| Hannover, 5. April 1871.

Mein hochverehrter, lieber Freund!

 Marx an L. Kugelmann, 4.2.1871.
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Seit länger als 2 Monaten habe ich nichts von Dir gehört
, außer von dem lieben Jennychen kürzlich, daß Du den alten, abscheulichen Husten immer noch nicht los bist. – Du mußt wirklich etwas Ordentliches dagegen unternehmen, damit Du später nicht ernstlich dadurch gefährdet wirst. – Ob Jennychens Ansicht, sie u Tussy in die Pyrenaeen zu begleiten richtig ist, weiß ich nicht, weil Leberaffectionen eigentlich kein warmes Klima vertragen. An diese Complication muß man bei Dir immer denken. – Wie ich mir Dein Befinden vorstelle scheint mir in der warmen Jahreszeit (Juni–August) eine Cur in Marienbad (2000’ hoch), oder eine Molkencur, an irgend einem geschützten Orte in den Alpen, aber einige Tausend Fuß hoch gelegen, am besten beiden Indicationen zu entsprechen. Ist der Catarrh dann noch nicht ganz geschwunden, dann würde ich Dir die Inhalationen in Inselbad bei Paderborn empfehlen, die von eminenter Wirkung sind. – Sprich doch mal mit einem tüchtigen Arzte dort u. frage den mal, was er zu diesen Vorschlägen meint. Im Sommer 1868 hatte auch ich mir einen Catarrh zugezogen, der 4 Monat anhielt. Nach einer Luftveränderung von nur kurzer Dauer (14 Tage in Dresden zur Naturforscher-Versammlung u. einige Tage in der sächsischen Schweiz) verschwand derselbe völlig. – Jedenfalls erwarte ich Dich u. Jennychen im Laufe des Jahres hier zu sehen. – Ich werde dieses Jahr nicht nach Karlsbad gehen, ich bin so reducirt, daß ich schon seit |2 mehreren Wochen (mit günstigem Erfolge) Eisen nehme. (Augenblicklich habe ich wieder eine sehr vielfällige Furunkeleruption) Ich denke meine Erholungsreise (Mitte August–Mitte Sept.) nach Tyrol zu machen, würde mich sehr freuen, wenn das in Deiner lieben Gesellschaft sein könnte, aber ich möchte doch nicht, daß Du Deine „Regenerationscur“ so lange aufschöbest. Am Besten ist es Du disponirst für den Juni u. bleibst dann hinterher noch einige Wochen bei uns „zur Nachcur“. Laß Alles liegen u. stehen, lieber Freund, u. sorge, so lange es noch Zeit ist, daß Du wieder ganz gesund wirst. Du weißt wie nothwendig Deine wissenschaftlichen Arbeiten für die Welt überhaupt u. Deine Thätigkeit für die Internat. in’s Besondere sind, deshalb erhalte Dich dafür – u. ein klein Bischen auch für uns. – Ich kann mir denken, wie unbequem es Dir ist, wenn ich Dich jedes Mal so medicinisch  Siehe „anduften“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Neubearbeitung (1965–2018), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb2/anduften>, abgerufen am 15.04.2024.
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andufte
, aber es hilft Alles nichts:  Wortspiel zu dem Cato dem Älteren (234–149 v. Chr.) zugeschriebenen Ausspruch: Ceterum censeo Carthaginem esse delendam („Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden muss“).
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Ceterum censeo … catarrhum esse delendam.
–

Die gegenwärtige pariser Insurrection scheint mir eine durchaus verfehlte zu sein, die wiederum der Internationalen zur Last gelegt werden wird, obgleich dieselbe, dem Anscheine nach keine hervorragende Rolle darin spielt. Was man dort treibt scheint mir sehr den Character der Kleinbürger von 1848 ff. zu tragen. Anstatt sich zu organisiren u. der Regierung gegenüber  Siehe „Posto“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Posto>, abgerufen am 15.04.2024.
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Posto zu fassen
, in den großen Städten Einfluß in der Verwaltung zu gewinnen, provocirt man, durch eine das Land verletzende Dictatur eine Niederlage, die eine energische Reaction auf dem ganzen Continent zur Folge haben wird. – Stellt Paris sich dem Lande (den Bauern) gegenüber |3 so muß es der Landbevölkerung erliegen. – Eine Umgestaltung der Productionsweise ist von den unklaren Franzosen wohl nicht zu erwarten, kann auch von einem Volke allein nicht vollführt werden. – Hätte Frankreich aber auch die Stellung, welche England in der bürgerl. Gesellschaft einnimmt, so könnte es, wie 1789 seine Umgestaltung nur durch einen glücklich durchgeführten Weltkrieg befestigen u. wie wäre daran jetzt zu denken. – Das continentale Proletariat steht eben noch in den Kinderschuhen u. das Bürgerthum hat noch viel in „Organisation der Arbeit“ zu leisten, ehe es seinen Gegensatz vollkommen entwickelt hat. – Allerdings werden die Folgen dieses Krieges die Entwicklung beschleunigen, in Deutschland die bürgerlich-öconomische, in Frankreich durch commercielle Krisen die Schärfung der Gegensätze beschleunigen. – Bitte, sage mir, was Du hierüber denkst. –

Am vorigen Sonntag hat eine von 1500 Mann besuchte Arbeiterversammlung eine sympathische Adresse an die pariser Arbeiter beschlossen. – Heute war einer der Sprecher bei mir, um sich zu erkundigen, wie man die Adresse wohl befördere. – Der Mann war mir bis dahin unbekannt. Er wußte, daß ich mit Dir befreundet u. fragte mich, ob Du die Adresse wohl befördern würdest. Ich sagte ihm, für Mitglieder der Internat., würdest Du die Adresse (als Secret. f. Deutschland) wohl annehmen, ob befördern wüßte ich nicht. Da die Versammelten indeß nicht Mitglieder der Intern., sondern des Allg. Deutsch. Arbeitervereins, so müßten sie wohl erst der Internat. | beitreten.–

Menke in Hamburg unterhandelt wieder wegen eines Auftrags für Gewehre für die russische Regierung. Außerdem läßt Rußland durch einen militärischen Agenten stark Gewehre in Amerika ankaufen. – Man scheint demnach Eile zu haben. –

„Die Zukunft“ ist eingegangen u. nicht viel daran verloren. Der Redaction fehlte die öconomische Anschauung.  Die Beilage unter der Signatur nicht überliefert.
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Die schwächliche letzte No anbei
. – Ich lese jetzt die „Frankfurter Zeitung“ (Eigenthümer Leop. Sonnemann), die ich Dir für etwaige Veröffentlichungen empfehle. Außer in Frankfurt a/M. existirt meines Wissens in ganz Norddeutschland keine „democratische“ Ztg.

Es ist gleich Mitternacht, deshalb good bye, mein lieber Freund, mit herzlichen Grüßen an Deine Damen

Dein
LKugelmann
Dr

A propos! Kürzlich erzählte mir ein Herr aus Manchester, Engels sei ganz nach London übergesiedelt. Ist dem so?

Folgender Abschnitt geschrieben von Franzisca Kugelmann

Lieber Mohr, komm doch bald mal wieder zu uns, wir wollen Dich auch tüchtig pusseln, und ich kann Dir die Geigenseelen(?)geschichte noch ganz ordentlich erzählen, obgleich ich die Namen vergessen habe, doch ich weiß daß der Eine mit einem J anfängt. Sei  Der Ostersonntag fiel 1871 auf den 9. April.
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Ostern
recht vergnügt, lieber Mohr, grüße Jenny und Tussy herzlich von mir und nimm einen tüchtigen Bartzupf von deinem Käuzchen.

Zeugenbeschreibung und Überlieferung

Zeugenbeschreibung

Soweit aus der Fotokopie zu ersehen ist, besteht der Brief aus einem Bogen stark vergilbtem Papier. L. Kugelmann hat drei Seiten vollständig, die letzte zu drei Vierteln beschrieben. F. Kugelmanns Zeilen sind darunter im unteren Viertel der letzten Seite notiert. Schreibmaterial: schwarze Tinte.

Von unbekannter Hand: Unterstreichung der Datumszeile mit Blaustift; Nummerierung von allen beschriebenen Seiten mit Bleistift: „93a–d“.

 

Zitiervorschlag

Louis und Franziska Kugelmann an Karl Marx in London. Hannover, Mittwoch, 5. April 1871. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital, hg. v. der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://megadigital.bbaw.de/M6220384. Abgerufen am 26.09.2026.

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