Inhaltsbeschreibung und Datierung

1In dem vorliegenden Heft VIII beginnt Marx seine sich über zwei Hefte erstreckenden Exzerpte aus Pietro Rotas theoretischem Werk „Principj di scienza bancaria“. Er beendet zudem seine in Heft VII begonnenen Auszüge aus Karl Dietrich Hüllmanns „Deutsche Finanz-Geschichte des Mittelalters“ und mit Pietro Ellero und seinem Buch „La Questione Sociale“ setzt er seine Erkundung der zeitgenössischen italienischen politischen Ökonomie fort. In seinen bibliographischen Notizen zu Beginn des Hefts ist zudem auch Marx’ Interesse für die Entwicklung der politischen Ökonomie in Spanien dokumentiert, denn er vermerkt dort Manuel Colmeiros Buch „Historia de la economia politica en España“ (S. [0]).

2Das Heft enthält daneben die Resultate eines Marx’schen Abstechers in die Naturphilosophie: seine Exzerpte aus jeweils einem Werk von Gottfried Wilhelm Leibniz, René Descartes, Otto Caspari und Emil Du-Bois-Reymond sowie verschiedenen Essays von Jacques Pierre Brissot de Warville. Der Anlass für die Exzerpte aus Leibniz, Otto Caspari, Descartes und Du-Bois-Reymond war höchstwahrscheinlich Engels’ Arbeit an der „Dialektik der Natur“. Zwischen einigen Aussagen der „Dialektik der Natur“ und den vorliegenden Marx’schen Exzerpten bestehen Überschneidungen. Im Anschluss an seine naturphilosophischen Exzerpte fertigte Marx eine kleine Abschrift daraus an, die aller Wahrscheinlichkeit nach für Engels gedacht war (siehe Entstehung und Überlieferung). Marx’ kleine Zuarbeit bezog sich nicht auf begriffliche und methodologische Probleme. Vielmehr scheint das Ziel gewesen zu sein, Emil Du-Bois-Reymond für mangelnde Kenntnisse der Geschichte der Naturwissenschaften zu kritisieren.

3Am Ende des Hefts befinden sich bibliographische Notizen (S. 88–94). Die vermerkten Bücher stammen zum Großteil aus den 1860er Jahren, wurden von englischen und französischen Autoren verfasst und behandeln die Themen des Hefts: Theorie und Geschichte von Geldwesen, Kreditwesen und Krisen. Sie enhalten einige wenige Marginalien mit Tinte, die wahrscheinlich während des Erstellens der Notizen angefertigt worden sind, und sehr viele Marginalien mit Blaustift, die offensichtlich zu einem späteren Zeitpunkt erstellt wurden, als Marx die Titelliste durchging, wahrscheinlich um diejenigen Titel zu erfassen, die er durchsehen wollte oder bereits durchgesehen hatte. Bei den nicht mit Blaustift markierten Titeln in der Liste handelt es sich vornehmlich um Schriften zu Agrikultur, Grundeigentum und Grundrente sowie Alte Geschichte.

4Den Anfang seiner Arbeit an dem Heft hat Marx selbst angegeben: „Begonnen 6 Dec. 1878.“ (S. [0].) Es wird vermutet, dass Marx ungefähr einen Monat lang mit der Erstellung der Exzerpte beschäftigt war und die Arbeit daran spätestens Anfang des Jahres 1879 abgeschlossen hat. Offensichtlich benutzte er das Heft dann zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal: In den bibliographischen Notizen zu Beginn schrieb Marx in eine Zeile „Doder“ (S. [0]). Diesen Namen entnahm er Rudolph Meyers Buch „Politische Gründer und die Corruption in Deutschland“, das er zwischen 8. Juni und 7. August 1879 in Heft XI exzerpierte.

5Die beiden Hauptthemen des Hefts, Kredittheorie und Naturphilosophie, spiegeln sich auch in der Ordnung wider, in der Marx die Materialien im Heft angeordnet hat. Während die Exzerpte aus Hüllmanns „Deutsche Finanz-Geschichte des Mittelalters“ (S. 1–10) unmittelbar Heft VII fortsetzen und die daran anschließenden Exzerpte aus Rotas „Principj di scienza bancaria“ (S. 11–63) kontinuierlich die Hauptthemen des Bandes weiterführen, hat Marx die Exzerpte aus Caspari, Leibniz, Descartes, Du Bois-Reymond und Brissot de Warville (S. 63–87) nicht in der Reihenfolge angefertigt, in der sie im Heft erscheinen. Marx hat eine zeitlang parallel an beiden Themenblöcken gearbeitet. Etwa beginnen seine Exzerpte aus Otto Caspari auf Seite 69, aber da sich S. 70 schon das Ende der Exzerpte aus Du Bois-Reymond befand, geht er für die Fortsetzung der Caspari-Exzerpte im Heft zurück (S. 68–63). Am Ende von S. 63, unter dem Ende der Auszüge aus Caspari, werden die Exzerpte aus Rotas „Principj di scienza bancaria“ beendet, weshalb die Auszüge aus Caspari vor dem Ende derjenigen aus Rota entstanden sind. Das Ende der Exzerpte aus Du Bois-Reymond wiederum befindet sich auf der unteren Hälfte von S. 72, wo auf der oberen Hälfte schon der Anfang der Exzerpte aus Descartes steht. Die S. 80 begonnenen Exzerpte aus Brissot de Warville wiederum setzt Marx zunächst bis S. 87 fort, ehe er sie S. 79–73 beendet. Die Reihenfolge, in der die Exzerpte im Heft entstanden sind, wäre demnach: Descartes, Du Bois-Reymond, Caspari, Leibniz, Brissot de Warville. Die Wiedergabe der Exzerpte erfolgt dagegen in der Reihenfolge, in der sie im Heft erscheinen.

Karl Dietrich Hüllmann: Deutsche Finanz-Geschichte des Mittelalters

6 Karl Dietrich Hüllmann: Deutsche Finanz-Geschichte des Mittelalters. Berlin 1805. (S. 1–10.)

7Marx beendet hier seine in Heft VII begonnenen Exzerpte (siehe Entstehung und Überlieferung). Er führt zunächst seine Auszüge aus dem Abschnitt „Zoll und Geleit“ fort, bei Hüllmann ein Unterpunkt zu den „Geldleistungen“, den Marx als eigenständigen Gliederungspunkt fasst, der rund die Hälte seines gesamten Exzerpts ausmacht (Heft VII, S. 96–101 sowie Heft VIII, S. 1–9). Dann beendet er sein Exzerpt mit den drei Schlussbemerkungen Hüllmanns, in denen einige Unterschiede zwischen dem Feudal- und dem modernen Territorialstaat herausgestellt werden (S. 9/10).

Pietro Rota: Principj di scienza bancaria

8 Pietro Rota: Principj di scienza bancaria. 2. ed., notevolmente accresciuta e migliorata. Milano 1873. (S. 11–45 und 45¹–63.)

9 Pietro Rotas Werk über die Grundsätze des Bankwesens erschien vor seiner „Storia delle banche“ (1874), die Marx in den Heften V bis VII exzerpierte. Auf die erste Ausgabe der „Principj di scienza bancaria“ von 1872 ließ Rota 1873 schnell eine überarbeitete und erweiterte zweite Auflage folgen, die auch Marx heranzog, der in der Bibliothek des British Museum auf beide Ausgaben Zugriff hatte. Das Vorwort zur zweiten Auflage ist mit August 1873 datiert, und das ebenfalls 1873 erschienene Buch „Lombard Street“ von Walter Bagehot sowie die Wiener Börsenkrise vom Mai 1873 finden schon Erwähnung im Buch (S. 59). Die Wiener Börsenkrise nahm Rota zum Anlass, sein Buch um ein ganzes Kapitel mit dem Titel „Affari di borsa“ zu ergänzen. Weil das Buch vergriffen war, erschien zehn Jahre nach Rotas Tod eine dritte Auflage der „Principj di scienza bancaria“ (Milano, Napoli, Pisa 1885) mit einer Kurzbiographie Rotas von Felice Mangili, einem seiner Freunde und Sekretär der genossenschaftlichen Banca Popolare, der Rota drei Jahre lang als Direktor vorstand (siehe Entstehung und Überlieferung).

10Rota sprach im Vorwort zur zweiten Auflage der „Principj di scienza bancaria“ davon, dass seine beiden Werke, die Geschichte und die Grundsätze des Bankwesens, miteinander verbunden seien. Die Geschichte der Banken enthalte die Tatsachen, vor deren Hintergrund die allgemeinen Grundsätze der Wissenschaft entstanden sind. Umgekehrt verwies Rota an einer Stelle seiner später erschienenen „Storia delle banche“ (S. 192) für einen Überblick über die Geschichte der Wirtschaftskrisen auf seine „Principj di scienza bancaria“. Die Geschichte der Krisen hatte er – wie auch ein Kapitel über die Theorie der Krisen – schon in die Grundsätze des Bankwesens aufgenommen. Die zweite Auflage der „Principj di scienza bancaria“ umfasst insgesamt zwölf Kapitel: 1) Der Kredit im Allgemeinen, 2) Die Schuldtitel, 3) Die Banken, 4) Passive Bankoperationen (Deposit und Kontokorrent), 5) Aktive Bankoperationen (Wechseldiskontierung), 6) Banknoten, 7) Operationen der Emissionsbanken, 8) Geschichte der Krisen, 9) Theorie der Krisen, 10) Börsenwesen, 11) Immobilienbanken sowie 12) Die Regierung und die Emissionsbanken.

11Marx exzerpiert ausgiebig aus jedem Kapitel und erstellt seine Auszüge über zwei Hefte hinweg. Er übersetzt das Buch zum Teil ins Deutsche, hält aber auch viele Zitate in der italienischen Originalsprache fest. Charakteristisch für seine Auszüge ist die sprachliche Mischform: Häufig auf Deutsch und Italienisch geschrieben, enthalten sie manchmal zusätzlich noch französische und englische Wendungen. Während Marx die „Storia delle banche“ beinahe kommentarlos abschrieb, äußert er nun viele, meistens kritische Bemerkungen zu Rotas theoretischen Erörterungen und praktischen Ratschlägen. Marx charakterisiert Rota als brav, schülerhaft, „unschuldig“ und „naiv“ und will ihm theoretische Fehler nachweisen (S. 42). In seinen Exzerpten kritisiert er außerdem bei Rota diskutierte Autoren wie Enrico Cernuschi, George Joachim Goschen, Henry Dunning Macleod, Lord Overstone, Léon Say, Adolph Wagner und Louis Wolowski. Lob erhält an einer Stelle Thomas Tooke (S. 51), und Simonde de Sismondi scheint vor Rotas Kritik in Schutz genommen zu werden (S. 51). Eine direkte Marxʼsche Verwendung seiner umfangreichen Exzerpte aus den beiden Werken Rotas ist nicht überliefert.

12Gleich das erste Kapitel über den Kredit stimuliert Marx zu mehreren Bemerkungen. Laut Rota vermittelt der Kredit denjenigen Tausch von Waren, der nicht gegenwärtig erfolgt. Kredit vermittelt also die Jetztzeit mit der Zukunft. Anders als John Law glaubt Rota nicht, dass der Kredit eine „magische Potenz“ sei, die Kapital schafft, aber mit Macleod denkt er, dass der Kredit Kapitalien multipliziert. Marx wendet dagegen ein: „Auch soweit use of cheques etc Metallgeld ersetzt, falsch des Mac Leod Manier auch dies ‚Creation v. Capital‘ zu nennen: Braucht die Nation vermittelst des Credits nur 80 Mill. Gold in Circulation statt 100, so hat der Credit nicht ‚geschaffen‘ »il capitale di 20 che risparmia«“ (S. 13). Marx dringt dabei zu einer eigenen Fragestellung vor: „aber wenn Papier ihn befähigt nicht 100 durch 80 zu ersetzen, sondern mit den 80 fortzumogeln, wo sonst 20 mehr im Fortgang des Geschäfts nöthig geworden? Jedenfalls dies zu beantworten.“ (S. 13.) Allerdings kritisiert Marx auch Rotas Kapitalbegriff: Rota verkenne die Formbestimmung des Kapitals und setze Kapital mit Produktionsmitteln, also in der Produktion vernutzbaren Dingen gleich: „Dass diese Dinge nicht ‚De nihilo‘ Mehrwerth schaffen können, scheint er nicht zu ahnen, also auch keine Idee v. der ‚Capitaleigenschaft‘ dieser Dinge as distinct from their useful dinglichen Eigenschaften“ (S. 13).

13Den Zweck des Kredits sieht Rota in der Platzierung von ungenutztem Kapital in den Händen von Menschen, die nicht wissen, wie sie es für sich nutzen können und es daher verleihen. Die Verfolgung dieses Zwecks wird erleichtert durch die Schuldtitel („titoli fiduciarî“), wie Wechsel (Kapitel 2). Der Handel sei der Vater des Wechsels, aber umgekehrt können Schuldtitel auch eine wirkliche Handelsoperation bloß simulieren (S. 14). Rota fragt auch nach dem historischen Ursprung des Wechsels. Als er behauptet, dass auf den Untergang des weströmischen Reiches im Jahre 476 eine „barbarische Ära der Isolation“ folgte, in der es keinen Fernhandel gab und dementsprechend auch das Wechselwesen untergegangen und dass es später erst Italien gewesen sei, dass sich des Wechsels erinnerte und das Zeitalter der Isolation überwand, schreibt Marx: „Aber, s’il vous plaît, Byzanz?“ (S. 15.) In Hüllmanns „Geschichte des Byzantischen Handels bis zum Ende der Kreutzzüge“ hatte er gerade erst gelesen, dass im oströmischen Reich Byzanz Spuren des internationalen Handels auf Kredit nachweisbar sind (Heft VII, S. 85). (Siehe Entstehung und Überlieferung.)

14Die Banken (Kapitel 3) betrachtet Rota, wie den Wechsel, als ein Mittel, durch den der Kredit funktioniert. Banken vermitteln zwischen den Besitzern müssigen Kapitals und denjenigen, schreibt Marx, „die damit ‚arbeiten‘ wollen, hätte Rota sagen sollen, wo das Arbeiten v. vornherein ganz specifischen Beigeschmack erhält“ (S. 21). Der Bankier vermittelt zwischen dem Angebot und der Nachfrage nach Kapital: „so er in der Mitte zwischen 2 Strömungen, deren intensity u. force er messen kann, wird so Richter zwischen denen die Kapitalien geben u. denen die sie empfangen, stabilirt so die Bedingungen des Credits: den Zinsfuss.“ (S. 21.)

15Rota unterteilt die Bankoperationen in passive (Empfang und Sammeln des Kapitals) und aktive (Verteilung und Platzierung des Kapitals). Die Art und Weise, durch die diese Operationen vollzogen werden, bestimmen den Charakter einer Bank. Bei seiner Diskussion verschiedener Kategorien von Depositen – a) tatsächlich eingezahlte und nicht-disponible Einlagen, b) tatsächlich eingezahlte und disponible sowie c) fiktive und disponible Einlagen (S. 21b) – warnt Rota vor der Praxis, Zinsen für disponible Depositen zu zahlen (S. 21b). Er fordert außerdem eine ausreichend große Metallreserve, mit der man Ausnahmefällen begegnen kann (S. 25), und lobt das Clearing House, das die Interbankenverrechnungen ökonomisiert (S. 23).

16Marx’ Auszüge aus dem fünften Kapitel über die aktiven Bankoperationen sind sehr umfangreich. Rota gilt die Diskontierung als die aktive Bankoperation par excellence. Aber es gibt, wie Marx sich in eigenen Worten ausdrückt, „Gutes u. schlechtes Wechselche“ (S. 26), das heißt Wechsel, die auf einem Handelsgeschäft basieren, und solche, die dies nicht tun (Reitwechsel, „accommodation bills“). Rota warnt im Anschluss an James William Gilbart vor dem Missbrauch der Reitwechsel und empfiehlt den Bankiers, die Geschäftsbeziehungen ihrer Kunden gut zu kennen, lange Wechsellaufzeiten kritisch zu beäugen, abgelaufene Wechsel nicht umstandslos zu erneuern und bei bestimmten Summen Verdacht zu schöpfen. Außerdem diskutiert Rota den Wechselkurs, weitere Leihoperationen der Banken (wie der „anticipazione sopra deposito“), Spekulationstechniken wie den „ammucchiamento“ (S. 32) und die beiden Profitquellen der Banken (erstens die Differenz zwischen dem Zins, den sie den Deponenten zahlen, und dem, den sie für ihre Diskontierung oder Kreditierung erhalten; zweitens die Provision oder Vermittlungsgebühr) (S. 33).

17Mit der Banknote (Kapitel 6), so Rota, schaffen sich die Banken eigene, von ihnen selbst ausgestellte Zahlungsversprechen, die eine gegenüber dem Wechsel erweiterte Zirkulationssphäre haben, bei Sicht (à vue) zu zahlen sind und zwar demjenigen, der sie vorliegt (au porteur). Rota wendet sich gegen die Idee, dass die Banknote Geld sei bzw. eher Geld sei als ein Wechsel oder ein Scheck. Marx scheint Rota zuzustimmen und bezeichnet in eigenen Worten die u. a. von Louis Wolowski vorgetragene Argumentation, gegen die sich Rota wendet, als „sarmatisch“, in Analogie zu den adelsdemokratischen Vorstellungen des polnischen Adels vor den Teilungen Polen-Litauens, wonach der Adel ein Mitspracherecht hat. Die Banknote verhält sich demnach zum Geld wie der (polnische) Adel zum König. Rota drückte sich in Marx’ Exzerpten wie folgt aus: „Sache die die selben Dienste leistet als andere Sache ist darum nicht die andre Sache.“ (S. 36.)

18Banken, die Papiergeld ausgeben, stellt Rota als Emissionsbanken (Kapitel 7) vor, bei deren Untersuchung er über zwei mögliche Maßregeln zur Vorbeugung von Wirtschaftskrisen nachdenkt. Wie groß der Reservefonds sein muss, den die Banken jeder Zeit vorrätig haben sollten, um für Notsituationen gewappnet zu sein, ließe sich aber nicht a priori bestimmen, sondern hänge von den Umständen ab: „Keine regola generale möglich über Minimalgrenze der Metallreserve.“ (S. 48.) Die gleiche Idee hatte Bagehot in „Lombard Street“ vertreten. Außerdem schlägt Rota, wieder wie Bagehot, eine Diskontratenerhöhung vor, um die Wechseldiskontierung einzuschränken und einen ungünstigen Wechselkurs zu verhindern, aus dem Goldexport und Krise resultieren könnten. Marx zeigt sich erst skeptisch: „u. die Erhöhung des Disconts – eliminirt etwa diese Folge?“ (S. 39.) Dann opponiert er diese Idee: „Imbécile! Das ‚weise‘ Verfahren wird B. o. E. sicher stellen, aber den Ruin im Land, die wirkliche Crise nur acceleriren (was allerdings nöthig) würde nicht verhindern als monetary crisis in Form v. Bankkrach“ (S. 39).

19Auch in seiner Geschichte der Wirtschaftskrisen von 1825 bis 1866 (Kapitel 8) interessiert sich Rota nicht einfach nur für Verlauf und Besonderheiten der Krisen, sondern hat immer auch das Agieren der zentralen Staatsbanken im Blick. Er kritisiert das Vorgehen der Bank of England in der Krise von 1825: Ihre zu niedrige Zinsrate verschärfte den Goldabfluss und ihre zu lockeren Diskontierungen stützten die Spekulanten und zogen die Übel in die Länge. Zudem betont er mehrmals die internationale Koordinierung in den Krisen: 1825 gewährte die Banque de France der Bank of England einen Vorschuss (S. 44), 1847 der russische Zar der Banque de France (S. 47), 1857 die Oesterreichische Nationalbank dem Hamburger Garantie-Disconto-Verein (S. 48). Marx beschäftigt sich erstmals mit den Vorgängen in Italien im Jahr 1866, als am 1. Mai per königlichem Dekret den Banknoten der Nationalbank des Königreichs Italien Zwangskurs („corso forzoso“) verordnet wurde. Rota lehnt die gängigen Erklärungen des Zwangskurses ab, wonach dessen Einführung die notwendige Folge der englischen Krise von 1866, eines für Italien ungünstigen Wechselkurses oder einer ökonomischen Krise im Land gewesen sei. Vielmehr nimmt er an, dass der Zwangskurs auch auf Verlangen einiger Banken zustande kam, die angesichts des heraufziehenden Dritten Italienischen Unabhängigkeitskrieges ihren bevorstehenden Zusammenbruch behaupteten. Rota hält dagegen, dass der Zwangskurs, den er nachteilig für die Allgemeinheit hält, nicht ökonomisch notwendig gewesen war und die Banken durch ihre vorgespielte Krise vielmehr die gesamte Nation für ihre Fehler haften machen wollten (S. 49).

20Nach der Geschichte diskutiert Rota verschiedene Theorien der Krise von Joseph Clément Garnier, Max Wirth, Patrick James Stirling, Clément Juglar, Sismondi, Currency School (Lord Overstone), Banking School (Tooke, Gilbart, Fullarton), John Stuart Mill, Francesco Ferrara, Émile Laveleye und Charles Coquelin (Kapitel 9). Marx gibt durch kurze Bemerkungen an, die Krisentheorien von Juglar, Coquelin, Laveleye und Stirling – offensichtlich weil sie ihm noch unbekannt waren – selbst im Original nachschlagen zu wollen. Rota stellt auch seine eigene Krisentheorie vor. Die „cause intime“ der Krisen seien einerseits Gewinnsucht (der Instinkt schnellen Gewinns treibt den Menschen zur Spekulation) und andererseits Fanatismus, ein übersteigerter Ausdruck des Herden- und Nachahmungstriebs, der das Problem verallgemeinert (S. 53 u. 54). Marx notierte die Konsequenzen, die Rota aus seiner Theorie zieht: „Crisen zuvorkommen – nur »moralisch« möglich.“ (S. 56.) Obwohl Rota eine Reihe von Faktoren aufzählt, welche die Krisen verschlimmern und verallgemeinern – Aktiengesellschaften, Agiotage an der Börse, Störungen im Geldumlauf, ungünstiger Wechselkurs und „bullion drain“ – geht er davon aus, dass die Krisen in der Zukunft seltener auftreten und an Schärfe verlieren werden. Marx zeigt sich abermals skeptisch über Rotas Fortschrittserzählung (S. 56).

21Ein krisenverschärfender Faktor ist laut Rota das Börsenwesen (Kapitel 10), das er in einem, wie oben bemerkt, der zweiten Auflage der „Principj di scienza bancaria“ neu hinzugefügten Kapitel behandelt und in dem er schon die damals aktuelle Wiener Börsenkrise vom Mai 1873 erwähnt. Marx exzerpiert sehr ausführlich aus diesem Kapitel; auch übernimmt er hier die nur am Anfang des Kapitels zum Überblick aufgeführten Zwischenüberschriften und setzt sie in seinem Exzerpt selbst als Überschriften. Rota definiert die Börse als den „Markt der Credittitel“ (S. 56) wie Staatsschuldpapiere, Aktien und Obligationen kommerzieller Gesellschaften. Börsenpapiere sind ein Mittel für die Platzierung von Kapital; ihr Preis, auf einem Börsenzettel fixiert, wird durch Angebot und Nachfrage reguliert. Der Handel kann in bar abgewickelt oder auf ein späteres Datum (Terminhandel) fixiert werden. So können bis zu drei Preise auf einem Börsenzettel verzeichnet sein und es existieren verschiedene Verträge: Termin- und Prämienvertrag, Verträge für Differenzbeträge (contratti a termine fermi, contratti a premio, contratti differenziali). Rota wendet sich gegen das „Vorurteil“, dass die Börse bloßes Spiel sei. Wenn im Terminhandel ein Verkäufer oder Käufer eines Titels weiß, dass er zum vereinbarten Termin das Geld bzw. den Titel haben wird, notiert Marx, „dann, nach Herrn Rota, serious business, nicht Spiel“ (S. 58). Ein bestimmter Terminvertrag ist das Reportgeschäft („riporto“): eine Rückkaufvereinbarung zur Beschaffung kurzfristiger Liquidität (S. 58), also eine Art Verpfändung von Wertpapieren. Die meisten Banken seien in diesem Geschäft aktiv, das Rota durchaus kritisch sieht: „Der riporto ist für die banks, specialmente wenn sie gross u. mächtig, ein Mittel illegitimer Beeinflussung der Börsenwerthe.“ (S. 59.) Durch diese Operation würden die Banken zunehmend zu einem Mittel der Agiotage und des Börsenspiels: „alle grossen Börsenkrisen, auch die Wiener v. 1873, entsprungen aus Stütze, welche die banks durch riporto, einer exagerirten Speculation auf hausse gaben.“ (S. 59.) Rota überlegt ferner, was die „Börsennatur“ eines Wertpapiers bestimmt und was die Schwankungen der Kurse (Überfluss oder Mangel an disponiblem Capital; Volumen der Zufuhr der gehandelten Papiere) erklären kann, und informiert über die Modi der Ausgabe von öffentlichen Anleihen sowie von Aktien kommerzieller Unternehmen.

22Die Exzerpte aus den Kapiteln 11 und 12 fertigt Marx im folgenden Heft IX an.

Pietro Ellero: La Questione Sociale

23 Pietro Ellero: La Questione Sociale. Bologna 1874. (S. 45¹.)

24Marxʼ umfangreiche Auszüge aus Rotas theoretischem Werk über das Bankwesen sind unterbrochen durch sein sehr kurzes Exzerpt aus Pietro Elleros „La Questione Sociale“. Dieses hatte Marx wahrscheinlich schon während der Anfertigung der Auszüge aus Rotas „Principj di scienza bancaria“ in das vorliegende Heft eingetragen, wobei er die damals leere Seite zuerst mit „45“ paginierte, was er später in „45¹“ geändert hat. Ellero war Jurist, Soziologie und Kriminologe, bekleidete hohe Positionen im Bildungswesen in Mailand und Bologna und war außerdem Senator des Königreichs Italien. Er setzte sich für die Abschaffung der Todesstrafe ein und thematisierte die soziale Frage. In den 1870er Jahren legte er neben dem vorliegenden, 438-seitigen Buch eine Reihe von Werken zu verschiedenen Sujets vor: „Opuscoli criminali“ (Bologna 1874), „Trattati criminali“ (Bologna 1875), „Scritti minori“ (Bologna 1875), „Scritti politici“ (Bologna 1876), „La tirannide borghese“ (Bologna 1879) und „La riforma civile“ (Bologna 1879).

25Ellero ist der letzte italienische Autor, aus dessen Werken Marx in den Heften von 1877 bis 1879 zur Theorie und Geschichte des Geld- und Bankwesens exzerpiert. Aus „La Questione Sociale“ notiert er nur wenige Informationen zu einigen Schriftstellern vor allem des 17. Jahrhunderts sowie seine Einschätzung des gesamten Werks: „Seichbeutelei!“ (S. 45¹.) In dem Werk wird auch Marx selbst erwähnt, aufgeführt in einer Reihe von „Sozialisten, Kommunisten und Schlimmeren“, deren Gedanken beweisen würden, dass die Schreie gegen die bestehende Ordnung immer lauter werden (Ellero, S. 6).

Otto Caspari: Leibniz’ Philosophie

26 Otto Caspari: Leibniz’ Philosophie, beleuchtet vom Gesichtspunkt der physikalischen Grundbegriffe von Kraft und Stoff. Ein historischer Beitrag zur neueren Philosophie und zur Geschichte der Naturwissenschaft. Leipzig 1870. (S. 69/70, 68 und 66–63.)

27In dem Werk des deutschen Philosophen Otto Caspari informiert sich Marx über Kontext, Begriffe und Inhalte der Leibniz’schen Naturphilosophie. Insbesondere interessiert er sich für Leibniz’ Monadenlehre, Atomtheorie, Kraft- und Stoffbegriff sowie ihre Entstehung in den Debatten des 17. Jahrhunderts zwischen Denkern wie Bacon, Descartes, Hobbes und Spinoza. Caspari wollte Leibniz als einen bedeutenden Naturforscher etablieren und den Einfluss der Naturwissenschaften auf Leibniz’ spekulative Philosophie nachweisen. Nicht nur habe Leibniz seine Lehre anhand der naturwissenschaftlichen Entdeckungen seiner Zeit entwickelt, auch habe er naturwissenschaftliche Probleme (Kausalität, Wechselwirkung) und Begriffe (Materie, Kraft) so tief erörtert, dass er ebenfalls „in der Geschichte der Naturwissenschaften eine hervorragende Stellung einnimmt“ (Caspari, S. III).

28Gleich im ersten Satz des Exzerpts hält Marx eine Spitze Casparis gegen Eugen Dühring und sein Werk „Kritische Geschichte der Philosophie von ihren Anfängen bis zur Gegenwart“ (Berlin 1869) fest. Dührings „Aussprüche über die leibniz’sche Philosophie“, urteilt Caspari, seien „so subjectiver Natur“ und verrieten „so wenig wirkliche Sachkenntniss […], dass sie für den Unbefangenen den Eindruck machen, als habe sie ein schriftstellerischer Dilettant niedergeschrieben“ (S. 69). Zu Casparis eigener Anschauung bemerkt Marx in eigenen Worten unter Bezugnahme auf Zitate von Caspari: „Was den Herrn Caspari namentlich an Leibniz freut, dass er ihn als Vorläufer des grossen Desideratum betrachte, nämlich einer »rationalen Theologie«, welche, »ganz so wie es Leibniz gewollt,« gelinge »auch dereinst die widerstrebenden Gemüther von Seiten der Naturwissenschaft wiederum zu einer gesunden Religion echt christlicher Denkweise zurückzuführen«.“ (S. 68.)

29Marx begann seine Exzerpte auf S. 69/70 und setzte sie auf den im Heft vorangehenden Seiten 68 und dann 66–63 fort. Die Textwiedergabe folgt den Marx’schen Anweisungen.

30Später entnahm Marx einige Passagen seines Exzerpts für eine wahrscheinlich für Engels bestimmte Abschrift aus dem vorliegenden Heft.

Gottfried Wilhelm Leibniz: Opera Philosophica

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  • Gottfried Wilhelm Leibniz: Réplique aux réflections, contenues dans la seconde édition du Dictionnaire critique de M. Bayle, article Rorarius sue le système de l’harmonie préétablie. In: Opera Philosophica. Edita recognovit e temporum rationibus disposita pluribus ineditis auxit introductione critica atque indicibus instruxit Joannes Eduardus Erdmann. Pars prior. Berolini 1840. S. 183–191. (S. 63.)
  • Recuil de lettres entre Leibniz et Clarke sur dieu, l’ame, l’espace, la duree etc. In: Gottfried Wilhelm Leibniz: Opera Philosophica. Edita recognovit e temporum rationibus disposita pluribus ineditis auxit introductione critica atque indicibus instruxit Joannes Eduardus Erdmann. Pars prior. Berolini 1840. S. 746–788. (S. 67.)

32Um seine Materialsammlung durch Originalzitate zu ergänzen, fertigt Marx kurze Exzerpte aus zwei Werken von Leibniz an. Er zieht dazu die von Johann Eduard Erdmann besorgte Ausgabe der philosophischen Werke von Leibniz heran.

33Zum einen hält Marx kurze Zitate aus Leibniz’ Reflexionen über Pierre Bayles Artikel zu Hieronymus Rorarius fest. Von Rorarius hatte Marx bei Otto Caspari erfahren, aus dessen Buch „Leibniz’ Philosophie“ er im vorliegenden Heft notierte: „1648 gegen Descartes ein Werk von Hieronymus Rorarius, sucht zu beweisen, dass den Thieren nicht nur in bestimmter Weise Vernunft zukommt, sondern dass sie sogar einen weit bessern Gebrauch davon machen als die Menschen“ (S. 69). Die Originalquelle dieses Satzes in einem Werk von Rorarius aus dem Jahr 1648 notierte Marx im folgenden Exzerptheft. Dort bemerkt er außerdem in eigenen Worten: „Of course the thing was meant against the doctrine of Descartes that animals are mere machines.“ (Heft IX, S. [0].) Bei Caspari erfährt Marx, dass auch Leibniz den tierischen Körper eine „hydraulisch-pneumatisch-erwärmte Maschine“ (S. 64) nannte. Marx exzerpiert: „So sehr das ganze Zeitalter in rein mechanischer Anschauung befangen, dass der Physiker Chr. Sturm sogar das Wort »Natur« gänzlich abgeschafft wissen wollte, wenn nicht schlechtweg, so doch in der Bedeutung eines thätigen Princips“ (S. 64). Caspari betonte den Einfluss von Descartes, Gassendi und Spinoza auf Leibniz.

34Zum anderen notiert Marx einige Passagen über Kraft und Aktion aus dem Briefwechsel zwischen Leibniz und Samuel Clarke. Samuel Clarke (ein Schüler von Newton) und Leibniz eruierten in den Jahren 1715/1716 die Frage nach der Funktion eines göttlichen Schöpfers im Weltgeschehen. Leibniz warf Newton vor, dass Gott nach seiner Lehre die Weltuhr nicht nur am Anfang geschaffen habe, sondern sie auch danach von Zeit zu Zeit aufziehen und reinigen müsse, damit sie ihren richtigen Gang beibehalte. Er sah darin eine Unvollkommenheit der Newton’schen Theorie. Schon in den Berliner Heften, in denen Marx 1841 Auszüge aus Werken von Leibniz zur Logik und Metaphysik anfertigte (siehe MEGA IV/1. S. 183–212), nahm Leibniz’ Kontroverse mit Clarke breiten Raum ein.

35Marx hatte im Allgemeinen eine hohe Meinung von Leibniz. Engels schrieb er 1870: „Kugelmann hat mir zu meinem Geburtstag zwei Stück Tapete aus dem Arbeitszimmer von Leibniz geschickt, was mich sehr amüsirt hat. Nämlich L.’s Haus ist niedergerissen worden letzten Winter u. die dummen Hannoveraner – die in London ein Geschäft mit den Reliquien hätten machen können – haben alles weggeschmissen. […] Ich habe beide Sachen in meinem Arbeitszimmer aufgehangen. You know my admiration for L.“ (Marx an Engels, 10. Mai 1870.) Auch Engels bezog sich in der „Dialektik der Natur“ mehrmals positiv auf Leibniz. Er betrachtete ihn als den „Gründer der Mathematik des Unendlichen gegen den der Induktionsesel Newton als Plagiator und Verderber tritt“ (MEGA I/26. S. 9). Leibniz habe in den Grundzügen die Differential- und Integralrechnung (MEGA I/26. S. 72) festgestellt, sei „der erste“ gewesen, „der einsah, daß das Descartessche Maß der Bewegung mit dem Fallgesetz im Widerspruch stehe“ (MEGA I/26. S. 203), und der daher die bewegenden Kräfte in tote und lebendige unterteilt habe. Engels sah in Leibniz außerdem einen Miterfinder der Dampfmaschine und bemerkte lobend über ihn: „immer geniale Ideen um sich streuend ohne Rücksieht darauf ob ihm oder Andern das Verdienst daran zugerechnet würde“ (MEGA I/26. S. 234).

36Später entnahm Marx einige Passagen der vorliegenden Exzerpte für eine wahrscheinlich für Engels bestimmte Abschrift aus dem vorliegenden Heft.

Emil Du Bois-Reymond: Das Kaiserreich und der Friede

37 Emil Du Bois-Reymond: Das Kaiserreich und der Friede. Leibnizische Gedanken in der neueren Naturwissenschaft. Zwei Festreden in öffentlichen Sitzungen der königl. preuss. Akademie der Wissenschaften. Berlin 1871. (S. 71/72 und 70.)

38Der Berliner Physiologie Emil Du Bois-Reymond war seit 1851 Mitglied der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften sowie 1869/1870 und 1882/1883 Rektor der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin. Er entwickelte die Elektrophysiologie und galt den Zeitgenossen als einer der führenden und bekanntesten Naturwissenschaftler Europas.

39In seinem elf Punkte umfassenden Plan von 1878 für die „Dialektik der Natur“ gab Engels als sechsten Punkt an, den er die „Gränzen des Erkennens“ (MEGA I/26. S. 173.26) nannte, sich neben Helmholtz, Kant, Hume und Carl Wilhelm von Nägeli auch mit Du Bois-Reymond beschäftigen zu wollen. Offenbar plante Engels eine weitergehende Auseinandersetzung mit Tendenzen des Agnostizismus bei namhaften Naturwissenschaftlern. In seinem Vortrag auf der 45. Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte in Leipzig 1872 prägte Du Bois-Reymond die Formel: „Ignoramus et ignorabimus“ (lat. „Wir wissen es nicht und wir werden es niemals wissen“). (Siehe Emil Du Bois-Reymond: Über die Grenzen des Naturerkennens. Ein Vortrag in der 2. öffentlichen Sitzung der 45. Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte zu Leipzig am 14. August 1872 gehalten. Leipzig 1872. S. 33.) Insbesondere das Verhältnis von Materie und Bewusstsein würde niemals zu erklären sein.

40Die vorliegenden Auszüge von Marx enstanden wahrscheinlich im Rahmen einer kleineren Zuarbeit zu Engels’ „Dialektik der Natur“. In der Folge erstellte Marx aus den naturphilosophischen Exzerpten des vorliegenden Hefts eine Abschrift, in die er auch einige Teile seiner vorliegenden Exzerpte aus Du Bois-Reymond aufnahm.

41Marx exzerpiert eine Schrift mit zwei Vorträgen Du Bois-Reymonds in öffentlichen Sitzungen der Preußischen Akademie der Wissenschaften. Zum ersten Vortrag „Das Kaiserreich und der Friede“ bemerkt Marx, es handle sich dabei um eine „Lobhudelei Preussens“ (S. 71) und Friedrich des Großen. Aus der zweiten Rede „Leibnizische Gedanken in der neueren Naturwissenschaft“ hält er zunächst Du-Bois Reymonds Behauptung fest, die Lehre von der Erhaltung der Kraft stamme in ihrem richtigen Ausdruck zuerst von Leibniz. Dies wollten Marx und Engels widerlegen. In der „Dialektik der Natur“ heißt es, die Erhaltung der Energie sei bereits von Descartes ausgesprochen worden (MEGA I/26. 168). Wahrscheinlich wollten Marx und Engels auf die mangelnden Kenntnisse des „Agnostikers“ Du-Bois Reymonds der Geschichte seiner eigenen Disziplin hinweisen. Zumindest zeigt seine Abschrift aus dem vorliegenden Exzerptheft, dass Marx gezielt nach Äußerungen dieser Art von Du-Bois Reymond suchte (siehe Entstehung und Überlieferung).

42Im vorliegenden Exzerpt hält Marx weiterhin Leibniz’ Bild fest, mit dem er die Umwandlung der Kraft von Massen- in Molekularbewegung fasste. Diese „sei wie das Umwechseln eines grossen Geldstückes in Scheidemünze“ (S. 71).

43Zudem notiert er Du Bois-Reymonds Diskussion der Leibniz’schen Idee der „prästabilierten Harmonie“ zwischen Leib und Seele, zwischen der äußeren Welt und den menschlichen Vorstellungen. Du Bois-Reymond vertrat die These, dass die Raumvorstellungen und Verstandeskategorien nicht angeboren, sondern durch die Sinneswahrnehmungen erworben sind und „dem werdenden Geist allmählich zur richtigen Zeit von selber“ (S. 72) zuwachsen. Charles Darwin habe diese Lehre später fundiert.

44Wie Otto Caspari verwendete auch Du Bois-Reymond die von Johann Eduard Erdmann besorgte Leibniz-Ausgabe, aus der Marx im vorliegenden Heft exzerpierte.

45In der „Dialektik der Natur“ verwies Engels auch im Abschnitt „Elektrizität“ auf Du Bois-Reymond (MEGA I/26. S. 273). Zudem beschäftigte er sich in seinen Exzerpten aus Gustav Wiedemanns „Die Lehre vom Galvinismus“ mit der wissenschaftlichen Tätigkeit von Du Bois-Reymond (siehe MEGA IV/31. S. 557 u. 576–578).

René Descartes: Opuscula Posthuma, Physica et Mathematica

46 R. Des-Cartes: Opuscula Posthuma, Physica et Mathematica. Amstelodami 1701. (S. 72.)

47Marx notiert zwei Sätze zur Bewegungslehre von René Descartes aus dessen postum erschienenen Werken über Physik und Mathematik. Er hält u. a. die theologische Fundierung der Descartes’schen Anschauung fest: Gott schuf mit dem Anfang der Welt eine Bewegung, die niemals aufhören kann.

48Engels äußerte sich in der „Dialektik der Natur“ mehrmals über die Bewegungslehre von Descartes. William Robert Grove hätte „den Satz des Descartes daß die Quantität der in der Welt vorhandenen Bewegung unveränderlich ist“, nachträglich bewiesen (MEGA I/26. S. 78). Die Erhaltung der Energie sei bereits von Descartes ausgesprochen worden (MEGA I/26. 168). Zwar habe Descartes die quantitative Konstanz der Bewegung, allerdings noch nicht deren Formverwandlung entdeckt (MEGA I/26. S. 109). Dagegen hatte Emil Du-Bois Reymond behauptet, die Lehre von der Erhaltung der Kraft sei in ihrem richtigen Ausdruck erstmals von Leibniz formuliert worden (siehe oben).

49Im vorliegenden Marx’schen Exzerpt geht es ebenfalls um diese Zusammenhänge. In die wahrscheinlich für Engels bestimmte Abschrift aus dem vorliegenden Heft übernahm Marx auch die beiden hier notierten Sätze.

50Kurz darauf, in den Werken von Brissot de Warville las Marx abermals über Descartes’ Bewegungslehre. In seinen Exzerpten daraus notierte er, dass dieser zufolge alles im Universum in Bewegung sei und das Universum ohne Bewegung nicht existieren könne (S. 81). Sein Notizbuch aus den Jahren 1877 bis 1881 deutet darauf hin, dass Marx’ Interesse an Leibniz und Descartes zu dieser Zeit unabhängig von seinem Interesse an Brissot de Warville war.

Jacques Pierre Brissot de Warville: Bibliothèque philosophique

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  • J. P. Brissot de Warville: Recherches philosophiques sur le droit de propriété & sur le vol, considérés dans la nature & dans la société. In: Bibliothèque philosophique du législateur, du politique, du jurisconsulte … T. 6. Berlin, Paris, Lyon 1782. S. 261–339. (S. 80–87, 78/79 und 77.)
  • J. P. Brissot de Warville: Moyens de prévenir les crimes en France. In: Bibliothèque philosophique du législateur, du politique, du jurisconsulte … T. 6. Berlin, Paris, Lyon 1782. S. 5–165. (S. 77/76.)
  • J. P. Brissot de Warville: Le sang innocent vengé, ou Discours sur les réparations dues aux accusés innocens. Couronné par l’Académie des Sciences & Belles-Lettres de Châtons-sur-Marne, le 25 aout 1781. In: Bibliothèque philosophique du législateur, du politique, du jurisconsulte … T. 6. Berlin, Paris, Lyon 1782. S. 167–243. (S. 76.)
  • J. P. Brissot de Warville: De la décadence du barreau françois, des inconvéniens de l’Ordre des Avocats, de la maniere de les rendre au public, sur-tout dans les matieres criminelles. In: Bibliothèque philosophique du législateur, du politique, du jurisconsulte … T. 6. Berlin, Paris, Lyon 1782. S. 341–409. (S. 76/75.)
  • J. P. Brissot de Warville: Fragmens sur les loix criminelles, tirés des Annales politiques & civiles de M. Linguet. In: Bibliothèque philosophique du législateur, du politique, du jurisconsulte … T. 9. Berlin, Paris, Lyon 1782. S. 67–194. (S. 75–73.)

52Marx fertigt Auszüge aus fünf Aufsätzen von Jacques Pierre Brissot de Warville an und zog dazu den sechsten und kurz den neunten Band von dessen „Bibliothèque philosophique du législateur, du politique, du jurisconsulte …“ heran. Brissot de Warville war ein Publizist und Politiker der Französischen Revolution, der sich in seinen Veröffentlichungen intensiv mit dem Strafrechtssystem Frankreichs beschäftigte. In „Überwachen und Strafen“ nutzte Michel Foucault die Texte von Brissot als ein Beispiel des neuzeitlichen Strafrechtsdenkens, das sich gegen die Willkür des Souveräns richtet. In den von Marx exzerpierten Aufsätzen geht es ebenfalls um Brissots Versuch, die Novelierung des Strafrechts herbeizuführen.

53In der Vorrede zu seinem Aufsatz „Recherches philosophiques sur le droit de propriété & sur le vol, considérés dans la nature & dans la société“ verrät Brissot das Ziel seiner Untersuchung: das Publikum von der Notwendigkeit der Humanisierung des Strafrechts, insbesondere der Abschaffung der Todesstrafe für den Diebstahl zu überzeugen. Seine Forderung begründet er, indem er Unterschiede und Widersprüche zwischen dem zivilrechtlichen und naturrechtlichen Verständnis des Privateigentums aufzeigen will.

54Nach Brissot sind ungerechte Gesetze das Resultat eines fehlerhaften Verständnisses der „propriété naturelle“, deren Erörterung der größte Teil seines Aufsatzes gewidmet ist. Marx exzerpiert gründlich seine naturphilosophischen, auf Zenon, Pythagoras und Descartes basierenden Überlegungen zum Gesetz der Bewegung als Grundlage des Eigentums im Naturzustand. Außer diesem leitet Brissot die Prinzipien des Eigentums von der Bedürfnisbefriedigung und vom Prinzip des Genusses („jouissance“) ab. Auch wenn diese Ideen sich u. a. schon bei Locke (den Brissot lobend zitiert) finden lassen, geht Brissot in seinen Schlussfolgerungen weiter als seine Vorgänger. So exzerpiert Marx die Argumentation von Brissot über die Gleichmäßigkeit der Eigentumsansprüche zwischen Menschen, Tiere und Pflanzen im Naturzustand. Die Pflanzen, schreibt Brissot, können sich in Richtung ihres Futters bewegen, eigene Bedürfnisse befriedigen und, wahrscheinlich, diesen Prozess sogar genießen. Zum letzten Punkt merkt Brissot an, dass, da die Konstitution der Pflanzen anders als die des Menschen sei, sich auch ihre „jouissance“ von der menschlichen radikal unterscheiden könne. Es sind vor allem diese Ausführungen zum Naturzustand, die den Kern des Marx’schen Interesses bilden.

55Die sozialtheoretischen Schlussfolgerungen von Brissot lässt Marx nichtsdestotrotz nicht aus. Das zivilrechtliche Verständnis von Eigentum löst sich nach Brissot von den naturrechtlichen Prinzipien ab, was zu sozialen Problemen führt. Der „homme social“ eignet über seine Bedürfnisse hinaus an, was die Entstehung von Reichtum und Elend, von einem „untätigen Bourgeois“ und einem „leidenden Tagelöhner“ nach sich zieht. Insofern kommt es in der modernen Gesellschaft nicht selten vor, dass das Naturrecht, eigene Grundbedürfnisse zu befriedigen, in einen Widerspruch mit der zivilrechtlichen Ausführung des Privateigentumsrechts gerät. Diese Situation der modernen europäischen Gesellschaft kontrastiert Brissot mit der Lebensweise der Bewohner von Tahiti. Der im Naturzustand lebende „homme sauvage“ kennt kein Privateigentum und als Resultat auch keine Monogamie. Am Ende seines Aufsatzes appelliert Brissot an die Gesetzgeber, die Todesstrafe für den Diebstahl abzuschaffen, sowie auch den staatlichen Reichtum so zu verteilen, dass es keinen Grund für Diebstahl mehr gibt.

56Die Eigentumstheorie und -kritik von Brissot de Warville war Marx schon vor den vorliegenden Exzerpten bekannt. In seinem Nekrolog zu Pierre-Joseph Proudhon stellte er Brissot de Warville als den wahren Urheber der Phrase „Eigentum ist Diebstahl“ vor, mit der später Proudhon Berühmtheit erlangte. Dort heißt es: „Das, worum es sich für Proudhon eigentlich handelte, war das bestehende modern-bürgerliche Eigentum. Auf die Frage, was dies sei, konnte nur geantwortet werden durch eine kritische Analyse der ‚politischen Ökonomie‘, die das Ganze jener Eigentumsverhältnisse, nicht in ihrem juristischen Ausdruck als Willensverhältnisse, sondern in ihrer realen Gestalt, d. h. als Produktionsverhältnisse, umfaßte. Indem Proudhon aber die Gesamtheit dieser ökonomischen Verhältnisse in die allgemeine juristische Vorstellung ‚das Eigentum‘, ‚la propriété‘, verflocht, konnte er auch nicht über die Antwort hinauskommen, die Brissot mit denselben Worten in einer ähnlichen Schrift schon vor 1789 gegeben hatte: La propriete c’est le vol.“ (MEGA I/20. S. 61.)

57Marx war also schon lange mit dem Schaffen von Brissot de Warville vertraut. Spätestens 1845, in seinen Exzerpten aus einem Sammelband über die sozialen Ideen der Französischen Revolution war er damit in Kontakt gekommen. Damals exzerpierte er im Brüsseler Heft 6 zu Brissots Ansichten über den Zusammenhang von Erziehung und Eigentum (MEGA IV/3. S. 427) und gleich darauf auch aus Simon Nicolas Henri Linguets „Théorie des lois civiles“ (MEGA IV/3. S. 428/429). Auch in seinen vorliegenden Exzerpten aus anderen Aufsätzen Brissots interessiert sich Marx u. a. für dessen Gedanken zu Linguet, den Marx für einen Polemiker „gegen die bürgerlich-liberalen Ideale seiner aufklärerischen Zeitgenossen gegen die beginnende Herrschaft der Bourgeoisie“ und einen Verteidiger des „asiatischen Despotismus“ (MEGA II/3. S. 657) hielt. In den Manuskripten zur „Deutschen Ideologie“ nannte Marx beide in einem Atemzug (MEGA I/5. S. 252) und im Ökonomischen Manuskript 1861–1863 erörterte er, warum er „socialistische und kommunistische Schriftsteller“ wie Brissot de Warville nicht in seinen „historischen Reviews“ behandeln wolle, wohingegen Linguet „kein Socialist“ gewesen sei und als Kritiker der Physiokraten dort Erwähnung finden müsste (MEGA II/3. S. 657).

58Sein Notizbuch aus den Jahren 1877 bis 1881 dokumentiert, dass sich Marx ab ungefähr 1877 wieder für beide, Brissot de Warville und Linguet, zu interessieren begann. Er notierte dort die Titel von beinahe einem Dutzend Schriften der beiden inklusive ihrer Signaturen in der Bibliothek des British Museum. Auch die hier exzerpierte „Bibliothèque philosophique du législateur“ (Notizbuch 1877–1881, S. [12]) ist dort notiert, wie insbesondere Brissots „Fragmens sur les lois criminelles, tirétirés des Annales politiques et civiles. (See Brissot, P. J.) de Warville Bibliothèque Philosophique du législateur etc. t. 9.“ (Ebenda, S. [13]). Im Notizbuch aus den Jahren 1878/1879 führte Marx dann den Aufsatz „Recherches philosophiques sur le droit de propriété & sur le vol, considérés dans la nature & dans la société“ (S. 3) im sechsten Band der „Bibliothèque philosophique du législateur“ noch einmal gesondert auf (abermals mit Signatur der Bibliothek), was das weiterhin bestehende Interesse in dieser Zeit unterstreicht.

Zeugenbeschreibung

    • H Originalhandschrift: IISG, Marx-Engels-Nachlass, Sign. B 148/B 136.
    • Beschreibstoff: Notizbuch mit kartoniertem Einband, Außenseiten und Rücken mit schwarzlackierter Leinwand bezogen, Innenseiten mit gleichem Papier wie Heftseiten beklebt. Format: 194 × 158 mm. Auf Vorderdeckel von Engels Etikett im Format 193 × 126 mm aufgeklebt. Keine Vorsatzblätter. Darin eingeheftet 48 Blatt (= 96 Seiten) mittelstarkes, glattes, weißes Papier, hellblau liniert. Format wie Einband. Als Wasserzeichen nur helle Linien im Abstand von 23 mm.
    • Zustand: Gut erhalten, Papier leicht vergilbt. Vorderdeckel und Rücken des Einbandes etwas abgestoßen. Keine Textverluste.
    • Schreiber: Marx, Engels (nur Etikett).
    • Schreibmaterial: Schwarze Tinte, leicht bräunlich verfärbt. Einige Eintragungen, An- und Durchstreichungen auch mit Bleistift und Blaustift.
    • Beschriftung: Vorderdeckel beidseitig und Innenseite des Hinterdeckels (teilweise), S. 1–96 (S. 74 nur teilweise). Lateinische Schrift.
    • Paginierung: Marx paginierte die Seiten von 1–21, 21a, 21b, 22–45. 451, 46–93 (später von fremder Hand mit Bleistift nachgezogen und die Innenseite des Hinterdeckels mit 94 versehen).
    • Vermerke fremder Hand: Archivstempel IISG, Sign. B 136; Fotosign. EF 0 – EF 94 (mit Bleistift).

Zitiervorschlag

Timm Graßmann: Entstehung und Überlieferung zu Heft VIII (1878/1879). In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital, Bd. IV/25, hg. v. der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://megadigital.bbaw.de/M2644966. Abgerufen am 08.08.2026.