Inhaltsbeschreibung und Datierung

1In dem vorliegenden Heft IX beendet Marx seine Exzerpte aus den Werken von Pietro Rota, die er über die vier vorangegangenen Hefte hinweg geführt hat. Neben dem Abschluss der Auszüge aus Rotas „Principj di scienza bancaria“ (S. 1–5) dokumentiert das Heft auch Marx’ erneute Beschäftigung mit dem Gründerkrach von 1873. Mit den Auszügen aus den beiden Pamphleten von Otto von Diest, „Geldmacht und Socialismus“ (S. 5–11) und „Der sittliche Boden im Staatsleben“ (S. 11–13) greift er dieses Thema wieder auf, nachdem er sich bereits im Sommer 1878 durch Heinrich Joachim Gehlsens „Das kleine Buch vom grossen Bismarck“ damit beschäftigt hatte. In den beiden folgenden Heften X und XI verfolgt Marx Entstehung, Verlauf und Auswirkungen dieser Krise weiter. Zudem exzerpiert Marx die Werke zweier französischer Ökonomen, die Geldpolitik und Finanzkrisen zum Gegenstand haben: Joseph-Louis Rey „Des erreurs de la Banque de France et des crises financières que ces erreurs provoquent“ (S. 13–16) sowie Jacques Victor Bonnets „Questions économiques et financières à propos des crises“ (S. 16–36). Das Heft endet mit Auszügen aus John Peter Gassiots Pamphlet „Monetary Panics and their Remedy“ (S. 36–41), die Marx im folgenden Heft X fortsetzt und beendet. Schließlich befinden sich am Ende des Hefts bibliographische Notizen (S. 41), in denen Marx einen kleinen Kommentar zu John Benjamin Smiths „An Inquiry into the Causes of Money Panics, and of the Frequent Fluctuations in the Rate of Discount“ (London 1866) schreibt.

2Das Heft dokumentiert Marx’ weitere Beschäftigung mit der Theorie und der Geschichte von Geld, Kredit und Krisen. Themen sind Krisen, ihre Geschichte und die Möglichkeit, sie zu verhindern, ferner Bank- und Aktienwesen sowie Geldpolitik. Die Schriften stammen von italienischen, deutschen, französischen und englischen Autoren. Sie sind relativ aktuell und sämtlich vor dem Hintergrund der jeweils jüngsten Wirtschaftskrise entstanden: der Krise von 1857 (Bonnet), der französischen Geldklemme von 1863/1864 (Rey), der Krise von 1866 (Gassiot, Smith) sowie dem Gründerkrach von 1873 (Rota,Das Vorwort der von Marx herangezogenen zweiten Auflage von Rotas „Principj di scienza bancaria“ ist mit August 1873 datiert, das Buch dürfte daher ungefähr mit Ausbruch der Krise im September in New York erschienen sein. Die Krise in Wien vom Mai 1873 findet darin schon Erwähnung (Heft VIII, S. 59). Schließen [1] Diest-Daber). Der Form nach handelt es sich (mit Ausnahme der Arbeiten von Bonnet und Rota) um kürzere und polemisch gehaltene Streitschriften, Interventionen und Pamphlete, die als Ausdruck des politisch-ökonomischen Kampfs gegen das zinstragende Kapital verstanden werden können. Anlässlich einer Wirtschaftskrise nahm die Opposition gegen das zinstragende Kapital zu, und Marx betrachtet im vorliegenden Heft ihre verschiedenen Standpunkte: deutsches Grundeigentum (Diest-Daber), französisches Handels- (Rey) und industrielles Kapital (Bonnet), Kritik der Krisenprofite der Bank of England vom Standpunkt der Aktienbanken (Gassiot) sowie umgekehrt Angriff auf die Aktienbanken von einem Parteigänger der Bank of England (J. B. Smith).

3Das Heft entstand vermutlich ab Januar 1879. Engels datierte das Heft auf dem Umschlag mit „Dez. 1878 – Jan. 1879“, aber dass Marx das Heft schon im Dezember 1878 begonnen haben soll, ist fraglich, da er zu dieser Zeit an dem vorangegangenen Heft VIII arbeitete (siehe Entstehung und Überlieferung) und das vorliegende erst nach dessen Abschluss begonnen hat, wie nicht nur die Fortsetzung der Exzerpte aus Rotas „Principj di scienza bancaria“ zeigt, sondern auch die bibliographischen Notizen auf dem vorderen Innendeckel des vorliegenden Hefts (S. [0]), die Titel zu Hieronymus Rorarius enthalten, auf den er beim Exzerpieren von Schriften zu Leibniz im vorangegangenen Heft aufmerksam gemacht geworden war (siehe Heft VIII, S. 63 u. 69). Da es sich beim vorliegenden um ein vergleichsweise kleines Heft handelt, ist davon auszugehen, dass Marx es noch im Januar, spätestens im Februar 1879 abgeschlossen hat.

Pietro Rota: Principj di scienza bancaria

4Pietro Rota: Principj di scienza bancaria. 2. ed., notevolmente accresciuta e migliorata. Milano 1873. (S. 1–5.)

5Marx schließt hier die in Heft VIII begonnenen Auszüge aus Rotas Werk zur Theorie des Kredits und des Bankwesens mit den letzten beiden Kapiteln des Werks ab. (Siehe Entstehung und Überlieferung.)

Otto von Diest-Daber: Geldmacht und Socialismus

6Otto von Diest-Daber: Geldmacht und Socialismus. Einzelne Schlagschatten auf die innere Politik des Fürsten Bismarck mit Original-Correspondenzen desselben. 2. verb. und mit einem Vorwort verm. Aufl. Berlin 1875. (S. 5–11.)

7In diesem nach dem Gründerkrach von 1873 erschienenen Pamphlet wird die Ausbreitung von „Zuchtlosigkeit“ in Deutschland und die „entsittlichende“ Wirkung der „Macht des Geldes“ angeprangert. Der Autor der Schrift, Otto von Diest, wendet sich sowohl gegen das Geldkapital als auch gegen den Sozialismus, die er miteinander verwandt sieht, wenngleich die Macht des Geldes zugleich auch die Gleichheit vor dem Gesetz untergrabe. Marx exzerpiert: „Der Geldhydra, aus welcher der Socialismus mit hervorgegangen, ist rücksichtslos auf den Kopf zu treten.“ (S. 6.) Marx scheint das Pamphlet als einen Angriff des Grundeigentums auf das Geldkapital eingeschätzt zu haben: „Nun geht unser pommerscher Krautjunker in Kampf gegen die Elberfelder Geldmacht“ (S. 9), kommentiert er spöttisch an einer Stelle seines Exzerpts. Otto von Diest war preußischer Verwaltungsbeamter, Konservativer im preußischen Abgeordnetenhaus und mit der Tochter eines Gutsbesitzers verheiratet. Diest war neben Joachim Gehlsen, Otto Glagau, Franz Perrot und Rudolph Meyer einer der Hauptprotagonisten einer konservativen Spekulationskritik, die den Gründerkrach von 1873 zu einer Polemik gegen Liberalismus und Geldkapital nutzten.

8Das Hauptziel von Diests Polemik ist indes Otto von Bismarck, der, nachdem er der preußischen konservativen Partei den Rücken zugewandt hatte, Korruption und Schwindel im Deutschen Reich befördert habe und persönlich in Verbindung mit dem Geldkapital (in Person von Gerson von Bleichröder) stehe (S. 6). Diest kritisiert eine Reihe von unter Bismarck erlassener Gesetze als zu liberal und demokratisch. Marx hält in seinem Exzerpt Diests Opposition gegen das allgemeine Wahlrecht (S. 6) und seine Befürwortung einer starken Polizei (S. 7) fest. Dass Diest Stellung gegen den Sozialismus bezog, heißt nicht, dass er nicht um die Gunst der Arbeiter gebuhlt hätte: Die Regierung solle seiner Ansicht nach einerseits bekämpfen, was „der gewerbetreibenden Arbeiter-Bevölkerung“ berechtigten Grund zur Unzufriedenheit gibt, „andrerseits aber auch“, wie Marx mit Zusatz in Klammern notiert, „Zucht ⦗dies verdammt fett gedruckt⦘ durch die Gesetzgebung u. Exekutive … üben“ (S. 6).

9Ferner hält Marx einige Eigenschaften des deutschen Aktienwesens fest. Etwa konnte der Handelsminister „bei Feststellung der Höhe der Dividenden u. Reservefonds der Eisenbahnen etc“ mitwirken und somit „dieselben einige Zeit früher als das Publicum u. die Börse“ (S. 8) erfahren, was die Möglichkeit des Insider-Handels bot. Ausführlicher geht Diest darauf ein, wie das Kapital Wege findet, bestehende gesetzliche Regulierungen zu umgehen. Das von Bethel Henry Strousberg angewandte Bausystem der General-Entreprise, über das sich Marx im folgenden Heft X näher informiert, sei eine Antwort auf die besonderen Gegebenheiten des deutschen Aktienwesens gewesen und als ein Versuch anzusehen, dessen gesetzliche Bestimmungen zu umgehen. Die Bestimmungen des preußischen Aktiengesetzes, wonach „Actien nur al pari begeben werden dürften“ (S. 7)Das emittierende Unternehmen war verpflichtet, nach der Erstemission seiner Aktien keine weiteren Aktien unter dem in der Unternehmenssatzung festgelegten Nennwert der ersten Aktie auszugeben, so dass die Zeichner der Aktien sich sicher sein konnten, dass kein späterer Anleger einen günstigeren Ausgabepreis erhalten würde. Schließen [2] seien vor der Krise von 1873 dadurch umgangen worden, dass „einerseits das Anlagecapital möglichst hoch veranschlagt, andrerseits möglichst billig gebaut“ (S. 8) worden war. In den Debatten um den Gründerkrach wurde die Auffassung vertreten, dass gerade die bestehenden gesetzlichen Bestimmungen der Vollzahlung von Aktien das Problem gewesen sei, weil sie umgangen worden waren; schaffe man sie ab und stelle man völlige Freiheit auf dem Geldmarkt her, werde man niemanden „von Gesetzesumgehungen reden hören“ (S. 8). Die Grenzen einer gesetzlichen Regulierung des Geldmarkts zur Vermeidung von Krisen hatte auch Marx im Manuskript zum dritten Buch des „Kapital“ (MEGA II/4.2. S. 543) betont.

10Marx wurde auf Diest bei Otto Glagau aufmerksam, der ohne Angabe einer Quelle von den „Enthüllungen“ des „Herrn von Diest-Daber“ sprach.Siehe Otto Glagau: Der Börsen- und Gründungs-Schwindel in Deutschland. (Zweiter Theil von „Der Börsen- und Gründungs-Schwindel in Berlin“.) Leipzig 1877. S. 477–480. Schließen [3] Diesen Namen notierte sich Marx, nachdem er Glagau nach dem 22. April 1878 gelesen hatte (siehe Entstehung und Überlieferung), in sein Notizbuch aus den Jahren 1877 bis 1881 (S. [1]). Anschließend recherchierte er ihn im Katalog der Bibliothek des British Museum und stieß dort auf die beiden im vorliegenden Heft exzerpierten Schriften (siehe Notizbuch aus den Jahren 1878 bis 1879, S. 6).

Otto von Diest-Daber: Der sittliche Boden im Staatsleben

11Otto von Diest-Daber: Der sittliche Boden im Staatsleben. Heft 1. Eine Auseinandersetzung mit dem Abgeordneten Lasker. 2. Aufl. Berlin 1876. (S. 11–13.)

12Auch das zweite von Marx exzerpierte Pamphlet Otto von Diests entstand im Zuge des Gründerkrachs. Es ist in erster Linie gegen Eduard Lasker gerichtet, einen Abgeordneten der Deutschen Fortschrittspartei. Lasker hatte 1873 im Abgeordnetenhaus ein „System Strousberg“ angegriffen und den Staat einer leichtfertigen Konzessionierung von privaten Eisenbahngesellschaften bezichtigt. Im Exzerpt spricht Marx von Laskers Polemik im Abgeordnetenhaus als einer „pathetischen Anticorruptionsdeclamation“ (S. 11). Diests Pamphlet ist einer Kritik Laskers „vom royalistischen und patriotischen Standpunkte“ (Diest-Daber, S. 1) verpflichtet. Er will zeigen, dass Lasker kein konsequenter Kämpfer gegen das Finanzkapital, sondern vielmehr selbst am „Schwindel“ beteiligt war. Er kritisiert die im Anschluss an Laskers Intervention eingesetzte parlamentarische Untersuchungskommission „über die Eisenbahnbauschwindelei“ (S. 12), wie Marx sich ausdrückt, und fordert am Ende seiner Schrift die Einsetzung einer neuen Untersuchungskommission.

13Marx exzerpiert viele bei Diest wiedergegebene Auszüge aus Laskers Reden. Aus diesen wird deutlich, dass Lasker weniger eine nähere Charakterisierung des „Systems Strousbergs“ gab als sich vielmehr über den Wertverlust der Aktien der von Bethel Henry Strousberg errichteten Eisenbahngesellschaften beschwerte. Lasker klagte an: „die Regierung ist wissend u. theilnehmend an der Umgehung des Gesetzes; sie lässt v. vorn herein übermässige Kostenanschläge u. ein viel zu grosses Actiencapital zu, in dem Bewusstsein, dass auch für die Arbeiten u. Kosten der Herstellung Actien scheinbar zum Nominalwerth angegeben werden, in Wahrheit aber ein viel geringerer Werth verrechnet, u. nur dem wahren Werthe entsprechend geleistet wird.“ (S. 11.) Im folgenden Exzerptheft griff Marx zu Strousbergs eigenem Buch „Dr. Strousberg und sein Wirken von ihm selbst geschildert“, um sich näher über dessen Geschäftsmodell zu informieren (siehe Entstehung und Überlieferung).

Joseph-Louis Rey: Des erreurs de la Banque de France et des crises financières

14Joseph-Louis Rey: Des erreurs de la Banque de France et des crises financières que ces erreurs provoquent. Marseille 1866. (S. 13–16.)

15Über den Autoren dieser 30-seitigen Schrift ist nicht viel bekannt. Joseph-Louis Reys Schriften wurden in Marseille, einem Zentrum des französischen Handels, verlegt, und in der vorliegenden Schrift thematisiert er die Verluste der Handelswelt dieser Stadt in der Krise von 1857 (S. 14). Rey verfasste 1865 die „Réponses aux 42 questions soumises au conseil supérieur du commerce de France sur les banques et le crédit“ (Marseille 1865), eine Antwort an die Bank Enquête über die Ursachen der Finanzkrise von 1863/1864 in Frankreich und die Rolle der Banque de France darin, die Napoleon III. 1865 genehmigte und für die sich Marx schon in seinen Exzerpten von 1868 interessierte (siehe MEGA IV/19). Auch das vorliegende Pamphlet ist an die Mitglieder der „Commission d’enquête sur les banques et le crédit“ gerichtet. Die Enquête sollte die Ursachen der Krisen sowie etwaige Mittel, ihre Wiederkehr zu verhindern, untersuchen. Rey sah die Krisen durch geldpolitische Fehler der Banque de France verursacht. Die Zinserhöhungen durch die Banque de France zu Beginn der 1860er Jahre seien zu Lasten des französischen Handels erfolgt. Marx notiert sich einige Angaben über Geschichte und Statuten der Banque de France, zur französischen Handels- und Krisengeschichte sowie zu Reys Überzeugung, dass die Banque de France dem Bankwesen diene, nicht der Handelswelt.

Victor Bonnet: Questions économiques et financières a propos des crises

16Victor Bonnet: Questions économiques et financières a propos des crises. Paris 1859. (S. 16–36.)

17An einer Stelle erwähnt Rey einen Aufsatz Victor Bonnets aus dem Jahr 1862. Marx dürfte sich dabei an diesen Autoren erinnert haben, über den er schon 1868 im „Economist“ erfahren hatte, wo er als Kritiker des Crédit Mobilier vorgestellt wurde (siehe MEGA IV/19). Zudem hatte er im Dezember 1876 Bonnets Artikel „L’expérience nouvelle du papier-monnaie“ (Revue des Deux Mondes, 15. November 1876) in „Heft e“ exzerpiert (siehe MEGA IV/24), in dem Bonnet die Ursachen der amerikanischen Wirtschaftskrise von 1873 vor allem in der dortigen Papiergeldwährung verortet. Bonnet, der regelmäßig Beiträge für die „Revue des Deux Mondes“ verfasste, übte wahrscheinlich einen Einfluss auf Léon Walras aus (siehe Roberto Baranzini: Léon Walras: l’épargne, le crédit et les crises (1860-1871). In: Etudes d’économie walrasienne. Reims 2000. S. 147–163).

18Bei der vorliegenden Schrift handelt es sich um eine krisentheoretische Abhandlung. Die Periodizität der Krisen wird gleich eingangs konstatiert, wie Marx notiert: „In Frankreich Crisen: 1811, 1819, 1825, 1836, 1846 et 47, 1857. C’est à peu près une tous les dix ans.“ (S. 16.) Bonnets Hauptziel ist die Erklärung der Wiederkehr der Wirtschaftskrisen aus ökonomischen Vorgängen. Er behauptet zwei Ursachen: Überkapitalisierung und Kreditmissbrauch. Dementsprechend ist sein Band in zwei Bücher unterteilt, die sich diesen beiden Krisenursachen widmen. Die Überkapitalisierung tritt dann ein, wenn das angewandte Kapital („capital employé“) über die Grenze des ersparten Kapitals („capital épargné“) hinaus getrieben wird. Das Sparen bildet somit die Grenze der Investitionstätigkeit; verletzt man sie, kommt es zur Überkapitalisation. Den Kredit begreift Bonnet als den Vermittler zwischen Ersparnissen und Investitionen. Wird der Kredit überdehnt, verstößt man gegen das richtige Verhältnis.

19Die Krisen begreift Bonnet demnach nicht als Unfälle, sondern als dem modernen industriellen und kommerziellen System inhärent. Daher sind sie für ihn ein Ausdruck des Fortschritts, und eine Verhinderung dieser Ereignisse ist für ihn weder denk- noch wünschbar. Weil sie gleichwohl desaströs seien, äußert Bonnet die Hoffnung, dass ihre Erforschung zu einer Art Medizin werden und dazu beitragen könnte, ihre Dramatik zu entschärfen und ihre Frequenz zu verkleinern. In diesem Widerspruch – dass Krisen einerseits schädlich sind, andererseits aber dem als fortschrittlich begriffenen modernen Produktionssystem notwendig entspringen – bewegt sich sein Buch. Die von James Mill und Jean-Baptiste Say vertretene Doktrin, dass Produkte mit Produkten gekauft werden, sei zwar richtig, doch gleichwohl könne man sich wegen der Gefahr der Überkapitalisierung nicht auf sie verlassen, sondern müsse sich um die richtige Balance („bonne administration“) zwischen dem fixen und dem flüssigen Kapital kümmern. Der Kreditmissbrauch sei schlecht, doch gleichwohl müsse man eine weise („sage“) Spekulation zulassen und fördern. Um das Gleichgewicht wiederherzustellen, hält Bonnet restriktive Maßnahmen für nötig: Einschränkung von Konsumtion und Produktion (S. 22), Erhöhung der Zinsrate und dadurch Verlangsamung der industriellen Aktivität (S. 26).

20Marx exzerpiert das ganze Buch, aus jedem Kapitel. Seine Auszüge behandeln erneut die Geschichte der Krisen und die wirtschaftliche Entwicklung in Frankreich, aber im Unterschied zu den anderen Schriften des vorliegenden Exzerpthefts (mit Ausnahme von Rota) zeichnet sich Bonnets Band durch einen theoretischen Anspruch aus. Marx allerdings formuliert durch Ausrufezeichen und kleine Kommentare Einwände sowohl gegen Bonnets Definition von Kapital als auch gegen seine Unterscheidung von fixem und flüssigem Kapital (S. 16/17). Zwei Fragezeichen drücken Marx’ Zweifel an der Geschichte der Entstehung der Krise von 1857 aus (S. 25). Unzufrieden zeigt sich Marx auch mit Bonnets Behauptung, dass die Erhöhung des Preises der Arbeitskraft in Frankreich infolge der Getreudeteuerung in den 1850er Jahren die Erhöhung des Kostpreises der französischen Produkte und die Unterlegenheit gegenüber der ausländischen Konkurrenz bedeutet habe. Diese Ineinssetzung von Lohnerhöhung und Wettbewerbsnachteil quittiert Marx mit einem „Asinus“ (S. 19).

21Im zweiten Buch untersucht Bonnet die verschiedenen Kreditmittel – Banknoten, Wertpapiere auf fixes Kapital, Depositen (gegen Zinsen), Wechsel (accomodation bills) – und die ihnen eigene Weise des „Missbrauchs“. Solange konvertibel, ist kein Missbrauch von Banknoten möglich; inkonvertibles Papiergeld/Banknoten ist durch den Zwangskurs zu missbrauchen. Schwerer als der Missbrauch der Depositen sei nur der der Wechsel zu verhindern (S. 35), denn das „papier de commerce uncontrollirt durch any publicity“ (S. 33), notiert Marx. Am Ende formuliert Bonnet drei allgemeine Mittel, dem Kreditmissbrauch vorzubeugen (S. 35), aber im Laufe seines Buchs betont er mehrmals die Schwierigkeit vorbeugender Maßnahmen: Weder könne man genau wissen, wo die Grenze des verfügbaren Kapitals liegt (S. 18) – was Marx mit dem Ausruf „Oho!“ kommentiert –, noch sei es bestimmbar, wie groß die Edelmetallreserve sein muss, mit der eine Bank auf Zahlungsforderungen in der Krise reagieren kann (S. 24).

22Marx begleitet das Exzerpt wiederholt mit ironischen und kritischen Randbemerkungen. In seinen Exzerpten aus dem zweiten Buch über den Kreditmissbrauch bezeichnet er Bonnet mehrmals als „benêt“ (naiv, treudoof). Möglicherweise hat dies damit zu tun, dass Bonnet zwar häufig eine Opposition gegen die Spekulation prätendiert, vor Papiergeld und Kreditmissbrauch warnt und die Spekulation im Zweiten Kaiserreich angreift, aber gleichzeitig das Aktienwesen im Eisenbahnbau fördern will (S. 31). Marx weist darauf hin, dass Bonnets Opposition gegen die Spekulation halbherzig sei. Bonnet schreibt explizit, dass die Spekulation „sage“ (weise) (S. 31) sein und sich, anstatt auf Wertpapiere, auf jene Zweige werfen müsse, die schon als „Kapital“ fungieren, wie der Eisenbahnsektor.

23In dieser Konstruktion drückt sich vermutlich Bonnets Kritik am Zweiten Kaiserreich aus, das er durch Kreditmissbrauch gekennzeichnet sah. So behauptet er, die Krise von 1857 sei die schlimmste in Frankreich gewesen, obwohl er zugleich eingesteht, dass Frankreich von der Krise weniger getroffen wurde als andere Länder, was er wiederum durch die Unterentwicklung des Depositwesens in Frankreich erklärt, wo nicht alles Geld bei den Banken konzentriert sei, so dass im Falle einer Krise eine höhere Reserve bereitstünde. Zugleich geht aus dem Buch hervor, dass Bonnet kein Anhänger der Freiheit von Emissionsbanken (sondern eines Monopols) war und sich für konvertible Banknoten einsetzte. Er setzt sich vor allem mit den Autoren der „Banking School“, Tooke, Newmarch und Wilson, auseinander.

24Marx notierte eine Reihe weiterer, im Katalog der Bibliothek des British Museum vermerkter Schriften Bonnets im Notizbuch aus den Jahren 1878 bis 1879 (S. 12).

John Peter Gassiot: Monetary Panics and their Remedy

25John P. Gassiot: Monetary Panics and their Remedy, with Opinions of the Highest Authorities on the Bank Charter Act. 2. Ed., enlarged. London 1867. (S. 36–41.)

26Das rund 50-seitige Pamphlet von John Peter Gassiot (1797–1877) – zum Zeitpunkt der Veröffentlichung Bankdirektor der London and Westminster Bank, einer der größten englischen Banken – behandelt Finanzkrisen und die Wirkungsweise des 1844 verabschiedeten „Bank Act“ in ihnen. Da der „Bank Act“ in den drei großen Krisen von 1847, 1857 und 1866 vorübergehend suspendiert werden musste, setzte sich Gassiot für eine Modifikation dieses Gesetzes ein. Er forderte die Einführung einer „Krisenklausel“, die im Falle einer Krise die Suspension des Bankgesetzes vorsieht, um der Bank of England eine temporäre Erhöhung der Ausgabe ihrer Banknoten zu gestatten. Diese Forderung gewann nach der Krise von 1866 große Popularität, nachdem Walter Bagehot sie im „Economist“ vorgeschlagen hatte (siehe Timm Graßmann: Der Eklat aller Widersprüche. Berlin, Boston 2022. S. 96/97). Marx exzerpierte Gassiots Resümee seines Anliegens: „A short Clause added to the Bank Charter Act of 1844, authorising the issue of money on Government Stock at 12% interest is all that would be required, and we should no longer have the anomaly of the Government being periodically compelled to break the law in order to meet exigencies arising from overtrading.“ (Heft X, S. 2.)

27Das Problem des „Bank Act“ lag in Gassiots Augen darin, dass er der Bank of England die Ausgabe von Banknoten untersagte und damit ein wirksames Heilmittel für die Geldkrisen unterdrückte: den Austausch von Staatsanleihen gegen Banknoten der Bank of England. Marx fasst Gassiots Anliegen in eigenen Worten wie folgt zusammen: „Also soll in Zeiten des panic – to check the hoarding der notes – die B. o. E. […] Noten advanciren auf Pfand von government securities.“ (S. 41.) Denn solange die Banknoten der Bank of England „legal tender“ wären, raisonniert Gassiot, würden sie auch innerhalb Großbritanniens akzeptiert. Das Wissen der Banken um die Austauschbarkeit ihrer Staatsanleihen in Notfällen würde in den Augen Gassiots sogar die Wiederkehr der Geldkrisen verhindern (Heft X, S. 2).

28Ohne eine solche Krisenklausel im „Bank Act“ aber entstünden den Geldbesitzern enorme Krisenprofite durch die Suspension des Gesetzes (Heft X, S. 1.) Als Gassiot in diesem Zusammenhang auch das Leiden der Arbeiterklasse auf die falsche Geldpolitik zurückführt, wirft Marx ihm ein „Asinus!“ (ebenda) entgegen, wohl weil Gassiot die Arbeiter bloß für seine eigene Agenda instrumentalisiert. Marx zeigt sich auch skeptisch darüber, dass Gassiot den Ursprung einer Reihe von ökonomischen und sozialen Problemen in der Geldpolitik sieht (ebenda).

29Marx interessiert sich für die Geschichte der Krisen von 1825, 1847, 1857 und 1866 sowie die Entwicklung des Scheckwesens. Das Scheckwesen bezeichnet Gassiot als „the real and active currency of this country“ (S. 40). Durch dieses habe die Handelswelt sich selbst ein Zirkulationsinstrumentarium geschaffen, um in Zeiten der restriktiven Notenausgabe durch die Bank of England den internen Handel abzuwickeln. Marx macht eine Bemerkung darüber, dass nicht alle Scheck-Transaktionen durch das Clearing House abgewickelt werden (S. 40).

30Marx beendet die im vorliegenden Heft begonnenen Auszüge in Heft X und exzerpiert dort im Anschluss eine weitere Schrift Gassiots, die näher auf die Suspension des „Bank Act“ in der Krise von 1866 eingeht (siehe Entstehung und Überlieferung).

31Der Schrift Gassiots entnahm Marx zwei der vier bibliographischen Notizen am Ende des Hefts. Es handelt sich um [William Newmarch:] The Financial Pressure and Ten per Cent. In: Fraser’s Magazine for Town and Country. August 1866. Vol. 74. Nr. 440. S. 229–242; John Benjamin Smith: An Inquiry into the Causes of Money Panics, and of the Frequent Fluctuations in the Rate of Discount: A Letter Addressed to Malcolm Ross. London 1866. Marx hatte bereits Ende des Jahres 1868 eine Rezension der Schrift von John Benjamin Smith in der „Money Market Review“ vom 8. Dezember 1866 in Heft „London. 1868“ exzerpiert. Dort notierte Marx, dass Smith die Krisen darauf zurückführte, dass die Londoner Aktienbanken keine ausreichend große Reserve halten würden. Die „Money Market Review“ entgegnete Smith, seine Behauptungen nicht belegen zu können. Vielmehr hätten die Aktienbanken, zum Missfallen Smiths, auf dem Höhepunkt der Krise von 1866 stark auf ihre eigenen Guthaben in der Bank of England zurückgegriffen. Auf Grundlage dieser Buchbesprechung kam Marx damals zu dem Schluss: „Smith is evidently a damned and solemn and presumptuous ass!“ (Heft „London. 1868“, S. 236). Nun liest er bei Gassiot, dass Smith in seiner Schrift behauptet, dass die Aktienbanken alle von ihnen gehaltenen Consols und anderen Staatsanleihen nicht in ihren Reservefonds verbuchen dürften. Marx bemerkt daraufhin in einem Kommentar, dass die Bank of England selbst Noten ausgeben darf, die nichts repräsentieren als die Forderung der Bank an die Regierung für alle sogenannten Darlehen an sie. Während sich Gassiots Intervention als Kritik eines Aktienbankdirektors an den Krisenprofiten der Bank of England lesen lässt, ist Smith umgekehrt, wie Marx notiert, ein „partisan“ der Bank of England und seine Schrift „Gegen die Joint-Stock[-]Banks“ (S. 41) gerichtet. Das Buch von John Benjamin Smith befand sich vermutlich in seinem Besitz, denn es ist im Katalog der SPD-Bibliothek (Nr. 41745) verzeichnet.

Anmerkungen

  • [1]Das Vorwort der von Marx herangezogenen zweiten Auflage von Rotas „Principj di scienza bancaria“ ist mit August 1873 datiert, das Buch dürfte daher ungefähr mit Ausbruch der Krise im September in New York erschienen sein. Die Krise in Wien vom Mai 1873 findet darin schon Erwähnung (Heft VIII, S. 59).
  • [2]Das emittierende Unternehmen war verpflichtet, nach der Erstemission seiner Aktien keine weiteren Aktien unter dem in der Unternehmenssatzung festgelegten Nennwert der ersten Aktie auszugeben, so dass die Zeichner der Aktien sich sicher sein konnten, dass kein späterer Anleger einen günstigeren Ausgabepreis erhalten würde.
  • [3]Siehe Otto Glagau: Der Börsen- und Gründungs-Schwindel in Deutschland. (Zweiter Theil von „Der Börsen- und Gründungs-Schwindel in Berlin“.) Leipzig 1877. S. 477–480.

Zeugenbeschreibung

    • H Originalhandschrift: IISG, Marx-Engels-Nachlass, Sign. B 151/B 137.
    • Beschreibstoff: Notizheft mit kartoniertem Umschlag, Außenseiten marmorartig und mit schrägen hell- und dunkelbraunen Streifen gemustertem Papier bezogen, Innenseiten mit weißem Papier beklebt. Format: 202 × 161 mm. Auf Vorderdeckel von Engels Etikett im Format 139 × 126 mm aufgeklebt. Keine Vorsatzblätter. Darin eingebunden 20 Blatt (= 40 Seiten) mittelstarkes, glattes, weißes Papier, unliniert. Wasserzeichen: A PIRIE & SONS sowie helle Streifen im Abstand von 26 mm.
    • Zustand: Gut erhalten, Papier leicht vergilbt. Ecken und Kanten des Umschlags leicht abgestoßen, vom Hinterdeckel links oben ein dreieckiges Stück abgerissen, dadurch auf der Innenseite geringer Textverluste.
    • Schreiber: Marx, Engels (nur Etikett).
    • Schreibmaterial: Schwarze Tinte, leicht bräunlich verfärbt. Auf Etikett auch eine Bleistifteintragung.
    • Beschriftung: Vorderdeckel beidseitig und Innenseite des Hinterdeckels (teilweise) sowie alle 40 Seiten. Lateinische und deutsche Schrift..
    • Paginierung: Marx paginierte 1–40 und Innenseite des Hinterdeckels 41 mit Tinte (später von fremder Hand mit Bleistift nachgezogen).
    • Vermerke fremder Hand: Archivstempel IISG, Sign. B 137; Fotosign. Eb 0 – Eb 41 (mit Bleistift).

Zitiervorschlag

Timm Graßmann: Entstehung und Überlieferung zu Heft IX (1879). In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital, Bd. IV/25, hg. v. der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://megadigital.bbaw.de/M7770300. Abgerufen am 08.08.2026.