufsatz-Sammlung zur Rechtsgeschichte Englands wurde von Henry Brooks Adams, Professor an der Harvard University für mittelalterliche Geschichte, initiiert. Adams wollte mit der Aufsatzsammlung die Arbeiten seiner Doktoranden Henry Cabot Lodge, Ernest Young and J. L. Laughlin veröffentlichen (siehe Elizabeth Stevenson: Henry Adams. A Biography. New Brunswick, London 1997. S. 128). Diesen drei Arbeiten ist ein Aufsatz von Adams selbst vorangestellt. Marx exzerpiert die Aufsätze von Adams und Cabot Lodge, die von Young and Laughlin nicht.

50Adams verfassungsgeschichtliche Fragestellung lautet, welchen Ursprung die englischen Rechtsinstitutionen haben und welchen Anteil die historischen Sachsen (Saxonen), ein westgermanisches Volk, das England ungefähr zur Zeit des Zerfalls des Römischen Imperiums eroberte, daran haben. Unter Rechtshistorikern wurde damals die Frage eruiert, ob die in England bestehenden römischen Rechtsinstitutionen auf die saxonischen Eroberer wirkten oder ob umgekehrt die Eroberer alle römischen Institutionen zerstörten und durch germanische ersetzten. Adams betont die Bedeutung des germanischen Rechts für die Entwicklung Englands. Er will beweisen, dass die Sachsen nicht nur deutsches Recht, sondern auch deutsche Gerichte und den deutschen Gerichtsbezirk in England etablierten. Alle überlieferten Dokumente und Rechtsurkunden würden eine Identität zwischen angelsächsischen Gerichten und Gerichtsbezirken und denen Deutschlands im 7. und 8. Jahrhundert zeigen.

51Henry Cabot Lodge, der bei Adams an der Harvard University Politikwissenschaft und Jura studierte, vertrat ebenfalls die These von Adams und untersuchte gezielter das Landrecht. Er unterschied zwischen zwei Arten des Landes, die den Angelsachsen bekannt gewesen seien: Güter mit Ursprung in einer schriftlichen Urkunde („boc-land“) und Güter mit Ursprung in einem Gewohnheitsrecht, wobei letztere wiederum in „family land“, „common land“ und „folc-land“ (Güter der Nation oder des Staats) zerfallen seien (S. 120).

52Sowohl Adams und Cabot Lodge sahen in der germanischen Verfassung zahlreiche Elemente des Gemeinschaftseigentums, der Freiheit und Gleichheit angelegt. Marx exzerpiert zum Beispiel: „In all the law to be drawn from the (Anglo-Saxon) books, women appear as in every respect equal to men.“ (S. 138.) Später sei diese egalitäre und freiheitliche Agrarverfassung von Staat, Krone und Kirche zerstört worden. Marx interessiert sich u. a. für die Rolle der Besteuerung in diesem Prozess. „Nothing exercised greater influence on the development of real property law than the growth of the principle of taxation“ (S. 121), notiert er. Die Besteuerung habe mit dem „folc-land“ begonnen und sei dann im Laufe der Jahrhunderte auf alle Ländereien des Königreichs ausgeweitet worden.

53An drei Stellen seines Exzerpts übernimmt Marx nicht die in den Aufsätzen dargebotene englische Übersetzung der alten angelsächsischen Begriffe und Rechtsordnungen, sondern notiert diese in der Orignalsprache. Er zog dazu die von Reinhold Schmid herausgegebene Quellensammlung „Die Gesetze der Angelsachsen. In der Ursprache mit Uebersetzung, Erläuterungen und einem antiquarischen Glossar“ (2., völlig umgearb. und verm. Aufl. Leipzig 1858) heran. Marx hat nicht nur weitere Quellen benutzt, sondern auch in der Aufsatzsammlung genannte Quellen weiterverfolgt. Adams zitierte zustimmend Rudolph Sohm, wonach die Hundertschaftsverfassung als Gerichtsgemeinde erst im 16. Jahrhundert von der aufkommenden modernen Rechtswissenschaft verdrängt worden sei. Marx hörte hier erstmals von Sohm, von dem er später in Heft 1880/1881 ein Buch exzerpierte.

Verordnung betreffend das Verbot von Zeitungen und Zeitschriften vom 1. Juni 1863

54 Otto von Bismarck wurde am 24. September 1862 zum Ministerpräsidenten Preußens ernannt. Seine kein Jahr später erlassene Verordnung zum Verbot von Zeitungen und Zeitschriften sah Marx, wie er seinem Exzerpt in Klammern hinzufügt, „gegen die Liberalen“ (S. 151) gerichtet. Aus welcher Quelle Marx die Auszüge angefertigt hat, konnte nicht ermittelt werden. Die Verordnung war in allen bedeutenden Zeitungen Preußens veröffentlicht worden. Siehe etwa: Preußen. … Verordnung, betreffend das Verbot von Zeitungen und Zeitschriften. Vom 1. Juni 1863. In: Magdeburgische Zeitung. Nr. 126, 3. Juni 1863. S. 1.

Anmerkungen

  • [1]„Der Proletarier, der nichts als seine […] Kinder besitzt, soll kein Recht haben, als solcher zu existieren, sondern die Arbeiterschaft soll sich mehr und mehr selbst decimiren.“ (Dühring, S. 191.)
  • [2]Er monierte: „Man lebte zunächst sehr vergnügt, gab in der alten Rappistenkirche Dienstags Bälle und Freitags Concerte […]“ (Dühring, S. 301).
  • [3]„Man darf hierin keinen entschiedenen Communismus voraussetzen.“ (Dühring, S. 301.)

Zeugenbeschreibung

    • H Originalhandschrift: IISG, Marx-Engels-Nachlass, Sign. B 139/B 131.
    • Beschreibstoff: Notizbuch mit kartoniertem Einband, Außenseiten und Rücken mit schwarzlackierter Leinwand bezogen, Innenseiten mit gleichem Papier wie Heftseiten beklebt. Format 200 × 122 mm. Auf dem Vorderdeckel von Engels Etikett im Format 112 × 78 mm aufgeklebt. Keine Vorsatzblätter. Darin eingeheftet 118 Blatt (= 236 Seiten) mittelstarkes, glattes, weißes Papier, hellblau liniert. Format wie Einband. Als Wasserzeichen nur helle Linien im Abstand von 28 mm. Marmorierter Farbschnitt.
    • Zustand: Gut erhalten, Papier leicht vergilbt. Vorderdeckel und Rücken des Einbandes leicht abgenutzt, Kanten und Ecken etwas abgestoßen. Das letzte Blatt bis auf einen Streifen von 30 mm vor Beschriftung abgeschnitten. Keine Textverluste.
    • Schreiber: Marx, Engels (nur Etikett), einige Literaturangaben auf S. 28 und 46 wahrscheinlich von Eleanor Marx.
    • Schreibmaterial: Schwarze Tinte, leicht bräunlich verfärbt. Auf der Innenseite des Vorderdeckels eine Eintragung mit Grünstift, S. 1–19 und 25 zahlreiche Ankreuzungen und vertikale Durchstreichungen mit Rotstift, S. 25 auch mit Blaustift, S. 39, 48, 53–57, 99, 146 und 148 Eintragungen und Anstreichungen mit Bleistift, ebenso auf der Innenseite des Hinterdeckels.
    • Beschriftung: Außen- und Innenseite des Vorderdeckels (teilweise), S. 1–41, 45–148, 151, 233, Innenseite des Hinterdeckels, davon die S. 8, 30–34, 37, 39–41, 48, 64, 143 und 144 nur teilweise. S. 59, 61–64 durch vertikalen Bleistiftstrich in zwei Spalten geteilt. S. 42–44, 149/150, 152–232, 234–236 leer. Lateinische Schrift.
    • Paginierung: Marx paginierte 1–152 mit Bleistift; S. 233 später von fremder Hand mit 152 paginiert; alles andere unpaginiert.
    • Vermerke fremder Hand: Archivstempel IISG, Sign. B 131; Fotosign. EB 0 - EB 153 (mit Bleistift).

Zitiervorschlag

Timm Graßmann: Entstehung und Überlieferung zum Heft aus den Jahren 1876 bis 1878. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital, Bd. IV/25, hg. v. der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://megadigital.bbaw.de/M1613044. Abgerufen am 08.08.2026.