| Barmen 28 April 1871

Lieber Friedrich

Deinen Brief erhielt ich an dem Tage wo mein Geburtstag gefeiert wurde, nehmlich am Sonntag, am eigentlichen Geburtstag kamen nur die Enkel u. Urenkel mit ihren Blumen die dann dafür ein Stück Kuchen bekamen u. mit dem Tausch sehr einverstanden zu sein schienen. Ich danke Dir übrigens herzlich für Deine guten Wünsche. Wie lange mir Gott das Leben noch läßt kann man nicht wissen, wir wollen hoffen noch einige Jahre, ich bin von Euch auch wieder reich beschenkt worden u. danke dafür auch u. für die Freude die ihr mir damit gemacht. Ja, Du hast recht, ich habe schon viel erlebt doch nicht allein großartige Weltgeschichtlige Begebenheiten, auch in der Familie vielerlei u. letzteres(?) greift denn doch mehr das Gemüth u. den Körper an als die großen Weltangelegenheiten.

| Wie Du weißt stehn wir hier auch jetzt wieder vor einer Crisis in der Familie, das könnte nun in aller Ruhe u. in Frieden abgemacht werden, denn wenn Adolf aus dem Geschäft treten will u. mit seiner Familie an einen andern Ort zieht, so ist dabei kein Unrecht u. es kann ihm keiner verdenken u. wenn er dafür als Grund den Unterricht seiner Kinder angiebt so ist das ein Grund worüber Andere sich nicht zu beklagen haben, wenn er aber in seinen Briefen mit solchen Verdächtigungen, Beschuldigungen u. Mißtraun mit scharfer Bitterkeit hervortritt, die dann eine eben solche Antwort hervorruft, so ist das sehr zu beklagen u. zeigt recht wie die Sünde im Menschen herrscht. Meine Kinder hier hatten mir die ganze Sache erst verschwiegen, weil sie wußten, daß es mich sehr aufregen würde, nach einigen Monaten bekam ich aber darüber einen Brief von Elise, die sich nicht erklären | konnte daß ich ihr darüber nicht schrieb. Dieses machte mich mehrere Tage ganz krank. Die erste Hälfte dieses Briefes war ganz ruhig u. vernünftig geschrieben. Die zweite aber so voll Bitterkeit daß ich darauf nicht antworten konnte. Da ich nun sah daß diese Briefe zu keiner Verständigung führen würden u. Adolf vor hatte die ganze Correspondens von jetzt u. von vor 7 Jahren einem Schiedsrichter vorzulegen, that ich einen Machtspruch u. schrieb an Elise wenn er das thäte, (dies hätte die Folge gehabt daß sie es hier auch thun mußten) so würden wir wol für eine lange Zeit geschiedene Leute sein, meine Söhne hätten mir versprochen von jetzt an in ihrer Correspondenz nur das Geschäftliche zu berühren u. das wünsche ich auch von ihm. Er schrieb darauf mir einen ruhigen Brief u. so sind sie denn über das Funkesche Geschäft in Ordnung obgleich Dein Eifer in der Sache als Unpartheiischer zu erscheinen die Sache leicht verwickelt machen konnte. | Die Sache war so, daß die Brüder hier wünschten mit Adolf aus jeder Geschäftsverbindung zu treten da nach den gewechselten Briefen von beiden Seiten kein Vertrauen mehr bestehn konnte. Sie haben sich jetzt dahin geeignet, daß wenn Adolf aus dem Funkeschen Geschäft tritt er seinen vollen Antheil am Gewinn behält aber am Schaden der möglicher Weise kommen könnte nicht betheiligt ist aber ein Capital im Geschäft läßt. Dieser Vorschlag wurde ihm von den Brüdern gemacht u. er ging gleich darauf ein. Die Einigung über das Fabrickgeschäft ist schwieriger da es wol darauf ankommt in wie fern das Elsas auf die deutsche Fabrikation einwirkt. Ich habe in meinem Leben schon so viele Auseindersetzungen in der Familie erlebt u. die Erfahrung gemacht daß es ohne Kämpfe selten her geht, daß ich auch bei dieser Gelegenheit einen Schrecken bekam u. Adolf hat wirklich ein Talent dazu scharf u. bitter zu sein, wie ich es noch niemals gefunden habe.

| Ich will aber darüber nichts mehr schreiben, es regt mich nur wieder auf u. es wäre am besten ich könnte Adolfs Briefe ganz vergessen, aber so schlecht mein Gedächtniß auch ist u. auch wol die Ausdrücke u. Worte nicht alle behält, der Sinn bleibt nur allzufest sitzen. Dazu kam nun daß Emil grade in der Zeit wo ich krank war auch sehr krank wurde an einem gastrischen Zustand u. wahrscheinlich in Folge der Aufregung über Adolfs Briefe beinah 8 Tage phantasierte u. immer da von sprach Lottchen dürfe Adolf nicht auf sein Zimmer kommen lassen, was mir natürlich nicht verschwiegen werden konnte, alle diese Sachen haben mich doch recht angegriffen u. mager gemacht. Emil ist auch jetzt noch nicht wieder ganz gesund, er schwitzt so leicht in Folge der Krankheit u. erkältet sich dadurch oft u. sieht nicht gut aus. Adolf hat vor 14 Tage mit seinen Jungen eine Reise gemacht um sich nach | einen Ort um zu sehn wohin sie wol ziehen könnten, er besuchte Wisbaden, Frankfurth, Carlsruh, Stutgard u Heidelberg u. findet das Carlsruh in Beziehung der Schulen, der Gesundheit u. Billigkeit den Vorzug verdient. Sein Bruder Alberth der in ein Paar Jahren seinen Abschied nehmen will, will dann auch dahin ziehen.

Hebchen war einige Wochen mit Emils Adele hier, Erstere mußte aber vor einigen Tagen wieder abreisen da sie ganz plötzlich Herr Lauterbach verlassen hat u. nun Elise u. Hebchen sich so viel wie möglich in den Unterricht theilen müssen. Adele bleibt aber noch einige Wochen bei mir, was mir auch sehr lieb ist. Hermann wohnt jetzt in seinem neuen Haus u. wir können durch den Garten zusammen kommen u. Rudolf bezieht jetzt grade das Haus wo Herm. sonst wohnte u. hat die beiden Häuser übernommen.

Nun leb wohl lieber Friedrich, Gott behüte Dich u. gebe daß wir uns in diesem Sommer doch / mal wieder sehn. Nächstens schreibe ich Dir hoffentlich einen Brief der heiterer ist.

Mit tr. Liebe Deine Mutter E. /

Zeugenbeschreibung und Überlieferung

Dieser Brief wird hier erstmals veröffentlicht.

Absender

Briefkontext

Zeugenbeschreibung

Soweit aus der s/w-Fotokopie zu ersehen ist, besteht der Brief aus einem Bogen und einem Blatt Papier. Elisabeth Engels hat alle sechs Seiten vollständig beschrieben.

Masch.-schr. Nummerierung (aufgeklebte Zettel): „831a–d“ und handschriftlich: „831“.

Die letzten Zeilen des Briefes („mal wieder sehn ...“) stehen am linken Rand quer geschrieben.

Die Textverluste durch Lochung des Papiers konnten rekonstruiert werden.

Die Schreibung wurde nicht korrigiert.

 

Zitiervorschlag

Elisabeth Engels an Friedrich Engels in London. Barmen, Freitag, 28. April 1871. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital, hg. v. der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://megadigital.bbaw.de/M9850037. Abgerufen am 25.09.2026.

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