| Hannover, 21 Octob. 1869
Mein lieber Marx!
Besten Dank für Marx
an L. Kugelmann, 12.10.1869.
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Eurer glücklichen Marx reiste von Anfang September bis 11. Oktober
nach Deutschland, wo er auf der Hinreise u. a. Karl Philips in Aachen,
Paul Stumpf in Mainz, Joseph Dietzgen in Siegburg besuchte, und am
17.
oder 18. September in Hannover bei Kugelmanns
eintraf. Etwa am 7. Oktober erfolgte die Rückreise nach London über
Hamburg, um seinen Verleger Otto Meißner zu treffen. Siehe Marx
an Engels, 25.9.1869 und Marx Chronik
(1934).
Schließen Ankunft in London. – Übrigens war es wirklich Zeit, daß Du
abreistest, denn unter dem eisigen Hauche Deiner Negation war
„das
Geschäft“ ganz ins Stocken gerathen u. ich kam mir fast
„Freiligrath“
vor. – Seitdem sind bereits wieder 2 Karl Marx: Das Kapital. Bd. 1. Buch
1. Hamburg 1867. Siehe Erl. zu Marx an
J. Ph. Becker, zw. 9. u. 15.1.1866: „1200 Seiten
Manuscript“. (MEGA2 II/5).
Schließen „Kapital“ u. 3 Karl Marx: Der
Achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte. 2. Ausg. Hamburg
1869. Siehe MEGA2
I/11.
Schließen „Brumaire“ verkauft u. Brandes hat von Leipzig neue Sendungen beordert. –
Augenblicklich gehe ich mit dem Plane um neue Märkte zu erobern, obgleich ich
die gründliche Ausbeutung der alten nicht versäumen werde. – Ich beabsichtige
nämlich, auf die Gefahr hin durchzufallen, (die Herren sind etwas schnüffelig)
mich zur Aufnahme in den Künstlerverein zu
melden, dem die gebildetere Gesellschaft Hannovers angehört. Dieser Tage wurde
ich zur Behandlung der Frau
unseres Primo Tenoro Dr. Gunz berufen, die
ernstlich erkrankte, deren Fall nicht erkannt u. jetzt bereits der Heilung
entgegen geführt wurde. – Wie Du weißt, kann ich meine kaufmännische
Vergangenheit nicht ganz vergessen u. so machte ich denn von der begeisterten
Stimmung des „Collegen“ Gunz (er hat Medicin studirt u. auch anfangs kurze Zeit
in Wien practicirt) sogleich die practische Anwendung durch Andeutung, daß ich
immer die Absicht gehabt hätte, mich dem Künstlervereine anzuschließen. – Er
ging sofort darauf ein u. hofft mich durchzusetzen. – Geht’s gut, so denke ich
die gute Meinung zu bewähren, welche Meissner von mir hat, vielleicht gelingt es mir auch, mir dort
einige Leute zu erziehen, die unsere Interessen theilen. –
Von Liebknecht erhielt
ich vor ca 8 Tagen unter Couvert Nicht
überlieferter Brief von W. Liebknecht an Marx, um
12.10.1869.
Schließen einen
Brief für Dich, den ich ihm zurückschickte u.
entschuldigte Dich dabei: Du habest immer schreiben wollen, wärest aber
wahr|2scheinlich durch die vielen Arbeiterdeputationen, sowie durch den Tod
meiner Mutter
daran verhindert worden. Hast ihm schon geschrieben?
Auch an Herm. Meyer – St. Louis möchte ich Dich erinnern. – Vor kurzem schrieb mir mein Schwagerin Pittsburg, daß er ihn besucht u., wie mir scheint, auch bearbeitet hat. Mein Schwager wünscht nämlich, ich möchte ihm neuere Erscheinungen auf dem Gebiete der social-öconomischen Literatur (das „Kapital“ hat er bereits) zuschicken, auch die Schriften von Lassalle. –
Was von letzteren u. was sonst soll ich ihm schicken?
Bracke aus Braunschweig habe ich auch citirt u. bereits gesprochen. Er war mir für meine Warnung dankbar u. freute sich Deiner Zustimmung. Er hatte sich schon größere Vorsicht vorgenommen, doch schien es mir, als wäre meine Mahnung ihm nützlich gewesen.
Da ich nun mal in das Gebiet der väterlichen Fürsorge gerathen bin, so bitte ich Dich, lieber Marx, inständigst, Deiner Verdauung die unausgesetzteste Aufmerksamkeit zu widmen. Deine icterische Färbung machte mir wirklich Sorge, wie ich mich freute dieselbe namentlich in den letzten Tagen sich erheblich mindern zu sehen. – Gebrauche doch täglich, selbst wenn es Dir scheint, als könnest Du es entbehren den Syrupus domesticus (seu: Syrup. Spinae cervinae, seu: Syrup. rhamni catharticae). Morgens nüchtern zwei gehäufte Theelöffel voll mit Wasser, event. gegen Mittag nochmals 1 bis 2 Theel., event. auch Morgens weniger. Du mußt es Dir eben reguliren, so daß Du täglich 1 oder besser 2 mal reichliche Ausleerungen hast. – Denke nicht weiter daran u. schlucke den Teufelstrank herunter. Besser das, als eine desorganisirte Leber mit Icterus oder Carbunculose. – Tröste Dich mit mir, der ich denselben Vorschriften folge. Bei unserer Lebensweise ist es eben nöthig u. der empfohlene Syrup, der nur der Saft aus Kreuzdornbeeren mit Zucker gemischt (5 Thln Saft + 9 Thln Zucker) ist, hat nicht die unangenehmen |3 Nebenwirkungen, der meisten abführenden Pillen, die durch Quecksilber (in England ein gewöhnlicher Bestandtheil) das Blut verderben, oder durch Aloë die Unterleibsorgane congestioniren. – Die heitere Stimmung in die Dich die Regelung dieser Hauptfunction versetzen wird, wird Dich reichlich für die kleinen Unannehmlichkeiten entschädigen, die die „allpfiffige Vorsehung“ den Kreuzdornbeeren nicht fern zu halten die Rücksicht hatte. – Endlich müßtest du noch weniger Gemüth haben, wie Dir die Gartenlaube zugebilligt hat, wärest, mit einem Worte, ein herzloser, verstockter Sünder, wenn Du all diese Dinte vergebens vergossen sein ließest u. dem mit so nachdrücklich kräftigen u. so süß einschmeichelnden Worten empfohlenen Syrupus domesticus den Eintritt in Deine Häuslichkeit verwehren wolltest. –
Hierbei einige Blätter mit angestrichenen Stellen. In einem andern, das ich nicht finden kann, war unter Andern, dem Arbeiterverein geschenkten Werken auch aufgeführt „von Karl Marx ein Buch“. –
Schicke mir gelegentlich Collet: Ungarische Artikel.
Noch vergaß ich zu bemerken, daß Bracke von Bonhorst, namentlich von seiner Ehrlichkeit eine gute Meinung hat. –
Menke u. Mariechen haben mir freundliche Grüße an Euch aufgetragen u. die dringende Bitte, wenn Ihr wieder nach Hamburg kämet, doch jedenfalls bei Ihnen zu wohnen. –
Nun lebe wohl, lieber Freund, erhälte Dich für die ganze Welt, u. uns besonders, gesund u. frisch u. runzele nicht allzusehr die Stirn über
Deinentreu ergebenen
L. Kugelmann
Dr
Sei so gut u. schreibe mir, wo Ed. Reich („Über d. Entartung der Menschen“ pp) wohnt, damit
ich ihm Karl
Marx: Das Kapital. Bd. 1. Buch 1. Hamburg 1867 (MEGA2
II/5).
Schließen Dein Buch empfehlen kann. Du findest sein
Domicil wohl auf dem Titel oder unter der Vorrede. Viele Grüße Deiner lieben
Frau, Tussy u. Engels. –
| Lieber Mohr! Ich danke Dir vielmals für „Klein Zaches“; ich habe es schon ganz ausgelesen und Papa hat es mir wunderhübsch einbinden lassen, roth mit Gold; Du kannst mir glauben, lieber Mohr, so habe ich noch bei keinem Buche gelacht, es ist zu drollig und so reizend wie keines meiner Bücher. – Ich bekomme jetzt oft Besuch von meiner Vetter Eugen, welcher hier in eine Pension gekommen ist, wir spielen immer so niedlich.
Jetzt, leb wohl, lieber Mohr, nimm 1000 Grüsse und Küsse von
DeinemKäuzchen
Mitglied
der geheimen Gesellschaft
der Anspielung auf Marx’ rheinische Aussprache von „Arbeiter“.
Schließen Achtblättler.
Zeugenbeschreibung und Überlieferung
Dieser Brief wird hier erstmals veröffentlicht.
Zeugenbeschreibung
Der Brief besteht aus einem Bogen dünnem, weißem, leicht vergilbtem Papier im Format 266 × 213 mm. Auf allen Seiten scheint der Text der Rückseite durch, was die Lesbarkeit erschwert. L. Kugelmann hat die zunächst die vierte und erste Seite vollständig, anschließend die zweite Seite vollständig quer beschrieben. F. Kugelmann hat die dritte Seite vollständig und quer beschrieben. Schreibmaterial: blaue Tinte.
Von L. Kugelmanns Hand: Paginierung und Anstreichungen auf der zweiten und dritten Seite des Briefes.
Von unbekannter Hand: Nummerierung des Briefes bzw. der beschriebenen Seiten: „67[a–]b“.
Zitiervorschlag
Louis und Franzisca Kugelmann an Karl Marx in London. Hannover, Donnerstag, 21. Oktober 1869. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital, hg. v. der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://megadigital.bbaw.de/M0001198. Abgerufen am 23.10.2026.