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    <teiHeader>
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            <titleStmt>
                <title><idno>610</idno>Ferdinand Jozewicz an Karl Marx in London. Französisch
                    Buchholz, Mittwoch, 18. Oktober 1871</title>
                <respStmt resp="contribution" n="project">
                    <persName>
                        <surname>Lindenberg</surname>
                        <forename>Thomas</forename>
                    </persName>
                    <resp ref="https://credit.niso.org/?s=Writing+%E2%80%93+review+%26+editing">Bearbeitung</resp>
                </respStmt>
                <respStmt resp="contribution" n="project">
                    <persName>
                        <surname>Lura</surname>
                        <forename>Caroline</forename>
                    </persName>
                    <resp ref="https://credit.niso.org/?s=Writing+%E2%80%93+review+%26+editing">Bearbeitung</resp>
                </respStmt>
            </titleStmt><editionStmt><p/></editionStmt>
            
            <publicationStmt><publisher><ref target="https://www.bbaw.de">Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften</ref></publisher><pubPlace ref="https://www.geonames.org/2950159">Berlin</pubPlace><availability><licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International (CC BY-SA 4.0)</licence></availability><idno type="URLWeb">https://megadigital.bbaw.de/</idno><idno type="URLXML">https://megadigital.bbaw.de/.xml</idno></publicationStmt>
            <sourceDesc>
                <msDesc rend="manuscript">
                    <msIdentifier>
                        <institution>RGASPI</institution>
                        <idno><idno type="shelfmark">f. 1 op. 1 d. 5612</idno></idno>
                    </msIdentifier>
                    <physDesc>
                        <p>Soweit aus der Fotokopie zu ersehen ist, besteht der Brief aus einem
                            Bogen grauweißem Papier (anscheinend in zwei Blatt getrennt). Jozewicz
                            hat zwei Seiten vollständig, eine dritte zu zwei Dritteln beschrieben;
                            die vierte Seite blieb vermutlich leer. Schreibmaterial: schwarze
                            Tinte.</p>
                        <p>Archivsignatur des Moskauer Marx-Engels-Instituts (IMĖ) auf allen
                            beschriebenen Seiten mit Bleistift: „Rj 254a–c“ (unleserlich).</p>
                    </physDesc>
                </msDesc>
            </sourceDesc>
        </fileDesc>
        <profileDesc><textClass><keywords><term>letter</term></keywords></textClass>
            <correspDesc>
                <correspAction type="sent">
                    <persName ref="https://megadigital.bbaw.de/M7824616">Ferdinand Jozewicz</persName>
                    <placeName ref="https://megadigital.bbaw.de/M3047737 https://www.geonames.org/2942341">Französisch Buchholz</placeName>
                    <date when="1871-10-18"/>
                </correspAction>
                <correspAction type="received">
                    <persName ref="https://megadigital.bbaw.de/M0001374 http://d-nb.info/gnd/118578537">Karl Marx</persName>
                    <placeName ref="https://megadigital.bbaw.de/M0004412 http://www.geonames.org/2643743">London</placeName>
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                <correspContext>
                    <ref type="prev" target="https://megadigital.bbaw.de/M6591582"/>
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    </teiHeader>
    <text><body>
            <div type="writingAct">
                <opener>
                    <dateline sameAs="MBDatumszeile"><pb/> Französisch Buchholz bei Berlin d. 18/10.
                        71.</dateline>
                    <salute sameAs="MBAnrede">Sehr geehrter Herr!</salute>
                </opener>
                <p rend="MBTextOhneEinzug" style="text-align: justify; ">Im Einverständnisse mit
                    meinem Freunde <persName ref="https://megadigital.bbaw.de/M5592037">Kwaśniewski</persName>, dem Empfänger
                        <ref xml:id="f78001c9-6e9b-48ec-8001-c96e9ba8ec94" corresp="#d9f67ca8-6e29-4a16-b67c-a86e290a16a4" type="editorialNote">Ihres Briefes vom
                            29.9 cr.</ref><note xml:id="d9f67ca8-6e29-4a16-b67c-a86e290a16a4" corresp="#f78001c9-6e9b-48ec-8001-c96e9ba8ec94" type="editorial"><ref target="https://megadigital.bbaw.de/M6591582">Marx an G. Kwaśniewski, 29.9.1871</ref>. –
                            curentis. </note>, will ich Ihnen heute mittheilen, welche
                    Ansichten von Berliner Parteigenossen bis jetzt zu unserer Kenntniß gekommen
                    sind in Betreff
                    jenes
                    Schreibens u. wie die Mittheilung desselben gewirkt hat.</p>
                <p rend="MBTextMitEinzug" style="text-align: justify; ">Zunächst muß ich Ihnen
                    sagen, daß der größte Theil der Berliner Partei-Genossen, ja ich darf wohl
                    behaupten alle, von ungeheurem Erstaunen darüber gefaßt wurde, daß Sie sagen
                    durften: „Auf
                    der <expan resp="editor" sameAs="dottet_underline">Conf<ex>erenz</ex></expan>
                    war Deutschland weder durch Delegirte vertreten, <hi rendition="#u">noch durch
                        Berichte</hi>, noch durch Geldbeiträge seit Sept. 1869 – Das Verhältniß der
                    deutschen Arbeiterpartei zur <orgName ref="https://megadigital.bbaw.de/M0004811 https://d-nb.info/gnd/503624-0">Internationalen</orgName>
                    war bisher ein <hi rendition="#u">rein platonisches</hi>“. In
                    der That, wir hatten das nicht für möglich gehalten, u. daß es möglich war,
                    kompromittirt uns allerdings. Wir hier in Deutschland, die wir speziell so sehr
                    gegen den Personenkultus ankämpfen, wir ließen uns durch das Vertrauen, das wir
                    in gewisse, sicherlich vertrauenswürdige Männer setzten, zur unverzeihlichsten
                    Nachlässigkeit verleiten.</p>
                <p rend="MBTextMitEinzug" style="text-align: justify; ">Dieser Fehler wird nun gut
                    gemacht u. <persName ref="https://megadigital.bbaw.de/M5592037">Kw.</persName> wendet sich direkt an Sie,
                    damit wir endlich einmal in den Stand gesetzt würden, unsere erloschenen Karten
                    von 1869 erneuern zu können – damit wir wieder de facto u. de jure die
                    Mitgliedschaft der Internationalen erwürben.</p>
                <p rend="MBTextMitEinzug" style="text-align: justify; ">Sie
                    antworten, u. Kw. theilt den Inhalt Ihres Schreibens in einer
                    Sitzung des <orgName ref="https://megadigital.bbaw.de/M0004633">demokratischen
                        Arbeiter-Vereins</orgName> von Berlin – es war am
                    9. Oktober – mit. Sofort kamen die Parteigenossen u. meldeten sich zur
                    Mitgliedschaft, ich glaube in jener zur Zeit der Kw.’schen Mittheilung nur noch
                    schwach besuchten Versammlung schon 23 an der Zahl. Man war erfreut, dies thun
                    zu können u. man regte zudem den Gedanken an, in Berlin als Sektion der
                    Internationalen – gerade so wie aller Orten die Mitgliedschaften der <orgName ref="https://megadigital.bbaw.de/M8345923">soz.-dem.
                        Arb.-Partei</orgName> – auf Grund des Versammlungsrechts
                    sofort öffentlich aufzutreten, wenn man nur sich im Besitz der Mitgliedschaft
                    durch Statuten u. Marken befinden werde.</p>
                <p rend="MBTextMitEinzug" style="text-align: justify; ">Dieser Gedanke findet jedoch
                    auch seine Gegner. So ist <persName ref="https://megadigital.bbaw.de/M5592037">Kw.</persName> der Ansicht,
                    es sei für Berlin, wo ein so ungeheurer Indifferentismus
                    <pb/> gerade die arbeitenden Klassen beherrsche, am wenigsten vortheilhaft, mit
                    einer Voranstellung des internationalen Prinzips in die Oeffentlichkeit zu
                    treten. Kw. glaubt, nur Neugierige u. Zanksüchtige würden in einer derartigen
                    Versammlung unsere Gäste sein u. die Gefahr eines Fiasko sei bedeutend, zumal,
                    wie Kw. meint, die Kräfte der Berliner Sektion in dem alsdann sich entspinnenden
                    Kampfe vielleicht zu schwache sein möchten.</p>
                <p rend="MBTextMitEinzug" style="text-align: justify; ">Diese Ansichten, in welchen
                        <persName ref="https://megadigital.bbaw.de/M5592037">Kw.</persName> von anderen unterstützt wird, stehen
                    in scharfem Gegensatze zu den meinigen – u. auch mir pflichten viele der
                    Berliner Partei-Genossen bei. Diese Letzteren glauben, daß es, um
                    die
                    zweifellos vorhandene Gleichgiltigkeit der Berliner
                    Arbeiterwelt – welche zu brechen übrigens das durch
                    Wohnungsnoth u. Theurung aller Lebensbedürfnisse seit einem Jahre unendlich
                    gesteigerte Elend kräftigst mitwirkt – mit einiger Aussicht auf Erfolg zu
                    bekämpfen gerade nöthig ist, den <persName ref="https://megadigital.bbaw.de/M0004751 http://d-nb.info/gnd/116905549">Hirsch</persName>-<persName ref="https://megadigital.bbaw.de/M0006427 http://d-nb.info/gnd/116251670"><expan resp="editor" sameAs="dottet_underline">Dun<ex>c</ex>ker</expan></persName> u.
                        <persName ref="https://megadigital.bbaw.de/M0009513 http://d-nb.info/gnd/118760092">Schweitzer</persName>-<persName ref="https://megadigital.bbaw.de/M0007233 http://d-nb.info/gnd/119099411">Hasenclever</persName>, den Bezirksvereinen u. Vereinen gegen Verarmung u.
                    Bettelei, den Helden der Volksküchen u. der Asyle für Obdachlose mit dem
                    schärfsten Gegensatze sich gegenüber zu stellen –– sie glauben, daß, wenn auch
                    viele Neugierige u. zweifellos eine Anzahl Zanksüchtiger, so doch sicherlich
                    auch eine bedeutende Menge wirklich Wißbegieriger sich einfinden wird, wenn die
                        <hi rendition="#u">Berliner Mitglieder der Internationalen</hi> sich
                    versammeln. Unzweifelhaft werden wir, besonders bei der ersten derartigen
                    Versammlung, alle Kräfte zusammenraffen müssen, um allen uns drohenden Gefahren
                    begegnen zu können. Aber wir haben ja in dieser Beziehung schon Erfahrungen –
                    wir haben
                    in
                        <persName ref="https://megadigital.bbaw.de/M0008337 1018937">Metzner</persName>,
                    dem Vorsitzenden der Kontroll-Kommission, eine treffliche Kraft für die Leitung
                    der Sitzung u. in mehr als Einem unserer Mitglieder (wozu unter den Ersten eben
                    Kw. zählt) gewandte u. tüchtige Vertheidiger unserer Sache. Besonders aber hoffe
                    ich viel davon, daß die Presse sich nicht wird <ref xml:id="bb682e4c-6294-4719-a82e-4c6294371928" corresp="#bd5b5a6b-3631-4a2c-9b5a-6b3631ba2c61" type="editorialNote">entschlagen</ref><note xml:id="bd5b5a6b-3631-4a2c-9b5a-6b3631ba2c61" corresp="#bb682e4c-6294-4719-a82e-4c6294371928" type="editorial">Siehe: „entschlagen“, bereitgestellt durch das
                            Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, &lt;<ref target="https://www.dwds.de/wb/entschlagen">https://www.dwds.de/wb/entschlagen</ref>&gt;, abgerufen am
                            04.11.2024.</note> können, gleichviel in welchem Sinne, über eine
                    Sitzung der Berliner Sektion der <hi rendition="#u">Intern</hi>. zu berichten.
                    Das System des Todtschweigens hat uns ja schon so viel Abbruch gethan – hier
                    wird es sich nur schwer durchführen lassen. Dann aber werden solche Referate
                    überall in deutschen Zeitungen nachgedruckt werden – u. der Besuch, freilich
                    auch der Eifer der Gegner, ist in einer zweiten Versammlung noch stärker. Den
                    Gegnern gegenüber würde ein erster Sieg unsere Kräfte, unser Selbstvertrauen
                    natürlich vermehren – Polizeikniffen haben wir zu begegnen gelernt.</p>
                <p rend="MBTextMitEinzug" style="text-align: justify; ">Noch habe ich die Aeußerung
                    eines Berliner Parteigenossen zu berichten, welcher ausführt, daß es vielfach
                    Sache der persönlichen Eitelkeit sein würde, wenn man die Mitgliedschaft der
                    Intern. erwirbt. Diese Ansicht ist berechtigt – mancher möchte <pb/> sich mit
                    einem Nimbus umgeben glauben, wenn er Statuten u. Marke vorzeigen kann – aber
                    wir haben, Dank der vielen Verfolgungen, hier stets die Erfahrung gemacht, daß
                    auf die Dauer nur derjenige Stand hielt, welchem es um die Sache selbst zu thun
                    war. Die andere Aeußerung desselben Parteigenossen, daß es genug sei, wenn wir
                    in der soz.-dem. Arb.-Partei unsere volle Schuldigkeit thun, verdient sicher die
                    Entgegnung: daß die Internationale <hi rendition="#u">wenigstens</hi>
                    beanspruchen darf, aus Deutschland <hi rendition="#u">Berichte</hi> zu
                    erhalten.</p>
                <p rend="MBTextMitEinzug" style="text-align: justify; ">Das ist’s, was ich zu sagen
                    hatte – ein Bericht über die Lage und Stimmung in Berlin. Von Zeit zu Zeit, wenn
                    Sie nichts dagegen haben, sollen weitere, eingehendere folgen u. bitte ich Sie
                    nur, mir zu sagen, was Sie besonders zu erfahren interessirt. Wenn Sie die
                    Freundlichkeit haben wollten, uns, wo es Ihnen gut scheint oder wo wir Sie
                    besonders darum ersuchen, <hi rendition="#u">Ihre</hi> Ansicht mitzutheilen, so
                    werden wir Ihnen dafür dankbar sein. Vielleicht wäre schon <ref xml:id="c671f671-1b59-43a2-b1f6-711b59f3a203" corresp="#ff20f8e4-ee12-4c40-a0f8-e4ee12cc40b6" type="editorialNote">eine
                            Entgegnung auf meinen heutigen Brief</ref><note xml:id="ff20f8e4-ee12-4c40-a0f8-e4ee12cc40b6" corresp="#c671f671-1b59-43a2-b1f6-711b59f3a203" type="editorial">Siehe <ref target="https://megadigital.bbaw.de/M7904013">Marx
                                an F. Jozewicz, 6.11.1871</ref>.</note>
                    vortheilhaft – in Anbetracht daß eine Sektion ihr Leben vor der Oeffentlichkeit
                    dokumentieren muß, daß aber andererseits auch ein Fiasko zumal in Berlin von
                    bösen Folgen sein würde. Die von Ihnen versprochenen Marken hatte <persName ref="https://megadigital.bbaw.de/M5592037">Kw.</persName> bis zum Montag <expan resp="editor" sameAs="dottet_underline">Vorm<ex>ittag</ex></expan>, wo ich ihn nach Berlin
                    begleitete, noch nicht erhalten.</p>
                <closer sameAs="MBUnterschrift"><signed>Mit Achtung<lb/>Jozewicz, Schriftsteller,<lb/>Französisch Buchholz bei Berlin<lb/>(zweiter
                        Schriftführer der Kontroll-Kommission der <lb/>sozial-demokratischen
                        Arbeiter-Partei Deutschlands).</signed> </closer>
            </div>
        </body></text>
</TEI>