| Hannover, 27. April 1868
Mein hochverehrter, lieber Freund!
Allerdings halte ich Sie „für einen großen Verbrecher“ und zwar weil Ihr früheres Schreiben mich in die „gute Hoffnung“ versetzte, Sie bald wieder bei uns zu sehen und Ihr letzter Brief die Wirkungen dieser conceptio immaculata wieder abortiv zu Grunde zu richten bestrebt ist. – Vielleicht sind jene Worte nur in der Übereilung ihrer Feder entflossen, derselben, deren Wirkung die poetischen Spermatofilen Freiligraths zur Latenz brachte; vielleicht macht auf Ihr Gemüth, dem bekanntlich nichts heilig ist, folgende rein materialistische Anschauung einigen Eindruck. –
Zur Sache!
Vor Kurzem besuchte mich ein College aus Kreuznach, der selbst früher in hohem Grade an Furunculose der oberen Extremitäten, in specie der Hände gelitten. – Auf mein Befragen erfuhr ich von ihm, daß er sich durch Kreuznacher Bäder vollständig von diesem Übel befreit habe u. daß alle andere Behandlung ihn im Stiche gelassen. – Nun lassen sich die Bäder in vollkommener Weise künstlich herstellen, wenn man sich die Kreuznacher Mutterlauge kommen läßt. – Für London ist das sehr schwierig u. umständlich, hier ist das sehr einfach. – Wenn ich wüßte, wann ich Sie hier erwarten darf, würde ich die Lauge rechtzeitig bestellen, da man während der Saison oft 6 Wochen darauf warten muß. – Während einer solchen Badecur werden Sie sich mit Ihren Studien (die durch das Leiden selbst ja doch hinreichend beeinträchtigt werden) einigermaßen menagiren müssen; ein change of air wird Ihnen sicherlich | von erheblichem Nutzen sein und wenn ich nicht fürchtete, ein mehrwöchentlicher Aufenthalt hier müßte Ihnen zu langweilig werden (sans phrase), besonders, da im Sommer das Theater geschlossen, dann würde ich noch viel eindringlicher Sie zu überreden suchen. Überlegen Sie sich das mit unserm medicinischen Freunde Engels (dessen eigentlicher Beruf ja „Parze“ ist) u. benachrichtigen Sie mich nach reiflicher Erwägung. –
Gern sähe ich, wenn Sie im Juli nicht hier wären, weil dann meine Frau mit Fränzchen zu ihren Eltern nach Bonn reist. Abgesehen davon, daß meine Frau Ihren Besuch nicht versäumen möchte, fürchte ich, es möchte Ihnen noch die bescheidene Summe von Behaglichkeit gekürzt werden, die wir Ihnen zu bieten im Stande sind. – Wenn möglich also früher oder später. Wahrscheinlich werde ich in diesem Jahre gar nicht, oder nur (Mitte Septbr) zur Naturforscher-Versammlg nach Dresden verreisen. – Paßt Ihnen also die Zeit nach dem Juli: Soyez tousjours le bien venu. –
Frau Tenge strebt Ende Juli eine Vergrößerung ihrer Familie an u. denkt mit Schmerzen daran Sie zu verfehlen. –
Den Virchow werde ich nicht aus den Augen lassen. – Dieser Tage schicke ich ihm den Württemberg. Staatsanz. , worin Ihr Buch besprochen. – Gern hätte ich ein oder 2 Exempl. Ihres „18. Brumaire“. – Das ist eine Arbeit um den, mit Ihnen noch nicht Vertrauten, den Wunsch näherer Bekanntschaft einzuflößen. Das eine Exempl., welches ich besitze, wage ich, aus Furcht es einzubüßen, nicht zu verleihen. – Könnten Sie oder Liebknecht mir etwa 1–2 Stück davon verschaffen?
Einliegenden Brief von Büchner , den ich dies. Tage erhielt erbitte mir, da ich dens. noch nicht beantwortet gelegentlich | zurück. – Ferner einliegend die ganze Gloire in der Pickelhaube (NB lorbeerbekränzt). – Wenn Sie glauben, daß Engels diese echt preußische Idee amüsirt, so schicken Sie es ihm. –
Wie geht’s dem jungen Ehepaare? Denken sie nicht mal daran den Rhein zu überschreiten?
Borkheim war die Ostertage bei uns. Ich glaube es gefiel ihm hier nicht recht. Es kam uns so vor, als hätte er bei uns nicht den Comfort gefunden (obgleich er im Hôtel wohnte, weil es ihm bei uns „zu eng“ war) dessen er für eine „angenehme Temperatur“ zu bedürfen scheint. – Auch fand er bei mir nicht das hinreichende Verständniß für seine „epochemachende“ Wirksamkeit als „proletarischer Diplomat“. – Er wollte mich noch einmal auf der Rückreise sehen, um mir über Berliner Eindrücke u. seine Unterhaltungen mit Liebknecht zu berichten – ich habe nichts wieder von ihm gehört.
Mit herzlichen Grüßen an die lieben Ihrigen auch von meiner Frau u. Fränzchen
Ihrtreu ergebener
L. Kugelmann
Dr
Zeugenbeschreibung und Überlieferung
Dieser Brief wird hier erstmals veröffentlicht.
Zeugenbeschreibung
Der Brief besteht aus einem Bogen mittelstarkem, weißem Papier im Format 286 × 215 mm. Prägung: „Dr. L. Kglm.“ Die ersten zwei Seiten hat Kugelmann vollständig beschrieben, die dritte zu drei Vierteln, die vierte Seite ist leer. Schreibmaterial: schwarze Tinte.
Von unbekannter Hand: Nummerierung des Briefes bzw. der beschriebenen Seiten: „47a“ bis „47c“.
Anmerkungen zum Brief
Kugelmann beantwortet Marx’ Brief vom 17. April 1868 (Marx an L. Kugelmann, 17.4.1868). Marx übersandte Kugelmanns Brief an Engels am 30. April (Marx an Engels, 30.4.1868 („Einliegend Briefe v. Kugelmann etc.“), mahnte am 4. Mai die Rückgabe an ( Marx an Engels, 4.5.1868 : „Ich wünschte nun umgehend ... Rücksendung der Einlagen.“) und bekam ihn mit Engels’ Brief vom 6. Mai 1868 zurück (Engels an Marx, 6.5.1868: „Inl. Kugelmann …“). Die Antwort von Marx an Kugelmann erfolgte am 24. Juni 1868 (Marx an L. Kugelmann, 24.6.1868).
Eine Beilage („Ferner einliegend die ganze Gloire in der Pickelhaube (NB lorbeerbekränzt).“) konnte nicht ermittelt werden.
Eine Beilage („Einliegenden Brief von Büchner …“) ist überliefert. Zur überlieferten Beilage:
Ludwig Büchner an Louis Kugelmann, 17. April 1868.
H.: RGASPI, Sign. f. 184, op. 1, d. 3/9. Fotosign. 2130a-c.
Prägung: „[Dr med] Louis Büchner Darmstadt“.
Zitiervorschlag
Louis Kugelmann an Karl Marx in London. Hannover, Montag, 27. April 1868. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital, hg. v. der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://megadigital.bbaw.de/M0000621. Abgerufen am 28.08.2026.