[Text nach MEGA2 /21, S. 1064.12–1065.44:]
„Die Militairkamarilla, Professorschaft, Bürgerschaft und Wirthshauspolitik — so schreibt uns einer unserer ältesten und verdientesten Genossen in London — giebt vor, dies sei das Mittel, Deutschland auf ewig vor Krieg mit Frankreich zu schützen. Es ist umgekehrt das probateste Mittel, diesen Krieg in eine europäische Institution zu verwandeln. Es ist in der That das sicherste Mittel, den Militairdespotismus in dem verjüngten Deutschland zu verewigen als eine Nothwendigkeit zur Behauptung eines westlichen Polens, des Elsaß und Lothringens. Es ist das unfehlbarste Mittel, den kommenden Frieden in einen bloßen Waffenstillstand zu verwandeln, bis Frankreich so weit erholt ist, um das verlorene Terrain heraus zu verlangen. Es ist das unfehlbarste Mittel, Deutschland und Frankreich durch wechselseitige Selbstzerfleischung zu ruiniren.
Die Schufte und Narren, welche diese Garantien für den ewigen Frieden entdeckt haben, sollten doch aus der preußischen Geschichte wissen, aus Napoleon’s Pferdekur im Tilsiter Frieden, wie solche Gewaltmaßregeln zur Stillmachung eines lebensfähigen Volkes gerade das Gegentheil des beabsichtigten Zweckes bewirken. Und was ist Frankreich, selbst nach Verlust von Elsaß und Lothringen, verglichen mit Preußen nach dem Tilsiter Frieden!
Die Schufte und Narren, welche diese Garantien für den ewigen Frieden entdeckt haben, sollten doch aus der preußischen Geschichte wissen, aus Napoleon’s Pferdekur im Tilsiter Frieden, wie solche Gewaltmaßregeln zur Stillmachung eines lebensfähigen Volkes gerade das Gegentheil des beabsichtigten Zweckes bewirken. Und was ist Frankreich, selbst nach Verlust von Elsaß und Lothringen, verglichen mit Preußen nach dem Tilsiter Frieden!
Wenn der französische Chauvinismus, so lange die altstaatlichen Verhältnisse dauerten, eine gewisse materielle Rechtfertigung hatte in der Thatsache, daß seit 1815 die Hauptstadt Paris und damit Frankreich nach wenigen verlorenen Schlachten Preis gegeben war, welche neue Nahrung wird er nicht erst saugen, sobald die Grenze östlich an den Vogesen und nördlich an Metz liegt.
Daß die Lothringer und Elsasser die Segnungen deutscher Regierung wünschen,*) wagt selbst der enragirteste Teutone nicht zu behaupten. Es ist das Princip des Pangermanismus und ,sicherer‘ Grenzen, das proclamirt wird und das von östlicher Seite zu schönen Resultaten für Deutschland und Europa führen würde.
Wer nicht ganz vom Geschrei des Augenblicks übertäubt ist, oder ein Interesse hat, das deutsche Volk zu übertäuben, muß einsehen, daß der Krieg von 1870 ganz so nothwendig einen Krieg zwischen Deutschland und Rußland im Schooße trägt, wie der Krieg von 1866 den Krieg von 1870.
Ich sage nothwendig, unvermeidlich, außer im unwahrscheinlichen Falle eines vorherigen Ausbruches einer Revolution in Rußland.
Tritt dieser unwahrscheinliche Fall nicht ein, so muß der Krieg zwischen Deutschland und Rußland schon jetzt als un fait accompli (eine vollendete Thatsache) behandelt werden.**)
Es hängt ganz vom jetzigen Verhalten der deutschen Sieger ab, ob dieser Krieg nützlich oder schädlich.
Nehmen sie Elsaß und Lothringen, so wird Frankreich mit Rußland Deutschland bekriegen. Es ist überflüssig, die unheilvollen Folgen zu deuten.
Schließen sie einen ehrenvollen Frieden mit Frankreich, so wird jener Krieg Europa von der moskowitischen Dictatur emancipiren, Preußen in Deutschland aufgehen machen, dem westlichen Continent friedliche Entwicklung erlauben, endlich der russischen socialen Revolution, deren Elemente nur eines solchen Stoßes von außen zur Entwicklung bedürfen, zum Durchbruch helfen, also auch dem russischen Volke zu Gute kommen.***)
Aber ich fürchte, die Schufte und Narren werden ihr tolles Spiel ungehindert treiben, wenn die deutsche Arbeiter-Classe nicht en masse ihre Stimme erhebt.“
Diese Vertreter der Annexion werden ihr Spiel nicht ungehindert treiben und Namens der deutschen social-demokratischen Arbeiterpartei erheben wir hiermit gegen die Annexion von Elsaß und Lothringen Protest. Und wir wissen uns Eins mit den deutschen Arbeitern. Die deutschen Arbeiter werden, im Interesse Frankreichs wie Deutschlands, im Interesse des Friedens und der Freiheit, im Interesse der westlichen Civilisation gegen die kosackische Barbarei, die Annexion von Elsaß und Lothringen nicht dulden. –
Und Deutschland?
„Der jetzige Krieg — so schreibt unser Genosse — eröffnet dadurch eine neue weltgeschichtliche Epoche, daß Deutschland bewiesen hat, daß es selbst mit Ausschluß von Deutsch-Oesterreich fähig ist, unabhängig vom Auslande, seine eigenen Wege zu gehen. Daß es zunächst seine Einheit in der preußischen Kaserne findet, ist eine Strafe, die es reichlich verdient hat. Aber ein Resultat ist selbst so unmittelbar gewonnen. Die kleinlichen Lumpereien, wie z.B. der Conflict zwischen national-liberalen Norddeutschen und volksparteilichen Süddeutschen werden nicht länger nutzlos im Wege stehen. Die Verhältnisse werden sich auf gro ßem Maßstab entwickeln und vereinfachen. Wenn die deutsche Arbeiter-Classe dann nicht die ihr zukommende historische Rolle spielt, ist es ihre Schuld. Dieser Krieg hat den Schwerpunkt der continentalen Arbeiter-Bewegung von Frankreich nach Deutschland verlegt. Damit haftet größere Verantwortlichkeit auf der deutschen Arbeiter-Classe.“
*) Im Gegentheil! Die Elsasser und Lothringer sind trotz ihrer deutschen Sprache die fanatischsten Franzosen.
**) Man lese nur in den russischen Zeitungen, wie die Annexion des Elsaß als directe Bedrohung des russischen Besitzes von Esthland, Kurland und Livland bezeichnet und schon jetzt zum Kriege gegen Deutschland gehetzt wird!
***) Wir erinnern hierbei an den Ausspruch Napoleon’s I.: „Binnen 50 Jahren wird Europa kosackisch oder republikanisch sein.“
Zeugenbeschreibung und Überlieferung
Anmerkungen zum Dokument
Auszüge nach MEGA2 I/21. S. 1064.12–1065.27–39.
Zitiervorschlag
Karl Marx an den Braunschweiger Ausschuß der SDAP. Zwischen Mittwoch, 17. August 1870 und Donnerstag, 1. September 1870. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital, hg. v. der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://megadigital.bbaw.de/M3667867. Abgerufen am 25.09.2026.