| Hannover, 27. April 1871

Mein lieber Marx!

 Siehe L. und F. Kugelmann an Marx, 5.4.1871.
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Als ich Dir in den ersten Tagen d. Mts schrieb
, daß die jetzige pariser Bewegung mich an die Kleinbürgerlichkeiten von 1848–49 erinnerte, stand ich unter dem Eindrucke, des anfänglichen, anscheinend demonstrativen Charakters der Bewegung. Dazu kamen Namen wie Pyat, Victor Hugo etc, die bei mir, der ich nur bürgerliche Zeitungen zu Gesicht bekomme u. nicht wie Du genauer unterrichtet bin, wohl solche Befürchtungen erregen konnte. – Wenn ich in  L. Kugelmann an Marx, 15.4.1871.
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meinem letzten Briefe
an die Stellen des „18. Brumaire“ pag. 32 erinnerte, wo Du in so klarer Weise den Kleinbürgern vorwirfst, daß sie den Mißerfolg ihrer Unternehmungen herleiten von „verderblichen Sophisten –––, oder die Armee war zu verthiert –––, oder an einem Detail der Ausführung ist das Ganze gescheitert, oder aber ein unvorhergesehener Zufall hat diesmal die Partie vereitelt.“ so bezog sich das auf  Marx an L. Kugelmann, 12.4.1871.
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Deinen vorletzten Brief
, worin Du sagst: „Wenn sie unterliegen, so ist nichts daran Schuld als ihre „Gutmüthigkeit“ etc. – Ich dachte mir nämlich, daß nach den Erfahrungen der letzten 23 Jahre, das französische Proletariat über das, was es von den Classen, welche jetzt in Versailles repräsentirt sind, zu erwarten habe nicht einen Augenblick im Zweifel sein könnte, daß, wenn das pariser Proletariat mit Bewußtsein die militärisch-büreaucratische Regierungsmaschine zerbrechen wolle, es dies aussprechen müsse (was erst in den letzten Tagen einigermaßen geschehen), daß das unbedingt Nothwendige dieser Handlungsweise, die meisten französischen Städte mindestens zu Kundgebungen für die pariser Forderungen veranlassen müßte, daß man dem Landvolk in einer Proclamation die Identität der Interessen (Abhängigkeit vom Wucher, Unfähigkeit irgend einer bürgerlichen Regierungsform ihre |2 Lage zu verbessern) vor Augen führen mußte etc. etc. Statt dessen scheint die pariser Commüne in den ersten Wochen in der That sich nur für den Besitz ihrer Waffen zu schlagen. – Du wirst es besser wissen wie ich, ob die Pariser sich im Anfang für bewußte, allgemeine Ziele erhoben haben. Mir schien es nur aus empörtem Gefühle über die angesonnene Entwaffnung, nach Monate langem heroischem Kampfe gegen die Deutschen, gegen Hunger u. Elend hervorgegangen zu sein. – Ich glaubte, daß man bei einer revolutionairen Erhebung, so gut wie bei jeder anderen Action sich dessen bewußt sein müsse, was man wolle, daß man durchs ganze Land eine Organisation, wenigstens so weit haben müsse, daß eine, gemeinsame Interessen verfolgende Erhebung in Paris nicht so vereinzelt dastehe, daß die ganze Wucht der herrschenden Klassen sich gegen diese concentriren könne. – Ich schloß ferner, daß, da Paris außer in untergeordneten Insurrectionen, wie in Marseille etc factisch isolirt sei, es selbst kein klares Ziel verfolge, daher auch weiter kein Interesse im Lande u. in den Städten zu erregen fähig sei. – Nachdem die Commüne ihre Forderungen aufgestellt, hat sich allerdings das Bild verändert u. sowohl in den, anscheinnend mit der Commüne nicht identischen Kreisen in Paris, sowie in Lyon u. andern Städten fängt man an, diesen Forderungen mehr oder minder Stütze zu geben. Hinsichtlich der Klarheit der Ziele, war ich der Ansicht, daß diese einstweilen von der Vollendung u. Popularisirung Deiner großen öconomischen Arbeit abhänge. Auch heute bin ich geneigt anzunehmen, daß das sachgemäßere Auftreten der Commüne den Impuls von einem Kopfe empfangen hat, der nicht im Bereiche dieser Körperschaft steckt u. dessen Einfluß sich erst in einem späteren Stadium geltend gemacht hat. –

Mein Befinden ist kein sonderliches, ich weiß deshalb nicht ob ich mich Dir deutlich gemacht habe. Vielleicht langweile ich Dich mit dieser Deduction, ich möchte aber wenigstens versuchen den Unwillen den Du gegen mich zu haben scheinst, zu beseitigen.

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28/4

Diesen Brief erhältst Du an einem Tage, an welchem Du vor so u. so viel Jahren der Welt geschenkt wurdest u. an welchem Du vor 4 Jahren, zu meiner Freude hier, den ersten Correcturbogen Deines „Kapital“ erhieltst. – Laß mich Dir meine herzlichsten Glückwünsche darbringen. Möge sich Deine Gesundheit immer mehr befestigen, möge es Dir, den Deinigen u. denen, die Dir werth sind immer gut ergehen u. möge es Dir vergönnt sein, aus dem Zersetzungsprocesse, der jetzt in widerwärtigster Gestalt die Athmosphäre erfüllt, das frische Grün der jungen Saaten hervorgehen zu sehen, die Du, mit Deinem Herzblute getränkt, hineingestreut hast.–

Um Dir eine kleine  Ermunterung (siehe Friedrich Frehse: Wörterbuch zu Fritz Reuter's sämmtlichen Werken. Wismar, Rostock, Ludwigslust 1867. S. 87.
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„Vermünterung“
bei Deinen vielen ernsten Arbeiten zu verschaffen erlaubte ich mir Dir Fritz Reuter’s: „Ut mine Stromtid“ zu schicken. – Es ist, abgesehen von der trefflichen Characteristik u. der dem herrlichen Humor, eine getreue Schilderung der ländlichen Zustände Mecklenburgs vor u. während 1848. –

Bitte lies das Buch. Es wird Dir nicht schwer werden das Idiom zu verstehen, wenn Dir Engels, dem das Plattdeutsche noch von Bremen her bekannt sein wird, einige Seiten vorliest; außerdem habe ich ein  Siehe Erl. oben.
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Wörterbuch
beigelegt. – Bitte, sage mir demnächst mal, wie es Dir gefallen. –

Wie froh bin ich, daß Paul glücklich wieder daheim angekommen ist. – Aus Jennychen’s letzten Brief, den wir dieser Tage empfingen, schließe ich, daß sie jetzt nach Bordeaux gegangen um von dort aus mit Laura in die Pyrenaeen zu reisen. – Hoffentlich verwendet sie die Zeit gewissenhaft zur Kräftigung ihrer Gesundheit. – Ich dachte, | ihr in den Ehlertschen Briefen eine Reiselectüre u. den Almanach zu Notizen für ihre Erlebnisse zu schicken. Leider komme ich wohl zu spät.

Wenn es Dir kein zu großes Opfer ist, so schreibe mir von Zeit zu Zeit, damit ich mal etwas mehr höre u. besser über den Inhalt der Processe aufgeklärt werde, wie es mir sonst möglich ist. –

Auch sei so gut, mir alle Fälle,  Spitzname für Engels. Zur Entstehung von Engels' Spitznamen siehe Jenny Marx (Tochter) an Familie Kugelmann. Samstag, 19. November 1870 („Engels—or as we have now dubbed him "General Staff" ...“).
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Staff’s
Adresse
zu schicken. –

Adieu, mein lieber Freund! Laß bald von Dir hören u. bewahre Deine, mich so hoch beglückende freundliche Gesinnung

Deinem
treu ergebenen
L Kugelmann
Dr.

Deiner l. Frau meine herzlichen Grüße. –

 Die Beilage ist unter der Signatur des Archivs nicht überliefert.
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Den Bericht der „Akademie der Wissensch. in Wien“
legte ich wegen des Vortrags von Rokitansky „Der selbstständige Werth des Wissens“ bei. Der erste Theil wird Dich vielleicht interessiren, wegen der politisch-öconomischen Vergleiche, die er mit Vorliebe anzuwenden scheint. Den Spiritualismus des 2. Thls muß man dem Meridian der Wiener Universität zu gut halten. Sieh Dir darin auch den Aufsatz von Arneth über Marie Antoinette an. –

Ich finde nicht mehr Zeit Jennychen zu schreiben. Sei so gut u. sende ihr meine Glückwünsche zu ihrem Geburtstage u. vielleicht gelegentlich die Bücher. –

Folgender Abschnitt geschrieben von Franzisca Kugelmann

Herzlichen Gruß und Glückwunsch, lieber Mohr und liebes Jennichen,

von
Eurem
Fränzchen.
Folgender Abschnitt geschrieben von Gertrud Kugelmann

Herzlichste Grüße und Glückwünsche und, sollte Jenny noch nicht abgereist sein, ihr besten Dank für ihren lieben Brief. Wohin kann ich ihr meine Antwort senden? Für heute nochmals „Vivat hoch“ Ihnen, / lieber Herr Marx u. Jenny und Ihnen allesammt die besten Grüße

von
Ihrer
Gertrud K. /

Zeugenbeschreibung und Überlieferung

Zeugenbeschreibung

Soweit aus der Fotokopie zu ersehen ist, besteht der Brief aus einem Bogen weißem Papier. L. Kugelmann hat drei Seiten vollständig und die letzte zu drei Vierteln beschrieben. Der Absatz „Ich finde nicht mehr Zeit ... die Bücher. –“ steht in der Mitte zwischen Kugelmanns Unterschrift und den Grüßen an Marx’ Frau quer geschrieben. Die Zeilen von F. und G. Kugelmann sind darunter, im unteren Viertel der letzten Seite notiert, die letzten zwei Zeilen („lieber Herr Marx und Jenny ... von Ihrer Gertrud K.“) dabei quer am linken Rand der Seite. Schreibmaterial: schwarze Tinte.

Von Kugelmanns Hand: Anstreichung am Blattrand.

Von unbekannter Hand: Nummerierung der beschriebenen Seiten mit Bleistift: „95a–d“.

 

Zitiervorschlag

Louis, Franziska und Gertrud Kugelmann an Karl Marx in London. Hannover, Donnerstag, 27., und Freitag, 28. April 1871. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital, hg. v. der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://megadigital.bbaw.de/M6179968. Abgerufen am 25.09.2026.

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