Inhaltsbeschreibung und Datierung

1In Heft II führt Marx seine Exzerpte aus Ilarion Ignat’evič Kaufmans großem Werk „Theorie und Praxis des Bankwesens“ fort. Zuerst beendet er seine in Heft I begonnenen Auszüge aus dem ersten Teil „Kredit, Banken und Geldzirkulation“ (St. Petersburg 1873), ehe er sich ausgiebig dem zweiten Teil, der „Geschichte der Banken“ (St. Petersburg 1877), zuwendet.

2Wie in Heft I regte Kaufman Marx zu vielen eigenen Bemerkungen, Kommentaren und Ausführungen an. „Mit richtigen Noten“ sind die Hefte gefüllt, bemerkte daher Engels in seinen beiden Inhaltsverzeichnissen auf den Umschlägen der Hefte I und II. Marx diskutiert etwa: seine eigene Krisentheorie, insbesondere die Beziehungen zwischen Überproduktion, Löhnen und verleihbarem Kapital (S. 2–5); Papiergeld als mögliches Maß der Werte (S. 6), Wechselkurs und Kolonialverhältnis (S. 13), die Wirkung der Proportion von „commercial credit“ und „long credit“ auf den Wechselkurs (S. 14), die Wirkung von Staatspapiergeld auf die Waarenpreise (S. 16/17), Depositen und Schecks (S. 26), den Unterschied zwischen modernem Kreditsystem und vorbürgerlichem Gläubiger-Schuldner-Verhältnis (S. 27), Blankokredit und Reportoperation (S. 42–45), die Rolle einer „Centralbank“ und den Einfluss der Bank of England auf die Diskontrate (S. 50–52), Krisenprofite der Geldbesitzer (S. 52). Mehrmals polemisiert Marx, ohne seinen Namen zu nennen, gegen den „falschen Socialisten“ (S. 3) Pierre-Joseph Proudhon, und gibt an, dass dessen angeblich sozialistische Heilmittel wie die „soziale Liquidation“ (S. 3) und der „zinslose Kredit“ (S. 7) in gewisser Weise schon in bestimmten Momenten der kapitalistischen Produktionsweise verwirklicht sind.

3Im Anschluss an seine Auszüge aus der „Theorie und Praxis des Bankwesens“ erstellt Marx einen umfangreichen Index (S. 136–143) zu seinen insgesamt rund 210 Manuskriptseiten umfassenden Exzerpten. In dieser Themenübersicht – eine bei Marx einmalige Würdigung eines Autors – verweist er auch auf seine Marginalien in seinem Handexemplar des Buchs (siehe MEGA IV/32. Nr. 658).

4Nahtlos an den Index lässt Marx Überlegungen zu seinen Exzerpten aus Kaufmann über die Agioberechnung folgen (S. 142–144). Engels hat diese Ausführungen in seinem Inhaltsverzeichnis auf dem Umschlag „Nachträgliches über Wechselkurs“ genannt. Sie enthalten Kommentare von Marx zu den Exzerpten aus Kaufman, Exzerpte aus der „Kaufmännischen Arithmetik“ von Feller/Odermann sowie eigene Überlegungen. Anschließend greift Marx zum Buch „Bullion and Foreign Exchanges Theoretically and Practically Considered“ von Ernest Seyd, aus dem er über 13 Seiten hinweg exzerpiert (S. 145–207; Marx paginierte S. 149 mit 199 und setzte im Folgenden die „falsche“ Paginierung fort).

5Zwischen dem Ende der Auszüge aus Kaufmans „Theorie und Praxis des Bankwesens“ und seinen Inhaltsregistern dazu fertigt Marx in dem vorliegenden Heft zwei kurze Exzerpte zum russischen Grundeigentum und zur russischen Dorfgemeinde an.

6Das Exzerptheft ist zwischen März und wahrscheinlich Juli/August 1878 entstanden. Marx notierte „März 1878 begonnen“ (S. [0]) und sein Datierungsvermerk auf S. 2, wo er über die Krise von 1878 schreibt, bestätigt Ende März 1878 als den Entstehungsbeginn: „In England ist z. B. in diesem Augenblick (25 März 78) der acute Moment noch nicht eingetroffen.“ (S. 2). Der auf Seite 133 exzerpierte Artikel „Народъ и государство“ stammt aus der sozialistischen Zeitung „Начало“ vom 25. April 1878 (Nr. 3, S. 13–15), die Marx wahrscheinlich von Engels am 22. Juli 1878 erhalten hat (siehe unten). Dies spricht dafür, dass Marx bis April kontinuierlich an den Exzerpten aus Kaufmans „Theorie und Praxis des Bankwesens“ gearbeitet und das Heft dann wahrscheinlich spätestens im August 1878 abgeschlossen hat. Im Mai 1878 hat Marx anscheinend noch zwei weitere Hefte, diesmal mit Exzerpten zur Agrochemie und Geologie, gefüllt (siehe MEGA IV/26).

Ilarion Ignat’evič Kaufman: Teorija i praktika bankovago dela

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  • И. И. Каүфманъ: Теорія и практика банковаго дѣла. T. 1. Кредитъ, банки и денежное обращеніе. С.-Петербүргъ 1873. (S. 1–52.)
  • И. И. Каүфманъ: Теорія и практика банковаго дѣла. T. 2. Исторія банковъ. Вып. 2. Исторія банковаго дѣла въ Великобританіи и Ирландіи. С.-Петербүргъ 1877. (S. 53–132.)

8Marx führt seine Exzerpte aus Kaufmans umfangreichen Werk „Theorie und Praxis des Bankwesens“ fort (siehe Entstehung und Überlieferung zu Heft I). Zuerst beendet er seine in Heft I begonnenen Auszüge aus dem ersten Band „Kredit, Banken und Geldzirkulation“ (St. Petersburg 1873) mit Auszügen aus den letzten beiden Kapiteln 6 und 7. Themenfelder sind Geldwesen, Kreditwesen und Krisen.

9Im sechsten Kapitel behandelt Kaufman vor allem die Beziehung zwischen Kredit und Staat. In der Staatsschuld und im Papiergeld sieht er zwei Mittel „zum Fischen von Leihkapital“, wie Marx übersetzt. Brieflich lobte Marx Kaufmans Polemik gegen das Papiergeld.Marx schrieb: „from Fachstandpunkt, it is far from original in its details. The best part in it is the polemics against paper-money.“ (Marx an Nikolaj Francevič Daniel’son, 10. April 1879.) Schließen [1] Kaufman wollte zeigen, wie sich Wirtschaftskrisen in die Länge ziehen und chronisch werden, „wenn zu dem Missbrauch des Credits durch die Industriellen der durch die Regierungen hinzukommt“ (S. 5). In einer laut Marx wenig überzeugenden Untersuchung wollte Kaufman auch zeigen, wie eine exzessive Ausgabe von Staatspapiergeld die Warenpreise in die Höhe treibt (S. 16–18). Die inflationstheoretischen Zusammenhänge – u. a. Schaden für Gläubiger und die Bezieher von fixen Einkommen, Nutzen für die Staatskasse, Leid für die Arbeiterklassen –, die Kaufman in diesem Zusammenhang vorstellt, seien laut Marx „alles bekannte Trivialitäten“ (S. 17).

10Im siebten Kapitel untersucht Kaufman verschiedene Mittel zur Benutzung des Kredits, wie etwa Diskontoperationen. Er wies auf die mitunter fatalen Wirkungen des Kredits hin, schrieb diese allerdings nicht seinem Wesen, sondern einer falschen Auffassung desselben in der Gesellschaft zu. Marx betonte dagegen bereits in Heft I seine eigene Auffassung: „Gebrauch u. Missbrauch des Credits sind ihm selbst immanente Widersprüche.“ (Heft I, S. 24). Kaufman diskutierte verschiedene Möglichkeiten des „Missbrauchs“ des Kredits durch Windwechsel, Finanzwechsel und Reportoperationen, dem Leihen auf Pfand (heute: Repo). Bei der Reportoperation wird eine Ware (auf Kredit) verkauft, um sie sofort wieder zurückzukaufen. Für den Ver- und Rückkäufer der Ware ist dies eine Möglichkeit der Beschaffung kurzfristiger Liquidität; für den Käufer und Wiederverkäufer eine Möglichkeit, sein verleihbares Kapital gewinnbringend anzulegen. Kaufman hielt das Reportgeschäft für äußerst gefährlich, wie Marx exzerpiert.„Heutzutage dienen Leihoperationen mit Unterpfand dazu, um den »Blancocredit« zu maskiren; solche Operationen auf leicht »absetzbare« Pfänder repräsentiren die Hauptform für Bank-Missbrauch unsrer Zeit; in dieser Form nimmt ganz ungedeckter Credit die Form v. ganz gedecktem an, dies namentlich in Oestreich, Deutschland, Russland. Blancocredit namentlich nöthig f. die waghalsigsten Unternehmungen; die Gefahr sucht man möglichst auf die Unternehmercapitale abzuwälzen; aber letztere genügen der wachsenden Speculation nicht; sie braucht auch Leihkapitalien. Hence bildet sich specielle Klasse v. Operationen – Mittelding von Credit u. andern Arten von Speculation, die leichter Risico übernehmen als der Kredit. Diese Klasse v. Operationen ausgeführt durch besondre Abtheilung v. Gläubigern, sich ausscheidend v. deren Gesammtmasse. Dies die Reportoperationen u. die Leute die sie ausführen Reportisten.“ (S. 42.) Schließen [2] Über das Reportgeschäft informierte sich Marx später auch in den Exzerpten aus Pietro Rotas „Principj di Scienza Bancaria“ (siehe Entstehung und Überlieferung zu Heft VIII).

11Als Kaufman andere Kreditmethoden vorstellt, durch welche die Bank ihr eigner Schuldner wird, bemerkt Marx: „Dies aber grade das ‚magnum mysterium‘ der grössten mobilen modernen Bankschwindel.“ (S. 45.)

12Mit den Techniken des Kreditmissbrauchs erörtert Kaufman auch die Möglichkeit, diesen zu unterbinden und damit den Wirtschaftskrisen zu begegnen. Als er erwägt, dass die Bank of England ihre Diskontrate in guten Zeiten nicht zu sehr vermindern soll, damit sie sie in schlechten Zeiten nicht zu sehr erhöhen muss, bestreitet Marx diese Macht: „Der gescheidte K. vergisst, dass B. o. E. nicht mehr the general rate of discount beherrscht, theils in Folge der home Concurrenz der Depositenbanken, Disconteurs etc; theils in Folge der Concurrenz fremder Banken, wie Bank of France“ (S. 50). Kaufman schlägt außerdem der Regierung vor, den Banken eine „gemeinschaftliche Zinshöhe“ (S. 50) zu diktiren, da die Banken nicht um die Höhe der Zinsrate konkurrieren sollten. Er tritt auch für die Errichtung einer „Centralbank“ ein, die selbst keine Profite machen darf, sondern als Assekuranz für die anderen Banken dienen muss.Marx exzerpiert: „wo viele Banken fungiren, streben sie sich um eine Centralbank zu concentriren, eine »Bank der Banken«, die ihnen dieselbe dieselben Dienste erweist wie sie selbst ihren Klienten thun. Sein Vorschlag: Dieser Centralbank muss v. Regierungswegen verboten sein Procente auf ihre laufenden Rechnungen zu zahlen, weil grosser Theil der ihr so zufliessenden Summen bestehn aus den Cassen der einzelnen Banken; sie sollen zur Assekuranz dienen.“ (S. 51.) Schließen [3]

13Als nächstes nimmt sich Marx den zweiten Band von Kaufmans „Theorie und Praxis des Bankwesens“ vor, die „Исторія банковъ“ („Geschichte der Banken“; St. Petersburg 1877). Diese erschien in zwei Lieferungen. Der erste Teilband enthielt nebst einer 27-seitigen Einleitung von Kaufman dessen 161 Seiten lange Teil-Übersetzung von Pietro Rotas „Storia delle banche“. Aus diesem Teilband fertigte Marx keine Auszüge an; er griff stattdessen im Anschluss, ab Oktober 1878, direkt zu Rotas Werken, aus denen er über fünf Hefte hinweg exzerpierte (Hefte V bis IX), und zwar zuerst die „Storia delle banche“, die Kaufman übersetzt hatte. Im vorliegenden Heft dagegen exzerpiert Marx aus dem zweiten Teilband (465 Seiten) „Исторія банковаго дѣла въ Великобританіи и Ирландіи“ („Geschichte des Bankwesens in Großbritannien und Irland“), und zwar aus jedem Kapitel.

14Im siebten Kapitel untersucht Kaufman die Gründungen der Bank of England, Bank of Ireland und Bank of Scotland. England befand sich damals in Konkurrenz zu Holland, wo es schon seit 1609 mit der Amsterdamschen Wisselbank – Marx nennt sie ein „Assekuranzmittel der Geschäftsleute“ (S. 53) – ein Bankhaus unter kommunaler Aufsicht gab. Marx hält fest, dass es im Jahr 1667, als niederländische Kriegsschiffe in der Themse auftauchten, in London zum allerersten Mal zu einem „run upon the bankers“ (S. 54) kam. In dessen Folge und mit Aufblühen des Handels wuchs auch in England das Bedürfnis nach einer öffentlichen Bank. Einfluss gewannen die Konzeptionen von Hugh Chamberlen und William Paterson (S. 55). Zur Gründung der Bank of England kam es schließlich 1691 im Anschluss an eine zu Ende gegangene Börsenmanie (S. 57). Marx notiert, dass die „politischen“ Aktien an der Gründung der Bank of England größer als die „commerciellen“ (S. 58) gewesen seien. Die Bank diente vor allem dem Staatskredit.

15Das achte Kapitel behandelt das Bankwesen in England, Schottland und Irland im 18. Jahrhundert. Laut Kaufman erhielt das Banksystem im Vereinigten Königreich zwischen 1760 und 1790 seine noch einhundert Jahre später bestehenden Grundlagen (S. 65). Die Bank of England war schon damals das „Gravitationscentrum des Londoner Geldmarkts; im letzten Viertel des 18 Jhd. sie bereits anerkannt als Hauptorgan u. Erhalter des Geldmechanismus des Landes“ (S. 63). Marx kontrastiert die Entwicklung des englischen Bankwesens und der Bank of England mit einigen Ereignissen der Zeit: den partiellen Krisen von 1772 und 1783/1784, dem Siebenjährigen Krieg, der Industriellen Revolution, dem Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg und der russischen Außenpolitik unter Katharina der Großen (S. 66).

16Sehr umfangreiche Exzerpte aus dem neunten Kapitel über die Geschichte der Bank of England während der allgemeinen Krise von 1793, der Panik auf dem Geldmarkt von 1797 sowie der im Anschluss daran mit dem „Bank Restriction Act“ verfügten Abschaffung der Verpflichtung für die Bank of England, Banknoten in Gold umzuwandeln, machen den Hauptteil der Marx’schen Exzerpte aus Kaufmans „Geschichte der Banken“ aus (S. 68–132). Marx informiert sich hier umfassend über die von 1797 bis 1821 währende „Restriction Period“ in England, der „Periode des unconvertiblen Papiergelds“. Sie fiel in die Zeit der Regierung William Pitts sowie des 1793 begonnenen Kriegs gegen das revolutionäre Frankreich. Mithilfe von Kaufman arbeitet Marx die „Restriction Period“ beinahe monatsweise auf: Debatten im Parlament und Vorgänge hinter den Kulissen zwischen Regierung und der Bank of England gleicht er ab mit ökonomischen Daten wie Wechselkurs, Handelsvolumen und Posten der Bank.

17Marx’ Lob von Kaufmans Polemik gegen das Papiergeld könnte sich gerade auf dessen detaillierte Darstellung der „Restriction Period“ bezogen haben. Kaufman stellt das inkonvertible Papiergeld als ein Mittel dar, das der Kreditspekulation Auftrieb gab. In seinen Exzerpten kommt Marx zu dem Schluss: „die Bank o. E. exploitirte die Inconvertibilität, um ihren Actionären, also sich selbst, möglichst grosse Dividenden heraus zu schlagen“ (S. 83). Durch Restriction und Überausgabe von Banknoten habe die Bank of England ihre Profite erhöht (S. 89): „Die Productivität der Industrie etc paralysirte die bad effects der B. o. E. Verwaltung. Diese exploitirte nur f. ihre private profits die neue »Industrieperiode«.“ (S. 90.) Weil die Inkonvertibilität auch der Regierung zur Kontraktion ihrer Staatsschuld nützlich gewesen sei (S. 119 u. 127), wurde die „Restriction Period“ immer wieder verlängert, die permanent angekündigte Rückkehr zu den „cash payments“ wiederholt aufgeschoben. Bei ihren vorgeblichen Versuchen, die Wiederherstellung der Konvertibilität vorzubereiten, sabotierte die Bank sich selbst. Sie verhinderte die Verbesserung des Wechselkurses (S. 92) und kaufte Gold an „angeblich zur Resumption – in fact zu vermehrter Notenausgabe“ (S. 111). Weder Regierung noch Bank wollten die Rückkehr (S. 117); vor den „Gefahren“ der Resumption warnten vor allem die großen Bankhäuser und das Aktienwesen (S. 121).

18Kaufmans „Polemik“ zeigt also, dass die Bank of England nicht unabhängig von der Regierung ist, dass sie ihrem öffentlichen Auftrag nicht gerecht wird und dass stattdessen ihre Direktoren und Aktionäre sich durch sie bereichern. Marx scheint alldem zuzustimmen. Tooke in seiner „History of Prices“ verfahre, bemerkt er in eigenen Worten, „zu zärtlich mit B. o. E.“ (S. 106). Als Kaufman einräumt, das inkonvertible Papiergeld habe Produktion und Handel stimuliert, wirft Marx jedoch ein: „Dies gilt aber nicht nur f. inconvertibles Papiergeld, sondern f. den ganzen Credit- u. Speculationsschwindel“ (S. 132). Zu den Leidtragenden des Staatspapiergelds zählte nicht zuletzt Irland (S. 93).

19Marx kritisiert Kaufman für das Fehlen einiger Quellen wie William Cobbett und den Brüdern Matthias und Thomas Attwood (S. 130); er korrigiert Kaufmans Darstellung mithilfe von Cobbett (S. 53), aus dessen Buch „Paper Against Gold“ (London 1828) Marx 1845 in Manchester Heft 4 exzerpierte (siehe MEGA IV/4. S. 210–232), und dem Buch „Die Banken“ von Otto Hübner (S. 55), das sich in seinem Besitz befand (MEGA IV/32. Nr. 582). An einer Stelle bemerkt Marx, dass Kaufman in die Currency-Theorie fällt (S. 8). Insgesamt informierte sich Marx in den vorliegenden Heften von 1878/1879 ausgiebig über verschiedene Episoden des Staatspapiergelds; eine weitere kritische Untersuchung des Staatspapiergelds las er bei Charles A. Mann in Heft VI. Wahrscheinlich wollte Marx selbst eine solche Kritik entwickeln, die nicht auf dem Boden der aus seiner Sicht falschen Quantitätstheorie des Geldes stand.

Načalo, 1878

20Народъ и государство. In: Начало. Nr. 3, 25. April 1878. S. 13–15. (S. 133.)

21Zwischen dem Ende der Auszüge aus Kaufmans „Theorie und Praxis des Bankwesens“ und seinen Inhaltsregistern dazu fertigt Marx zwei kurze Exzerpte zum russischen Grundeigentum an. Quelle war der anonyme Aufsatz „Народъ и государство“ („Volk und Staat“) der im Russischen Reich illegal im Jahr 1878 erscheinenden sozialistischen Zeitschrift „Načalo“. Marx notiert sich kurz drei verschiedene Betrachtungsweisen der russischen Dorfgemeinde: vom Standpunkt der Autokratie, russischer Ökonomen sowie russischer Sozialisten.

22Wahrscheinlich hat Marx die Zeitschrift von Engels erhalten. Der hatte seinerseits am 22. Juli 1878 von einem Vertreter des „Načalo“ die „3 letzten Nummern“ dieses „in Rußland erscheinenden socialistischen Organs“ (Redaktion der Načalo an Engels, 22. Juli 1878 (IISG, MEN, Sign. L 5092)) erhalten. Der Vertreter forderte Engels und über diesen auch Marx und Wilhelm Liebknecht zur Mitarbeit an der Zeitschrift auf, weshalb davon auszugehen ist, dass Engels diesen Brief sowie die übermittelten Ausgaben der Zeitschrift an Marx weitergeleitet hat. Falls Marx erst nach dem 22. Juli 1878 Zugang zum „Načalo“ gehabt hätte, wäre seine Arbeit an dem vorliegenden Heft ungefähr im August 1878 beendet worden.

Vladimir Ivanovič Ger’e, Boris Nikolaevič Čičerin: Russkіj dilettantizm i obščinnoe zemlevladenіe

23В. Герье, Б. Чичеринъ: Русскій дилеттантизмъ и общинное землевладѣніе. Москва 1878. (S. 134/135.)

24Das Buch „Russischer Dilettantismus und Gemeindelandbesitz“ der beiden russischen Historiker Vladimir Ivanovič Ger’e und Boris Nikolaevič Čičerin hat Marx besessen (siehe MEGA IV/32. Nr. 476). Er notierte den Titel des Werks auch in seiner Literaturübersicht „Russisches in my bookstall“ (Notizbuch aus den Jahren 1880 bis 1881. S. [59]). Er interessierte sich insbesondere für die Auffassung Čičerins, dem die russische Dorfgemeinde als eine Kreation der zaristischen Verwaltungsstruktur galt. Marx notiert in seinem kurzen Exzerpt einige Einwände gegen Čičerins Thesen sowie die von diesem selbst vorgebrachten Argumente gegen seine Kritiker.

Ernest Seyd: Bullion and Foreign Exchanges Theoretically and Practically Considered

25Ernest Seyd: Bullion and Foreign Exchanges Theoretically and Practically Considered; Followed by a Defence of the Double Valuation, with Special Reference to the Proposed System of Universal Coinage. London 1868. (S. 145–207.)

26Marx erfuhr von Ernest Seyds „Bullion and Foreign Exchanges“ (London 1868), als er im Januar 1869 Exzerpte „The Economist“ und „The Money Market Review“ anfertigte (siehe MEGA IV/19). Beide Zeitschriften besprachen das Buch positiv, der „Economist“ schätzte es wie folgt ein: „It is not a treatise on the theory of exchanges, nor a manual of exchanges, but a combination of the two, with a mass of information added regarding the actual practices by which foreign exchanges are conducted. […] The information is apparently so detailed and so clearly given, that the business of a bullion dealer or a cambist might be learned from the book.“ (The Economist, 23. Mai 1868. S. 593.) Marx besorgte sich das Buch von Seyd vermutlich unmittelbar im Anschluss an die Lektüre der Besprechungen; sein Handexemplar ist nicht überliefert, aber ein Exemplar ist im Katalog der SPD-Bibliothek (unter Nr. 41735) verzeichnet. An einer Stelle seiner Exzerpte verweist er auf das Buch (Heft III, S. 4), was ein weiteres Indiz dafür ist, dass er es besessen hat. In Manuskript II zum zweiten Buch des „Kapital“ schrieb er 1869 eine umfangreiche Fußnote, in der er das Buch als „ausserhalb und unter aller Theorie“ (MEGA II/11. S. 33.32–33) kritisierte. Weiter erläuterte er: „Wenn die dickleibige Compilation dennoch von den Fachautoritäten, dem London ‚Economist‘, der ‚Money Market Review‘ u. s. w. sehr belobt worden, rührt dieß daher, daß Herr Ernest Seyd, seines Zeugs ein anglisirter deutscher Kaufmann, sich stillschweigend die Auseinandersetzungen der modernen deutschen Lehrbücher über ‚Kaufmännische Arithmetik‘ einverleibt hat.“ (MEGA II/11. S. 33.33–38.)

27Trotz dieser negativen Einschätzung hat Marx im vorliegenden Heft sowie im anschließenden Heft III umfangreiche, insgesamt 40 Manuskriptseiten umfassende Exzerpte daraus angefertigt.

28Marx übernimmt etwa Seyds Beschreibungen der „different Monetary Systems of the World“ (Seyd, S. 285), die Seyd jeweils mit dem britischen Münzwesen vergleicht. Die „Money Market Review“ erwähnte in ihrer Buchbesprechung Seyds Überlegungen zur „Lateinischen Münzunion“ als einer „monetary union“ verschiedener europäischer Länder durch ein Universalmünzgeld („universal coinage“) im Rahmen einer Angleichung der Münzprägungen verschiedener Staaten an das französische Frankensystem (The Money Market Review, 30. Mai 1868. S. 586). Als „Lateinische Münzunion“ wurde der im Dezember 1865 gegründete Münzverein bezeichnet, dem Frankreich, Italien, Belgien, die Schweiz und (seit 1868) Griechenland angehörten. Spanien und andere Staaten prägten Münzen nach demselben System, gehörten aber dem Bund nicht an. Seyd schlug Großbritannien vor, seine Münzprägung ebenfalls an Frankreich anzupassen (Seyd, S. 682).

29Auch Marx interessierte sich für die Problematik des Wechselkurses. Unmittelbar an sein Inhaltsregister zu den Exzerpten aus Kaufman stellt er eigene Überlegungen zu Kaufmans „Agioberechnung“ an, die er mit Zitaten aus Seyds Buch und dem Lehrbuch „Das Ganze der kaufmännischen Arithmetik“ von Friedrich Ernst Feller und Carl Gustav Odermann ergänzt. Diese Passagen werden unter der Überschrift „Nachträgliches zum Wechselkurs“ zusammengefasst, in Anlehnung an Engels’ Betitelung dieser Seiten in seinem Inhaltsverzeichnis auf dem Umschlag des vorliegenden Hefts. Nachdem Marx hier eine Wirkung des Diskonts auf den Wechselkurs bestreitet, stößt er auf das Problem der Agiorechnung bei verschiedenen Währungssystemen. Eine besondere Schwierigkeit bestehe bei Ländern mit inkonvertiblem Staatspapiergeld, wie er bemerkt: „Dagegen wird bei Land mit Papiergeld mit v. Expansion u. Contraction des letztern das Wechselpari selbst afficirt.“ (S. 143.) Der Wechselkurs trete klar hervor, sobald er Länder mit gleichem Geldmaß und mit „the same monetary system“ zur Grundlage hat. Hier zeigen sich nämlich die „Verhältnisse der international indebtedness“ in ihrer Reinheit.

30Es folgen Exzerpte aus Seyd, die an diese Überlegungen anschließen. Marx infomiert sich über verschiedene, zu seiner Zeit existierende Geldsysteme, und zwar in den Ländern aller Kontinente.

31Die Seyd-Exzerpte im vorliegenden Heft umfassen, anders als die Paginierung vermuten lässt, nur 13 Seiten. Marx hat sich bei der Paginierung verschrieben. Statt 149 paginierte er irrtümlich 199 und setzte dann in der Folge die „falsche“ Paginierung fort. Die Fortsetzung der Exzerpte erfolgte in Heft III.

Anmerkungen

  • [1]Marx schrieb: „from Fachstandpunkt, it is far from original in its details. The best part in it is the polemics against paper-money.“ (Marx an Nikolaj Francevič Daniel’son, 10. April 1879.)
  • [2]„Heutzutage dienen Leihoperationen mit Unterpfand dazu, um den »Blancocredit« zu maskiren; solche Operationen auf leicht »absetzbare« Pfänder repräsentiren die Hauptform für Bank-Missbrauch unsrer Zeit; in dieser Form nimmt ganz ungedeckter Credit die Form v. ganz gedecktem an, dies namentlich in Oestreich, Deutschland, Russland. Blancocredit namentlich nöthig f. die waghalsigsten Unternehmungen; die Gefahr sucht man möglichst auf die Unternehmercapitale abzuwälzen; aber letztere genügen der wachsenden Speculation nicht; sie braucht auch Leihkapitalien. Hence bildet sich specielle Klasse v. Operationen – Mittelding von Credit u. andern Arten von Speculation, die leichter Risico übernehmen als der Kredit. Diese Klasse v. Operationen ausgeführt durch besondre Abtheilung v. Gläubigern, sich ausscheidend v. deren Gesammtmasse. Dies die Reportoperationen u. die Leute die sie ausführen Reportisten.“ (S. 42.)
  • [3]Marx exzerpiert: „wo viele Banken fungiren, streben sie sich um eine Centralbank zu concentriren, eine »Bank der Banken«, die ihnen dieselbe dieselben Dienste erweist wie sie selbst ihren Klienten thun. Sein Vorschlag: Dieser Centralbank muss v. Regierungswegen verboten sein Procente auf ihre laufenden Rechnungen zu zahlen, weil grosser Theil der ihr so zufliessenden Summen bestehn aus den Cassen der einzelnen Banken; sie sollen zur Assekuranz dienen.“ (S. 51.)

Zeugenbeschreibung

    • H Originalhandschrift: IISG, Marx-Engels-Nachlass, Sign. B 141/B 132a.
    • Beschreibstoff: Notizbuch mit kartoniertem Einband, Außenseiten und Rücken mit schwarzbraun strukturiertem Papier bezogen, Innenseiten mit glattem weißem Papier wie Vorsatzblätter beklebt. Format: 202 × 150 mm. Auf dem Vorderdeckel von Engels Etikett im Format 116 × 110 mm aufgeklebt. Darin eingeheftet 76 Blatt (= 152 Seiten) mittelstarkes, glattes, weißes Papier, hellblau liniert. Format wie Einband. Als Wasserzeichen nur helle Linien im Abstand von 26 mm. Marmorierter Farbschnitt.
    • Zustand: Gut erhalten, Papier leicht vergilbt. Der Rücken fast völlig vom Vorderdeckel gelöst und teilweise beschädigt, Kanten und Ecken des Einbandes etwas abgestoßen. Die ersten und die letzten beiden Blätter gelockert. Keine Textverluste.
    • Schreiber: Marx, Engels (nur Etikett).
    • Schreibmaterial: Schwarze Tinte, leicht bräunlich verfärbt. An- und Unterstreichungen auch mit Blaustift (S. 1–15, 136, 137, 140, 142, 145), Rotstift (S. 136, 137) und Bleistift (S. 100).
    • Beschriftung: Außen- und Innenseite des Vorderdeckels (teilweise), beide Seiten des vorderen Vorsatzes, S. 1–152 vollständig, nur S. 135 teilweise), beide Seiten des hinteren Vorsatzes, Innenseite des Hinterdeckels (teilweise). Lateinische Schrift.
    • Paginierung: Marx paginierte einschließlich der Vorsatzblätter von 1–148 und (versehentlich) weiter mit 199–206, hinterer Innendeckel mit 207; bis 135 mit Tinte (später von fremder Hand mit Bleistift nachgezogen), ab 136 mit Bleistift.
    • Vermerke fremder Hand: Archivstempel IISG, Sign. B 132a; Fotosign.: EH mit Bleistift. Auf der Innenseite des Vorderdeckels eingeklebtes Firmenetikett: WILLIAM FULLFORD / Account Book Manufacturer & PRINTER / 251, Pentonville Road. LONDON, N.

Zitiervorschlag

Timm Graßmann: Entstehung und Überlieferung zu Heft II (1878). In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital, Bd. IV/25, hg. v. der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://megadigital.bbaw.de/M6821527. Abgerufen am 08.08.2026.