| Französisch Buchholz bei Berlin d. 18/10. 71.
Sehr geehrter Herr!
Im Einverständnisse mit
meinem Freunde Kwaśniewski, dem Empfänger
Marx an G. Kwaśniewski, 29.9.1871. –
curentis.
Schließen Ihres Briefes vom
29.9 cr., will ich Ihnen heute mittheilen, welche
Ansichten von Berliner Parteigenossen bis jetzt zu unserer Kenntniß gekommen
sind in Betreff
jenes
Schreibens u. wie die Mittheilung desselben gewirkt hat.
Zunächst muß ich Ihnen sagen, daß der größte Theil der Berliner Partei-Genossen, ja ich darf wohl behaupten alle, von ungeheurem Erstaunen darüber gefaßt wurde, daß Sie sagen durften: „Auf der Conferenz war Deutschland weder durch Delegirte vertreten, noch durch Berichte, noch durch Geldbeiträge seit Sept. 1869 – Das Verhältniß der deutschen Arbeiterpartei zur Internationalen war bisher ein rein platonisches“. In der That, wir hatten das nicht für möglich gehalten, u. daß es möglich war, kompromittirt uns allerdings. Wir hier in Deutschland, die wir speziell so sehr gegen den Personenkultus ankämpfen, wir ließen uns durch das Vertrauen, das wir in gewisse, sicherlich vertrauenswürdige Männer setzten, zur unverzeihlichsten Nachlässigkeit verleiten.
Dieser Fehler wird nun gut gemacht u. Kw. wendet sich direkt an Sie, damit wir endlich einmal in den Stand gesetzt würden, unsere erloschenen Karten von 1869 erneuern zu können – damit wir wieder de facto u. de jure die Mitgliedschaft der Internationalen erwürben.
Sie antworten, u. Kw. theilt den Inhalt Ihres Schreibens in einer Sitzung des demokratischen Arbeiter-Vereins von Berlin – es war am 9. Oktober – mit. Sofort kamen die Parteigenossen u. meldeten sich zur Mitgliedschaft, ich glaube in jener zur Zeit der Kw.’schen Mittheilung nur noch schwach besuchten Versammlung schon 23 an der Zahl. Man war erfreut, dies thun zu können u. man regte zudem den Gedanken an, in Berlin als Sektion der Internationalen – gerade so wie aller Orten die Mitgliedschaften der soz.-dem. Arb.-Partei – auf Grund des Versammlungsrechts sofort öffentlich aufzutreten, wenn man nur sich im Besitz der Mitgliedschaft durch Statuten u. Marken befinden werde.
Dieser Gedanke findet jedoch auch seine Gegner. So ist Kw. der Ansicht, es sei für Berlin, wo ein so ungeheurer Indifferentismus | gerade die arbeitenden Klassen beherrsche, am wenigsten vortheilhaft, mit einer Voranstellung des internationalen Prinzips in die Oeffentlichkeit zu treten. Kw. glaubt, nur Neugierige u. Zanksüchtige würden in einer derartigen Versammlung unsere Gäste sein u. die Gefahr eines Fiasko sei bedeutend, zumal, wie Kw. meint, die Kräfte der Berliner Sektion in dem alsdann sich entspinnenden Kampfe vielleicht zu schwache sein möchten.
Diese Ansichten, in welchen
Kw. von anderen unterstützt wird, stehen
in scharfem Gegensatze zu den meinigen – u. auch mir pflichten viele der
Berliner Partei-Genossen bei. Diese Letzteren glauben, daß es, um
die
zweifellos vorhandene Gleichgiltigkeit der Berliner
Arbeiterwelt – welche zu brechen übrigens das durch
Wohnungsnoth u. Theurung aller Lebensbedürfnisse seit einem Jahre unendlich
gesteigerte Elend kräftigst mitwirkt – mit einiger Aussicht auf Erfolg zu
bekämpfen gerade nöthig ist, den Hirsch-Duncker u.
Schweitzer-Hasenclever, den Bezirksvereinen u. Vereinen gegen Verarmung u.
Bettelei, den Helden der Volksküchen u. der Asyle für Obdachlose mit dem
schärfsten Gegensatze sich gegenüber zu stellen –– sie glauben, daß, wenn auch
viele Neugierige u. zweifellos eine Anzahl Zanksüchtiger, so doch sicherlich
auch eine bedeutende Menge wirklich Wißbegieriger sich einfinden wird, wenn die
Berliner Mitglieder der Internationalen sich
versammeln. Unzweifelhaft werden wir, besonders bei der ersten derartigen
Versammlung, alle Kräfte zusammenraffen müssen, um allen uns drohenden Gefahren
begegnen zu können. Aber wir haben ja in dieser Beziehung schon Erfahrungen –
wir haben
in
Metzner,
dem Vorsitzenden der Kontroll-Kommission, eine treffliche Kraft für die Leitung
der Sitzung u. in mehr als Einem unserer Mitglieder (wozu unter den Ersten eben
Kw. zählt) gewandte u. tüchtige Vertheidiger unserer Sache. Besonders aber hoffe
ich viel davon, daß die Presse sich nicht wird Siehe: „entschlagen“, bereitgestellt durch das
Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/entschlagen>, abgerufen am
04.11.2024.
Schließen entschlagen können, gleichviel in welchem Sinne, über eine
Sitzung der Berliner Sektion der Intern. zu berichten.
Das System des Todtschweigens hat uns ja schon so viel Abbruch gethan – hier
wird es sich nur schwer durchführen lassen. Dann aber werden solche Referate
überall in deutschen Zeitungen nachgedruckt werden – u. der Besuch, freilich
auch der Eifer der Gegner, ist in einer zweiten Versammlung noch stärker. Den
Gegnern gegenüber würde ein erster Sieg unsere Kräfte, unser Selbstvertrauen
natürlich vermehren – Polizeikniffen haben wir zu begegnen gelernt.
Noch habe ich die Aeußerung eines Berliner Parteigenossen zu berichten, welcher ausführt, daß es vielfach Sache der persönlichen Eitelkeit sein würde, wenn man die Mitgliedschaft der Intern. erwirbt. Diese Ansicht ist berechtigt – mancher möchte | sich mit einem Nimbus umgeben glauben, wenn er Statuten u. Marke vorzeigen kann – aber wir haben, Dank der vielen Verfolgungen, hier stets die Erfahrung gemacht, daß auf die Dauer nur derjenige Stand hielt, welchem es um die Sache selbst zu thun war. Die andere Aeußerung desselben Parteigenossen, daß es genug sei, wenn wir in der soz.-dem. Arb.-Partei unsere volle Schuldigkeit thun, verdient sicher die Entgegnung: daß die Internationale wenigstens beanspruchen darf, aus Deutschland Berichte zu erhalten.
Das ist’s, was ich zu sagen
hatte – ein Bericht über die Lage und Stimmung in Berlin. Von Zeit zu Zeit, wenn
Sie nichts dagegen haben, sollen weitere, eingehendere folgen u. bitte ich Sie
nur, mir zu sagen, was Sie besonders zu erfahren interessirt. Wenn Sie die
Freundlichkeit haben wollten, uns, wo es Ihnen gut scheint oder wo wir Sie
besonders darum ersuchen, Ihre Ansicht mitzutheilen, so
werden wir Ihnen dafür dankbar sein. Vielleicht wäre schon Siehe Marx
an F. Jozewicz, 6.11.1871.
Schließen eine
Entgegnung auf meinen heutigen Brief
vortheilhaft – in Anbetracht daß eine Sektion ihr Leben vor der Oeffentlichkeit
dokumentieren muß, daß aber andererseits auch ein Fiasko zumal in Berlin von
bösen Folgen sein würde. Die von Ihnen versprochenen Marken hatte Kw. bis zum Montag Vormittag, wo ich ihn nach Berlin
begleitete, noch nicht erhalten.
Jozewicz, Schriftsteller,
Französisch Buchholz bei Berlin
(zweiter Schriftführer der Kontroll-Kommission der
sozial-demokratischen Arbeiter-Partei Deutschlands).
Zeugenbeschreibung und Überlieferung
Dieser Brief wird hier erstmals veröffentlicht.
Zeugenbeschreibung
Soweit aus der Fotokopie zu ersehen ist, besteht der Brief aus einem Bogen grauweißem Papier (anscheinend in zwei Blatt getrennt). Jozewicz hat zwei Seiten vollständig, eine dritte zu zwei Dritteln beschrieben; die vierte Seite blieb vermutlich leer. Schreibmaterial: schwarze Tinte.
Archivsignatur des Moskauer Marx-Engels-Instituts (IMĖ) auf allen beschriebenen Seiten mit Bleistift: „Rj 254a–c“ (unleserlich).
Zitiervorschlag
Ferdinand Jozewicz an Karl Marx in London. Französisch Buchholz, Mittwoch, 18. Oktober 1871. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital, hg. v. der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://megadigital.bbaw.de/M0525091. Abgerufen am 08.08.2026.