1Im Frühjahr 1876 setzte Marx seine über die Jahre immer wieder verfolgten Bemühungen fort, sich mit zeitgenössischen Entwicklungen in den Naturwissenschaften vertraut zu machen. Die mit der vorliegenden Edition (MEGA IV/23) erstmals veröffentlichten Exzerpthefte markieren einen vorläufigen Höhepunkt seiner Studien der allgemeinen Physiologie. Zwischen März und Mai 1876 beschäftigte sich Marx insbesondere mit dem Schaffen zweier deutscher Naturwissenschaftler, Matthias Jacob Schleiden, einem Entdecker der Zellenform, und Johannes Ranke, einem Schüler u. a. Justus von Liebigs, und fertigte umfassende Auszüge aus deren Werken „Die Physiologie der Pflanzen und Thiere und Theorie der Pflanzencultur“ (1850) und „Grundzüge der Physiologie des Menschen“ (1875) an. Aus Rankes „Grundzügen der Physiologie des Menschen“ exzerpierte er dabei über drei Hefte hinweg.

2Die Exzerpte zur Physiologie bilden den Auftakt jener Arbeitsphase des „späten“ Marx, in der auch seine umfangreichen Exzerpte zur Geologie, Mineralogie und Agrikulturchemie (1878) sowie zur anorganischen und organischen Chemie (Mitte 1877 bis Anfang 1883) entstanden sind. Marx hat alle diese Exzerpte weder erwähnt, noch in eigenen Schriften verarbeitet. Kommentare von ihm in den Exzerpten sind eher selten. Dennoch lässt sich begründet vermuten, dass seine Studien zur Physiologie in einem Zusammenhang mit der von ihm beabsichtigten Fertigstellung der Bücher 2 und 3 des „Kapital“ standen, wenngleich sie ihrem Inhalt nach weit über seine ökonomischen Vorhaben hinausgehen.

Inhalt der Edition und Entstehung der Hefte

3Mit der vorliegenden Edition werden neben den physiologischen Heften zudem zur gleichen Zeit entstandene Exzerpte von Marx zur englischen Geschichte und zu der Entwicklung der Bauern im Russischen Reich nach den Reformen von 1861 veröffentlicht. Der Band enthält außerdem eines der wenigen überlieferten Exzerpte von Engels. Seine Exzerpte zur Geschichte des antiken Griechenlands zeigen sein Interesse für vorkapitalistische Produktionsweisen. Die Hefte werden in der Reihenfolge ihrer Entstehung dargeboten. Die Materialien des Bandes umfassen:

41) „Heft A“ (81 Seiten) vom März 1876 mit Exzerpten von Marx aus:

  • Wilhelm Schumacher: Die Physik in ihrer Anwendung auf Agricultur und Pflanzenphysiologie (1864)
  • Matthias Jacob Schleiden: Die Physiologie der Pflanzen und Thiere und Theorie der Pflanzencultur. Für Landwirthe bearbeitet (1850)
  • Friedrich Schoedler: Das Buch der Natur, die Lehren der Physik, Astronomie, Chemie, Mineralogie, Geologie, Physiologie, Botanik und Zoologie umfassend (1852)
  • Johannes Ranke: Grundzüge der Physiologie des Menschen mit Rücksicht auf die Gesundheitspflege (1875)
  • Ludimar Hermann: Grundriss der Physiologie des Menschen (1874)
  • Henry Enfield Roscoe: Kurzes Lehrbuch der Chemie. Unter Mitwirkung des Verfassers bearbeitet von Carl Schorlemmer (1873)

52) das unmittelbar im Anschluss erstellte „Heft B“ (81 Seiten) vom April 1876 mit der Fortsetzung der Exzerpte aus:

  • Johannes Ranke: Grundzüge der Physiologie des Menschen mit Rücksicht auf die Gesundheitspflege (1875)

63) das im Mai 1876 entstandene Folgeheft „Heft C“ (35 Seiten) mit dem Abschluss der Exzerpte aus:

  • Johannes Ranke: Grundzüge der Physiologie des Menschen mit Rücksicht auf die Gesundheitspflege (1875)

74) das am 20. April 1876 begonnene und bis März/April 1878 geführte Heft „Diversa“ (102 Seiten, hier 42 Seiten) mit Exzerpten aus:

  • Thomas Carlyle: Oliver Cromwell’s Letters and Speeches
  • August von Haxthausen: Die ländliche Verfassung Rußlands (1866)
  • einer Rede von John Lubbock im House of Commons (1878)

85) Auszüge aus dem zum Großteil bereits mit der Edition MEGA IV/27 veröffentlichten „Heft XI“ (126 Seiten, hier 10 Seiten), das Marx nicht nur 1880/1881 für seine ethnologischen Studien, sondern auch ab Mitte Mai 1876 und dann 1877 benutzt hat für Exzerpte aus:

  • Aleksandr Ivanovič Čuprov: Železnodorožnoe chozjajstvo (Die Eisenbahnwirtschaft) (1875)
  • Johann Rudolf Wagner: Die Metalle und ihre Verarbeitung (1866)

96) sowie wahrscheinlich bis Mai 1876 entstandene Exzerpte (9 Seiten) von Engels aus:

  • Ernst Curtius: Griechische Geschichte (1868)

10Alle Texte mit Ausnahme des Čuprov-Exzerpts werden erstmals in der vorliegenden Edition veröffentlicht. Das Čuprov-Exzerpt lag bereits in russischer Übersetzung vor und wird nun erstmals in seiner Originalsprache und im Kontext seiner Entstehung in „Heft XI“ veröffentlicht.

11Die Hefte wurden von Marx allesamt mit einem Titel versehen, die drei physiologischen Hefte mit den Ranke-Exzerpten sogar mit mehreren Titeln. Diese führte er als Hefte IX, X und XI und zugleich als Hefte A, B und C. Nach jetzigem Kenntnisstand hat Marx acht in den Jahren 1875/1876 erstellte Hefte als Hefte I bis VII geführt (sie werden veröffentlicht in MEGA IV/22); er hatte dabei die Nummer IV zwei Mal vergeben, wohingegen die Nummer VIII fehlt.In den Heften I bis VII hat Marx zwar auch naturwissenschaftliche Schriften exzerpiert – mindestens „Die Naturkraefte in ihrer Wechselbeziehung“ (1869) von Adolph Fick, einem „Pionier der Muskelphysiologie“ (Anson Rabinbach: Motor Mensch. Kraft, Ermüdung und die Ursprünge der Moderne. Wien 2001. S. 152) –, ihr thematischer Schwerpunkt ist aber Russland nach den Reformen von 1861. Dieses Thema verfolgte Marx weiter in dem ab April 1876 entstandenen Heft „Diversa“, wo er Exzerpte aus August von Haxthausens „Die ländliche Verfassung Rußlands“ anfertigte. Schließen [1] Die vorliegenden Hefte führte er zum einen als ihre Fortsetzung (als Hefte IX, X und XI)Falls „Heft IX“ zunächst als Folgeheft des unmittelbar zuvor beendeten Hefts VII konzipiert war, deutet dies womöglich auf das Fehlen eines Hefts VIII hin. Ebensogut könnte sich Marx, wie so oft, aber auch einfach in der Zählung geirrt haben. Insgesamt würden demnach 12 überlieferte Hefte zu diesem Komplex gehören. Wahrscheinlich zählt auch das in der vorliegenden Edition veröffentlichte „Heft XI“ mit den Exzerpten aus Čuprov und Wagner zu dieser Reihe, womit Marx dann auch die Nummer XI doppelt vergeben hätte, da „Heft C“ mit dem Abschluss der Ranke-Exzerpte ebenfalls mit „Heft XI“ betitelt ist. Marx hatte beide Hefte mit der Nummer XI im Mai 1876 begonnen. Schließen [2] und zugleich wegen des durch die Ranke-Exzerpte gegebenen Zusammenhangs auch als Untergruppe mit eigener Ordnung (als Hefte A, B und C). Der Übersichtlichkeit halber werden die Hefte in der vorliegenden Edition mit A, B und C bezeichnet.

12Der Großteil der vorliegenden Exzerpte wurde von Marx zwischen März und Mai 1876 angefertigt. Im Frühjahr 1875 hatte er die Arbeit an der französischen Ausgabe des ersten Bandes des „Kapital“ abgeschlossen, ihre vollständige Veröffentlichung erfolgte Ende des Jahres. Anschließend unternahm Marx neue Versuche, die von ihm immer noch beabsichtigte Fertigstellung des zweiten Bandes des „Kapital“ – der die Bücher 2 und 3 enthalten sollte – in die Wege zu leiten. Mitte Februar 1876 schrieb er eine Notiz über die Differentialrente (siehe MEGA II/14. S. 151/152) und behandelte dabei das Problem der Veränderung der Bodenbeschaffenheit aus Sicht seiner Theorie der Grundrente, die er im dritten Buch des „Kapital“ darstellen wollte. Offensichtlich empfand er im Anschluss an seine Überlegungen das Bedürfnis für neue Studien zur Agrikultur und griff dazu zunächst auf Schleidens „Die Physiologie der Pflanzen und Thiere und Theorie der Pflanzencultur“ zurück, ehe er sich anschließend der allgemeinen Physiologie zuwandte. Ab Mitte Mai 1876 exzerpierte Marx zudem kurz aus den Werken von Čuprov und Wagner in „Heft XI“ zum Eisenbahnwesen, das im zweiten Buch des „Kapital“ illustriert wird. Parallel setzte er zu ausführlichen Untersuchungen der Geschichte des Grundeigentums an, die fünf Exzerpthefte füllen (siehe MEGA IV/24) und in denen er insbesondere verschiedene Werke Georg Ludwig von Maurers gründlich exzerpierte. Auch die mit der vorliegenden Edition veröffentlichten Auszüge aus August von Haxthausens „Die ländliche Verfassung Rußlands“ (1866), die sich mit der Veränderung der Agrarordnung im Russischen Reich nach den Reformen von 1861 befassen, zählen zu diesen für das dritte Buch (aber auch über das „Kapital“-Projekt hinaus) relevanten Themen.

13Allerdings entstanden ab Ende 1876, parallel und im Anschluss an die Studien zum Grundeigentum in vorkapitalistischen Gesellschaften, neue Manuskripte, Fragmente und Zusammenstellungen zum zweiten Buch des „Kapital“ (siehe MEGA II/11). Dieses „Zusammenwirken“ von Studien zum dritten Buch und Manuskripten zum zweiten Buch erinnert an Marx’ früheres Vorgehen nach der Fertigstellung des ersten Bandes im Herbst 1867. So wie Marx damals zunächst Studien zur Agrikulturchemie und -physik (u. a. das Werk von Carl Fraas), zur Geschichte des Grundeigentums (ebenfalls durch das Werk von Maurer) (beide veröffentlicht in MEGA IV/18) und dann zu Geldmarkt, Aktienwesen und der Krise von 1866 (MEGA IV/19) unternahm, so nach Fertigstellung der französischen Ausgabe ab 1875/1876 auf den Gebieten der Physiologie (MEGA IV/23), der Geschichte des Grundeigentums (MEGA IV/24) und schließlich der Theorie und Geschichte des Geld- und Kreditwesens (MEGA IV/25). Wenngleich in beiden Fällen für Buch 3 bedeutsame Themen im Mittelpunkt der Studien standen, schrieb Marx im Anschluss jeweils Manuskripte zu Buch 2. Zum dritten Buch des „Kapital“ hinterließ er keine umfangreicheren Neuentwürfe mehr.

Die Physiologie in der Ökonomie

14Wie bemerkt, hatten die vorliegenden Exzerpthefte ihren Ursprung zunächst im Problem der Grundrente (siehe auch Entstehung und Überlieferung).Dass Marx zu dieser Zeit beabsichtigte, sich mit diesem Themenkomplex zu beschäftigen, zeigt auch der Untertitel seines laut eigener Auskunft Ende November 1875 begonnenen „Heft IV“. Er lautet: „Grundeigenthum, Rente, Agronomie, Agrikulturchemie in Bezug darauf“. Marx erstellte in diesem Heft aber nur zwei vergleichsweise kurze Exzerpte aus Werken von Aleksandr Nikolaevič Engel’gardt und Johann Rudolf von Wagner (sie werden in MEGA IV/22 veröffentlicht), die sich diesem Komplex zuordnen lassen. Weil es noch viel Platz darin gab, benutzte er das Heft dann später ab November 1878 für die Fortsetzung seiner damaligen Studien zur Theorie und Geschichte des Geld- und Kreditwesens. Es wird redaktionell als Heft VII dieser Serie von 1878/1879 geführt (siehe MEGA IV/25). Schließen [3] Marx stieß in der erwähnten Notiz über die Differentialrente von Februar 1876 (siehe MEGA II/14. S. 151/152) wieder auf das für seine Theorie der Grundrente relevante Problem der Bearbeitung des Bodens in der modernen Agrikultur und griff in der Folge zu der von Matthias Jacob Schleiden und Ernst Erhard Schmid bearbeiteten „Encyclopädie der gesammten theoretischen Naturwissenschaften in ihrer Anwendung auf die Landwirthschaft“, um sich erneut mit den Bedingungen des Pflanzenwachstums und den Methoden der Agrikultur zu beschäftigen. Die „Encyclopädie“ erschien 1850 in drei Bänden und wollte ihrem Anspruch nach das Gesamtsystem der Kenntnisse aller Naturwissenschaften auf eine möglichst eingängige Weise darstellen, um derart Landwirten als eine Anleitung zur Anwendung der Naturwissenschaften auf die Landwirtschaft dienen zu können.Für weitere Informationen zur „Encyclopädie“ und den Marx’schen Exzerpten daraus, siehe Entstehung und Überlieferung zu „Heft A“. Schließen [4] Da Schleiden Kenntnisse in Physik, Chemie und Bodenkunde/Pflanzenphysiologie für den Schlüssel zum Verständnis des Tier- und Pflanzenlebens hielt, behandeln die drei Bände der „Encyclopädie“ eben diese drei Disziplinen: Physik in Band 1 („Physik, anorganische Chemie und Mineralogie“), Chemie in Band 2 („Organische Chemie, Meteorologie, Geognosie, Bodenkunde und Düngerlehre“) sowie Pflanzenphysiologie in Band 3 („Die Physiologie der Pflanzen und Thiere und Theorie der Pflanzencultur“). Marx exzerpierte ab 1876 aus allen drei Bänden der „Encyclopädie“.

15Während Marx sich bereits früher ausführlich mit Agrikulturchemie und -physik beschäftigt hatte (siehe MEGA IV/18), diente ihm für die vorliegenden Hefte allein der dritte Band der „Encyclopädie“ zur Pflanzenphysiologie als Quelle. In Schleidens „Physiologie der Pflanzen und Thiere und Theorie der Pflanzencultur“ informiert er sich nun über die Zelle als Grundlage des pflanzlichen Lebens, die Perioden des Pflanzenlebens (Keimen, Wachsen, Fortpflanzung) sowie weiter in Friedrich Schoedlers „Buch der Natur“ über die einzelnen zusammengesetzten Organe der Pflanzen, die ihrer Ernährung (Wurzel, Stamm, Blätter) und Fortpflanzung (Knospen, Zwiebeln, Knollen, Blüten, Früchte, Samen) dienen. Marx hatte schon früher Schleidens Bedeutung als Begründer der Zellentheorie erkannt und griff wahrscheinlich aus diesem Grund gezielt zu dessen „älterer“ Enzyklopädie der Naturwissenschaften von 1850, um seine Studien auf diese Weise in eine neue, bislang von ihm kaum verfolgte Richtung zu treiben: zur Physiologie als solcher.

16Marx dürfte sich der Wissenschaft der Physiologie auch deshalb gewidmet haben, da sie für alle drei Bücher seines „Kapital“ eine gewisse Relevanz besaß: Nicht nur für Buch 3 und das Problem der Bedingungen der Bodenfruchtbarkeit und des Pflanzenwachstums für den Abschnitt zur Grundrente, sondern auch für Buch 1, wo der Arbeitsprozess und die Arbeitskraft als ein physiologisches und erschöpfbares Vermögen behandelt werden (siehe unten), sowie für Buch 2, in dem sich die Differenz zwischen der Arbeitszeit und der von dieser unterschiedenen Produktionszeit, während der die Arbeitsperiode unterbrochen ist, aber sich dennoch „physische, chemische, physiologische Aenderungen“ (MEGA II/11. S. 190) am Produkt geltend machen, diskutiert findet.Marx schrieb in Manuskript II zum zweiten Buch des „Kapital“: „Es handelt sich hier v. einer v. der Länge des Arbeitstags unabhängigen, durch die Natur des Produkts u. seines Produktionsprozesses selbst bedingten Unterbrechung des Arbeitsprozesses, während deren das unfertige Produkt kürzer od. länger dauernden Naturprozessen unterworfen ist. Der Arbeitsgegenstand muß physische, chemische, physiologische Aenderungen durchmachen, während deren der Arbeitsprozeß ganz od. theilweise suspendirt ist, die aber ebensoviele Produktionsbedingungen bilden.“ (MEGA II/11. S. 190.) Schließen [5] Diese Bedeutung der Naturwissenschaften für das „Kapital“ zeigt, dass es sich dabei um ein Vorhaben handelte, das seinerseits beinahe „enzyklopädische“ Kenntnisse nötig machte.Die Frage, inwiefern eine Wissenschaft von der Produktion und Distribution des Reichtums nicht eigentlich auch eine Wissenschaft der materiellen Objekte (als einer Grundlage des Reichtums) zu sein habe und damit naturwissenschaftliche Kenntnisse in sich aufnehmen müsse, umtrieb bereits John Stuart Mill. Aus dessen „Essays on Some Unsettled Questions of Political Economy“ (1844) notierte Marx 1845 in seinem Manchester Heft 5 die folgenden Überlegungen über Definition und Methode der politischen Ökonomie: „Man sagt, die politische Oekonomie lehre »die Gesetze der Production«, … dann müßte sie alle physischen Wissenschaften fast einschließen. »Die Gesetze der Production von Korn involviren die Principien der Agricultur; die der Production von cattle-breeding die der Physiologie. Die Gesetze der Production von manufacturirten Artikeln die der Chemistry und das whole of mechanics. Die Gesetze der Production des Minenreichthums die der Geologie.«“ (MEGA IV/4. S. 353.) Folgte man einer solchen Auffassung, wäre es, so Mill, äußerst schwer, die Grenze der politischen Ökonomie zu bestimmen. (John Stuart Mill: Essays on some Unsettled Questions of Political Economy. London 1844. S. 127.) Schließen [6]

17Jedenfalls war es im Frühjahr 1876 nicht das erste Mal, dass Marx sich mit Physiologie befasste. Auf die Bedeutung dieser Wissenschaft für die moderne Produktion hatte er schon früher mehrfach hingewiesen. Am 2. August 1862 setzte er Engels auseinander, dass er die Rückständigkeit der modernen Agrikultur gegenüber der modernen Industrie hinsichtlich der Anwendung der Produktivkraft der Arbeit für „sehr erklärlich“ halte, da die „Voraussetzung der Industrie die ältere Wissenschaft der Mechanik, Voraussetzung der Agricultur die ganz neuen Wissenschaften der Chemie, Geologie u. Physiologie“ (MEGA III/10. S. 181) sei. Diese Auffassung wiederholte er in der Folge in seinen ökonomischen Manuskripten und führte dabei immer diese Wissenschaften in der gleichen Reihenfolge auf.Im Ökonomischen Manuskript 1861–1863 heißt es: „die eigentlich wissenschaftliche Grundlage der grossen Industrie“ sei die Mechanik, „die im 18t Jahrhundert gewissermaassen vollendet war. Erst im 19t, speziell in den späten Jahrzehnten entwickeln sich die Wissenschaften, die direkt in höherm Grade spezifische Grundlagen für die Agricultur als für die Industrie sind – Chemie, Geologie und Physiologie.“ (MEGA II/3. S. 762.) Und kurz darauf schrieb Marx im Manuskript zum dritten Buch des „Kapital“, die relative Rückständigkeit der Agrikultur ließe „sich schon aus der frühern und raschern Entwicklung der mechanischen Wissenschaften (und namentlich ihrer Anwendung) verglichen mit der spätern und zum Theil ganz jungen Entwicklung der Chemie, Geologie, und Physiologie (und namentlich wieder in ihrer Anwendung auf die Agricultur) erklären.“ (MEGA II/4.2. S. 702.) Schließen [7] Genau diese drei Wissenschaften hatten zu Lebzeiten von Marx enorme Fortschritte gemacht und sich zu eigenständigen Disziplinen gefestigt. Durch ihr Studium konnte Marx insbesondere gegen die Rententheorie David Ricardos Einwände erheben, der er eine allzu große Abhängigkeit von jener früheren Unterentwicklung der Naturwissenschaften und ihrer Anwendung auf die Agrikultur unterstellte.Marx schrieb bereits in den „Grundrissen“ (1857/1858), dass Ricardos Theorie der Grundrente „auf dem historischen Mißverhältniß zwischen der Entwicklung der Industrie und Agricultur beruht“ und es „komisch“ gewesen sei, „daß Ricardo, Malthus etc zu einer Zeit wo die physiologische Chemie kaum noch existirte, allgemeine, ewige Gesetze“ über die Agrikultur aufstellten (MEGA II/1. S. 625). Und weiter: „Daß aber das physiologische Postulat von Ricardo als allgemeines Gesetz ausgedrückt, falsch ist, hat die moderne Chemie bewiesen.“ (MEGA II/1. S. 627.) Auch im Manuskript zum dritten Buch des „Kapital“ ist die Rede von den „wirklichen naturgemässen Ursachen der Erschöpfung des Bodens, die übrigens sämmtlichen Oekonomen, die über die Differentialrente geschrieben haben, natürlich unbekannt waren, wegen des Zustands der Agriculturchemie zu ihrer Zeit“ (MEGA II/4.2. S. 723). Schließen [8] Marx widmete sich ihnen in „umgekehrter“ Reihenfolge in seinen späten Studien zur Physiologie (MEGA IV/23), Geologie (MEGA IV/26) und Chemie (MEGA IV/31).

18Erste Schritte auf dem Feld der Physiologie hatte Marx schon spätestens nach der Bemerkung vom August 1862 unternommen. Im Sommer 1864 las er, auch krankheitsbedingt, eine Reihe von physiologischen Werken, darunter auch von Schleiden und Theodor Schwann.An Engels schrieb er am 4. Juli 1864: „In dieser Zeit, wo ich ganz arbeitsunfähig, gelesen: Carpenter, Physiologie, Lord ditto, Kölliker Gewebelehre, Spurzheim, Anatomie des Hirns u. Nervensystems, Schwann u. Schleiden über die Zellenscheisse. In der Popular Physiology v. Lord gute Kritik der Phrenologie, obgleich der Kerl religiös. Eine Stelle erinnert an Hegel’s Phänomenologie […] So wahrscheinlich, daß ich in den Nebenstunden jezt viel Anatomie u. Physiology treiben, ausserdem Vorlesungen (wo das Zeug ad oculos demonstrirt u. secirt wird) besuchen werde.“ (MEGA III/12. Br. 375.32–47.) – Tatsächlich besuchte Marx regelmäßig naturwissenschaftliche Vorträge, etwa von John Tyndall, August Wilhelm von Hofmann und Thomas Henry Huxley, wie u. a. die Erinnerungen von Jenny Marx, Friedrich Leßner und Wilhelm Liebknecht bezeugen (siehe MEGA IV/18. S. 850). Schließen [9] Kurz darauf exzerpierte er ausführlich aus Justus von Liebigs „Die Chemie in ihrer Anwendung auf Agricultur und Physiologie“ (7. Aufl. Braunschweig 1862) neben weiteren Schriften Liebigs im „Großheft 1865/1866“ der Hefte zur Agrikultur (MEGA IV/18. S. 129–180). In der Folge hob Marx im ersten Band des „Kapital“ Liebigs Bedeutung bei der naturwissenschaftlichen Erklärung der Bodenerschöpfung durch die kapitalistische Landwirtschaft hervor„Die Entwicklung der negativen Seite der modernen Agrikultur, vom naturwissenschaftlichen Standpunkt, ist eins der unsterblichen Verdienste Liebig’s.“ (MEGA II/5. S. 410.) Schließen [10] und las physiologische Werke zahlreicher weiterer Autoren wie William Benjamin Carpenter, William Lovett, Rudolph Virchow und Thomas Henry Huxley (siehe MEGA IV/18. S. 849–857, 893/894, 1028–1030).

19Marx nannte zu dieser Zeit politische Ökonomie und Physiologie hinsichtlich ihres Gegenstands und ihrer methodischen Ausrichtung in einem Atemzug. Im „Vorwort“ von 1859 schrieb er noch, dass in der politischen Ökonomie „die Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft“ (MEGA II/2. S. 100) zu suchen sei, aber im Ökonomischen Manuskript 1861–1863 wies er verstärkt auf eine methodische Ähnlichkeit zwischen politischer Ökonomie und Physiologie hin. Gingen bei Adam Smith noch deskriptive Ansätze zur Beschreibung äußerer Erscheinungen mit dem „Versuch in die innre Physiologie der bürgerlichen Gesellschaft einzudringen“ (MEGA II/3. S. 817) durcheinander, habe im Anschluss an ihn David Ricardo dann Klarheit geschaffen und festgestellt: „Die Grundlage, der Ausgangspunkt der Physiologie des bürgerlichen Systems – des Begreifens seines innren organischen Zusammenhangs und Lebensprocesses – ist die Bestimmung des Werths durch die Arbeitszeit.“ (Ebenda.) Diese Einsicht habe Ricardo als „Ausgangspunkt“ zum Verständnis der übrigen Kategorien genommen, um derart den inneren Zusammenhang des Systems und damit „die wirkliche Physiologie der bürgerlichen Gesellschaft“ (ebenda) zu entschlüsseln. Diese Analogien griff im Briefwechsel mit Marx mehrmals der Arzt Louis Kugelmann auf, der das Marx’sche Vorhaben im Sinne einer „anatomisch-physiologischen Grundanschauung“ charakterisierte.Siehe auch Kugelmann an Marx, 30. Juli und 1. August 1871: „Ist demnach Unwissenheit des Proletariats in Bezug auf Physiologie u. Pathologie der modernen Gesellschaft Ursache seiner Knechtung, so muß theoretische Aufklärung der nothwendige Vorläufer einer exacten u. sicheren Therapie sein.“ Schließen [11] Marx selbst sprach im Vorwort zum ersten Band des „Kapital“ (1867) von der Warenform als der „ökonomischen Zellenform“ (MEGA II/5. S. 12) der bürgerlichen Gesellschaft.

20In seiner Zeit war Marx nicht der einzige Sozialist, der über Physiologie und ihre Bedeutung nachdachte. Engels hatte schon früher, erstmals anscheinend im Januar 1851, Physiologie studiert (siehe MEGA III/4. S. 18 u. 24).Daher versicherte Marx ihm in dem bereits zitierten Brief vom 4. Juli 1864, in dem er über seine eigenen physiologischen Lektüren informierte: „Du weißt daß alles 1) bei mir spät kommt, u. 2) ich immer in Deinen Fußtapfen nachfolge.“ (MEGA III/12. Br. 375.44–45.) Schließen [12] Von einer intensiveren Auseinandersetzung mit dieser Disziplin berichtete er Marx auch am 14. Juli 1858. Er erklärte dabei die Ursachen ihrer jüngeren Fortschritte durch erstens die Entwicklung der Chemie, zweitens den Gebrauch des Mikroskops zu Forschungszwecken und drittens die Entdeckung der Zelle durch Schleiden und Schwann (MEGA III/9. Br. 101.21–38). Wie bemerkt, erkannte auch Marx in der Folge Schleidens BeitragEr ließ Engels am 31. August 1864 wissen, jener habe eine „angeborne Anlage zur Fadaise, obgleich er in Folge eines Mißverständnisses die Zelle entdeckt hat“ (MEGA III/12. Br. 402.31–33). Schließen [13] und dürfte aus diesem Grund dessen Werk noch 1876 zum Ausgangspunkt seiner Studien zur Physiologie genommen haben.

21Engels hatte 1873 damit begonnen, eine „Dialektik der Natur“ zu schreiben (siehe MEGA I/27), doch auch die Konkurrenz schlief nicht. Schon früher hatte Roland Daniels – dessen 1850/1851 geschriebenes Manuskript „Mikrokosmos. Entwurf einer physiologischen Anthropologie“ Marx Anfang 1851 las und in der Folge mit Daniels brieflich diskutierteDaniels erklärte Marx am 25. März 1851: „Der Hauptpunkt meiner Arbeit ist die physiologische Darstellung des Handelns. Indem ich dieses auf die in der Physiologie gesetzmäßig erkannten Reflexbewegungen zurückführte und einem allgemeinen Gesetze subsummirte, versuchte ich es zu erklären.“ (MEGA III/4. S. 336.16–19.) Schließen [14] – in der Physiologie einen Weg gesehen, die Philosophie als theoretische Grundlage eines adäquaten Verständnisses der modernen Gesellschaft zu überwinden.Siehe Roland Daniels an Marx, 5. April 1851: „Bei mir handelt es sich um das Zustandekommen der Begriffe überhaupt, rein physiologisch betrachtet, ich versuche die Wissenschaft von der Philosophie zu befreien, und da bietet sich mir kein andrer Uebergangspunkt dar, als Feuerbach.“ (MEGA III/4. S. 345.) Daniel an Marx, 24. April 1851: „Nur die Naturwissenschaften können die Welt befreien. Die furchtbare Vernachlässigung derselben auf Schulen ist vollkommen bewußt machiavellistisch.“ (MEGA III/4. S. 363.) Schließen [15] In Marx’ Umfeld beschäftigten sich zudem Friedrich Albert Lange,Wilhelm Liebknecht überlieferte Marx am 18. März 1865 Langes Worte, dieser sei zu seinen Ansichten „wie Marx von der Philosophie aus gelangt, dagegen liegen meine spätern Studien weniger auf dem Gebiet der eigentlichen Ökonomie, als vielmehr auf dem [sic] Gebieten der Physiologie, Anthropologie und der Statistik, insbesondre der Bevölkerungslehre und Moralstatistik.“ (MEGA III/13. Br. 190.13–17.) Schließen [16] César De Paepe, später Serhij Podolyns’kyj und Nikolaj Francevič Daniel’sonDaniel’son las sogar Rankes „Grundzüge der Physiologie des Menschen“ und diskutierte das Buch mit Engels (siehe Entstehung und Überlieferung). Schließen [17] mit der Physiologie und ihrer Bedeutung für die Analyse des Arbeitsprozesses, De Paepe dem Selbstverständnis nach durchaus im Anschluss an den ersten Band des „Kapital“. Aus einer Inhaltsanzeige eines angekündigten, jedoch nicht erschienenen Werks De Paepes zitierte Marx im Brief an Engels vom 7. Dezember 1873:

In der Inhaltsanzeige des magnum opus von De Paepe, figurirt als Hauptabschnitt des 2 Buchs, données physiologiques: „Analyse de la Force de Travail et Conditions Physiologiques de son existence“ 1. Théorie de Karl Marx sur la force de travail, le travail nécessaire et le surtravail. – Haute portée économique et sociale de cette théorie: 2. Analyse physiologique de ce que Marx appelle force de travail ou force ouvrière. – Que cette force est formée de trois principaux éléments: force nerveuse, force musculaire, force sensorielle. Du siehst, wie er damit Gelegenheit gewinnt, sich ins medicinische Gebiet zu werfen. Der Abschnitt endet: 14. Comment les données physiologiques qui précédent vont nous permettre de déterminer aussi rigoureusement que possible la valeur de la force de travail base de toute valeur d’échange et fondement de toute science économique. Dies letzte klingt nach Missverständniss.Marx an Engels, 7. Dezember 1873. (IISG, Marx-Engels-Nachlass, Sign. L 4690.) Schließen [18]

22Marx war mit De Paepes geplanter Verbindung zwischen Ökonomie und Physiologie offensichtlich nicht vollends einverstanden. Sofern De Paepe nach den näheren physiologischen Bestimmungen der Arbeitskraft – als einer Nerven-, Muskel- und Sinneskraft – zu fragen schien, konnte er sich damit offenbar mit einiger Berechtigung „ins medicinische Gebiet“ werfen. Jedoch den Wert der Ware Arbeitskraft physiologisch bestimmen und diesen dann als die Grundlage allen Tauschwerts nehmen zu wollen, „klingt nach Missverständniss“.

23Ähnlich wollte später, von Marx’ Theorie der Mehrarbeit inspiriert, der ukrainische Sozialist und Mediziner Serhij Podolyns’kyj in seinem Aufsatz „Le travail humain et la conservation de l’énergie“ versuchen, „die Mehrarbeit mit den herrschenden physikalischen Theorien in Einklang zu bringen“ (siehe Entstehung und Überlieferung). Marx las den Aufsatz 1880 und korrespondierte mit Podolyns’kyj, anscheinend ohne eine deutliche Einschätzung von dessen Thesen mitzuteilen. Die vorliegenden Exzerpthefte deuten darauf hin, dass Marx vielmehr ein näheres Interesse an einer Physiologie der Arbeitskraft, Arbeitsleistung und Krafterhaltung entwickelte.

Die Ökonomie in der Physiologie

24Wenngleich der Anlass der physiologischen Exzerpte wahrscheinlich mit dem „Kapital“-Vorhaben in Verbindung steht, gehen ihre Inhalte weit über eine etwaige Nutzanwendung des Stoffs in den Büchern des „Kapital“ hinaus. Sie überschreiten ökonomische Belange bei Weitem und dokumentieren vielmehr, dass Marx sich mit den allgemeinen Grundlagen und dem aktuellen Kenntnisstand der Disziplin vertraut machen wollte. Dies wird auch dadurch unterstrichen, dass sich alle benutzten Bücher im Besitz von Marx befanden. Offensichtlich ging es ihm beim Exzerpieren aus ihnen nicht darum, schwer zugängliche Materialien zu sichern, sondern komplexe Inhalte zu erfassen und sie sich in der eigenen Handschrift, in einer eigenen Auswahl und Ordnung anzueignen.

25Quellen für Marx’ physiologische Hefte waren fast ausschließlich die Werke deutscher Autoren.Engels hielt noch 1894 die kontinentale Anatomie, Physiologie, Pathologie für der englischen überlegen (MEGA III/30. Br. 339.60–62). Schließen [19] Auf viele von ihnen kam Marx erneut in seinen späteren, zwischen 1877 und 1883 entstandenen naturwissenschaftlichen Studien zurück: auf die „Encyclopädie“ von Schleiden/Schmid und „Das Buch der Natur“ von Friedrich Schoedler – einem weiteren Liebig-Schüler – in den Heften zur Geologie (MEGA IV/26), auf Johannes Rankes „Grundzüge“ und Ludimar Hermanns „Grundriss der Physiologie des Menschen“ in den Heften zur Chemie (MEGA IV/31). Indem Schleiden die Bedeutung von Physik, Chemie und Bodenkunde/Pflanzenphysiologie für die Agrikultur betonte, musste dessen ältere „Encyclopädie“ von 1850 nicht zuletzt wegen des dort dargebotenen Zusammenhangs der Naturwissenschaften für Marx von Interesse sein. Schleidens dreibändige „Encyclopädie“ korrespondierte mit Marx’ Auffassung über die wissenschaftlichen Grundlagen der Agrikultur und seinen späten naturwissenschaftlichen Studien, die in gewisser Weise ebenfalls eine „Trilogie“ bilden: einmal Agrikulturchemie (MEGA IV/18) und Physiologie von Pflanze, Tier und Mensch (MEGA IV/23), dann Geologie und Physik (MEGA IV/26) sowie schließlich organische und anorganische Chemie (MEGA IV/31).

26Für die vorliegenden physiologischen Hefte zog Marx mit Hermanns „Grundriss der Physiologie des Menschen“ (1874) und vor allem Rankes „Grundzüge der Physiologie des Menschen“ (1875) auch neue Quellen heran. Johannes Ranke, Neffe des Historikers Leopold von Ranke, studierte u. a. bei Justus von Liebig in MünchenRanke schrieb rückblickend über Liebig: „Seine klare, durch keine vorgefaßte Meinung getrübte Aufassung der Natur und ihrer Vorgänge, die absolute Abkehr von unbewiesener und nicht zu beweisender Theorie in der Naturbetrachtung ist mir für mein ganzes Leben und Forschen Vorbild und Richtschnur geblieben.“ (Zitiert nach Ferdinand Birkner: Johannes Ranke als Forscher. In: Hochland. Monatsschrift für alle Gebiete des Wissens, der Literatur und Kunst. Hrsg. von Karl Muth. Jg. 14. Okt. 1916 – März 1917. Bd. 1. S. 85–97, hier: S. 85.) Schließen [20] sowie bei Rudolf Virchow und Emil du Bois-Reymond in Berlin und habilitierte sich 1863 in Physiologie.Später war Ranke hauptsächlich auf den Gebieten der Anthropologie und Frühgeschichte tätig, er wurde 1886 zum ersten ordentlichen Professor für Anthropologie in Deutschland an die Universität München berufen. Als Anthropologe wandte er sich gegen die Rassenlehre von Arthur de Gobineau und Houston Stewart Chamberlain. (Siehe Ferdinand Birkner: Johannes Ranke als Forscher. In: Hochland. Monatsschrift für alle Gebiete des Wissens, der Literatur und Kunst. Hrsg. von Karl Muth. Jg. 14. Okt. 1916 – März 1917. Bd. 1. S. 85–97, hier: S. 94–96; Armin Geus: Johannes Ranke (1836–1916). Physiologe, Anthropologe und Prähistoriker. Marburg 1987. S. 14.) Schließen [21] Die „Grundzüge der Physiologie des Menschen mit Rücksicht auf die Gesundheitspflege“ sollten „ein zum Selbststudium geeignetes Handbuch der Physiologie und physiologischen Technik für den Arzt sein“.Johannes Ranke: Grundzüge der Physiologie des Menschen mit Rücksicht auf die Gesundheitspflege. Für das praktische Bedürfniss der Ärzte und Studirenden zum Selbststudium bearbeitet. 3. umgearb. Aufl. Leipzig 1875. S. V. Schließen [22] Von der „Darstellung der rein physiologischen Lehren“ wollte Ranke daher „sogleich auf die Anwendung derselben für ärztliche Zwecke vor Allem für die physiologische Gesundheitspflege“ übergehen. Diskutiert werden die Auswirkungen von u. a. Klima, Atmosphäre, Wohnung, Heizung, Abwasser, ebenso Ernährungsweisen, Nahrungs- und Genussmittel sowie Reinlichkeit, Hautpflege, Turnen und Fußwandern auf die menschliche Gesundheit sowie darüber hinaus auch Untersuchungs- und Therapieansätze für den Arzt. Gesundheitspflege und Therapeutik machen keinesfalls den Schwerpunkt seiner Exzerpte aus, aber Marx notiert sich nicht zuletzt auch Informationen zu den Folgen von Alkoholmissbrauch und zu verschiedenen Ernährungsweisen wie der Lehre William Bantings, der in den 1860er Jahren eine Low-Carb-Diät zur Gewichtsabnahme populär machte. Als Marx die Exzerpte anfertigte, war seine Frau Jenny schwer erkrankt, und er selbst begab sich kurz danach auf Kur nach Karlsbad.Auch als Marx das (nach bisherigem Kenntnisstand) einzige Mal brieflich auf Ranke zu sprechen kam, blieb undeutlich, ob es ihm dabei um eine Wiederaufnahme naturwissenschaftlicher Studien ging oder er bei Ranke womöglich Hinweise zur ärztlichen Behandlung oder „Gesundheitspflege“ einholen wollte. Am 23. Dezember 1882, wenige Wochen vor seinem Tod, erbat Marx von seiner Tochter Eleanor u. a. die „Grundzüge der Physiologie“: „Bring mir nur die eine Physiologie, die von Rank (oder Ranke weiss ich nicht)“ (RGASPI, Sign. f. 1, o. 1, d. 6128). Er selbst befand sich zu dieser Zeit auf Kur in Ventnor (Isle of Wight), während seine Tochter Jenny schwer krank in Argenteuil lag, wo sie kurz darauf versterben sollte. Schließen [23]

27Marx exzerpierte das 951-seitige Werk Rankes über drei Hefte hinweg und strebte dabei eine mehr oder weniger vollständige Wiedergabe des Inhalts an. Er folgte dem Aufbau des Buchs und exzerpierte sehr gründlich die einzelnen Abschnitte: „Allgemeine Physiologie“ (Die Zelle, Chemie der Zelle, Physik der Zelle), „Physiologie des Stoffwechsels“ (Die Ernährung, Das Blut, Ausscheidung aus dem Blut), „Physiologie der Arbeitsleistung“ (Tierische Wärme, Arbeitsleistung der Knochen, Muskeln und Nerven, Tierische Elektrizität), „Physiologie der Sinnesorgane“ (Haut-, Gesichts-, Gehör-, Geruchs- und Geschmackssinn), „Physiologie der nervösen Centralorgane“ (Rückenmark, Gehirn und Sympathikus) und schließlich „Physiologie der Zeugungsdrüsen“ (Hoden und Eierstock). Marx’ Interesse für die Grundlagen der Wissenschaft – befinden sich die Moleküle in der Zelle in einem Gleichgewicht? sind sie ständig in Bewegung? ist das Gleichgewicht der Organe ein dynamisches? – zeigen seine Neugier für die elementaren Prozesse des Lebens, die immer wieder auch in seinem Briefwechsel zum Vorschein kommt, wo die aktuellen Theorien der Molekularbiologie aufmerksam registriert wurden.Siehe z. B. den Brief an Engels, 18. November 1868, wo Marx sich wie folgt über Ludwig Büchners „Sechs Vorlesungen über die Darwin’sche Theorie von der Verwandlung der Arten …“ (Leipzig 1868) äußerte: „Danach ist die Zelle als Urform aufgegeben, dagegen formlose, aber contractile Eiweißklümpchen als starting point. Diese Hypothese später bestätigt durch die Fünde in Kanada. (später auch in Baiern u. some other places) Die Urform muß natürlich bis zu einem Punkt herunter verfolgt werden, wo sie chemisch fabricirbar ist. Und dem scheint man auf dem Sprung.“ – Siehe auch Marx’ Brief an Pjotr Lavrovič Lavrov vom 18. Juni 1875, dem Marx auf Französisch die folgende „wichtige Neuigkeit“ überbrachte: „Dem Physiologen Traube in Berlin ist es gelungen, künstliche Zellen herzustellen. Allerdings sind das noch keine natürlichen Zellen: sie haben keinen Kern. Durch Mischen kolloidaler Lösungen, z. B. von Gelatine mit Kupfersulfat usw. erhält man von einer Membran umgebene Klümpchen, die man durch Intussuszeption zum Wachsen bringen kann. Damit hat die Bildung von Membranen und das Wachstum von Zellen das Reich der Hypothesen verlassen. Damit ist ein großer Schritt getan, der um so gelegener kam, als Helmholtz und andere im besten Zuge waren, die absurde Doktrin zu verbreiten, daß die Keime des irdischen Lebens fertig vom Mond herunterfallen, d. h. daß sie durch Meteore zu uns gebracht worden seien. Ich verabscheue derartige Erklärungen, die ein Problem lösen, indem sie es in eine andere Sphäre verweisen.“ (MEW. Bd. 34. S. 145.) Schließen [24]

28Marx registrierte dabei nicht nur Methodik und Erklärungsmechanismen der Physiologie, sondern auch ihre Geschichte, denn Ranke gab an vielen Stellen einen Abriss der historischen Entwicklung der Erkenntnisse. Marx exzerpierte über die Geschichte der Zellentheorie („Heft A“, S. 51), der Ernährungslehre von Aristoteles bis Justus von Liebig („Heft B“, S. 13–15), der Verdauungslehre („Heft B“, S. 29) sowie der Entdeckung der tierischen Elektrizität von Luigi Galvani und Alessandro Volta bis Emil Du-Bois Reymond („Heft C“, S. 8).Ehe sie die Passage strichen, hatten Marx und Engels in den Manuskripten zur „Deutschen Ideologie“ zunächst geschrieben: „Wir kennen nur eine einzige Wissenschaft, die Wissenschaft der Geschichte. Die Geschichte kann von zwei Seiten aus betrachtet, in die Geschichte der Natur & die Geschichte der Menschen abgetheilt werden. Beide Seiten sind indeß nicht zu trennen; solange Menschen existiren, bedingen sich Geschichte der Natur & Geschichte der Menschen gegenseitig.“ (MEGA I/5. S. 824. Var. 8.6–7.) Schließen [25] Im Übrigen kam den Naturwissenschaften eine weltanschauliche Bedeutung zu.Siehe auch Anneliese Griese: Die naturwissenschaftlichen Studien von Marx. Versuch ihrer Einordnung in die Wissenschaftsentwicklung des 19. Jahrhunderts. In: Interaktionen zwischen Philosophie und empirischen Wissenschaften. Hrsg. von Hans Jörg Sandkühler. Frankfurt a. M. u. a. 1995. S. 263–287. Schließen [26] In diesem Sinne bemerkte Engels bereits am 14. Juli 1858: „Soviel ist sicher, bei der vergleichenden Physiologie bekommt man eine schmähliche Verachtung gegen die idealistische Überhebung des Menschen über die andern Bestien. Auf jedem Schritt wird man mit der Nase auf die völligste Übereinstimmung der Structur mit den übrigen Säugethieren gestoßen, in den Grundzügen geht die Übereinstimmung durch bei allen Wirbelthieren, & selbst – verwischter – bei Insecten, Crustaceen, Bandwürmern &c.“ (MEGA III/9. Br. 101.55–57.)

29Eine Schnittstelle zwischen Marx’ Ökonomie und Rankes Physiologie ist Marx’ Begriff der Arbeitskraft als eines physiologischen Vermögens der Menschen. Im ersten Band des „Kapital“ hatte Marx u. a. geschrieben: „wie verschieden die nützlichen Arbeiten oder produktiven Thätigkeiten sein mögen, es ist eine physiologische Wahrheit, daß sie Funktionen des menschlichen Organismus sind, und daß jede solche Funktion, welches immer ihr Inhalt und ihre Form, wesentlich Verausgabung von menschlichem Hirn, Nerv, Muskel, Sinnesorgan u. s. w. ist.“ (MEGA II/6. S. 102.) Marx konnte sich über die Funktionsweise von Muskeln, Nerven und Sinnen näher bei Ranke in den Abschnitten „Physiologie der Arbeitsleistung“, „Physiologie der Sinnesorgane“ und „Physiologie der nervösen Centralorgane“ informieren. Durch eine erste Auswertung der Randanstreichungen in seinen Exzerptheften lässt sich zeigen, dass Marx näheres Interesse an einer Physiologie der Arbeitsleistung, insbesondere den Bedingungen der Tätigkeit von Muskeln und Nerven zeigte (siehe Entstehung und Überlieferung).

30Marx stieß bei der Lektüre auch auf Rankes eigenen Beitrag zur Physiologie, wonach die Ermüdung von Zellen und Muskeln sowie die erhöhte Reizbarkeit der Nerven durch die Anwesenheit chemischer Zersetzungsstoffe bedingt ist (siehe „Heft A“, S. 79, „Heft C“, S. 3). Das Vorhandensein von Muskelzersetzungsprodukten hindert den Muskel an der Ausübung seiner Funktion; durch die normale Blutzirkulation werden die Zersetzungsprodukte aus dem Muskel entfernt und dabei dessen Funktionsfähigkeit wiederhergestellt. Der Muskel erholt sich und wird erneut erregbar und reaktionsfähig.Siehe z. B. Johannes Ranke: Untersuchung über die chemischen Bedingungen der Ermüdung des Muskels. In: Archiv für Anatomie, Physiologie und wissenschaftliche Medicin. Leipzig 1863. S. 422–450. Schließen [27] Genussmittel wie Kaffee, Tee, Kakao und Alkohol vermögen das Ermüdungsgefühl kurzfristig zu beseitigen; aber ihre Wirkung wird schädlich, wenn der durch sie ermöglichte gesteigerte Kräfte- und Stoffverbrauch nicht wieder durch entsprechende Nahrungssteigerung ersetzt und Regenerationsvorgänge ausgeglichen wird („Heft B“, S. 12/13 u. 71). Rankes Beitrag erinnert von der Struktur her an die Argumente seines akademischen Lehrers Justus von Liebig in der damaligen Debatte über die Bodenerschöpfung (siehe MEGA IV/18. S. 843/844).

31Bezüge zwischen Marx’ Kapitaltheorie und den Forschungen Rankes bestehen also insbesondere mit Blick auf die Erschöpfungslehre. Im ersten Band des „Kapital“ hatte Marx die zum Erhalt der Arbeitskraft nötige Erneuerung ihrer verbrauchten Bestandteile ähnlich wie Ranke beschrieben„Die Arbeitskraft verwirklicht sich jedoch nur durch ihre Aeußerung, bethätigt sich nur in der Arbeit. Durch ihre Bethätigung, die Arbeit, wird aber ein bestimmtes Quantum von menschlichem Muskel, Nerv, Hirn u. s. w. verausgabt, das wieder ersetzt werden muß. Diese vermehrte Ausgabe bedingt eine vermehrte Einnahme.“ (MEGA II/5. S. 123.) Schließen [28] und zugleich betont, dass das Kapital, wenn es sich diese Kraft einverleibt, sie über Gebühr beansprucht: „Aber in seinem maßlos blinden Trieb, seinem Wehrwolfs-Heißhunger nach Mehrarbeit überrennt das Kapital nicht nur die moralischen, sondern auch die rein-physischenIn der französischen Ausgabe des „Kapital“ ist „rein-physisch“ mit „physiologique“ übersetzt und entsprechend „la limite physiologique extrême de la journée de travail“ gedruckt (MEGA II/7. S. 221). Schließen [29] Maximalschranken des Arbeitstags. Es usurpirt die Zeit für Wachsthum, Entwicklung und gesunde Erhaltung des Körpers. Es raubt die Zeit, erheischt zum Verzehr von freier Luft und Sonnenlicht.“ (MEGA II/5. S. 207/208.) Aus Marx’ Sicht tendierte die kapitalistische Produktionsweise dazu, Arbeitskraft und Natur, die beiden Quellen des stofflichen Reichtums zu erschöpfen. Wie Liebig die Erschöpfung der Bodenfruchtbarkeit naturwissenschaftlich erklärte, so Ranke die Erschöpfung der „Arbeitskraft“, genauer der Bedingungen der Tätigkeit von Muskeln, der Leitungsfähigkeit von Nerven und des Funktionierens der Sinne. Deshalb hatte Marx im „Kapital“ – ebenso z. B. in der „Inauguraladresse“ der Internationalen Arbeiterassoziation von 1864 (MEGA I/20. S. 19) – auch Stellungnahmen von Ärzten angeführt, um die Arbeitsverhältnisse in der modernen Fabrik anzuklagen.Noch in der „Kritik des Gothaer Programms“ (1875) forderte er für Deutschland die Einsetzung von Fabrikinspektoren, die gerichtlich absetzbar sein und „dem ärztlichen Stand angehören müssen“ (MEGA I/25. S. 25). Schließen [30] Die Forschungen Rankes hätten es ihm erlaubt, seine Überlegungen zur Erschöpfung der Arbeitskraft als eines physiologischen Vermögens zu erweitern und mit einer naturwissenschaftlichen Erklärung anzureichern.

32Indes enthalten seine Exzerpte neben den Randanstreichungen noch weitere Spuren der Verarbeitung des umfangreichen und komplexen Stoffs durch Marx. An einer Stelle vergleicht er die Reizschwelle bei der Lichtempfindung mit einer Revolution. Wie der objektive Lichtreiz eine bestimmte Höhe erreichen muss, damit eine bestimmte Lichtempfindung entsteht, „so entsteht“, bemerkt Marx in eigenen Worten, „revolutionäre Empfindung bloss wenn der objective Reiz eine bestimmte Höhe erreicht u. überschritten hat“ („Heft C“, S. 18). Bereits im ersten Band des „Kapital“, wo es von naturwissenschaftlichen Analogien, Begriffen und Metaphern wimmelt, hatte Marx den Fetischcharakter der Ware mit der Lichtempfindung verglichen (MEGA II/5. S. 637; II/6. S. 103).

33An gleich zwei Stellen seiner Exzerpte äußert sich Marx kritisch über Tierversuche – die auch Ranke zur Entwicklung seiner Erschöpfungslehre durchführte – und zeigt Mitleid mit den von der Wissenschaft benutzten Tieren. Einen zu Forschungszwecken mit einer Hornhautentzündung am Auge infizierten Frosch bezeichnet er als „armen Teufel“ („Heft A“, S. 78) und ein im Experiment enthauptetes Exemplar als „unglücklichen Frosch“ („Heft C“, S. 26). Auch hier besteht ein Bezug zum ersten Band des „Kapital“. Dort hatte Marx die auf Kosten der Arbeiter erfolgenden Umgestaltungen des Produktionsprozesses und des Arbeitsplatzes durch die Fabrikanten mit Tierversuchen verglichen und geschrieben: „Es waren förmliche experimenta in corpore vili, wie die der Anatomen an Fröschen.“ (MEGA II/5. S. 373.)

***

34Die vorliegende Edition wurde ab Winter 2024/25 von Timm Graßmann an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW) erarbeitet und im Sommer 2025 abgeschlossen. Die Hefte wurden in diesem Zeitraum unter Nutzung von HTR-Verfahren entziffert. Einzig die Edition von Engels’ Exzerpten aus der „Griechischen Geschichte“ von Curtius erfolgte auf Grundlage einer älteren Rohentzifferung. Die Zeugenbeschreibungen sind vorläufig, da eine Prüfung der Originalhefte am IISG noch aussteht. Für biographische Angaben zu Ranke, Schleiden, Schoedler und Hermann konnte an manchen Stellen auch auf die MEGA-Bände IV/26 (bearb. von Anneliese Griese, Peter Krüger und Richard Sperl unter Mitwirkung von Peter Jäckel, Daniel Neuhaus, Manfred Neuhaus und Gerd Pawelzig) und IV/31 (bearb. von Anneliese Griese, Friederun Fessen, Peter Jäckel und Gerd Pawelzig) zurückgegriffen werden, in denen Marx’ spätere Exzerpte aus den Werken dieser Autoren vorliegen.

35Berlin, August 2025

Anmerkungen

  • [1]In den Heften I bis VII hat Marx zwar auch naturwissenschaftliche Schriften exzerpiert – mindestens „Die Naturkraefte in ihrer Wechselbeziehung“ (1869) von Adolph Fick, einem „Pionier der Muskelphysiologie“ (Anson Rabinbach: Motor Mensch. Kraft, Ermüdung und die Ursprünge der Moderne. Wien 2001. S. 152) –, ihr thematischer Schwerpunkt ist aber Russland nach den Reformen von 1861. Dieses Thema verfolgte Marx weiter in dem ab April 1876 entstandenen Heft „Diversa“, wo er Exzerpte aus August von Haxthausens „Die ländliche Verfassung Rußlands“ anfertigte.
  • [2]Falls „Heft IX“ zunächst als Folgeheft des unmittelbar zuvor beendeten Hefts VII konzipiert war, deutet dies womöglich auf das Fehlen eines Hefts VIII hin. Ebensogut könnte sich Marx, wie so oft, aber auch einfach in der Zählung geirrt haben. Insgesamt würden demnach 12 überlieferte Hefte zu diesem Komplex gehören. Wahrscheinlich zählt auch das in der vorliegenden Edition veröffentlichte „Heft XI“ mit den Exzerpten aus Čuprov und Wagner zu dieser Reihe, womit Marx dann auch die Nummer XI doppelt vergeben hätte, da „Heft C“ mit dem Abschluss der Ranke-Exzerpte ebenfalls mit „Heft XI“ betitelt ist. Marx hatte beide Hefte mit der Nummer XI im Mai 1876 begonnen.
  • [3]Dass Marx zu dieser Zeit beabsichtigte, sich mit diesem Themenkomplex zu beschäftigen, zeigt auch der Untertitel seines laut eigener Auskunft Ende November 1875 begonnenen „Heft IV“. Er lautet: „Grundeigenthum, Rente, Agronomie, Agrikulturchemie in Bezug darauf“. Marx erstellte in diesem Heft aber nur zwei vergleichsweise kurze Exzerpte aus Werken von Aleksandr Nikolaevič Engel’gardt und Johann Rudolf von Wagner (sie werden in MEGA IV/22 veröffentlicht), die sich diesem Komplex zuordnen lassen. Weil es noch viel Platz darin gab, benutzte er das Heft dann später ab November 1878 für die Fortsetzung seiner damaligen Studien zur Theorie und Geschichte des Geld- und Kreditwesens. Es wird redaktionell als Heft VII dieser Serie von 1878/1879 geführt (siehe MEGA IV/25).
  • [4]Für weitere Informationen zur „Encyclopädie“ und den Marx’schen Exzerpten daraus, siehe Entstehung und Überlieferung zu „Heft A“.
  • [5]Marx schrieb in Manuskript II zum zweiten Buch des „Kapital“: „Es handelt sich hier v. einer v. der Länge des Arbeitstags unabhängigen, durch die Natur des Produkts u. seines Produktionsprozesses selbst bedingten Unterbrechung des Arbeitsprozesses, während deren das unfertige Produkt kürzer od. länger dauernden Naturprozessen unterworfen ist. Der Arbeitsgegenstand muß physische, chemische, physiologische Aenderungen durchmachen, während deren der Arbeitsprozeß ganz od. theilweise suspendirt ist, die aber ebensoviele Produktionsbedingungen bilden.“ (MEGA II/11. S. 190.)
  • [6]Die Frage, inwiefern eine Wissenschaft von der Produktion und Distribution des Reichtums nicht eigentlich auch eine Wissenschaft der materiellen Objekte (als einer Grundlage des Reichtums) zu sein habe und damit naturwissenschaftliche Kenntnisse in sich aufnehmen müsse, umtrieb bereits John Stuart Mill. Aus dessen „Essays on Some Unsettled Questions of Political Economy“ (1844) notierte Marx 1845 in seinem Manchester Heft 5 die folgenden Überlegungen über Definition und Methode der politischen Ökonomie: „Man sagt, die politische Oekonomie lehre »die Gesetze der Production«, … dann müßte sie alle physischen Wissenschaften fast einschließen. »Die Gesetze der Production von Korn involviren die Principien der Agricultur; die der Production von cattle-breeding die der Physiologie. Die Gesetze der Production von manufacturirten Artikeln die der Chemistry und das whole of mechanics. Die Gesetze der Production des Minenreichthums die der Geologie.«“ (MEGA IV/4. S. 353.) Folgte man einer solchen Auffassung, wäre es, so Mill, äußerst schwer, die Grenze der politischen Ökonomie zu bestimmen. (John Stuart Mill: Essays on some Unsettled Questions of Political Economy. London 1844. S. 127.)
  • [7]Im Ökonomischen Manuskript 1861–1863 heißt es: „die eigentlich wissenschaftliche Grundlage der grossen Industrie“ sei die Mechanik, „die im 18t Jahrhundert gewissermaassen vollendet war. Erst im 19t, speziell in den späten Jahrzehnten entwickeln sich die Wissenschaften, die direkt in höherm Grade spezifische Grundlagen für die Agricultur als für die Industrie sind – Chemie, Geologie und Physiologie.“ (MEGA II/3. S. 762.) Und kurz darauf schrieb Marx im Manuskript zum dritten Buch des „Kapital“, die relative Rückständigkeit der Agrikultur ließe „sich schon aus der frühern und raschern Entwicklung der mechanischen Wissenschaften (und namentlich ihrer Anwendung) verglichen mit der spätern und zum Theil ganz jungen Entwicklung der Chemie, Geologie, und Physiologie (und namentlich wieder in ihrer Anwendung auf die Agricultur) erklären.“ (MEGA II/4.2. S. 702.)
  • [8]Marx schrieb bereits in den „Grundrissen“ (1857/1858), dass Ricardos Theorie der Grundrente „auf dem historischen Mißverhältniß zwischen der Entwicklung der Industrie und Agricultur beruht“ und es „komisch“ gewesen sei, „daß Ricardo, Malthus etc zu einer Zeit wo die physiologische Chemie kaum noch existirte, allgemeine, ewige Gesetze“ über die Agrikultur aufstellten (MEGA II/1. S. 625). Und weiter: „Daß aber das physiologische Postulat von Ricardo als allgemeines Gesetz ausgedrückt, falsch ist, hat die moderne Chemie bewiesen.“ (MEGA II/1. S. 627.) Auch im Manuskript zum dritten Buch des „Kapital“ ist die Rede von den „wirklichen naturgemässen Ursachen der Erschöpfung des Bodens, die übrigens sämmtlichen Oekonomen, die über die Differentialrente geschrieben haben, natürlich unbekannt waren, wegen des Zustands der Agriculturchemie zu ihrer Zeit“ (MEGA II/4.2. S. 723).
  • [9]An Engels schrieb er am 4. Juli 1864: „In dieser Zeit, wo ich ganz arbeitsunfähig, gelesen: Carpenter, Physiologie, Lord ditto, Kölliker Gewebelehre, Spurzheim, Anatomie des Hirns u. Nervensystems, Schwann u. Schleiden über die Zellenscheisse. In der Popular Physiology v. Lord gute Kritik der Phrenologie, obgleich der Kerl religiös. Eine Stelle erinnert an Hegel’s Phänomenologie […] So wahrscheinlich, daß ich in den Nebenstunden jezt viel Anatomie u. Physiology treiben, ausserdem Vorlesungen (wo das Zeug ad oculos demonstrirt u. secirt wird) besuchen werde.“ (MEGA III/12. Br. 375.32–47.) – Tatsächlich besuchte Marx regelmäßig naturwissenschaftliche Vorträge, etwa von John Tyndall, August Wilhelm von Hofmann und Thomas Henry Huxley, wie u. a. die Erinnerungen von Jenny Marx, Friedrich Leßner und Wilhelm Liebknecht bezeugen (siehe MEGA IV/18. S. 850).
  • [10]„Die Entwicklung der negativen Seite der modernen Agrikultur, vom naturwissenschaftlichen Standpunkt, ist eins der unsterblichen Verdienste Liebig’s.“ (MEGA II/5. S. 410.)
  • [11]Siehe auch Kugelmann an Marx, 30. Juli und 1. August 1871: „Ist demnach Unwissenheit des Proletariats in Bezug auf Physiologie u. Pathologie der modernen Gesellschaft Ursache seiner Knechtung, so muß theoretische Aufklärung der nothwendige Vorläufer einer exacten u. sicheren Therapie sein.“
  • [12]Daher versicherte Marx ihm in dem bereits zitierten Brief vom 4. Juli 1864, in dem er über seine eigenen physiologischen Lektüren informierte: „Du weißt daß alles 1) bei mir spät kommt, u. 2) ich immer in Deinen Fußtapfen nachfolge.“ (MEGA III/12. Br. 375.44–45.)
  • [13]Er ließ Engels am 31. August 1864 wissen, jener habe eine „angeborne Anlage zur Fadaise, obgleich er in Folge eines Mißverständnisses die Zelle entdeckt hat“ (MEGA III/12. Br. 402.31–33).
  • [14]Daniels erklärte Marx am 25. März 1851: „Der Hauptpunkt meiner Arbeit ist die physiologische Darstellung des Handelns. Indem ich dieses auf die in der Physiologie gesetzmäßig erkannten Reflexbewegungen zurückführte und einem allgemeinen Gesetze subsummirte, versuchte ich es zu erklären.“ (MEGA III/4. S. 336.16–19.)
  • [15]Siehe Roland Daniels an Marx, 5. April 1851: „Bei mir handelt es sich um das Zustandekommen der Begriffe überhaupt, rein physiologisch betrachtet, ich versuche die Wissenschaft von der Philosophie zu befreien, und da bietet sich mir kein andrer Uebergangspunkt dar, als Feuerbach.“ (MEGA III/4. S. 345.) Daniel an Marx, 24. April 1851: „Nur die Naturwissenschaften können die Welt befreien. Die furchtbare Vernachlässigung derselben auf Schulen ist vollkommen bewußt machiavellistisch.“ (MEGA III/4. S. 363.)
  • [16]Wilhelm Liebknecht überlieferte Marx am 18. März 1865 Langes Worte, dieser sei zu seinen Ansichten „wie Marx von der Philosophie aus gelangt, dagegen liegen meine spätern Studien weniger auf dem Gebiet der eigentlichen Ökonomie, als vielmehr auf dem [sic] Gebieten der Physiologie, Anthropologie und der Statistik, insbesondre der Bevölkerungslehre und Moralstatistik.“ (MEGA III/13. Br. 190.13–17.)
  • [17]Daniel’son las sogar Rankes „Grundzüge der Physiologie des Menschen“ und diskutierte das Buch mit Engels (siehe Entstehung und Überlieferung).
  • [18]Marx an Engels, 7. Dezember 1873. (IISG, Marx-Engels-Nachlass, Sign. L 4690.)
  • [19]Engels hielt noch 1894 die kontinentale Anatomie, Physiologie, Pathologie für der englischen überlegen (MEGA III/30. Br. 339.60–62).
  • [20]Ranke schrieb rückblickend über Liebig: „Seine klare, durch keine vorgefaßte Meinung getrübte Aufassung der Natur und ihrer Vorgänge, die absolute Abkehr von unbewiesener und nicht zu beweisender Theorie in der Naturbetrachtung ist mir für mein ganzes Leben und Forschen Vorbild und Richtschnur geblieben.“ (Zitiert nach Ferdinand Birkner: Johannes Ranke als Forscher. In: Hochland. Monatsschrift für alle Gebiete des Wissens, der Literatur und Kunst. Hrsg. von Karl Muth. Jg. 14. Okt. 1916 – März 1917. Bd. 1. S. 85–97, hier: S. 85.)
  • [21]Später war Ranke hauptsächlich auf den Gebieten der Anthropologie und Frühgeschichte tätig, er wurde 1886 zum ersten ordentlichen Professor für Anthropologie in Deutschland an die Universität München berufen. Als Anthropologe wandte er sich gegen die Rassenlehre von Arthur de Gobineau und Houston Stewart Chamberlain. (Siehe Ferdinand Birkner: Johannes Ranke als Forscher. In: Hochland. Monatsschrift für alle Gebiete des Wissens, der Literatur und Kunst. Hrsg. von Karl Muth. Jg. 14. Okt. 1916 – März 1917. Bd. 1. S. 85–97, hier: S. 94–96; Armin Geus: Johannes Ranke (1836–1916). Physiologe, Anthropologe und Prähistoriker. Marburg 1987. S. 14.)
  • [22]Johannes Ranke: Grundzüge der Physiologie des Menschen mit Rücksicht auf die Gesundheitspflege. Für das praktische Bedürfniss der Ärzte und Studirenden zum Selbststudium bearbeitet. 3. umgearb. Aufl. Leipzig 1875. S. V.
  • [23]Auch als Marx das (nach bisherigem Kenntnisstand) einzige Mal brieflich auf Ranke zu sprechen kam, blieb undeutlich, ob es ihm dabei um eine Wiederaufnahme naturwissenschaftlicher Studien ging oder er bei Ranke womöglich Hinweise zur ärztlichen Behandlung oder „Gesundheitspflege“ einholen wollte. Am 23. Dezember 1882, wenige Wochen vor seinem Tod, erbat Marx von seiner Tochter Eleanor u. a. die „Grundzüge der Physiologie“: „Bring mir nur die eine Physiologie, die von Rank (oder Ranke weiss ich nicht)“ (RGASPI, Sign. f. 1, o. 1, d. 6128). Er selbst befand sich zu dieser Zeit auf Kur in Ventnor (Isle of Wight), während seine Tochter Jenny schwer krank in Argenteuil lag, wo sie kurz darauf versterben sollte.
  • [24]Siehe z. B. den Brief an Engels, 18. November 1868, wo Marx sich wie folgt über Ludwig Büchners „Sechs Vorlesungen über die Darwin’sche Theorie von der Verwandlung der Arten …“ (Leipzig 1868) äußerte: „Danach ist die Zelle als Urform aufgegeben, dagegen formlose, aber contractile Eiweißklümpchen als starting point. Diese Hypothese später bestätigt durch die Fünde in Kanada. (später auch in Baiern u. some other places) Die Urform muß natürlich bis zu einem Punkt herunter verfolgt werden, wo sie chemisch fabricirbar ist. Und dem scheint man auf dem Sprung.“ – Siehe auch Marx’ Brief an Pjotr Lavrovič Lavrov vom 18. Juni 1875, dem Marx auf Französisch die folgende „wichtige Neuigkeit“ überbrachte: „Dem Physiologen Traube in Berlin ist es gelungen, künstliche Zellen herzustellen. Allerdings sind das noch keine natürlichen Zellen: sie haben keinen Kern. Durch Mischen kolloidaler Lösungen, z. B. von Gelatine mit Kupfersulfat usw. erhält man von einer Membran umgebene Klümpchen, die man durch Intussuszeption zum Wachsen bringen kann. Damit hat die Bildung von Membranen und das Wachstum von Zellen das Reich der Hypothesen verlassen. Damit ist ein großer Schritt getan, der um so gelegener kam, als Helmholtz und andere im besten Zuge waren, die absurde Doktrin zu verbreiten, daß die Keime des irdischen Lebens fertig vom Mond herunterfallen, d. h. daß sie durch Meteore zu uns gebracht worden seien. Ich verabscheue derartige Erklärungen, die ein Problem lösen, indem sie es in eine andere Sphäre verweisen.“ (MEW. Bd. 34. S. 145.)
  • [25]Ehe sie die Passage strichen, hatten Marx und Engels in den Manuskripten zur „Deutschen Ideologie“ zunächst geschrieben: „Wir kennen nur eine einzige Wissenschaft, die Wissenschaft der Geschichte. Die Geschichte kann von zwei Seiten aus betrachtet, in die Geschichte der Natur & die Geschichte der Menschen abgetheilt werden. Beide Seiten sind indeß nicht zu trennen; solange Menschen existiren, bedingen sich Geschichte der Natur & Geschichte der Menschen gegenseitig.“ (MEGA I/5. S. 824. Var. 8.6–7.)
  • [26]Siehe auch Anneliese Griese: Die naturwissenschaftlichen Studien von Marx. Versuch ihrer Einordnung in die Wissenschaftsentwicklung des 19. Jahrhunderts. In: Interaktionen zwischen Philosophie und empirischen Wissenschaften. Hrsg. von Hans Jörg Sandkühler. Frankfurt a. M. u. a. 1995. S. 263–287.
  • [27]Siehe z. B. Johannes Ranke: Untersuchung über die chemischen Bedingungen der Ermüdung des Muskels. In: Archiv für Anatomie, Physiologie und wissenschaftliche Medicin. Leipzig 1863. S. 422–450.
  • [28]„Die Arbeitskraft verwirklicht sich jedoch nur durch ihre Aeußerung, bethätigt sich nur in der Arbeit. Durch ihre Bethätigung, die Arbeit, wird aber ein bestimmtes Quantum von menschlichem Muskel, Nerv, Hirn u. s. w. verausgabt, das wieder ersetzt werden muß. Diese vermehrte Ausgabe bedingt eine vermehrte Einnahme.“ (MEGA II/5. S. 123.)
  • [29]In der französischen Ausgabe des „Kapital“ ist „rein-physisch“ mit „physiologique“ übersetzt und entsprechend „la limite physiologique extrême de la journée de travail“ gedruckt (MEGA II/7. S. 221).
  • [30]Noch in der „Kritik des Gothaer Programms“ (1875) forderte er für Deutschland die Einsetzung von Fabrikinspektoren, die gerichtlich absetzbar sein und „dem ärztlichen Stand angehören müssen“ (MEGA I/25. S. 25).

Zitiervorschlag

Timm Graßmann: Einführung zu MEGA IV/23. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital, Bd. IV/23, hg. v. der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://megadigital.bbaw.de/M1212651. Abgerufen am 08.08.2026.