Inhaltsbeschreibung und Datierung
1Mit dem vorliegenden „Heft B“ setzte Marx seine in „Heft A“ begonnenen Auszüge aus Johannes Rankes „Grundzüge der Physiologie des Menschen“ fort. Es ist die einzige Quelle, die Marx für „Heft B“ benutzt hat. Seine umfangreichen Exzerpte aus diesem Werk brachte er im folgenden „Heft C“ zum Abschluss.
2Marx datierte „Heft B“ auf April 1876 (S. [0]). Seinen mit Tinte geschriebenen Exzerpttext ergänzte er an einigen Stellen mit Bleistift um Verweise auf Marginalien in seinem Handexemplar, was dafür spricht, dass er das Exzerpt zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal durchging und dabei die besagten Ergänzungen mit Bleistift machte.
3Marx betitelte die drei im Frühjahr 1876 entstandenen Hefte zur Physiologie mit „Heft A“, „Heft B“ und „Heft C“ und zugleich mit „Heft IX“, „Heft X“ und „Heft XI“ (siehe Einführung zu MEGA IV/23). Die Hefte wurden von ihm zum einen als Fortsetzung anderer Exzerpthefte und zugleich wegen des durch die Ranke-Exzerpte gegebenen Zusammenhangs auch als Untergruppe mit eigener Ordnung geführt. Für das vorliegende „Heft B“ hatte Marx noch einen anderen Titel vorgesehen: „Heft VI“. Er tilgte dann „Heft VI“, ließ aber „Heft X“ stehen und ergänzte „Heft B“ in Klammern (S. [0]).
Johannes Ranke: Grundzüge der Physiologie des Menschen
4 Johannes Ranke: Grundzüge der Physiologie des Menschen mit Rücksicht auf die Gesundheitspflege. Für das praktische Bedürfniss der Ärzte und Studirenden zum Selbststudium bearbeitet. 3. umgearb. Aufl. Leipzig 1875. (S. 1–80.)
5Marx setzt seine Auszüge aus „Heft A“ fort (siehe Entstehung und Überlieferung). Er beendet zunächst den ersten Teil des Buchs („Allgemeine Physiologie“), der insbesondere die Zellentheorie behandelt (S. 1–8). Die Exzerpte aus dem zweiten Teil („Specielle Physiologie. I. Die Physiologie des Stoffwechsels“) füllen den Hauptteil des vorliegenden Hefts (S. 9–68), das mit Auszügen aus dem Anfang des dritten Teils („Specielle Physiologie. II. Die Physiologie der Arbeitsleistung“) endet (S. 68–80), die Marx im folgenden „Heft C“ abschließt (siehe Entstehung und Überlieferung).
6Der Abschnitt „Specielle Physiologie. I. Die Physiologie des Stoffwechsels“ ist bei Ranke unterteilt in: A) Die Ernährung, B) Das Blut sowie C) Ausscheidung aus dem Blut. Marx übernimmt für seine Exzerpte im Wesentlichen diese Struktur und erfasst die Inhalte des Buchs systematisch. Die Themen des Hefts sind entsprechend breit gefächert und reichen schon in der ersten Hälfte von der Theorie des labilen Gleichgewicht der Moleküle in der Zelle und der beständigen Molekularbewegung (S. 1) über die Theorie des „dynamischen Gleichgewichts der Organe“ (S. 15) hin zu den Folgen von Alkoholmissbrauch (S. 22) und von verschiedenen Ernährungsweisen wie der Lehre William Bantings, der in den 1860er Jahren eine Low-Carb-Diät zur Gewichtsabnahme populär machte (S. 22). Zudem gibt Ranke häufig einen Abriss der historischen Entwicklung der Erkenntnisse. Marx exzerpiert über die Geschichte der Zellentheorie („Heft A“, S. 51), der Ernährungslehre von Aristoteles bis Justus von Liebig (S. 13–15), der Verdauungslehre (S. 29) sowie der Entdeckung der tierischen Elektrizität von Luigi Galvani und Alessandro Volta bis Emil Du-Bois Reymond („Heft C“, S. 8). Minutiös verfolgt er dann die bei Ranke über vier Kapitel hinweg dargelegten Stufen der Verdauung: von der Veränderung der Nährungstoffe in der Mundhöhle über die Verdauungsvorgänge in Magen und Darm bis hin zu den an diesem Prozess beteiligten Verdauungsäften (wie Speichel, Magensaft, Galle, Bauchspeichel, Galle, Darmsaft) und der Mechanik der Verdauung (durch Zunge, Zähne, Chylus, Lymphe usw.) (S. 23–44).
7Marx rezipiert dabei auch Rankes eigenen Beitrag zur Physiologie, wonach die Ermüdung von Zellen und Muskeln sowie die erhöhte Reizbarkeit der Nerven durch die Anwesenheit chemischer Zersetzungsstoffe bedingt ist (siehe „Heft A“, S. 79; „Heft C“, S. 3). Genussmittel wie Kaffee, Tee, Kakao und Alkohol vermögen das Ermüdungsgefühl kurzfristig zu beseitigen; aber ihre Wirkung wird schädlich, wenn der durch sie ermöglichte gesteigerte Kräfte- und Stoffverbrauch nicht wieder durch entsprechende Nahrungssteigerung ersetzt und Regenerationsvorgänge ausgeglichen wird (S. 12/13 u. 71).
8In seinen Auszügen über das Blut und die Blutbewegung durch Herz und Blutgefässe (S. 44–56) hebt Marx durch einige Randanstreichungen Passagen seines Exzerpttexts hervor, in denen es um die Wirkung von Muskelarbeitsleistung und Ernährung auf die Blutmenge und -zusammensetzung geht (S. 47 u. 49). Weitere Marginalien halten die Folgeerscheinung fest, dass eine höhere Blutmenge einen höheren Blutdruck nötig macht, sowie auch einen Vergleich der täglichen Arbeitsleistung eines Arbeiters mit der Herzarbeit (S. 55). Marxʼ Interesse für die physiologischen Bedingungen und Auswirkungen der Muskelbewegung zeigt sich auch in seinen weiteren Exzerpten aus dem Abschnitt über die Ausscheidungen aus dem Blut durch Atmung, Nieren, Harn, Haut und Schweiß (S. 57–68): Mit Randanstreichungen hebt Marx den Einfluss der Muskelanstrengung auf die Frequenz der Athemzüge (S. 59), die Wassermenge, welche den Organismus durch die Athmung verlässt (S. 62), auf den CO2-Gehalt von Blut und Harn (S. 65) sowie auf die Körpertemperatur (S. 68) hervor.
9Insofern die Randanstreichungen von einer unmittelbaren Verarbeitung der Exzerpte zeugen, deuten sie auf Marxʼ näheres Interesse an einer Physiologie der Arbeitsleistung hin. Im ersten Band des „Kapital“ hatte Marx die Verausgabung menschlicher Arbeitskraft auch als „produktive Verausgabung von menschlichem Hirn, Muskel, Nerv, Hand u. s. w.“ (MEGA II/5. S. 24) bestimmt und geschrieben: „Der einzelne Mensch kann nicht auf die Natur wirken ohne Bethätigung seiner eignen Muskeln unter Kontrole seines eignen Hirns.“ (MEGA II/5. S. 413.) Um die Arbeitsbedingungen in der Fabrik anzuklagen, ließ er im „Kapital“ auch Ärzte ausführlich zu Wort kommen (MEGA II/5. S. 201). Auch in den vorliegenden Exzerpten hebt Marx mit Randanstreichung hervor, dass schlecht ernährte Arme aufgrund ihrer ernährungsbedingten physiologischen Konstitution mehr als Reiche frieren (S. 60). Bei Ranke selbst ist von einer „Physiologie der Arbeitsleistung“ die Rede.
10Weiterhin übernimmt er in seine Exzerpte zahlreiche, wenngleich bei Weitem nicht alle von Ranke angeführten Naturwissenschaftler und ihre theoretischen Beiträge. Erwähnung finden Autoren wie Rudolf Albert von Kölliker, Ernst Brücke, Georg Simon Ohm, Hermann von Helmholtz, Emil Du-Bois Reymond, Rudolf Virchow, Claude Bernard sowie auch Wilhelm Friedrich Kühne und Moritz Traube, mit deren Arbeiten auf dem Gebiet der physiologischen Chemie sich Marx in den 1870er Jahren auch an anderer Stelle vertraut zeigte (siehe Marx an Pjotr Lavrovič Lavrov, 18. Juni 1875; Marx an Wilhelm Alexander Freund, 21. Januar 1877; siehe auch MEGA I/26. S. 880/881). In eigenen Worten lobt Marx in den Exzerpten ein „schönes Experiment v. Helmholtz“ (S. 80). Mit Albrecht von Haller taucht in den Heften einer der ersten Wissenschaftler auf, der in seinen Forschungen in großer Zahl Tierversuche durchführte. Marx macht kritische Bemerkungen dazu und bezeichnet in eigenen Worten einen zu Forschungszwecken mit einer Hornhautentzündung am Auge infizierten Frosch als „armen Teufel“ („Heft A“, S. 78) und ein im Experiment enthauptetes Exemplar als „unglücklichen Frosch“ („Heft C“, S. 26).
11Manche der in den vorliegenden Heften genannten Wissenschaftler wie Christian Albert Theodor Billroth (siehe MEGA III/13. S. 714/715), Wilhelm Eduard Weber (Louis und Gertrud Kugelmann an Marx, 14. Februar 1869), Franz Eilhard Schulze (siehe Marx an Engels, 14. April 1870) und Gustav Theodor Fechner (Marx an Louis Kugelmann, 27. Juni 1870) wurden auch im Marxʼschen Briefwechsel diskutiert. Etwa schrieb Marx über François Magendie an Engels am 7. August 1866: „Der medizinische Skepticismus scheint in Paris bei Professoren u. Studenten an der Tagesordnung. Z. B. Magendie, der alle Therapeutik, im jetzigen state, für Scharlatenerie erklärt. Dieser Skepticismus schließt, wie immer, crotchets nicht nur nicht aus, sondern ein. Lafargue z. B. glaubt an den Alkohol u. die Electrizität als Hauptheilmittel.“ Naturwissenschaften waren in Marxʼ Umfeld offenbar Tagesgespräch, und mithilfe von Ranke konnte Marx sich in die Lage versetzen, die Bedeutung einzelner Wissenschaftler besser einzuschätzen.
12Darüber hinaus spielen andere in den Heften erwähnte Wissenschaftler, wie zum Beispiel Justus von Liebig, in Marxʼ eigenem theoretischen Schaffen eine Rolle. Auf die pflanzenphysiologischen Forschungen des englischen Chemikers und Physikers Humphry Davy kam Marx auch in Manuskript II zum zweiten Buch des „Kapital“ zu sprechen (MEGA II/11. S. 192). Aus Vorträgen von Emil Du-Bois Reymond fertigte Marx 1878/1879 Exzerpte an (siehe MEGA IV/25); Engels wollte dessen Ansichten in der „Dialektik der Natur“ diskutieren (siehe Entstehung und Überlieferung). Viele Autoren werden von Marx in seinen späteren Exzerpten zur Chemie erwähnt, für die er auch erneut Rankes „Grundzüge der Physiologie des Menschen“ benutzte (siehe MEGA IV/31).
Zeugenbeschreibung
- H Originalhandschrift: IISG, Marx-Engels-Nachlass, Sign. B 131/B 120.
- Beschreibstoff: Notizbuch mit Leineneinband, Außenseiten violett. Format: DIN A5. Auf Außenseite des Vorderdeckels von Engels Etikett geklebt.
- Zustand: Sehr gut erhalten, Papier leicht vergilbt. Keine Textverluste.
- Schreiber: Karl Marx, Friedrich Engels (Etikett).
- Schreibmaterial: Schwarze Tinte, leicht verblasst. Auf S. 5, 7, 33, 63 auch Bleistift.
- Beschriftung: Alle Seiten beschrieben. Deutsch in lateinischer Schrift.
- Paginierung: Marx paginierte (Vorsatz ausgenommen) von 1–80 mit Tinte.
- Vermerke fremder Hand: Archivstempel IISG. Fotosign. DH (alle mit Bleistift).
Zitiervorschlag
Timm Graßmann: Entstehung und Überlieferung zu „Heft B“ (1876). In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital, Bd. IV/23, hg. v. der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://megadigital.bbaw.de/M3353723. Abgerufen am 08.08.2026.