| 6 April, 1871.
Lieber Liebknecht,
(Liebknecht Bw
(1963). S. 122).
Schließen Die Nachricht v. Deiner und Bebels Freilassung, wie von der der
Braunschweiger,
wurde hier im Centralrath mit großem Jubel aufgenommen.
Siehe Anmerkungen in: Liebknecht Bw (1963). S.
122/123.
Schließen Es
scheint, daß die Pariser unterliegen. Es ist ihre Schuld, aber eine Schuld, die in der That aus
zu grosser honnêteté
entsprang. Das Centralcomité u. später die Commune gaben dem mischievous
avorton
Thiers die Zeit zur Concentration
feindlicher Kräfte, 1) weil sie thörichter Weise den Bürgerkrieg nicht eröffnen wollten, als ob Thiers ihn nicht
mit
dem(?)
durch
seinen Versuch der gewaltsamen Entwaffnung von Paris nicht eröffnet
hätte, als ob die Nationalversammlung, nur berufen, über Krieg oder Frieden mit
den Preußen zu beschließen, nicht sofort der Republik
den Krieg erklärt hätte? 2) Um nicht den Schein usurpatorischer Gewalt auf sich
heften zu lassen, verloren sie kostbare Momente (es galt, gleich nach Versailles
zu rücken nach der Niederlage (Place Vendôme) der réact. in
Xxxxx(?)
Paris(?)
durch die Wahl der Commune, deren Organisation u.s.w. wieder Zeit
kostete.
Von allem Zeug, was Du in den Zeitungen über die inneren Vorgänge in Paris zu Gesicht bekommst, mußt Du kein Wort glauben. Es ist alles Lug u. Trug. Niemals hat sich die bürgerliche Zeitungsschreiberei-Gemeinheit glänzender geltend gemacht.
Es ist höchst charakteristisch, daß der deutsche Einheitskaiser, Einheitsreich u. Einheitsparlament zu Berlin für die Aussenwelt gar nicht zu existiren scheinen. Jeder Windzug in Paris interessirt mehr.
Ihr müßt die Geschichten in
den Donaufürstenthümern aufmerksam verfolgen. Wird die
Revolution in Fkch. vorübergehend niedergeschlagen – es kann die Bewegung dort
nur für kurze Zeit unterdrückt werden –, so eröffnet sich für Europa neue
Kriegsgeschichte vom Osten aus, u. Rumänien wird dazu den ersten Vorwand dem
rechtgläubigen Czar bieten. Siehe Anmerkungen in: Liebknecht Bw
(1963). S. 123
Schließen Also aufgepaßt nach der Seite hin.
| Eine der komischsten
Erscheinungen in London ist unbesingt der Ex-Studiosus Karl Blind. Dieser wichtigthuende Bursche griff begierig den
lezten Krieg auf, um sich pangermanisch zu brüsten. Er war der erste, der nach
Elsaß u. Lothringen schrie. Er hatte die Frechheit sogar die grosse
revolutionäre Thätigkeit des Fkchischen Volks in der Vergangenheit zu
läugnen. Der Lausbub wagte sogar die hiesigen Arbeiter zu warnen, durch ihre
Theilnahme für Fkch. gegen Preussen die Arbeiter in
Dtschld
sich nicht zu verfeinden! Jede Woche schreibt der
Edle einen von ihm selbstverfaßten Bericht über die Thätigkeit Karl Blinds an
alle
englischen
Londoner
Zeitungen, wovon zwei bis drei diese Bulletins von Karl Blind über Karl
Blind für Karl Blind in der That so albern sind abzudrucken. Wenn man solch
System mit Konsequenz verfolgt, drängt man sich doch schließlich dem Publicum
auf. In der Art hat der Gewichtige einem Theil des hiesigen Publicums
weißgemacht, er spiele in Dtschd dieselbe Rolle, wie Mazzini früher in Italien. In seinen Bulletins erzählt er, was
Karl Blind in der Wiener „Freien
Presse“ habe verlauten lassen u. wie ganz Dtschld von diesen
seinen Orakelsprüchen ausser Atem gehalten werde u. wöchentlich das
Losungswort von Karl Blind ängstlich erwarte. Es wäre nun in der That
wünschenswerth – denn dieß Individuum, dieser aufgeblasne Frosch macht uns
Deutsche hier lächerlich – Der
Volksstaat. Nr. 80, 4. Oktober 1871 (Siehe Anmerkung in: Liebknecht Bw
(1963). S. 124).
Schließen daß Ihr im Volksstaat einmal reinen Wein über den Burschen u.
seine „Nichtigkeit“ einschenktet. Wir würden die Sache übersetzt
in d. Eastern Post bringen (ein
Londoner Arbeiterblatt). Es ist sehr einfach. Karl Blind existirt nicht für die deutsche Arbeiterklasse, und eine deutsche republikanische Mittelklasse, als deren mouthpiece er
sich spreizt, existirt überhaupt nicht, existirt daher auch nicht für Karl Blind. He is nowhere. Man muß solche Erscheinungen zwar
nicht wichtig nehmen, aber andrerseits ihnen auch nicht erlauben, on false
pretences das Publicum zu täuschen.
| Laura war bereits in Bordeaux einige Tage bevor die Belagerung von Paris begann.
Unsre Kinder – Tussy u. Jennychen (letztre litt an der Pleuritis) – gehn bald ebenfalls nach Bordeaux ab.
Bebel wird mich sehr verpflichten, wenn er mir beständig die stenographischen Berichte des Berliner Einheits-Reichstags zukommen läßt.
Ein Besuch Deinerseits hier wird uns sehr willkommen sein.
Der Volksstaat muß jezt unter allen Umständen erhalten werden. Ich habe einige Aussicht, Geld dafür aufzubringen.
Meinen herzlichsten Gruß an Deine liebe Frau.
DKM.
Könntest Du mir nicht eine zuverlässige Adresse für Leipzig schicken?
A Propos. Ich lege Dir
aus dem Petit
Journal (erscheint zu Paris) vom 5 April Nicht überliefert. Siehe MEW 33
(1966). S. 744 Anm. 233: Abdruck der Notiz aus dem „Petit Journal“ nach
dem „Volksstaat“ Nr. 31 vom 15. April 1871 (Siehe auch die Anmerkung
in: Liebknecht
Bw (1963). S. 125).
Schließen eine artige
Notiz
über Stieber ein.
Zeugenbeschreibung und Überlieferung
Zeugenbeschreibung
Soweit aus der s/w-Fotokopie zu ersehen ist, besteht der Brief aus zwei Blatt Papier. Marx hat drei Seiten vollständig beschrieben, davon die letzte im Querformat. Die vierte Seite ist vermutlich leer.
Da die Lesbarkeit der Schwarzweiß-Fotokopie sehr schlecht ist, wurde zur Verifizierung der Lesung einzelner Stellen auch auf ein Typoskript der Ersttranskription aus dem RAGSPI zurückgegriffen.
Von unbekannter Hand: Nummerierung der Seiten: „67“, „68“[?], „69“
Drucke
- D: Erstveröffentlichung: gekürzt: in russischer Übersetzung: Правда / Pravda. Moskau. Nr. 75, 17. März 1931. S. 1.
- D2: vollständig: in russischer Übersetzung: Archiv K. Marksa i F. Engel'sa. Bd. I (VI). Moskau 1932. S. 10–12.
- D3: in der Sprache des Originals: Briefe an A. Bebel, W. Liebknecht, K. Kautsky und Andere (1933). S. 15–17.
Zitiervorschlag
Karl Marx an Wilhelm Liebknecht in Leipzig. London, Donnerstag, 6. April 1871. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital, hg. v. der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://megadigital.bbaw.de/M2666848. Abgerufen am 25.09.2026.