| London. 13 December. 70.

Lieber Kugelmann,

Du mußt mein langes Schweigen Dir daraus erklären, daß ich während dieses Kriegs, der den größten Theil der Foreign correspondents des General Council nach Frankreich gezogen hat, fast die ganze internationale Korrespondenz zu führen habe, was keine Kleinigkeit ist. Ausserdem ist es bei der „Postfreiheit“, welche jezt in Deutschland, u. namentlich im norddeutschen Bund herrscht, u. ganz „namentlich“ in Hannover, zwar nicht für mich, wohl aber für meine deutsche Korrespondenten gefährlich, wenn ich Ihnen ihnen meine Ansichten über den Krieg schreibe, und worüber kann man sonst schreiben in diesem Augenblick?

 Siehe Karl Marx: The General Council of the International Workingmen's Association on the War (MEGA2 I/21. S. 245–249 und Erl. S. 1594–1612) / Karl Marx: Erste Adresse des Generalrats der Internationalen Arbeiterassoziation über den Deutsch-Französischen Krieg. (MEGA2 I/21. S. 478–484 und Erl. S. 1744-1750) sowie Karl Marx: Second Address of the General Council of the International Working Men's Association on the War. (MEGA2 I/21. S. 485–491 und Erl. S. 1751–1766. / Karl Marx: Zweite Adresse des Generalrats der Internationalen Arbeiterassoziation über den Deutsch-Französischen Krieg. (MEGA2 I/21. S. 492–499 und Erl. S. 1767–1776).
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Du wünschst z. B. von mir unsre erste Adresse über den Krieg. Ich hatte sie Dir geschickt. Sie ist offenbar unterschlagen worden. Ich lege Dir heute sowohl beide in ein Pamphlet vereinigte Adressen
als auch   E. S. Beesly: The International Working Men's Association. In: The Fortnightly Review. London. New series. No. 47, 1. November 1870. S. 517–535. Abdruck in: MEGA² I/21. S. 1067–1086.
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Professor Beesly’s Artikel
aus der Fortnightly Review in die heutige Daily News ein. Da dieß ein preussisch gefärbtes Blatt, werden die Sachen wohl passiren. Prof. Beesly ist Comtist u. ist als solcher verpflichtet, allerlei Crotchets geltend zu machen, im übrigen aber ein sehr tüchtiger und kühner Mann. Er ist Professor der Geschichte an der Universität von London.

Es scheint, daß man nicht nur den Bonaparte, seine Generale u. seine Armee in Deutschland eingefangen, sondern mit ihm aus den ganzen Imperialismus mit allen seinen Gebresten  Siehe die Zeilen in Heines Gedicht „Zur Beruhigung“ (1844): „Wir sind so treu wie Eichenholz, / Auch Lindenholz, drauf sind wir stolz; / Im Land der Eichen und der Linden / Wird niemals sich ein Brutus finden.“
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im Land der Eichen u. der Linden
akklimatisirt hat.

Was den deutschen bourgeois betrifft, so verwundert mich seine Eroberungsbesoffenheit in keiner Weise. Erstens ist die Accaparation das Lebensprinzip aller Bourgeoisie u. fremde Provinzen nehmen ist immer „nehmen“. Wes(?) // Ausserdem hat der deutsche Bürger so viel Fußtritte von den seinen Landesvätern u. speziell den Hohenzollern ergebenst acczeptirt, daß es für ihn ein wahrer Genuß sein muß, wenn dieselbigen Fußtritte zur Abwechslung einmal auch dem Fremdling applicirt werden.

Jedenfalls hat uns dieser Krieg von den „bürgerlichen Republikanern“ befreit. Er hat dieser Sippe ein Ende mit Schrecken gemacht. Und das ist ein bedeutendes Resultat. Er hat unseren Professoren die beste Gelegenheit gegeben, sich vor aller Welt als servile Pedanten zu blamiren. Die Verhältnisse, die er in seinem Gefolg führt, werden die beste Propaganda für unsre Principien machen.

| Hier in England war die öffentliche Meinung bei Beginn des Kriegs ultrapreussisch: sie ist jezt ins Gegentheil umgeschlagen. In den cafés chantants z. B. werden die deutschen Sänger mit ihrer  Anspielung auf eine Parodie von Max Schneckenburgers patriotischem Lied „Die Wacht am Rhein“ (1840), das während des deutsch-französischen Krieges große Popularität erlangte: „Die Wacht am Rhein, das ist der Titel, / Des Liedes, das im Schwange geht. / Es ist ein ganz probates Mittel / Für einen, der sonst nichts versteht. / Darum bei Mond- und Sonnenschein / Sing ich nur stets die Wacht am Rhein, [...] / Ihr könnet nichts als kläglich schrein / Das blöde Lied, die Wacht am Rhein, / Die Wi-Wa-Wacht am Rhein, die Wacht am Rhein.“ (Der Volksstaat. Nr. 89, 5. November 1870).
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Wi-Wa—Wacht am Rhein
nieder gezischt, während die französischen Sänger mit der Marseillaise in choro begleitet werden. Abgesehn von der entschiednen Sympathie der Volksmasse für die Republik und dem Aerger der respectability über den das nun sonnenklare Bündniß zwischen Preussen u. Rußland und den unverschämten Ton der preussischen Diplomatie seit den militärischen Erfolgen, hat die Weise der Kriegsführung — das System der Requisitionen, Niederbrennen der Dörfer, Erschiessen der francstireurs franctireurs, Bürgen nehmen u. andere ähnliche Recapitulationen aus dem Dreissigjährigen Krieg — hier allgemeine Entrüstung hervorgerufen. Of course, die Engländer haben dergleichen getan in Indien, Jamaika etc, aber die Franzosen sind weder hindoos noch Chinesen noch Neger, u. die Preussen sind keine heaven born Englishmen! Es ist eine ächt hohenzollernsche Idee, daß ein Volk ein Verbrechen begeht, wenn es sich fortfährt zu vertheidigen, sobald sein stehendes Heer alle geworden ist. In der That war der preussische Volkskrieg gegen Napoleon I dem braven Friedrich Wilhelm III ein wahrer Dorn im Auge, wie man sich überzeugen kann aus Prof. PertzGeschichte des über Gneisenau, welcher letzter in seiner Landsturmordnung den franctireurs Krieg in ein System gebracht hatte. Es wurmte dem F. W. III, daß das Volk sich auf eigne Faust u. unabhängig von allerhöchster Ordre schlug.

Indeß ist noch nicht aller Tage Abend. Der Krieg in Fkch kann noch sehr „ökliche“ Wendung nehmen. Der Widerstand der Loire Armee war „ausser“ Rechnung u. die jetzige Zerstreuung der deutschen Kräfte rechts u. links soll blos Schrecken einflössen, hat aber in der That keinen andern Erfolg als die Defensivkraft auf allen Punkten ins Leben zu rufen u. die Offensivkraft zu schwächen. Auch das angedrohte Bombardement von Paris ist ein blosser trick. Auf die Stadt Paris selbst kann es nach allen Regeln der Wahrscheinlichkeitsrechnung durchaus keinen ernsthaften Effect machen. Werden ein paar Vorwerke niedergeschossen, Bresche gemacht, was nüzt das in einem Fall, wo die Zahl der Belagerten grösser ist als die der Belagerer? Und wenn die Belagerten sich ausnehmend gut schlugen in den Sorties, wo die Gegner sich hinter entrenchments vertheidigten, wie erst, wo die Rollen umgekehrt sind?

Die Aushungerung von Paris ist das einzig reale Mittel. Dauert Verzögert sich dieser Termin aber lang genug zur Bildung der von Armeen u. Entwicklung des Volkskriegs in den Provinzen, so ist auch damit nichts | gewonnen als Verlegung des Schwerpunkts. Ausserdem würde selbst nach der Kapitulation Paris, das nicht mit einer Handvoll besetzt u. ruhig gehalten werden kann, einen grossen Theil der invaders brach legen.

Wie aber der Krieg immer ende, er hat das französische Proletariat in den Waffen geübt, u. das ist die beste Garantie der Zukunft.

Der unverschämte Ton, den Rußland u. Preussen England gegenüber annehmen, könnte für sie zu ganz unerwarteten u. mißliebigen Resultaten führen. Die Sache beruht einfach darauf: England hat sich im  Am 30. März 1856 wurde der Pariser Friedensvertrag unterzeichnet, der dem zweijährigen Konflikt zwischen den Großmächten England und Frankreich auf der einen und Russland auf der anderen Seite ein Ende setzte.
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Pariser Friedensvertrag
von 1866 1856 selbst entwaffnet. Es ist eine Seemacht u. kann den grossen continentalen Militairmächten gegenüber nur die Mittel des Seekriegs in die Waagschale werfen. Das unfehlbare Mittel hier ist die temporäre Vernichtung — resp. Stillsetzung des überseeischen Handels der Kontinentalen. Es beruht hauptsächlich in der Geltendmachung des Grundsatzes, — feindliche Waaren in neutralen Schiffen zu kapern. Dieß maritime right (neben andern ähnlichen Mitt(?) rights) haben die Engländer aufgegeben durch die s. g. Declaration, die dem Pariser Vertrag annexirt ist. Clarendon that dieß auf geheime Ordre des Russen Palmerston. Die Declaration bildet jedoch keinen inhärirenden Theil des Vertrags selbst u. ist niemals in England gesetzlich sanktionirt worden. Die Herren Russen u. Preussen rechnen ohne den Wirth, wenn sie sich einbilden, der Einfluß der Königin, die aus family interests verpreußt ist, u. die bürgerliche Schwachsinnigkeit eines Gladstone würden John Bull im entscheidenden Moment abhalten, dieß selbstgeschaffne „holde Hinderniß“ über Bord zu werfen. Und dann können(?) kann er in wenigen Wochen dem russisch-deutschen überseeischen Handel den Garaus machen. Wir werden dann die langen Gesichter der Diplomaten von Petersburg u. Berlin und die noch längeren der „Kraftpatrioten“ zu studiren Gelegenheit finden. Qui vivra, verra.

My best compliments to Madame la comtesse and Fränzchen.

D
KM.

A Propos. Kannst Du mir die diversen Windthorstschen Reichstagsreden zukommen lassen?

Zeugenbeschreibung und Überlieferung

Absender

Briefkontext

Zeugenbeschreibung

Soweit aus der Fotokopie zu ersehen ist, besteht der Brief aus einem Bogen weißem Papier. Marx hat die ersten drei Seiten vollständig beschrieben, die vierte Seite ist leer. Schreibmaterial: schwarze Tinte.

Empfängerbemerkung: „A 26/12 zr Post 27/12“.

 

Zitiervorschlag

Karl Marx an Louis Kugelmann in Hannover. London, Dienstag, 13. Dezember 1870. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital, hg. v. der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://megadigital.bbaw.de/M4315249. Abgerufen am 15.08.2026.

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