| Hannover 29. Juni 1870

Mein lieber Marx!

In Deinem heutigen Briefe erfreut mich seit langer Zeit wieder ein fröhlicherer Ton, den ich so lange schmerzlich in Deinen seltenen Mittheilungen vermißte. Deine bessere Stimmung ist unzweifelhaft das Resultat deiner 4wöchentlichen Ausspannung.

Im Übrigen hat mir Dein Brief — abgesehen von den, auf Deine Beurtheiler bezüglichen Stellen — wirklich mit Schrecken erfüllt. — Du gestehst, daß Du fast den ganzen Winter krank gewesen u. stellst Deine, so unbedingt nothwendige Karlsbader Cur, so sehr in Frage, als ob es sich um eine Bagatelle handle. Deine gestörte Verdauung, Deine Leberaffection, Deine Carbunculose, alles das macht die Cur in Karlsbad absolut nothwendig, wenn Du das Übel nicht bis zu einem Grade einreißen lassen willst, daß später, wenn erst ausgedehnte Gewebsveränderungen der Leber vorhanden, gar nichts mehr hilft. Muß ich Dir erst nachweisen, daß Deine Krankheiten Dir kostspieliger sind, als die Reise nach Karlsbad? Glaubst Du mit schlechten Witzen über Ärzte die Zerstörung einer Existenz aufhalten zu können, die nicht nur der Stolz u. das Glück derer ausmacht, die ihr nahe stehen, sondern für die Zukunft der Menschheit von unberechenbarer Wichtigkeit ist?

Die Karlsbader Cur kostete mir im vorigen Jahre ca reichstaler 117. Rechne dazu etwa reichstaler 10 für Bäder u. andere Ausgaben, die ich, als Arzt, nicht habe, so hast Du da die Summe, die es Dir ab Hannover kosten würde. — Ich brauche Dir gewiß nicht zu sagen, wie die Freude mit Euch allen zusammen zu sein, seit Ihr uns dies in Aussicht stelltet, tagtäglich von uns im Voraus genossen wurde, könnt Ihr jedoch nicht alle kommen, so bringe mit wen Du kannst, u. kannst Du Niemanden |2 mitbringen, dann komm allein, denn Du mußt.

Ich möchte Dir noch über andere Dinge schreiben, ich bin aber wirklich zu verstimmt dazu, so lange ich nicht von Dir die feste Zusicherung habe, daß Du mit nach Karlsbad gehst; diese letztere erwarte ich nun umgehend. Ich warte noch immer mit der Bestellung des schönen u. billigen Logis bis ich weiß, wie ich mit Dir daran bin u. es wird jetzt Zeit, sonst muß man schlechtere Wohnungen nehmen, kleine Zimmer, was der Gesundheit auch nicht förderlich. —

Theod. Menke aus Hamburg habe ich auch vorlängst, nach langem Widerstreben, mit der Hetzpeitsche nach Karlsbad getrieben, jetzt dankt er mir dafür. —

Nun, lieber, guter Marx, bitte ich Dich flehentlich mir umgehend die erwünschte Nachricht zu geben. — Eine bessere Gesundheit wird Dich hinreichend für die gebrachten Opfer entschädigen. –

Einliegend der Brief von Meissner zurück. — Den Ausschußbericht wirst Du samt (?) Jennychen durch meinen Brief heute Morgen empfangen haben. — Fränzchen grüßt herzlich. —

Deinen Damen herzliche Grüße. –

Nochmals! Thue was für Dich, so lange es noch Zeit u. nimm Dir ein Beispiel an Lupus, wenn die Form in der die Überarbeitung bei ihm zur Erscheinung kam, auch eine andere war.

Gieb recht bald Antwort
Deinem
LKugelmann
Dr


Wenn Sie diesmal wieder, lieber Herr Marx, beim Erblicken meiner Zeilen — wie Sie so freundlich in Ihrem heutigen Briefe sagen — Ihres Aufenthaltes bei uns im vorigen Herbste gedenken, so begegnen Sie meinen jetzigen Gedanken, indem ich heute nur in Erinnerung daran schreibe; aber nicht allein der angenehmen unvergeßlichen Stunden, die mir Ihr und Jennychens Besuch bereitete, sondern auch der ernsten Unterhaltungen, die wir damals über Ihr Befinden führten, deren Resultat Ihr fester Entschluß war, in diesem Jahre eine Cur in Carlsbad zu gebrauchen. Mein Mann hat Ihnen heute schon genug in’s Gewissen geredet und ich spreche nur noch die herzliche Bitte aus die von Ihnen selbst erkannte Nothwendigkeit der Carlsbader Cur nicht hinauszuschieben. Grüßen Sie Jennychen und Ihre andern Lieben herzlichst und lassen Sie sich von Allen zu der so durchaus nöthigen Reise veranlassen. Hoffentlich hören wir bald wann Sie kommen und seien Sie bis dahin herzlichst gegrüßt von

Ihrer
Gertr Kglm.

Zeugenbeschreibung und Überlieferung

Dieser Brief wird hier erstmals veröffentlicht.

Zeugenbeschreibung

Soweit aus der Fotokopie zu ersehen ist, besteht der Brief aus einem Bogen gelblich-weißem Papier. L. Kugelmann hat die erste Seite vollständig, die vierte Seite zu drei Vierteln beschrieben. G. Kugelmanns Zeilen sind darunter und vertikal am linken Rand der vierten Seite notiert. Die zweite und dritte Seite blieben vermutlich leer. Schreibmaterial: schwarze Tinte.

Von unbekannter Hand: Nummerierung des Briefes mit Bleistift: „79a“.

 

Zitiervorschlag

Louis und Gertrud Kugelmann an Karl Marx in London. Hannover, Mittwoch, 29. Juni 1870. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital, hg. v. der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://megadigital.bbaw.de/M1880656. Abgerufen am 23.10.2026.

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