| Hannover, 18. Juli 1870.

Mein lieber Marx!

Der Beginn der jetzigen Verwicklungen zwischen Frankreich u Preussen hatte so sehr den Typus corpsburschlicher Tifteleien, daß ich mir nicht denken konnte, daraus würde ein Krieg resultiren. Wirklich ist eine Kriegserklärung erfolgt u. diese nicht allein erklärlich aus der gefährdeten Lage Bonapartes in seinem Lande. Er weiß wohl, daß ein Krieg mit Deutschland ein anderer wie mit Italien, Oesterreich pp. — Wie also erklärt sich die Situation? Ich diagnosticire folgendermaßen. —

Vor dem Kriege 1866 haben Transactionen zwischen Bismark u. Bonaparte in Biarritz stattgefunden, deren Inhalt vielleicht Niemand wie diese beiden kennt, die man aber dahin vermuthen darf, daß Frankreich durch eine Gebietsvergrößerung über den fortdauerden Besitz seines Herrschers getröstet werden sollte. Man sprach damals viel von der geforderten Abtretung des Saarbeckens, es wird sich daher wohl um etwas anderes gehandelt haben. — Abtretung deutschen Landes sans phrase würde jedem deutschen Staatsmann unmöglich sein u. auch an der Persönlichkeit des Königs Wilhelm eine unübersteigliche Schranke finden. — Möglich auch, daß Bismarck bona fide Versprechungen gemacht, die ihm später unmöglich auszuführen. —

In Frankreich hat sich die Sache inzwischen trotz „liberaler Ära“, trotz Plebiscit immer bedrohlicher für Bonaparte gestaltet, er ist im Begriff durch die allgemeine Verachtung u. Lächerlichkeit erstickt zu werden.

In Preussen hat sich der Siegesrausch bedeutend abgekühlt, Neuwahlen stehen unmittelbar bevor, es bilden sich democratische Parteien u. selbst die Waschlappen der Fortschrittsparthei wollen in den energischeren Elementen für Verringerung des | Militär-Etats event. Verweigerung des Budgets stimmen. — Das Widerstreben Bayern’s u. Württemberg’s gegen die preußische Hegemonie, namentlich die jüngsten Verhandlungen in der bayrischen Kammer zeigen den neuen Konflikt in vollem Anzuge.

Ich halte daher einen zwischen Bismarck u. Bonaparte verabredeten Krieg nicht für unwahrscheinlich, dessen Preis auf der einen Seite Belgien, auf der andern der Eintritt der Südstaaten in den Norddeutschen Bund, Herstellung eines einigen Deutschlands mit Ausschluß Österreichs u. Wilhelm I als Kaiser von Deutschland sein würde. — Ist diese Diagnose richtig, dann würde Süddeutschland speciell Württemb. u. Bayern der Kriegsschauplatz sein, damit diese für die Nothwendigkeit preußischer Staatseinrichtungen zugänglich gemacht werden. — Die sich hier neu bildende Opposition würde gesprengt u. für die nächste Legislaturperiode Kammern erzielt, wie sie nur gewünscht werden. — Gleichzeitig den revolutionären Bestrebungen auf beiden Seiten des Rheins eine tüchtige Ableitung geschaffen. — Augenblicklich ist der Krieg noch nicht officiell erklärt. — Sollte England vielleicht ernstliche Schwierigkeiten erheben? schon jetzt Garantien für Belgien verlangen?

Augenblicklich eine revolutionäre Bewegung oder gar Erhebung in Frankreich würde ich für ein Unglück halten. Dem französischen Proletariat die Beseitigung des Empire anrathen, ja zur Pflicht machen ist ebenso komisch, wie das Versprechen, die deutschen Arbeiter würden es, im anderen Falle ebenso machen nicht nur unwahr, sondern auch renommistisch-läppisch ist. —

Außer einer allgemein gedrückten Stimmung, anscheinend durchaus nicht beschleunigten Einberufung der Reserven, einiger Störung des Eisenbahnverkehrs, merkt man hier nichts besoneres, Du möchtest denn, die einstweilen noch polizeilich gestatteten Ausbrüche von „Gut u. Blut“ — Adressen, wie solche für das Maaß | des Spießbürgers sich schicken dazu rechnen, mit der obligaten Kriegsbegeisterung der haute finance. —

Beifolgende Kritik   Karl Marx: Das Kapital. Bd. 1. Buch 1. Hamburg 1867. Siehe Erl. zu „1200 Seiten Manuscript“ in Marx an J. Ph. Becker, zw. 9. u. 15.1.1866. (MEGA2 II/5).
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Deines „Kapital“
las ich schon vor mehreren Monaten in: Bruno Hildebrand’s Jahrbücher für Nationalöconomie u. Statistik. Jahrgang VII Bd. I Heft 6 Bogen 30. Pag. 457–464.  Siehe [Hermann] R[ösle]r: Karl Marx, Das Capital. Kritik der politischen Oekonomie. Erster Band. In: Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik. Hrsg. v. Bruno Hildebrand, Bd. 12. Jena 1869. S. 457–464.
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Der Verf. Rr soll ein gewisser Rössler sein
. — Die Einwendungen sind so unbedeutend, daß ein Anfänger sie wiederlegen kann. Es freut mich aber aus dem factum dieser Kritik zu sehen, daß man sich verpflichtet fühlt von Deinem Buche nolens volens Notiz zu nehmen; allerdings in einer Form, die die Verbreitung desselben u. dessen Studium hindern soll. Da dies aber doch nicht gelingt, so führen solche cretinistische „Kritiken“ nur zur späterer Discreditierung der Autoren u. ihrer Mitstrolche. —

Was mich in meiner Vermuthung über den bevorstehenden Krieg bestärkt ist der Umstand daß bei den Unterhandlungen mit König Wilhelm in Ems nicht nur nicht Bismark, sondern überhaupt nicht einmal ein Minister Theil nahm u. das ganze Verfahren Benedettis auf eine rasch erfolgreiche Provocation gegen den sich seiner Würde als Bundesoberhaupt bewußten Monarchen berechnet erscheint. —

Entschuldige das ungeordnete dieses Briefes. Ich schrieb denselben während der kleinen Pausen meiner Sprechstunde. — Wenn die Verbindung nach Karlsbad dann frei ist, werden wir, wie beabsichtigt, am 12. August reisen. —

Nun sei so gut, lieber Freund, u. antworte doch endlich | mal. — Zunächst möchte ich Deine Ansicht über die jetzige Weltlage hören u. dann, ob Du nicht kommen willst?

Mit herzlichen Grüßen an Deine Damen

Dein
treu ergebener
L. Kugelmann
Dr

Hat Engels nicht Lust den Feldzug mit zu beobachten? Könnte er es nicht vielleicht als Berichterstatter für irgend eine englische Zeitung? Es würde mir eine große Beruhigung sein unseren Freund im Generalstabe Moltkes zu wissen. —

Folgender Abschnitt geschrieben von Franzisca Kugelmann

Lieber Mohr, bitte komm doch mit nach Karlsbad, oder laß doch wenigstens mal was von Dir hören. Nach Karlsbad mußt Du übrigens, denn wenn Du es nicht thust wird Papa sowohl wie ich dem „Karl Marx“ sagen, was für Unfug Du mit den Mitgliedskarten der Internationalen anstiftest wie wir bei Fräulein Podany gesehen haben! —

Auf Wiedersehen, lieber Mohr, mit herzlichen Grüßen für Dich und Jennychen

Dein
Käuzchen.

Zeugenbeschreibung und Überlieferung

Zeugenbeschreibung

Soweit aus der Fotokopie zu ersehen ist , besteht der Brief aus zwei Blatt (?) weißem Papier. Kugelmann hat die ersten drei Seiten vollstänig beschrieben, die vierte Seite bis zur Hälfte. Die zweite Hälfte der vierten Seite wurde von Franziska Kugelmann beschrieben. Schreibmaterial: schwarze Tinte.

 

Zitiervorschlag

Louis Kugelmann und Franziska Kugelmann an Karl Marx in London. Hannover, Montag, 18. Juli 1870. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital, hg. v. der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://megadigital.bbaw.de/M3281860. Abgerufen am 25.09.2026.

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