| Pittsburgh, Pa September 24/71

Lieber Herr Marx.

Ich kann mir nicht das Vergnügen versagen, Ihnen zu Ihrer „Auferstehung“ meine herzliche Gratulation übers Meer zu schicken.

 Anfang September war eine Falschmeldung über Marx’ Tod in der Pariser Zeitung „L'Avenir“ erschienen (On annonce ce matin la mort... In: L'Avenir libéral. Paris. Nr. 376, 5. September 1871), die anschließend von anderen internationalen Zeitungen übernommen wurde; siehe hierzu u. a. N. Thieblin an Marx, 7.9.1871; Marx an Engels, 8.9.1871, J. R. Dakyns an Engels, 9.9.1871, J. Daly an Engels, 11.9.1871, F. A. Sorge an Marx, 22.9.1871 und G. Harris an Marx, 23.9.1871
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Die Nachricht von Ihrem Tode
wirkte niederschmetternd, und ihr Widerruf, der sechs Tage später kam, konnte mich nicht sobald von diesem Gefühle befreien. – So gern und leicht man das glaubt was man wünscht, so war doch die Nachricht, daß Sie leben, so unbestimmt daß ich mich nicht ganz der Freude hinzugeben wagte, fürchtend, sie mögte durch eine andere Nachricht um so schmerzlicher gestört werden. – Erst als Sorge mir schrieb, daß er von Ihnen  Marx an F. A. Sorge, 5.9.1871.
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einen, vom 5ten datirten Brief
erhalten habe, glaubte ich, Sie leben, und als die „NewYork World“ meldete, Sie haben am 21sten der Sitzung des  Delegiertenkonferenz der I.A.A. in London, 17.–23. September 1871.
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Kongresses der Internationalen
präsidirt, wußte ich es.

Am 5ten abends – ich mußte wegen einer heftigen Augenentzündung das Bett hüten – brachte mir Sigfrid P. Meyer, der zum Besuch hier war, die Trauerbotschaft. Am nächsten Tage erhielten wir den  The Leading Spirit of the International – Dr. Karl Marx – A Sketch of His Life. In: The New York Herald. New York, September 5, 1871. S. 4, Sp. 1 (Digitalisat s. LoC). Die Beilage ist nicht überliefert.
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NewYork Herald (vom 5ten) der die, im Ausschnitt beliegende Lebensskizze von Ihnen brachte
. Nach | derselben haben fast alle New Yorker engl. Zeitungen, und nach diesen wieder die, im Lande ihre „Obituaries“ angefertigt, deren Refrain war, daß es nun aus sei mit der Internationalen. – Die New York Tribune zog die Stelle aus der Vorrede zum „Kapital“ an: „Wie der amerikanische Unabhängigkeitskrieg des 18ten Jahrhunderts die Sturmglocke für die europäische Mittelklasse läutete, so der amerikanische Bürgerkrieg des 19ten Jahrhunderts für die europäische Arbeiterklasse.“

Ob die „N. Y. Sun“ (Charles A. Dana) darüber geschrieben hat, konnte ich nicht erfahren.

Die deutschen Zeitungen heulten den englischen nach.  Die Beilage ist nicht überliefert.
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Einliegender Zeitungsausschnitt zeigt Ihnen eine Ausnahme
. – Ehren-Heinzen brachte nur eine kurze Notiz, daß Sie sich haben todt melden lassen.

Wir sind begierig, zu erfahren, wer sich die Verbreitung dieser Nachricht erlaubt hat. –

Gut, daß Sie leben und wirken; hoffentlich werden Sie es noch viele Jahre, zum Schrecken der Feinde und dem Wohle der Menschheit.

Mir erging es seit mehreren Jahren nicht gut. Im Herbst ’68 hatte ich einen heftigen, biliösen Anfall, der mich ziemlich herunterbrachte. Im folgenden Frühjahr suchte mich eine Augenkrankheit heim, von der ich noch nicht ganz geheilt bin. – Im vergangenen Sommer war meine Sehkraft so geschwächt, daß ich meine Stelle aufgeben mußte. Seitdem wohne ich hier (vielmehr in Sharpsburg, einem Dorfe, 5 Meilen von hier) bei lieben Freunden, | einem Gesinnungsgenossen, Max Livingston, dessen Frau Laura Weydemeyer ist.––

Im Januar ging ich nach Newyork, um daselbst Hülfe zu suchen; denn die Besserung machte, trotz aller Vorsicht, Schonung u. ausgezeichneter Pflege kaum merkliche Fortschritte. Ich war daselbst 11 Wochen mit dem Resultat, daß die Sehkraft meines rechten Auges sehr gut wurde, die, des linken Auges aber sehr schwach blieb; diese schwand nach kurzer Zeit gänzlich, so daß ich nur das rechte Auge zum Gebrauche habe, und das muß noch sehr geschont werden. Ich darf nur einige Stunden des Tages arbeiten, die kaum hinreichen, um mich wieder mit den Ereignissen u. Bewegungen der Welt au fait zu setzen und zu halten. – Welch eine ereignißvolle Zeit waren diese letzten 14 Monate!

Im vergangenen Herbst, als ein Mal die Hoffnung winkte, bald wieder thätig sein zu können, für unsere Partei, hatte ich mich mit Sorge in Verbindung gesetzt und während meines Aufenthalts in N. Y. machte ich die Bekanntschaft von Sigfrid P. Meyer, durch den ich auch die, mir von Ihnen zugeschickte Addr. des General Council of the I. W. A.: „The Civil war in France“ erhielt, und wofür ich Ihnen meinen besten Dank sage. – Durch diese beiden Freunde erfahre ich zuweilen über Sie und die Internationale, für die hier noch Nichts zu thun war. Durch diese sind Sie auch über die amerikanischen Arbeiterverhältnisse und Ereignisse von Interesse unterrichtet, so daß | meine Mittheilungen überflüssig wären.

Ich hoffe, daß es Ihnen und den lieben Ihrigen gut geht. Aus dem Volks-Staat ersah ich, daß Ihre Kinder durch ihren gefährlichen Namen zu leiden hatten; ich war wegen Herrn Lafargue und Frau sehr besorgt, die ich in Paris wohnhaft glaubte.

Ich grüße Sie, Ihre lieben Frau u. Kinder herzlich. Herrn Engels meine herzlichen Grüße.

Ihr
Hermann Meyer
P.O. box 797

Folgender Abschnitt geschrieben von Sigfrid Meyer

| Pittsburgh 30 septemb.

Lieber Marx,

ich bin gerade auf einen tag hier auf der durchreise nach Chicago und will doch nicht verfehlen, ein paar jubel-worte zu senden.

Wir waren eine zeit lang in großer aufregung.

Erhalten sie sich noch recht lange für ihre freunde, die almälich zu millionen anwachsen.

Ihr
Sigfrid P. Meyer.

Zeugenbeschreibung und Überlieferung

Dieser Brief wird hier erstmals veröffentlicht.

Absender

Zeugenbeschreibung

Soweit aus der Fotokopie zu ersehen ist, besteht der Brief aus einem Bogen und einem Blatt weißem Papier. Prägung: „M“. Hermann Meyer hat drei Seiten vollständig und die vierte Seite bis zur Hälfte beschrieben, die untere Hälfte wurde von Sigfrid Meyer beschrieben. Schreibmaterial: schwarze Tinte.

Von unbekannter Hand: Nummerierung des Briefes mit Bleistift oben links auf der ersten Seite: „108“.

Anmerkungen zum Brief

Die Beilagen sind nicht überliefert. Siehe Erl.

 

Zitiervorschlag

Hermann und Sigfrid Meyer an Karl Marx in London. Pittsburgh, Sonntag, 24., und Samstag, 30. September 1871. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital, hg. v. der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://megadigital.bbaw.de/M1923181. Abgerufen am 01.10.2026.

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