| 14 Duke Street
Portland
Place
W.
Bürger Marx!
Einliegend übersende ich Ihnen einen Brief den wir von Pest erhalten haben, woraus Sie ersehen werden das die dort sich befindenden Arbeiter, obgleich der Strike beendet, dennoch in einer sehr drückenden Lage sind; und das 49 von Ihnen in der Gefangenschaft schmachten, die Anwesenden fremden von der Polizei fortgeschaft wurden und der noch übrige theil aus furcht wieder anfing zu arbeiten das ferner eine anzahl von den gefangenen Familien Väter sind deren Weiber und Kinder sie zu unterstützen haben und ein gewißes devecit übrig blieb zu zahlen und uns daher ersuchen Ihnen jede wo mögliche unterstützung zu gewähren, und zu diesen Zweck wurde auch eigentlich das Geld für sie gesammelt.
|Um nun auf das Geld selbst wieder zurükzukommen muß ich Ihnen mittheilen das es mir wirklich außer ordentlich leid thut das es für Sie so manche unannehmlichkeiten hervorgebracht hat die ich leider nicht voraussehen konte und die ich Sie bitte mir zu entschuldigen, die aber, wie ich aus Ihren Schreiben zu sehen glaube, wahrscheinlich in der vergeßenheit unsers Bürger Lessners ihren ursprung haben, indem er Ihnen nicht, wie glaube, die sache vollkommen mittheilte wie sie wahr; und ich muß Ihnen daher, sowohl für meine wie Ihre Rechtfertigung die sache mit kurzen worten erklären.
Nemlich als wir das Geld durch Listen auf den Werkstellen und in andern wie auch in unsern Verein gesamelt hatten, wurde es mir, (mit den auftrag es so schnell und billig als möglich nach Pest zu besorgen) übergeben, da ich nun aber mit diesen Geldschiken angelegenheiten schlecht-bewandert bin so dachte ich an Sie und sagte zu Leßner, Du glaubst Du das Bürger Marx mir den gefallen thun würde und dieses Geld für mich im namen des Vereins nach Pest schicken? Gewiß, sagte er, und händigte Ihn hierauf das Geld und den Brief mit der Adresse ein.
| Was ich nun denke, ist das Leßner Ihnen dieses nicht gesagt hat und Sie daher natürlicherweise glaubten es sei Ihnen vom Verein aus zugesandt was, wie Sie aus vorhergehenden sehn nicht der fall wahr, ich daher bin also dem Verein gegenüber den verantwortliche dafür, und der Verein verlangt nun von mir (und zwar nicht mit unrecht) das ich das geld wiederschaffe, Sie sehn nun hieraus in welcher lage ich selber dadurch gekomme bin und bitte Sie nun mir doch dieses sobald als möglich durch ein P.O.O. zahlbar in Great Portland St. zuzusenden damit die Leute im Verein es selbst abschiken können an wem Sie wollen; schließlich noch eine kleine bemerkung wegen Ihres austrits ich hoffe das nicht etwa eine Beleidigung von mir, (die von mir unbewußter hätte geschehen könne) Ihnen zu diesem schritte bewogen hat, sollte dieses jedoch der fall sein so bitte mir zu Entschuldigen und hoffe das Sie nach wie vor sich an unsern Verein betheiligen werden und Sie um baldige antwort, bittend verbleibe.
IhrAchtungsvoll
Theodore Koll.
P. S.
Bitte schicken Sie mir doch den einligenden wieder mit zurück
Zeugenbeschreibung und Überlieferung
Dieser Brief wird hier erstmals veröffentlicht.
Zeugenbeschreibung
Soweit aus der Fotokopie zu ersehen ist, besteht der Brief aus einem Bogen weißem Papier. Koll hat drei Seiten vollständig beschrieben, die vierte Seite blieb leer. Schreibmaterial: schwarze Tinte.
Archivsignatur des Moskauer Marx-Engels-Instituts (IMĖ) auf allen beschriebenen Seiten mit Bleistift: „Rj 363a–c“.
Die Schreibweise wurde im nicht berichtigt.
Anmerkungen zum Brief
Zur Datierung: Die Datierung ergibt sich aus dem vorausgegangenen Brief von Marx an Th. Koll, 10.8.1871. Zum Vorgang siehe auch F. Leßner an Marx, 8.8.1871 und F. Czilinsky und Chr. Winand an Marx, 15.8.1871.
Zitiervorschlag
Theodor Koll an Karl Marx in London. London, frühestens Donnerstag, 10. August 1871. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital, hg. v. der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://megadigital.bbaw.de/M4501994. Abgerufen am 25.09.2026.