Inhaltsbeschreibung und Datierung

1Das vorliegende Heft ist das erste von drei Heften, das Marx zwischen März und Mai 1876 mit Studien zur Physiologie gefüllt hat (siehe Einführung zu MEGA IV/23). Über alle drei Hefte hinweg fertigte er Exzerpte aus den „Grundzügen der Physiologie des Menschen mit Rücksicht auf die Gesundheitspflege“ von Johannes Ranke an. Für das vorliegende Hefte benutzte er insgesamt sechs Quellen, teilte aber nur drei davon mit. In seinem eigenen Inhaltsverzeichnis zum Heft (S. [0b]) und folglich auch in dem Inhaltsverzeichnis von Engels auf dem Umschlag des Hefts sind sogar nur zwei Quellen erwähnt.

2Unmittelbarer Anlass der physiologischen Studien waren Marxʼ neue Forschungen zur Agrikultur, die am Beginn des vorliegenden Hefts dokumentiert sind. Marx beabsichtigte im Jahr 1876 weiterhin, den zweiten Band des „Kapital“ fertigzustellen und hatte dazu Mitte Februar eine Notiz über die Differentialrente geschrieben, in der das Problem der Veränderung der Bodenbeschaffenheit aus ökonomischer Sicht, insbesondere seiner Theorie der Grundrente, behandelt ist (siehe MEGA II/14. S. 151/152). Offensichtlich empfand er im Anschluss an seine Überlegungen das Bedürfnis für neue Studien auf dem Gebiet der Agrikulturchemie und griff dazu vor allem auf die von Matthias Jacob Schleiden und Ernst Erhard Schmid bearbeitete „Encyclopädie der gesammten theoretischen Naturwissenschaften“ zurück, genauer auf den von Schleiden allein verfassten dritten Band der „Encyclopädie“ mit dem Titel „Die Physiologie der Pflanzen und Thiere und Theorie der Pflanzencultur“.Auch die Tabelle, die Marx aus Wilhelm Schumachers „Die Physik in ihrer Anwendung auf Agricultur und Pflanzenphysiologie“ an den Beginn des Hefts übernimmt, überschreibt er mit: „Die wichtigsten Säuren u. Basen f. die Agrikulturchemie“ (S. [0c]). Ebenso beziehen sich die meisten Marginalien von Marx im vorliegenden Heft auf Agrikulturchemie. Schließen [1] Seine Auszüge daraus im vorliegenden Heft beginnen mit Marx vertrauten Fragen nach den Bedingungen des Pflanzenwachstums und den Methoden der Agrikultur bei der Bearbeitung des Bodens. In seinen Exzerpten zu diesem Problemkreis hält er in einer eigenen Bemerkung einen für seine Rententheorie zentralen Punkt fest: Die Notwendigkeit der Kapitalauslage in der Landwirtschaft steigt mit dem Fortschreiten der kapitalistischen Produktion (siehe unten).

3Schleidens Band war bereits 1850 erschienen. Marx kam es also 1876 offenbar zunächst nicht darauf an, neuere Veröffentlichungen auf dem Gebiet der Agrikulturchemie oder Agronomie zu Rate zu ziehen. Stattdessen scheint er auf Schleiden wegen des von ihm präsentierten Zusammenhangs der Naturwissenschaften zurückgegriffen zu haben. Marx hatte Schleidens Bedeutung als Begründer der Zellentheorie erkannt (siehe unten) und trieb über dessen Werk seine eigenen Studien in eine neue, bislang von ihm kaum verfolgte Richtung: zur Physiologie als solcher. Schleiden äußerte im Vorwort zu seinem Werk „Die Physiologie der Pflanzen und Thiere und Theorie der Pflanzencultur“ die Überzeugung, dass die Pflanzenphysiologie, neben der Physik und der Chemie, den Schlüssel zum Verständnis des Tier- und Pflanzenlebens bereithielt. Wie Schleiden hielt auch Wilhelm Schumacher, aus dessen Buch „Die Physik in ihrer Anwendung auf Agricultur und Pflanzenphysiologie“ (1864) Marx eine Tabelle in das vorliegende Heft überträgt, die Physiologie der Pflanze von „eben so großer Wichtigkeit für die Landwirte“ wie die Bodenphysik, „weil die Pflanzenproduction doch die eigentliche Grundlage der Landwirthschaft ist“ (Schumacher, Vorwort).

4Für seine weitere Beschäftigung mit den Grundlagen der Physiologie zieht Marx im vorliegenden Heft drei weitere Werke heran: mit dem „Buch der Natur“ (1852) von Friedrich Schoedler ebenfalls einen älteren Titel sowie mit dem „Grundriss der Physiologie des Menschen“ (1874) von Ludimar Hermann und eben den „Grundzügen der Physiologie des Menschen“ (1875) von Johannes Ranke zwei neuere Veröffentlichungen. Diese Werke hat Marx später erneut exzerpiert: Schleidens „Encyclopädie“ und Schoedlers „Buch der Natur“ in seinen Exzerpten zur Geologie von 1878 (veröffentlicht in MEGA IV/26), Hermanns „Grundriss“ und Rankes „Grundzüge“ in seinen Exzerpten zur Chemie (veröffentlicht in MEGA IV/31). Bei fast all diesen Werken handelt es sich – mit Ausnahme von Hermanns „Grundriss“ – um praktische Lehrbücher, die einem bestimmten Publikum (Landwirten, Gymnasialschülern, Medizinstudenten, Ärzten) die Gesamtkenntnisse der jeweiligen Disziplin vermitteln wollten.Schleiden verteidigte seinen Anspruch auf Popularisierung wie folgt: Die Wissenschaft solle „Eigenthum und Gemeingut der ganzen Menschheit“ und keine „Geheimlehre“ sein. Popularisierung bedeutete für ihn indes keinen Verzicht auf die nötige Komplexität: „Dagegen beruht eine andere Anforderung, die man noch an Popularität wohl zu machen pflegt, auf einem gewaltigen Mißverständnisse. Man meint nämlich, eine Wissenschaft müsse sich für den Laien so mundgerecht und bequem zubereiten lassen, daß er ohne Mühe und Geistesanstrengung sich dieselbe in Kurzem zu eigen machen könne. Dieses Ansinnen ist geradezu als ein albernes zu bezeichnen. Wer irgend etwas in der Welt wissen will, muß es lernen, und ein ganzes System von Kenntnissen, eine Wissenschaft kann man Niemandem durch einen Nürnberger Trichter einfüllen.“ (M. J. Schleiden: Die Physiologie der Pflanzen und Thiere und Theorie der Pflanzencultur. Für Landwirthe bearbeitet. Braunschweig 1850. S. 5/6.) Schließen [2] Sie sind umfangreich, komplex, auf dem aktuellen Stand der Forschung und integrieren mitunter eine Geschichte einzelner Erkenntnisse sowie eigene Forschungsergebnisse in die Darstellung. Marx verfügte über alle Bücher in seiner privaten Bibliothek. In seinen Exzerpten verweist er häufig auf Marginalien, die er in seinen Handexemplaren gemacht hat. Diese Verweise werden im Edierten Text mit dem Zeichen ⎰ wiedergegeben.

5Ein weiteres Buch, das Marx für das vorliegende Heft benutzt hat, ist H[enry] E[nfield] Roscoe: Kurzes Lehrbuch der Chemie. Nach den neuesten Ansichten der Wissenschaft. Deutsche Ausgabe. Unter Mitwirkung des Verfassers bearbeitet von Carl Schorlemmer. 4., nach den neuesten Forschungen verm. und verb. Aufl. Braunschweig 1873. Aus diesem Buch entnimmt Marx hin und wieder chemische Formeln, mit denen er seinen Exzerpttext an verschiedenen Stellen ergänzt, wo sich die Autoren auf eine verbale Ausdrucksweise beschränkten. Auf diese Weise verfuhr Marx auch in seinen späteren Exzerpten zur Geologie (siehe MEGA IV/26). Marx verfügte ebenfalls über das Buch von Roscoe/Schorlemmer in seinem Besitz und hatte von diesem eine hohe Meinung (siehe Entstehung und Überlierung zum Heft „1868“). Schorlemmer war ein in Manchester ansässiger Freund von Engels.

6Marx betitelte die drei im Frühjahr 1876 entstandenen Hefte zur Physiologie mit „Heft A“, „Heft B“ und „Heft C“ und zugleich mit „Heft IX“, „Heft X“ und „Heft XI“ (siehe Einführung zu MEGA IV/23). Die Hefte wurden von ihm zum einen als Fortsetzung anderer Exzerpthefte und zugleich wegen des durch die Ranke-Exzerpte gegebenen Zusammenhangs auch als Untergruppe mit eigener Ordnung geführt. Für das vorliegende „Heft A“ hatte Marx noch einen anderen Titel vorgesehen: „Heft V“ (siehe S. [0a]). Auch auf S. [0b] schrieb Marx zuerst „Heft IX“ als Titel, strich diesen dann aber und ersetzte ihn mit „Heft A“. Er begann „Heft A“ laut eigener Auskunft im März 1876 (S. [0a]). Wahrscheinlich schloss er es auch in demselben Monat ab, denn das Folgeheft datierte er auf April 1876.

Wilhelm Schumacher: Die Physik in ihrer Anwendung auf Agricultur und Pflanzenphysiologie

7 Wilhelm Schumacher: Die Physik in ihrer Anwendung auf Agricultur und Pflanzenphysiologie. Bd. 1. Die Physik des Bodens in ihren theoretischen und practischen Beziehungen zur Landwirthschaft. Berlin 1864. (S. [0c].)

8 Wilhelm Schumacher war in den 1860er Jahren Dozent an der Landwirtschaftlichen Hochschule Berlin. In seinem zweibändigen Werk „Die Physik in ihrer Anwendung auf Agricultur und Pflanzenphysiologie“ vertrat er den Anspruch, die Bedeutung der Agrikulturphysik, im Unterschied zur Agrikulturchemie, für die landwirtschaftliche Praxis hervorzuheben. Den ersten Band, „Die Physik des Bodens“, stellte er im Vorwort als die „erste systematische Bearbeitung der Agriculturphysik“ vor. Zugleich trage das Werk „den Charakter der wissenschaftlichen Popularität“. Einen zweiten Band mit dem Titel „Die Physik der Pflanze. Ein Beitrag zur Physiologie, Klimatologie und Culturlehre der Gewächse“ ließ Schumacher 1867 folgen.

9Marx verfügte wahrscheinlich über den ersten Band, „Die Physik des Bodens“, in seinem Besitz; er ist im Katalog der SPD-Bibliothek verzeichnet (Nr. 34106). In das vorliegende Heft übernimmt er aus diesem Band die Tabelle „Die wichtigsten Säuren und Basen, ihre Zeichen und Aequivalentzahlen“ (Schumacher, S. 46) unter einer leicht abgewandelten Überschrift („Die wichtigsten Säuren u. Basen f. die Agrikulturchemie“). Er hinterließ dabei keinen Hinweis auf seine Quelle.

10Den Titel eines weiteren Werks von Schumacher, „Erschöpfung und Ersatz bei dem Ackerbaue. Versuch einer Statik des Ackerbaues“ (Berlin 1866), notierte sich Marx in seinen bibliographischen Notizen zur Agrikultur in seinem Heft aus den Jahren 1876 bis 1878 (MEGA IV/25).

Matthias Jacob Schleiden: Die Physiologie der Pflanzen und Thiere und Theorie der Pflanzencultur

11 M. J. Schleiden, E. E. Schmid: Encyclopädie der gesammten theoretischen Naturwissenschaften in ihrer Anwendung auf die Landwirthschaft, umfassend Physik, anorganische Chemie, organische Chemie, Meteorologie, Mineralogie, Geognosie, Bodenkunde, Düngerlehre, Pflanzenphysiologie, Thierphysiologie und Theorie des rationellen Ackerbaus. In 3 Bde. Mit 500 in den Text eingedruckten Holzschnitten. Bd. 3. M. J. Schleiden: Die Physiologie der Pflanzen und Thiere und Theorie der Pflanzencultur. Für Landwirthe bearbeitet. Braunschweig 1850. (S. 1–25, 34–50 und 58–60.)

12Alle drei Bände der „Encyclopädie der gesammten theoretischen Naturwissenschaften“ von Matthias Jacob Schleiden und Ernst Erhard Schmid befanden sich im Besitz von Marx (siehe MEGA IV/32. Nr. 1192). Seine vorliegenden Exzerpte stammen aus dem dritten, allein von Schleiden bearbeiteten Band, der 500 Seiten umfasst. Nicht nur die vielen Marginalien in seinen Handexemplaren zeugen davon, dass Marx das Werk intensiv studiert hat. Im Mai 1878, zwei Jahre, nachdem er die vorliegenden Exzerpte erstellt hatte, fertigte er im Rahmen seiner Studien zur Geologie auch Exzerpte aus dem ersten und zweiten Band der „Encyclopädie“ an (sie sind veröffentlicht in MEGA IV/26).

13Schleiden war 1840 an die Universität Jena berufen worden und wurde dort 1850 ordentlicher Professor für Medizin und Naturgeschichte sowie Direktor des Botanischen Gartens der Universität. Er arbeitete dort mit Ernst Erhard Schmid zusammen, der seit 1840 ebenfalls an der Universität Jena, ab 1856 als ordentlicher Professor für Naturgeschichte und Direktor der Großherzoglichen Anstalten für Mineralogie tätig war. Ausdruck der Zusammenarbeit zwischen Schleiden und Schmitt ist insbesondere ihre „Encyclopädie der gesammten theoretischen Naturwissenschaften“.

14Mit Schleiden hatte sich Marx bereits in den 1860er Jahren beschäftigt, als er sich im Sommer 1864, krankheitsbedingt und als Nebenbeschäftigung, mit Naturwissenschaften befasste: „In dieser Zeit, wo ich ganz arbeitsunfähig, gelesen: Carpenter , Physiologie, Lord ditto, Kölliker Gewebelehre, Spurzheim , Anatomie des Hirns u. Nervensystems, Schwann u. Schleiden über die Zellenscheisse.“ (Marx an Engels, 4. Juli 1864. In: MEGA III/12. Br. 375.32–36.)Für weitere naturwissenschaftliche Bücher, die Marx in dieser Zeit las, siehe MEGA IV/18. S. 849 u. 893. Schließen [3] Engels hatte ihn bereits 1858 auf Schleiden aufmerksam macht, als er ihn in Kenntnis darüber setzte, er „treibe jetzt etwas Physiologie & werde vergleichende Anatomie daran knüpfen“ (MEGA III/9. S. 181/182). Engels stellte Schleiden dabei als den Entdecker der Zellen in der Pflanze vor, so dass auch Marx in der Folge Schleidens für die Zellentheorie grundlegende Arbeit „Beiträge zur Phytogenesis“ aus dem Jahre 1838 lasEr besaß sie in englischer Übersetzung, enthalten in Th[eodor] Schwann: Microscopical Researches into the Accordance in the Structure and Growth of Animals and Plants. Transl. from the German by Henry Smith. London 1847. Rückent.: Schwann und Schleiden’s Researches. Enth.: M[atthias] J[acob] Schleiden: Contributions to Phytogenesis Transl. from the German by Henry Smith). Marxʼ Handexemplar enthält zahlreiche Marginalien von ihm (siehe MEGA IV/32. Nr. 1219). Schließen [4] und ihre Bedeutung anerkannte, als er Engels am 31. August 1864 wissen ließ, Schleiden habe eine „angeborne Anlage zur Fadaise, obgleich er in Folge eines Mißverständnisses die Zelle entdeckt hat“ (MEGA III/12. Br. 402.31–33). Zwei weitere Schleiden-Bände erbte Marx 1864 von Wilhelm Wolff.Es handelt sich um M[atthias] J[acob] Schleiden: Studien. Populäre Vorträge. Leipzig 1855. 2., umgearb. und verm. Aufl. Leipzig 1857 (siehe MEGA IV/18. S. 17.8); M[atthias] J[acob] Schleiden: Das Alter des Menschengeschlechts, die Entstehung der Arten und die Stellung des Menschen in der Natur. Leipzig 1863 (siehe MEGA IV/18. S. 13.35). Schließen [5] Einen Verweis auf die „Encyclopädie“ notierte er 1868 in seinen Exzerpten aus Carl Fraasʼ „Die Natur der Landwirthschaft“ (MEGA IV/18. S. 428). Fraas belegte die unterschiedlichen Anforderungen verschiedener Pflanzen an eine mittlere Sommertemperatur mit Angaben aus der „Encyclopädie“. Diese Stelle notiert sich Marx nun in den vorliegenden Exzerpten direkt aus der „Encyclopädie“ (S. 44). Marxʼ vergleichsweise hohe Meinung von Schleiden kommt auch in den vorliegenden Exzerpten zum Ausdruck: Er bemerkt mehrmals, dass „Schleiden schon an Darwin streift“ (S. 13) bzw. an manchen Reflexionen über das Verhältnis der Fortpflanzungsarten zur Erhaltung der Art „dem Darwinschen od. rather Lamarque’schen schon näher“ (S. 50) kommt.

15Ernst Cassirer zufolge erklärte Schleiden in seinem Lehrbuch „Grundzüge der wissenschaftlichen Botanik“ (Leipzig 1842/1843) als erster die kausale Erforschung der Pflanzenwelt zum Hauptziel der Botanik.Ernst Cassirer: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit. Bd. 4. S. 162. Schließen [6] Auch im Vorwort des dritten Bandes der „Encyclopädie“ hebt Schleiden hervor: „Die wichtigste Aufgabe für den Landwirth bleibt immer die Cultur der Pflanzen. Sie ist der eigentliche Kernpunkt, um welchen sich die ganze Landwirthschaft dreht.“ Da Schleiden Kenntnisse in Physik, Chemie und Bodenkunde/Pflanzenphysiologie für ein Verständnis des Tier- und Pflanzenlebens für unabdingbar hielt, werden diese drei Disziplinen in der „Encyclopädie“ behandelt: Physik in Band 1 („Physik, anorganische Chemie und Mineralogie“), Chemie in Band 2 („Organische Chemie, Meteorologie, Geognosie, Bodenkunde und Düngerlehre“) sowie Pflanzenphysiologie in Band 3 („Die Physiologie der Pflanzen und Thiere und Theorie der Pflanzencultur“). Wie bemerkt, exzerpierte Marx 1878 auch aus den ersten beiden Bänden der „Encyclopädie“. Er interessierte sich dabei insbesondere für die Verwitterung der Mineralien als Voraussetzung für die Entstehung des Kulturbodens sowie für die GeognosieDie Geognosie hatte laut Friedrich Schoedler den Verlauf der Erdgeschichte beziehungsweise die Entstehung und Bildung der Erdrinde zum Gegenstand. Schließen [7] und die Entstehung der Gesteine.

16Alle drei Bände der „Encyclopädie“ tragen den Untertitel „Für Landwirthe bearbeitet“ und sollten den Bedürfnissen der Landwirtschaft Rechnung tragen. Schleiden verglich den Landwirt mit einem Künstler: Weder das höchste Glied im Staat noch bloß am privaten „Geldgewinn“ orientiert, solle sich der Landwirt weder bloß für die praktischen Erfordernisse seines Berufs interessieren noch einer reinen unfruchtbaren Theorie frönen. Dem Anspruch nach ist die „Encyclopädie“ ein popularisierendes Werk (siehe oben): Schleiden strebte mit ihr keine Weiterentwicklung der Wissenschaft, sondern eine Darstellung des Gesamtsystems der Kenntnisse an. Er wollte damit eine „Anleitung“ (Schleiden, S. 4) für die Landwirte bereitstellen und einen Beitrag zur „Anwendung der Naturwissenschaften auf die Landwirthschaft“ (Schleiden, S. 1) leisten. Schleiden ermutigte die Landwirte, selbst naturwissenschaftliche Studien zu betreiben. Die Einleitung enthält einen gesonderten 10-seitigen Abschnitt über den Gebrauch des Mikroskops.

17Die vorliegenden Exzerpte von Marx aus dem dritten Band der „Encyclopädie“ beginnen mit dem dritten Buch über die Bedingungen des Pflanzenwachstums. Schleiden bezeichnete dieses dritte Buch („Die Theorie der Pflanzencultur“) als den „Brennpunkt“ seiner Abhandlung des dritten Bandes. Gemäß seines früheren Interesses für das Problem der Bodenerschöpfung exzerpiert Marx zuerst aus dem zweiten Abschnitt des dritten Buchs über die Methoden der Agrikultur (S. 1–12). Schleiden unterscheidet zwischen Verhältnissen, die nicht in der Gewalt des Menschen liegen (Klima, Atmosphäre, Geognosie), und Verhältnissen, auf die der Mensch Einfluss ausüben kann (physikalische Eigenschaften der Ackerkrume und chemische Eigenschaften des Bodens). Schon mit der Lockerung der Ackerkrume und der Vernichtung der natürlichen Pflanzendecke tritt laut Schleiden „mit den Vortheilen der Cultur ihr Nachtheil hervor“ (S. 6); insbesondere dem Pflug seien „die Nachtheile des Culturbodens gegen den wilden [Boden] zuzuschreiben“ (S. 7). Besonders interessiert sich Marx für die Düngung (S. 8–12). In einem kurzen Kommentar betont er die Bedeutung der exzerpierten Ausführungen für seine eigene ökonomische Theorie: „Schleiden fasst p. 448–49 in seiner Art Fortschritt der Landwirthschaft zusammen. Für uns noch wichtig: Die Nothwendigkeit der Kapitalauslage vermehrt sich mit jedem dieser Fortschritte, also die der kapitalistischen Produktion. Kapitalauslage steigt mit Verschwinden der Brache, noch mehr mit der entwickelten Wechselwirthschaft, u. an u. f. sich mit Rücktritt v. Wiese u. Wald als gegebnem Zubehör des Ackerbaus.“ (S. 11.) Mit der Bearbeitung der Bodenbeschaffenheit durch die moderne Agrikultur hatte sich Marx kurz zuvor in Überlegungen zur Differentialrente beschäftigt.Darin schrieb er u. a.: „Die s. g. ständigen Meliorationen – welche die physische (z. Th. auch chemische) Beschaffenheit des Bodens verändern durch Operationen, die Kapitalauslagen kosten u. als Einverleibung des Kapitals mit dem Boden betrachtet werden können – kommen fast alle darauf hinaus, einem bestimmten Boden (dem Boden an einem bestimmten, beschränkten Platz) Eigenschaften zu geben, die andrer Boden, an andrem Platz, u. oft ganz in der Nähe – von Natur besizt.“ (MEGA II/14. S. 151.) Schließen [8]

18Anschließend geht Marx den ersten Abschnitt des dritten Buchs durch (S. 13–17), in dem Schleiden eine allgemeine Charakteristik der Kulturpflanzen und ihrer Ernährung gibt. Marx informiert sich über die Aufnahme der verschiedenen organischen und anorganischen Bestandteile durch die Pflanzen. Eigenständig bezog er die Unterscheidung zwischen extensiver und intensiver Agrikultur auf Ausdehnung und Vertiefung der Ackerkrume.Er bemerkt in eigenen Worten: „Extensive u. intensive Culter finden Analagon in Ausdehnung der Ackerkrume (Grössenoberfläche) u. Vertiefung derselben.“ (S. 3.) Schließen [9] In einer eigenen Bemerkung stellt er weiterhin fest: „Damit ist alle Kultur schon intensiv im Gegensatz zur natürlichen Zersteutheit der Pflanzen, aber, mit Bezug auf die zum Anbau gewählten Pflanzen extensiv, indem sie ihr Areal erweitert auf Kosten der andern.“ (S. 14.)

19Erst jetzt springt Marx an den Beginn des dritten Bandes der „Encyclopädie“ zurück (S. 18–25) und nimmt sich das erste Buch („Pflanzenphysiologie“) vor, wo er sich über die zelltheoretischen Grundlagen der Pflanzen (die Pflanzenzelle und ihre Veränderungen; Zusammensetzung der ganzen Pflanze aus den verschiedenen Zellformen; Bau der wichtigsten Kulturpflanzen) informiert. Nach einer kurzen Unterbrechung der Exzerpte durch Auszüge aus Schoedlers „Buch der Natur“ (S. 25–33) exzerpiert Marx weiter aus Schleiden über das „Leben der ganzen Pflanze“ (S. 34–50), das in die Perioden des Keimens, des Wachsens und der Fortpflanzung unterteilt wird.

20Das zweite Buch „Physiologie der Tiere“ des dritten Bandes von Schleidens „Encyclopädie“ findet in den Marxʼschen Exzerpten zunächst keine Beachtung. Erst S. 58–60 des vorliegenden Hefts notiert Marx, inmitten anderer Auszüge aus verschiedenen Büchern zur Physiologie, einige Abschnitte daraus.

Friedrich Schoedler: Das Buch der Natur

21 Friedrich Schoedler: Das Buch der Natur, die Lehren der Physik, Astronomie, Chemie, Mineralogie, Geologie, Physiologie, Botanik und Zoologie umfassend. 6., verm. und verb. Aufl. Braunschweig 1852. (S. 25–33 und 57.)

22 Friedrich Karl Ludwig Schoedler (1813–1884) studierte Pharmazie und Naturwissenschaften in Gießen und war nach der Promotion Assistent bei Justus von Liebig. Nach einigen größeren wissenschaftlichen Reisen erhielt er 1842 eine Anstellung als Lehrer für Naturwissenschaften am Gymnasium in Worms; 1854 wurde er zum Direktor der Realschule in Mainz berufen. Über Deutschlands Grenzen hinaus galt er als hervorragender Pädagoge und Verfasser wichtiger Bücher, darunter „Die Chemie der Gegenwart“ (Leipzig 1854), die Volks- und Schulausgabe von „Brehm’s Thierleben“ in drei Bänden (gemeinsam mit Alfred Edmund Brehm, Hildburghausen 1867) und der „Atlas der chemischen Technik“ (Leipzig 1873). Er war Mitarbeiter von Wagners „Handbuch der Naturkunde“ und Liebigs „Neuem Handwörterbuch der Chemie“ und veröffentlichte Arbeiten in den „Annalen der Chemie und Pharmacie“ (siehe Allgemeine Deutsche Biographie. Bd. 32. Leipzig 1891. S. 213).

23Bekannt wurde Schoedler vor allem durch das „Buch der Natur“, das 1846 erstmals erschien, in viele Sprachen übersetzt wurde und zu seinen Lebzeiten insgesamt 22 Auflagen erlebte. Es gilt als ein früher Bestseller naturwissenschaftlicher Sachbücher.Georg Schwedt: Liebig und seine Schüler. Berlin u. a. 2002. S. 117. Schließen [10] Schoedler konzipierte es als Lehrbuch für Gymnasien und technische Mittelschulen. Seine Idee war es, „in möglichst gedrängter Weise eine Uebersicht der Gesammtnaturerscheinung“ zu geben und „vorzüglich die allgemeinen Gesetze, die Grundlage der einzelnen Erscheinungen in einfacher und klarer Weise“ zu entwickeln (Schoedler, S. I).Justus von Liebig schrieb in diesem Zusammenhang: „Unter den für den Unterricht in Schulen bestimmten Lehrbüchern der Naturwissenschaften sind diejenigen ganz besonders selten, die von Autoren verfaßt sind, welche die einzelnen Zweige derselben nicht bloß theoretisch, sondern auch praktisch kennen, und welche gerade hierdurch befähigt sind, mit sicherer Hand das vor Allem Wichtige und Wissenswerthe von dem minder Wichtigen zu scheiden. In dieser Beziehung darf sich das Buch der Natur den besten an die Seite stellen; ganz abgesehen davon, daß es durch die reiche Ausstattung von Seiten des Verlegers zu einem der schönsten und zweckmäßigsten Werke gemacht worden ist, welche die Litteratur für diese Zwecke besitzt.“ (Zitiert nach Schoedler: Das Buch der Natur. 5. Aufl. Prospectus. O. S. vor dem Titelblatt.) Schließen [11]

24Marx erbte das „Buch der Natur“ 1864 von Wilhelm Wolff (siehe MEGA IV/18. S. 13.8), sein Exemplar ist allerdings nicht überliefert. Er verwendete das „Buch der Natur“ bereits 1864/1865 im Manuskript zum dritten Buch des „Kapital“ (MEGA II/4.2. S. 164.1–8 und Erl.) und exzerpierte es – wie auch die „Encyclopädie“ von Schleiden und Schmid – erneut 1878 im Rahmen seiner geologischen Studien (MEGA IV/26. S. 45–69, 83–94 und 136–138), dort mit Schwerpunkt auf Mineralogie und Zoologie. Die vorliegenden Exzerpte fertigt Marx aus dem Abschnitt über die Botanik an.

25Wie in den späteren Exzerpten aus dem „Buch der Natur“ von 1878 verzichtet Marx auch in den vorliegenen Auszügen auf eine Quellenangabe. Weder Autor noch Titel des Werks oder Seitenverweise teilt er mit. Seine Exzerpte überschreibt er stattdessen wie folgt: „Das Folgende nur kurze Zwischenbemerkungen aus spätern Büchern als dem v. Schleiden“. Marx besaß das „Buch der Natur“ in der sechsten Auflage von 1852, die zwei Jahre nach Schleiden und Schmids „Encyclopädie“ erschien. An einer Stelle seiner Exzerpte bemerkt er denn auch: „diess aus Schleiden genommen“ (S. 32). Der hiermit kommentierte Satz stand noch nicht in der vierten Auflage des „Buchs der Natur“ von 1849. Schoedler selbst gab Schleidens „Physiologie der Pflanzen und Thiere und Theorie der Pflanzencultur“ von 1850 als eine Quelle seiner Darstellung der Botanik in der sechsten Auflage an (Schoedler, S. 431).Schon im Vorwort zur dritten Auflage des „Buchs der Natur“ von 1848 hatte Schoedler auf die neuartige wissenschaftliche Behandlung der Botanik durch Schleiden hingewiesen und daher schon für diese dritte Auflage u. a. den Abschnitt über Botanik überarbeitet. Für die von Marx herangezogene sechste Auflage erweiterte Schoedler den Teil über die Botanik – einer Wissenschaft, die „in fortwährender Entwicklung ihres anatomischen und physiologischen Teils begriffen“ (Schoedler, S. VIII) sei – dann erneut. Schließen [12]

26Auch in seinen Studien zur Physiologie im vorliegenden Heft (S. 56–60), für die Marx drei Quellen heranzieht – Schleidens „Encyclopädie“, Ludimar Hermanns „Grundriss der Physiologie des Menschen“ und Schoedlers „Buch das Natur“ – gibt er die ersten beiden Quellen an, schreibt aber bei Schoedler bloß: „Anderswo her über die Haut“ (S. 57.) Dass Marx Schoedler so gut wie nie namentlich erwähnte,Eine Ausnahme bildet das Manuskript zum dritten Buch des „Kapital“, wo Marx seine Quelle angab mit „Schödler“ (MEGA II/4.2. S. 164.3). Schließen [13] könnte darauf hindeuten, dass er sich nicht für ihn als eigenständigen Autoren interessierte. Zugleich zeugen seine wiederholten Exzerpte davon, dass er das „Buch der Natur“ als wertvolles Lehrbuch schätzte.

27In den vorliegenden Exzerpten informiert sich Marx über die einfachen Organe der Pflanzen (Zellen, Gefäße, Zellgewebe, Zellenzwischenräume), ihre zusammengesetzten Organe (Wurzel, Stamm, Blätter als Ernährungsorgane; Knospen, Zwiebeln, Knollen, Blüten, Früchte, Samen als Fortpflanzungsorgane) sowie schließlich die Ernährung der Pflanze (vor allem die Aufnahme der Nahrungsmittel). Genau diese Themen untersucht Marx weiter im vorliegenden Heft direkt im Anschluss an die Exzerpte aus Schoedlers „Buch das Natur“ in seinen dort wiederaufgenommenen Auszügen aus dem dritten Band von Schleidens „Encyclopädie“ (S. 34–50). Nachdem er diese Exzerpte aus Schleiden beendet hatte, wandte sich Marx dem nächsten, im Folgenden besprochenen Werk zu.

Johannes Ranke: Grundzüge der Physiologie des Menschen

28 Johannes Ranke: Grundzüge der Physiologie des Menschen mit Rücksicht auf die Gesundheitspflege. Für das praktische Bedürfniss der Ärzte und Studirenden zum Selbststudium bearbeitet. 3. umgearb. Aufl. Leipzig 1875. (S. 51–56 und 61–79.)

29 Johannes Ranke studierte u. a. bei Justus von Liebig in München sowie bei Rudolf Virchow und Emil du Bois-Reymond in Berlin, bevor er 1861 zum Dr. med. promoviert wurde und sich 1863 in Physiologie habilitierte. 1869 erfolgte seine Berufung zum außerordentlichen Professor, 1886 zum ersten ordentlichen Professor für Anthropologie in Deutschland an die Universität München. Als Anthropologe wandte sich Ranke später gegen die Rassentheorien von Arthur de Gobineau und Houston Stewart Chamberlain.Siehe Armin Geus: Johannes Ranke (1836–1916). Physiologe, Anthropologe und Prähistoriker. Marburg 1987. S. 14. Schließen [14] Außer den „Grundzügen der Physiologie des Menschen“ sind als wichtige physiologische Arbeiten Rankes zu nennen: „Untersuchung über die chemischen Bedingungen der Ermüdung des Muskels“ (in: Archiv für Anatomie, Physiologie und wissenschaftliche Medicin. Leipzig 1863. S. 422–450), „Tetanus“ (Leipzig 1865), „Die Lebensbedingungen der Nerven“ (Leipzig 1868) sowie „Die Blutvertheilung und der Thätigkeitswechsel der Organe“ (Leipzig 1871).

30Die „Grundzüge der Physiologie des Menschen“ sollten, wie Ranke in der Vorrede zur zweiten Auflage von 1872 betont, „ein zum Selbststudium geeignetes Handbuch der Physiologie und physiologischen Technik für den Arzt sein“ (Ranke, S. V). Das Werk hatte sich indes „auch Eingang auf Universitäten verschafft“ (ebenda), kann also auch als eine Art Hochschullehrbuch für damalige Medizinstudenten angesehen werden. Ranke gab an, dass seine Ausarbeitung darauf abziele, „dem ärztlichen Publikum die Hauptlehren der Physiologie in leicht verständlicher Form und mit Rücksicht auf die praktische Verwerthung darzubieten“ (Ranke, S. V). Von der „Darstellung der rein physiologischen Lehren“ wollte er daher „sogleich auf die Anwendung derselben für ärztliche Zwecke vor Allem für die physiologische Gesundheitspflege“ übergehen. Besonderes Augenmerk legte Ranke dabei auf die im Titel des Buchs erwähnte „Gesundheitspflege“: Im Inhaltsverzeichnis der „Grundzüge“ findet sich eine zusätzliche Aufstellung, in der diejenigen Abschnitte des Buchs eigens ausgewiesen werden, in denen die Auswirkungen von u. a. Klima, Atmosphäre, Wohnung, Heizung, Abwasser und nicht zuletzt Ernährungsweisen, Nahrungs- und Genussmittel sowie Reinlichkeit, Hautpflege, Turnen und Fußwandern auf die menschliche Gesundheit diskutiert sind. In einer weiteren Inhaltszusammenstellung sind darüber hinaus noch die wichtigsten Stellen zusammengetragen, die Untersuchungs- und Therapieansätze für den Arzt behandeln.

31Marx exzerpiert das 951-seitige Buch über drei Hefte hinweg und strebt dabei eine mehr oder weniger vollständige Wiedergabe des Inhalts an. Er notiert sich dabei auch einige Erkenntnisse zur „Gesundheitspflege“, folgt in seinen Exzerpten aber nicht den gesonderten Inhaltszusammenstellungen, sondern exzerpiert das Buch gründlich von Anfang bis Ende. Der Aufbau des Werks ist durch drei Teile bestimmt: 1) „Allgemeine Physiologie“, 2) „Specielle Physiologie. I. Die Physiologie des Stoffwechsels“ sowie 3) „Specielle Physiologie. II. Die Physiologie der Arbeitsleistung“. Im vorliegenden Heft beschäftigt sich Marx mit dem ersten Teil und dabei insbesondere mit der Zelle und ihren chemischen und physikalischen Eigenschaften. Er konnte dabei seinem offensichtlichen Interesse für die elementaren Vorgänge des Lebens nachgehen (siehe Einführung). Marx liest dabei auch über das „Gesetz der Erhaltung der Kraft“, mit dem er sich erneut 1878/1879 in naturphilosophischen Exzerpten aus Werken von Descartes, Leibniz und Emil Du Bois-Reymond beschäftigen wird (siehe MEGA IV/25).

32Rankes „Grundzüge“ befanden sich im Besitz von Marx. An vereinzelten Stellen haben seine Auszüge daher indexartigen Charakter und halten im Buch nachzuschlagende Stichworte fest. Auch setzte Marx in seinen Exzerpten viele Verweise auf Marginalien, die er in seinem Handexemplar gemacht hatte und die im Edierten Text mit dem Zeichen ⎰ wiedergegeben werden. Marxʼ Handexemplar ist nicht überliefert und auch sonst lassen sich so gut wie keine direkten Hinweise auf eine mögliche weitere Verwendung der Exzerpte durch Marx feststellen. Für seine späteren Exzerpte zur Chemie benutzte er das Buch erneut (siehe MEGA IV/31).

33In seinen Briefen kam Marx, soweit bisher bekannt, nur einmal auf Ranke zu sprechen. Am 23. Dezember 1882, wenige Wochen vor seinem Tod und mehr als sechs Jahre, nachdem er die vorliegenden Exzerpte erstellt hatte, erbat Marx von Ventnor (Isle of Wight) aus von seiner Tochter Eleanor u. a. die „Grundzüge der Physiologie“: „Bring mir nur die eine Physiologie, die von Rank (oder Ranke weiss ich nicht)“ (RGASPI, Sign. f. 1, o. 1, d. 6128). Ob es Marx dabei um eine Wiederaufnahme naturwissenschaftlicher Studien ging oder er bei Ranke Hinweise zur ärztlichen Behandlung oder „Gesundheitspflege“ einholen wollte, kann nicht mit Bestimmtheit gesagt werden.Während Marx am 27. März 1882 seiner Tochter Jenny aus Algier geschrieben hatte, irgendwelche Arbeit komme für ihn nicht in Frage, heißt es in einem Brief an Eleanor vom 10. November 1882, zu wirklicher Arbeit sei er noch nicht gekommen, er habe sich aber mit diesem und jenem beschäftigt. Schließen [15] Er selbst befand sich damals auf Kur, und seine Tochter Jenny lag zu dieser Zeit schwer krank in Argenteuil, wo sie kurz darauf versterben sollte.

34In seinem Umfeld war Marx nicht der einzige, der die „Grundzüge der Physiologie“ las. Am 15. Oktober 1888 schrieb Engels an Nikolaj Francevič Daniel’son: „I have read with great interest your physiological observations upon exhaustion by prolonged labour time & the quantity of potential energy in the shape of food required to replace the exhaustion. To the statement of Ranke quoted by you I have to make a slight exception: if the 1,000,000 kgmetres in food merely replaces the amount of heat & mechanical work done, it will still be insufficient, for it does not then replace the wear & tear of muscle & nerve; for that not only heat-producing food is required but albumen & this cannot be measured in kgmètres alone, as the animal body is incapable of building it up from the elements.“

35Durch eine erste Auswertung der Randanstreichungen zu seinem Exzerpttext lässt sich zeigen, dass auch Marxʼ näheres Interesse an einer Physiologie der Arbeitsleistung und den Bedingungen der Tätigkeit und Erschöpfung von Muskeln und Nerven hatte. Für weitere Informationen, insbesondere über den Aufbau und weitere Inhalte der Marxʼschen Exzerpte aus Rankes „Grundzügen der Physiologie des Menschen“, siehe Entstehung und Überlieferung zu den Heften B und C.

Ludimar Hermann: Grundriss der Physiologie des Menschen

36 L[udimar] Hermann: Grundriss der Physiologie des Menschen. 5. verm. und verb. Aufl. Berlin 1874. (S. 56/57.)

37Der „Grundriss der Physiologie des Menschen“ gehörte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu den verbreitetsten Lehrbüchern der Physiologie und verfolgte den Anspruch, die Gesamtkenntnisse der Physiologie mitsamt ihren theoretischen und methodischen Grundlagen darzustellen. Er wurde zwischen 1863 und 1899 zwölf Mal aufgelegt und in viele europäische Sprachen übersetzt. Sein Autor, der Physiologe Ludimar Hermann, war nach dem Studium (1855–1859), der Promotion (1859) und Habilitation (1865) in Berlin ordentlicher Professor für Physiologie, von 1868 an zunächst an der Universität Zürich, seit 1884 an der Universität Königsberg. Seine physiologischen Forschungen bezogen sich auf den Lebensprozess der Muskeln und Nerven, auf die tierische Elektrizität sowie die Natur der Vokale.

38Marx verfügte über die 528 Seiten umfassende fünfte Auflage des „Grundriss der Physiologie des Menschen“ in seiner privaten Bibliothek (siehe MEGA IV/32. Nr. 565). Er exzerpierte daraus erneut in den Jahren 1877–1883 in seinen Exzerpten zur Chemie (siehe MEGA IV/31). Die vorliegenden Exzerpte stammen aus dem Kapitel „Eientwicklung bei Säugethieren und beim Menschen“, das sich im Abschnitt „Entstehung, Entwickelung und Ende des Organismus“ befindet. Marx unterbricht S. 76 seine Exzerpte aus Rankes „Grundzüge der Physiologie des Menschen“ an der Stelle, an der es um die „Entstehung der Organe“ geht, für die Darstellung von Hermann über die Eientwicklung. Diesen Exzerpten fügt er kurze Auszüge aus Schoedlers „Buch der Natur“ über die Haut (S. 57) und aus Schleidens „Encyclopädie“ über Muskeln, Haut und Haare (S. 58–60) hinzu, ehe er dann seine Ranke-Exzerpte (ab S. 61) fortsetzt.

Anmerkungen

  • [1]Auch die Tabelle, die Marx aus Wilhelm Schumachers „Die Physik in ihrer Anwendung auf Agricultur und Pflanzenphysiologie“ an den Beginn des Hefts übernimmt, überschreibt er mit: „Die wichtigsten Säuren u. Basen f. die Agrikulturchemie“ (S. [0c]). Ebenso beziehen sich die meisten Marginalien von Marx im vorliegenden Heft auf Agrikulturchemie.
  • [2]Schleiden verteidigte seinen Anspruch auf Popularisierung wie folgt: Die Wissenschaft solle „Eigenthum und Gemeingut der ganzen Menschheit“ und keine „Geheimlehre“ sein. Popularisierung bedeutete für ihn indes keinen Verzicht auf die nötige Komplexität: „Dagegen beruht eine andere Anforderung, die man noch an Popularität wohl zu machen pflegt, auf einem gewaltigen Mißverständnisse. Man meint nämlich, eine Wissenschaft müsse sich für den Laien so mundgerecht und bequem zubereiten lassen, daß er ohne Mühe und Geistesanstrengung sich dieselbe in Kurzem zu eigen machen könne. Dieses Ansinnen ist geradezu als ein albernes zu bezeichnen. Wer irgend etwas in der Welt wissen will, muß es lernen, und ein ganzes System von Kenntnissen, eine Wissenschaft kann man Niemandem durch einen Nürnberger Trichter einfüllen.“ (M. J. Schleiden: Die Physiologie der Pflanzen und Thiere und Theorie der Pflanzencultur. Für Landwirthe bearbeitet. Braunschweig 1850. S. 5/6.)
  • [3]Für weitere naturwissenschaftliche Bücher, die Marx in dieser Zeit las, siehe MEGA IV/18. S. 849 u. 893.
  • [4]Er besaß sie in englischer Übersetzung, enthalten in Th[eodor] Schwann: Microscopical Researches into the Accordance in the Structure and Growth of Animals and Plants. Transl. from the German by Henry Smith. London 1847. Rückent.: Schwann und Schleiden’s Researches. Enth.: M[atthias] J[acob] Schleiden: Contributions to Phytogenesis Transl. from the German by Henry Smith). Marxʼ Handexemplar enthält zahlreiche Marginalien von ihm (siehe MEGA IV/32. Nr. 1219).
  • [5]Es handelt sich um M[atthias] J[acob] Schleiden: Studien. Populäre Vorträge. Leipzig 1855. 2., umgearb. und verm. Aufl. Leipzig 1857 (siehe MEGA IV/18. S. 17.8); M[atthias] J[acob] Schleiden: Das Alter des Menschengeschlechts, die Entstehung der Arten und die Stellung des Menschen in der Natur. Leipzig 1863 (siehe MEGA IV/18. S. 13.35).
  • [6]Ernst Cassirer: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit. Bd. 4. S. 162.
  • [7]Die Geognosie hatte laut Friedrich Schoedler den Verlauf der Erdgeschichte beziehungsweise die Entstehung und Bildung der Erdrinde zum Gegenstand.
  • [8]Darin schrieb er u. a.: „Die s. g. ständigen Meliorationen – welche die physische (z. Th. auch chemische) Beschaffenheit des Bodens verändern durch Operationen, die Kapitalauslagen kosten u. als Einverleibung des Kapitals mit dem Boden betrachtet werden können – kommen fast alle darauf hinaus, einem bestimmten Boden (dem Boden an einem bestimmten, beschränkten Platz) Eigenschaften zu geben, die andrer Boden, an andrem Platz, u. oft ganz in der Nähe – von Natur besizt.“ (MEGA II/14. S. 151.)
  • [9]Er bemerkt in eigenen Worten: „Extensive u. intensive Culter finden Analagon in Ausdehnung der Ackerkrume (Grössenoberfläche) u. Vertiefung derselben.“ (S. 3.)
  • [10]Georg Schwedt: Liebig und seine Schüler. Berlin u. a. 2002. S. 117.
  • [11]Justus von Liebig schrieb in diesem Zusammenhang: „Unter den für den Unterricht in Schulen bestimmten Lehrbüchern der Naturwissenschaften sind diejenigen ganz besonders selten, die von Autoren verfaßt sind, welche die einzelnen Zweige derselben nicht bloß theoretisch, sondern auch praktisch kennen, und welche gerade hierdurch befähigt sind, mit sicherer Hand das vor Allem Wichtige und Wissenswerthe von dem minder Wichtigen zu scheiden. In dieser Beziehung darf sich das Buch der Natur den besten an die Seite stellen; ganz abgesehen davon, daß es durch die reiche Ausstattung von Seiten des Verlegers zu einem der schönsten und zweckmäßigsten Werke gemacht worden ist, welche die Litteratur für diese Zwecke besitzt.“ (Zitiert nach Schoedler: Das Buch der Natur. 5. Aufl. Prospectus. O. S. vor dem Titelblatt.)
  • [12]Schon im Vorwort zur dritten Auflage des „Buchs der Natur“ von 1848 hatte Schoedler auf die neuartige wissenschaftliche Behandlung der Botanik durch Schleiden hingewiesen und daher schon für diese dritte Auflage u. a. den Abschnitt über Botanik überarbeitet. Für die von Marx herangezogene sechste Auflage erweiterte Schoedler den Teil über die Botanik – einer Wissenschaft, die „in fortwährender Entwicklung ihres anatomischen und physiologischen Teils begriffen“ (Schoedler, S. VIII) sei – dann erneut.
  • [13]Eine Ausnahme bildet das Manuskript zum dritten Buch des „Kapital“, wo Marx seine Quelle angab mit „Schödler“ (MEGA II/4.2. S. 164.3).
  • [14]Siehe Armin Geus: Johannes Ranke (1836–1916). Physiologe, Anthropologe und Prähistoriker. Marburg 1987. S. 14.
  • [15]Während Marx am 27. März 1882 seiner Tochter Jenny aus Algier geschrieben hatte, irgendwelche Arbeit komme für ihn nicht in Frage, heißt es in einem Brief an Eleanor vom 10. November 1882, zu wirklicher Arbeit sei er noch nicht gekommen, er habe sich aber mit diesem und jenem beschäftigt.

Zeugenbeschreibung

    • H Originalhandschrift: IISG, Marx-Engels-Nachlass, Sign. B 130/B 119.
    • Beschreibstoff: Notizbuch mit Leineneinband, Außenseiten grün. Format: DIN A5. Auf Außenseite des Vorderdeckels von Engels Etikett geklebt.
    • Zustand: Sehr gut erhalten, Papier leicht vergilbt. Keine Textverluste.
    • Schreiber: Karl Marx, Friedrich Engels (Etikett).
    • Schreibmaterial: Schwarze Tinte, leicht verblasst.
    • Beschriftung: Alle Seiten beschrieben. Deutsch in lateinischer Schrift.
    • Paginierung: Marx paginierte (Vorsatz ausgenommen) von 1–79 mit Tinte.
    • Vermerke fremder Hand: Archivstempel IISG. Fotosign. DN (alle mit Bleistift).

Zitiervorschlag

Timm Graßmann: Entstehung und Überlieferung zu „Heft A“ (1876). In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital, Bd. IV/23, hg. v. der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://megadigital.bbaw.de/M3353722. Abgerufen am 08.08.2026.