Inhaltsbeschreibung und Datierung
1Parallel zu der Arbeit an den Auszügen aus Johannes Rankes „Grundzüge der Physiologie des Menschen“ zwischen März und Mai 1876 (siehe Einführung zu MEGA IV/23) hat Marx damit begonnen, Exzerpte zu anderen Themen in das vorliegende Heft einzutragen. Er datierte das Heft selbst mit „Angefangen 20 April 1876“ (S. [0]) und benutzte es in der Folge bis März/April 1878 zu verschiedenen Anlässen und Zeitpunkten. Wegen der unterschiedlichen Materialien, die in dem Heft versammelt sind, gab Marx ihm den Titel „Diversa“.
2Marx benutzte das Heft zunächst im April 1876 für Auszüge aus der Cromwell-Biographie von Thomas Carlyle. Anschließend erstellte er ein erweitertes Stichwortregister zu August von Haxthausens Buch „Die ländliche Verfassung Rußlands“, ehe er in dem Heft den Schluss seines Entwurfs zu den „Randnoten zu Dührings ‚Kritischer Geschichte der Nationalökonomie‘“ verfasste (bereits veröffentlicht in: MEGA I/27. S. 167–179). Der Entwurf für die „Randnoten“ ist auf Januar/Februar 1877 datiert worden, die Exzerpte aus Haxthausen sind demnach zwischen April 1876 und Januar 1877 entstanden.Zu dieser Zeit führte Marx auch thematisch verwandte Studien zur Geschichte des Grundeigentums durch (sie werden veröffentlich in MEGA IV/24). Schließen [1] Mehr als ein Jahr später benutzte Marx das Heft erneut. Er notierte sich zunächst, aus einer Rede von John Lubbock im House of Commons vom 22. März 1878, kurz einige Angaben über Englands überragenden Anteil an der globalen Seefracht, und erstellte dann im März/April 1878 umfangreiche Auszüge aus dem Buch „The Natural History of the Raw Materials of Commerce“ von John Yeats, die bereits mit den anderen geologischen Exzerpten von Marx des Jahres 1878 veröffentlicht worden sind (siehe MEGA IV/26. S. 3–43). Nach den Exzerpten aus Yeats kehrte Marx nicht wieder zu diesem Heft zurück und ließ mehr als 130 Seiten unbeschrieben. Mit der vorliegenden Edition ist „Diversa“ deshalb vollständig veröffentlicht.
Thomas Carlyle: Oliver Cromwell’s Letters and Speeches
3 Thomas Carlyle: Oliver Cromwell’s Letters and Speeches: with Elucidations. (S. 1–13.)
4Seine 1845 erschienene Biographie Oliver Cromwells gilt als eine der bedeutendsten historischen Arbeiten des berühmten schottischen Historikers und Essayisten Thomas Carlyle. Carlyle stilisierte Cromwell zu der überragenden historischen Figur im Englischen Bürgerkrieg und die Ereignisse jener Zeit zu einer „Cromwelliade“. Carlyle sammelte und veröffentlichte in der Biographie viele Briefe und Reden Cromwells. Das Werk wurde zu einem Publikumserfolg, das schnell in zahlreichen Ausgaben in London und New York erschien. Die zweite Auflage von 1846 erschien in drei Bänden mit insgesamt ca. 1400 Seiten. Marx gibt in der Überschrift seines Exzerpts an, eine Ausgabe von 1847 benutzt zu haben, die nicht ermittelt werden konnte.
5Marx exzerpiert aus den drei Bänden einige Annekdoten und Aussagen Cromwells. Thematisch werden u. a. die Trockenlegung und Einhegung der Fens, der Englische Bürgerkrieg, Parlamentarismus, Staatsfinanzen, Kriegsgeschichte und Irland behandelt. Mit der Rolle Cromwells hatte sich Marx im Laufe seines Schaffens mehrfach beschäftigt. Im „18. Brumaire des Louis Bonaparte“ verglich er Louis Napoleon zwei Mal mit Cromwell: Beide hatten das Parlament aufgelöst (MEGA I/11. S. 172/173) und sich laut Marx mit einem alten Kostüm versehen, Cromwell etwa habe sich der Verkleidung des Alten Testaments bedient (MEGA I/11. S. 98).In einer Rezension von Carlyles Biographie aus dem Jahr 1847 heißt es über Cromwell: „In a word, he was truly a splendid example to prove that honesty is but the second best policy; and that the most cool and practical-minded of nations is really liable to be led away by the most flagrant of impostors.“ (The Westminster and Foreign Quarterly Review. Vol. 46. London 1847. S. 432–473, hier: S. 436) Im „18. Brumaire“ von 1851 bediente sich Marx einer ähnlichen Ausdrucksweise: „Es genügt nicht zu sagen, wie die Franzosen thun, daß ihre Nation überrascht worden sei. Einer Nation und einer Frau wird die unbewachte Stunde nicht verziehen, worin der erste beste Abentheurer ihnen Gewalt anthun und sie sich aneignen konnte. Das Räthsel wird durch dergleichen Wendungen nicht gelöst, sondern nur anders formulirt. Es bliebe zu erklären, wie eine Nation von 36 Millionen durch drei vulgaire Industrieritter iiberrascht und widerstandslos in die Gefangenschaft abgeführt werden kann.“ (MEGA I/11. S. 103.) Schließen [2] Aus Cromwells berühmter Rede vom 20. April 1653 anlässlich seiner Auflösung des Langen Parlaments notiert sich Marx auch jetzt einen Satz (S. 5).
6Ende der 1860er Jahre dann tauchte mehrmals Cromwells Eroberungspolitik von Irland im Briefwechsel zwischen Marx und Engels auf.„Was kann lächerlicher sein als die Barbareien der Elisabeth oder des Cromwell, welche die Irländer durch englische Colonisten (im römischen Sinn) verdrängen wollten, zusammen zu werfen mit dem jetzigen System, welches die Irländer durch Schaafe, Schweine u. Ochsen verdrängen will!“, bemerkte Marx gegenüber Engels am 30. November 1867. Schließen [3] Beide hoben dabei die negativen Auswirkungen der englischen Herrschaft über Irland für England selbst hervor: „In der That die englische Republik unter Cromwell scheiterte an – Irland.“ (Marx an Kugelmann, 29. November 1869.) Engels wollte zu dieser Zeit eine Geschichte Irlands schreiben und gab dabei mehrmals an, die Periode Cromwells noch gründlicher untersuchen zu müssen.Er schrieb Marx am 24. Oktober 1869: „An der irischen Geschichte kann man sehen welch ein Pech es für ein Volk ist wenn es ein andres unterjocht hat. Alle englischen Schweinereien haben ihren Ursprung in der irischen Pale. Die Cromwellsche Zeit muß ich noch ochsen, soviel aber scheint mir gewiß daß die Sache auch in England eine andre Wendung genommen wenn nicht in Irland die Nothwendigkeit gewesen, militärisch zu herrschen & eine neue Aristokratie zu schaffen.“ – Siehe auch Engels an Marx, 25. Januar 1870. Schließen [4]
7Allerdings scheint die „irische Frage“ weder näherer Anlass noch Schwerpunkt der vorliegenden Exzerpte gewesen zu sein. Eher scheint es Marx um Cromwell selbst und seine Zeit gegangen zu sein. Nach den vorliegenden Exzerpten äußerte sich er allerdings nur einmal, und zwar allgemein, über Cromwell.Im Bericht des Interviews mit der „Chicago Tribune“ vom 5. Januar 1879 werden ihm die Worte zugeschrieben: „Orsini tried to kill Napoleon; Kings have killed more than anybody else; the Jesuits have killed; the Puritans killed at the time of Cromwell. These deeds were all done or attempted before Socialism was known.“ (MEGA I/25. S. 436.) Schließen [5] Über die wirtschafts- und finanzgeschichtliche Bedeutung des Englischen Bürgerkriegs und der Herrschaft Cromwells exzerpierte er 1878 in seinen umfangreichen Studien zur Theorie und Geschichte des Geld- und Kreditwesens (siehe MEGA IV/25).
August von Haxthausen: Die ländliche Verfassung Rußlands
8 August von Haxthausen: Die ländliche Verfassung Rußlands. Ihre Entwickelungen und ihre Feststellung in der Gesetzgebung von 1861. Leipzig 1866. (S. 14–39.)
9Der preußische Beamte und Schriftsteller August von Haxthausen bereiste 1843/1844 auf Einladung des Zaren Nikolaus I. das Russische Reich, um die dortigen Zustände auf dem Land zu untersuchen. Zwei größere Werke gingen daraus hervor, „Studien über die innern Zustände, das Volksleben und insbesondere die ländlichen Einrichtungen Rußlands“ (Th. 1.2 Hannover 1847. Th. 3. Berlin 1852) sowie „Transkaukasia. Andeutungen über das Familien- und Gemeindeleben und die socialen Verhältnisse einiger Völker zwischen dem Schwarzen und Kaspischen Meere“ (Th. 1.2. Leipzig 1856). Mit den „Studien“ trug Haxthausen entscheidend zur literarischen Verbreitung des Wissens um die Existenz der Bauerngemeinde und den Formen von Gemeinschaftseigentum im Russischen Reich bei. Haxthausen trat für die Erhaltung der russischen Dorfgemeinde (община) ein, die seiner Meinung nach das einzige zuverlässige Mittel war, Russland vor der Entstehung eines revolutionären Proletariats zu retten. Marx kritisierte damals Haxthausens Lob für die russische SozialordnungZum Beispiel bemerkte er 1860 in seiner Schrift „Herr Vogt“, dass Haxthausen „für den rechtgläubigen Czar und alles Russische schwärmt“ (MEGA I/18. S. 169). Schließen [6] und hielt in der ersten Auflage des ersten Bands des „Kapital“ Aleksandr Gercen vor, seine Vorstellungen über einen in Russland angeblich bereits existierenden Sozialismus aus dem Werk Haxthausens entnommen zu haben.Diesen Vorwurf strich Marx aus den folgenden Ausgaben des „Kapital“, wiederholte ihn aber in „À la rédaction de lʼ»Отечственныя Записки«“ (MEGA I/24. S. 112). Schließen [7]
10Die Reformen von 1861 unter Zar Alexander II., die u. a. die Aufhebung der Leibeigenschaft vorsahen, nahm Haxthausen zum Anlass einer erneuten Untersuchung der Agrarverhältnisse im Russischen Reich. Haxthausen, der der russischen Sprache nicht mächtig war, wertete dazu statistisches Material aus, das ihm von Aleksandr Il’ič Skrebickij aus Russland geliefert und aufbereitet worden war. Skrebickij legte zwischen 1862 und 1868 selbst eine vierbändige Abhandlung (fünf Teilbände) über „Das Bauernwesen unter der Regierung Alexanders II.“ vor, die sich auch im Besitz von Marx befand (siehe MEGA IV/32. Nr. 1241).Marx erhielt das Werk am 27. Dezember 1872 von Nikolaj Francevič Daniel’son, verzeichnete es später allerdings nicht in seiner Aufstellung „Russisches in my bookstall“. Schließen [8] Wahrscheinlich ab Ende 1881 verschriftlichte Marx dann eigene Überlegungen zur Reform von 1861 (sie werden veröffentlicht in MEGA IV/28), in denen er sich auch auf Haxthausens „Die ländliche Verfassung Rußlands“ stützte. Für diese Notizen exzerpierte er das Werk erneut, und zwar in demselben Heft zu Fragen der Agrarverhältnisse in Russland (IISG, Marx-Engels-Nachlass, Sign. B 167), in dem er auch Auszüge aus Skrebickijs „Bauernwesen unter der Regierung Alexanders II.“ anfertigte (siehe MEGA IV/28).
11Bei den vorliegenden Exzerpten handelt es sich um eine Art Register, mit dem Marx die Inhalte des Buchs zum Teil stichwortartig festhält, etwa um sie später leichter im Buch nachschlagen zu können. Das 424-seitige Buch befand sich in seinem Besitz (siehe MEGA IV/32. Nr. 544). Das überlieferte Handexemplar enthält zahlreiche Marginalien von ihm; auf einige dieser Randanstreichungen verweist Marx in den vorliegenden Exzerpten. Marx exzerpiert das Buch nicht ganz bis zum Ende, sondern bricht die Arbeit an seinem Index auf Heftseite 39 ab. Die anschließend frei gelassenen Seiten im Heft deuten darauf hin, dass er seine Exzerpte bis zum Ende des Buchs fortführen wollte.
12Bei seinen Auszügen folgt Marx dem Aufbau des Buchs. Nach einer Einleitung und einem historischen Abriss der russischen Agrarverfassung (S. 14/15) behandelte Haxthausen die bis zur Reform von 1861 bestehenden „bäuerlichen, gemeinheitlichen und Leibeigenthumsverhältnisse Rußlands“. Er sah die Bauern unterteilt in: 1) dem Staat gehörende Kron- oder Reichsbauern (S. 15–17); 2) eine kleine Minderheit von Bauern auf eigenem Grund und Boden (S. 17/18); sowie 3) auf fremden Privatländereien lebende Bauern (S. 18–22). Schließlich untersuchte er die Gesetzgebung von 1861, ihre Entstehung (S. 22–24) und ihre einzelnen Bestimmungen (S. 24–39), zum Beispiel über die von den Bauern zu erbringenden Leistungen und ihre realen Möglichkeiten, der Leibeigenschaft zu entkommen.
13Marx konnte sich mittels des Buchs ein besseres Bild der bestehenden Agrarordnung im Russischen Reich und ihrer Veränderung durch die Reform von 1861 machen. Themen sind die Verhältnisse zwischen Bauern, Grundeigentümern und Staat, ebenso die im Russischen Reich lebenden Völker und Nationen sowie die Entwicklung der russischen Wirtschaft, des JustizsystemsMit der Reform des Justizsystems beschäftigte er sich auch in seinem Heft aus den Jahren 1876 bis 1878 in Exzerpten aus dem Buch „Desjat’ let reform, 1861–1871“ von Aleksej Adrianovič Golovačev (siehe Entstehung und Überlieferung). Schließen [9] und der Verwaltungsstruktur. Er macht sich u. a. Notizen zu den verschiedenen Abgaben, welche die verschiedenen Bauern zu leisten hatten – Frohndienste, Obrok (Bodenrente oder Leibzins), Wehrdienst, Landesprästanden, Kopfsteuer, Gemeindesteuer usw. –, aber auch über Zwangsarbeit in Fabriken und Bergwerken sowie über den Erbadel und seine Befugnisse in der Gerichtsbarkeit über die Leibeigenen in Zivil- u. Polizeiangelegenheiten.
14Trotz seiner offensichtlichen Wertschätzung für die Quelle – Marx zitierte aus „Die ländliche Verfassung Rußlands“ zwei Mal in Manuskript II zum zweiten Buch des „Kapital“ (MEGA II/11. S. 61 u. 62) – zeigen die Exzerpte auch eine grundlegende Distanz zu ihr.Marx äußerte sich schon früher skeptisch über Haxthausens Wert als Quelle: „Der einzige Umstand, der die Deutschen in ihrer revolutionären Bewegung ganz zum Trabanten v. Fkch machte, war Rußlands attitude. Mit innerer Bewegung in Moscovy hört dieser schlechte Witz auf. Sobald sich die Sache dort etwas sichtbarer entwickelt, werden wir Beweis bekommen, was der brave Regierungsrath Haxthausen sich alles von den ‚Behörden‘ u. den v. den Behörden dressirten Bauern hat aufbinden lassen.“ (MEGA III/9. Br. 123.) – Siehe auch Karl Marx: Zur Geschichte der Agitationen. In: MEGA I/14. S. 308. Schließen [10] Marx korrigiert häufig die aus seiner Sicht beschönigende Darstellung der russischen Verhältnisse durch Haxthausen mittels Zusätzen von Wörtern, Ausrufezeichen und Bemerkungen (S. 16, 17, 18 u. 19).Auch Sigismund Borkheim stellte für „Die ländliche Verfassung Rußlands“ eine Diskrepanz zwischen Inhalt und Rhetorik fest. Er schrieb Marx am 24. März 1868: „Ich lese Haxthausens ‚ländliche Verfassung Rußlands‘. Ergötzliche Mimik in dem Kampfe zwischen Text und Noten!“ Schließen [11] Etwa seien die Leibeigenen, anders als Haxthausen behauptet, völlig rechtlos (S. 19). Auch zähle Haxthausen „naiver Weise“ die Kronbauern (Staatsbauern) nicht zu den Leibeigenen, obwohl sie es faktisch seien (S. 18); Haxthausen sei darin, so Marx, dem Swod gefolgt, einer unter Zar Nikolaus I. vollendeten Gesetzessammlung, stand also der offiziellen Klassifikation nicht kritisch genug gegenüber. Marx äußert daher große Zweifel über Haxthausens Berechnungen der seit 1861 entlassenen Leibeigenen und kommt zu ganz anderen Zahlen (S. 38/39). Haxthausen bezifferte die aus der Leibeigenschaft entlassenen Bauern auf ca. 5 Millionen (50% aller früher leibeigenen Bauern), Marx dagegen auf bloß ca. 500 000. Haxthausen habe zum einen vergessen, bemerkt Marx, die Kronbauern (Staatsbauern) mitzuzählen, und zum anderen übersehen, dass einige Bauern seit 1861 – infolge neu entstandener finanzieller Verpflichtungen gegenüber dem Staat – vielmehr „Regierungsleibeigne“ (S. 39) geworden seien.Zu diesem Punkt gibt Marx in seinem Handexemplar von „Die ländliche Verfassung Rußlands“ eine ähnliche Bemerkung ab. Zur Fußnote auf S. 206, in der es heißt, dass bereits die Hälfte der Bauerngemeinden in Russland „aus den zeitweilig Verpflichteten ausgetreten und Bauergutsbesitzer geworden“ ist, bemerkt Marx dort am Rand: „nominell, i. e. Staat ist ihr Grundeigenthümer bis zur Abzahlung.“ (Zum Handexemplar siehe MEGA IV/32. Nr. 544.) Schließen [12]
15Die Lektüre von „Die ländliche Verfassung Rußlands“ vermochte es daher nicht, Marxʼ frühere ZweifelIn „Herr Vogt“ schrieb Marx 1860: „Uebrigens würde die Leibeignenemancipation im Sinne der russischen Regierung die Aggressivkraft Rußlandʼs umʼs Hundertfache steigern. Sie bezweckt einfach die Vollendung der Autocratie, durch Niederreißung der Schranken, die der große Autocrat bisher an den vielen auf die Leibeigenschaft gestützten kleinen Autocraten des russischen Adels fand, so wie an den sich selbst verwaltenden bäuerlichen Gemeinwesen, deren materielle Grundlage, das Gemeineigenthum, durch die sogenannte Emancipation vernichtet werden soll.“ (MEGA I/18. S. 164.) – Siehe auch Karl Marx: Draft for a Speech at the Polish Meeting in London January 22, 1867. In: MEGA I/20. S. 246. Schließen [13] über die russischen Reformen auszuräumen. In den vorliegenden Exzerpten äußert sich Marx häufig skeptisch über die „S. g. persönliche Emancipation“ (S. 24) und betrachtet die Reform vielfach als Vorwand zur weiteren Ausbeutung der Bauern. So entdeckt er eine „Schöne Quelle der Räuberei! bei Gelegenheit der s. g. Emancipation!“ (S. 25) und viele „sklaventreiberische Bestimmungen“ (S. 38) in dem neuen Gesetz. Ein Effekt der Reform sei „zugleich sehr f. die Regierung nützliche Liquidation der ihr verschuldeten Gutsbesitzer; die Schuld v. ihnen auf die soliden Bauern übertragen“ (S. 39). Der Unterschied zwischen Prinzip und Praxis des Gesetzes war ein Ansatzpunkt seiner späteren Überlegungen zur Reform von 1861 in Russland (sie werden veröffentlicht in MEGA IV/28).
16Wie oben erläutert, entstanden die vorliegenden Exzerpte zwischen April 1876 und Januar 1877. In dieser Zeit beschäftigte sich Marx intensiv mit der Geschichte des Grundeigentums, z. B. bei den Germanen, Slaven und Spaniern, und legte dazu insgesamt fünf Exzerpthefte an. Diese thematisch verwandten Exzerpte werden in MEGA IV/24 veröffentlicht.
Anmerkungen
- [1]Zu dieser Zeit führte Marx auch thematisch verwandte Studien zur Geschichte des Grundeigentums durch (sie werden veröffentlich in MEGA IV/24).
- [2]In einer Rezension von Carlyles Biographie aus dem Jahr 1847 heißt es über Cromwell: „In a word, he was truly a splendid example to prove that honesty is but the second best policy; and that the most cool and practical-minded of nations is really liable to be led away by the most flagrant of impostors.“ (The Westminster and Foreign Quarterly Review. Vol. 46. London 1847. S. 432–473, hier: S. 436) Im „18. Brumaire“ von 1851 bediente sich Marx einer ähnlichen Ausdrucksweise: „Es genügt nicht zu sagen, wie die Franzosen thun, daß ihre Nation überrascht worden sei. Einer Nation und einer Frau wird die unbewachte Stunde nicht verziehen, worin der erste beste Abentheurer ihnen Gewalt anthun und sie sich aneignen konnte. Das Räthsel wird durch dergleichen Wendungen nicht gelöst, sondern nur anders formulirt. Es bliebe zu erklären, wie eine Nation von 36 Millionen durch drei vulgaire Industrieritter iiberrascht und widerstandslos in die Gefangenschaft abgeführt werden kann.“ (MEGA I/11. S. 103.)
- [3]„Was kann lächerlicher sein als die Barbareien der Elisabeth oder des Cromwell, welche die Irländer durch englische Colonisten (im römischen Sinn) verdrängen wollten, zusammen zu werfen mit dem jetzigen System, welches die Irländer durch Schaafe, Schweine u. Ochsen verdrängen will!“, bemerkte Marx gegenüber Engels am 30. November 1867.
- [4]Er schrieb Marx am 24. Oktober 1869: „An der irischen Geschichte kann man sehen welch ein Pech es für ein Volk ist wenn es ein andres unterjocht hat. Alle englischen Schweinereien haben ihren Ursprung in der irischen Pale. Die Cromwellsche Zeit muß ich noch ochsen, soviel aber scheint mir gewiß daß die Sache auch in England eine andre Wendung genommen wenn nicht in Irland die Nothwendigkeit gewesen, militärisch zu herrschen & eine neue Aristokratie zu schaffen.“ – Siehe auch Engels an Marx, 25. Januar 1870.
- [5]Im Bericht des Interviews mit der „Chicago Tribune“ vom 5. Januar 1879 werden ihm die Worte zugeschrieben: „Orsini tried to kill Napoleon; Kings have killed more than anybody else; the Jesuits have killed; the Puritans killed at the time of Cromwell. These deeds were all done or attempted before Socialism was known.“ (MEGA I/25. S. 436.)
- [6]Zum Beispiel bemerkte er 1860 in seiner Schrift „Herr Vogt“, dass Haxthausen „für den rechtgläubigen Czar und alles Russische schwärmt“ (MEGA I/18. S. 169).
- [7]Diesen Vorwurf strich Marx aus den folgenden Ausgaben des „Kapital“, wiederholte ihn aber in „À la rédaction de lʼ»Отечственныя Записки«“ (MEGA I/24. S. 112).
- [8]Marx erhielt das Werk am 27. Dezember 1872 von Nikolaj Francevič Daniel’son, verzeichnete es später allerdings nicht in seiner Aufstellung „Russisches in my bookstall“.
- [9]Mit der Reform des Justizsystems beschäftigte er sich auch in seinem Heft aus den Jahren 1876 bis 1878 in Exzerpten aus dem Buch „Desjat’ let reform, 1861–1871“ von Aleksej Adrianovič Golovačev (siehe Entstehung und Überlieferung).
- [10]Marx äußerte sich schon früher skeptisch über Haxthausens Wert als Quelle: „Der einzige Umstand, der die Deutschen in ihrer revolutionären Bewegung ganz zum Trabanten v. Fkch machte, war Rußlands attitude. Mit innerer Bewegung in Moscovy hört dieser schlechte Witz auf. Sobald sich die Sache dort etwas sichtbarer entwickelt, werden wir Beweis bekommen, was der brave Regierungsrath Haxthausen sich alles von den ‚Behörden‘ u. den v. den Behörden dressirten Bauern hat aufbinden lassen.“ (MEGA III/9. Br. 123.) – Siehe auch Karl Marx: Zur Geschichte der Agitationen. In: MEGA I/14. S. 308.
- [11]Auch Sigismund Borkheim stellte für „Die ländliche Verfassung Rußlands“ eine Diskrepanz zwischen Inhalt und Rhetorik fest. Er schrieb Marx am 24. März 1868: „Ich lese Haxthausens ‚ländliche Verfassung Rußlands‘. Ergötzliche Mimik in dem Kampfe zwischen Text und Noten!“
- [12]Zu diesem Punkt gibt Marx in seinem Handexemplar von „Die ländliche Verfassung Rußlands“ eine ähnliche Bemerkung ab. Zur Fußnote auf S. 206, in der es heißt, dass bereits die Hälfte der Bauerngemeinden in Russland „aus den zeitweilig Verpflichteten ausgetreten und Bauergutsbesitzer geworden“ ist, bemerkt Marx dort am Rand: „nominell, i. e. Staat ist ihr Grundeigenthümer bis zur Abzahlung.“ (Zum Handexemplar siehe MEGA IV/32. Nr. 544.)
- [13]In „Herr Vogt“ schrieb Marx 1860: „Uebrigens würde die Leibeignenemancipation im Sinne der russischen Regierung die Aggressivkraft Rußlandʼs umʼs Hundertfache steigern. Sie bezweckt einfach die Vollendung der Autocratie, durch Niederreißung der Schranken, die der große Autocrat bisher an den vielen auf die Leibeigenschaft gestützten kleinen Autocraten des russischen Adels fand, so wie an den sich selbst verwaltenden bäuerlichen Gemeinwesen, deren materielle Grundlage, das Gemeineigenthum, durch die sogenannte Emancipation vernichtet werden soll.“ (MEGA I/18. S. 164.) – Siehe auch Karl Marx: Draft for a Speech at the Polish Meeting in London January 22, 1867. In: MEGA I/20. S. 246.
Zeugenbeschreibung
- H Originalhandschrift: IISG, Marx-Engels-Nachlass, Sign. B 138/B 127.
- Beschreibstoff: Notizbuch mit Leineneinband, Außenseiten dunkelviolett, Rücken schwarzes Leder, Innenseiten mit rötlich-braun marmoriertem und schräg gestreiftem Papier beklebt. Format: 183 × 118 mm. Auf Außenseite des Vorderdeckels von Engels Etikett in der Größe 61 × 114 mm geklebt. Vorder- bzw. Rückseite der Vorsatzblätter wie Innenseiten des Einbandes ebenfalls marmoriert, die jeweils andere Seite weiß. Darin eingeheftet ursprünglich 118 Blatt (236 Seiten) mittelstarkes, geripptes, weißes Papier, hellblau liniert; das letzte Blatt vermutlich vor Beschriftung vollständig herausgetrennt, also noch 117 Blatt (234 Seiten) vorhanden. Format: 178 × 113 mm. Wasserzeichen: parallele Linien im Abstand von 26 mm. Buchschnitt an allen drei Seiten blaugrün-gelbliches Pfauenmuster.
- Zustand: Sehr gut erhalten, Papier leicht vergilbt. Einbandrücken etwas abgenutzt, vom hinteren Vorsatzblatt fehlt unten ein Streifen von 25 mm. Keine Textverluste.
- Schreiber: Karl Marx, Friedrich Engels (Etikett), unbekannt (S. [0]).
- Schreibmaterial: Schwarze Tinte, leicht verblasst, auf vorderem Vorsatz auch Bleistift.
- Beschriftung: Außenseite des Vorderdeckels und Innenseite des vorderen Vorsatzes teilweise beschriftet, innere Seite des hinteren Vorsatzes leer. S. 1–13 (Carlyle), 14–39 (Haxthausen), 49–61 (Dühring), 62 (Lubbock), 63–102 (Yeats) und 232–234 (Formationstabelle nach Yeats und Inhaltsverzeichnis) beschrieben, davon S. 13, 39, 52, 62, 233 und 234 nur teilweise. S. 40–48 und 103 leer bis auf Paginierung, S. 104–231 völlig leer. Auf S. 61 ein beschriebener Zettel im Format 11 × 81 mm quer eingeklebt. Englischdeutscher Mischtext in lateinischer Schrift.
- Paginierung: Marx paginierte (Vorsatz ausgenommen) von 1–103 mit Tinte, alle folgenden Seiten blieben unpaginiert.
- Vermerke fremder Hand: Archivstempel IISG auf allen beschriebenen rechten Seiten und den linken Seiten 232 und 234 sowie auf der Innenseite des vorderen Vorsatzblattes, Sign. B 127 auf S. 1; Fotosign. AN 1, AN 2a und b bis 50 a und b, AN 52 (alle mit Bleistift).
Zitiervorschlag
Timm Graßmann: Entstehung und Überlieferung zu Heft „Diversa“ (1876–1878). In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital, Bd. IV/23, hg. v. der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://megadigital.bbaw.de/M3353725. Abgerufen am 08.08.2026.