| Barmen 28 April 1871
Lieber Friedrich
Der Brief von Friedrich Engels an Elisabeth Engels, geschrieben
vor Sonntag, 23. April 1871, ist nicht
überliefert.
Schließen Deinen Brief erhielt ich an dem Tage wo mein Geburtstag
gefeiert wurde, nehmlich am Sonntag,
am
eigentlichen Geburtstag kamen nur die Enkel u. Urenkel mit
ihren Blumen die dann dafür ein Stück Kuchen bekamen u. mit dem Tausch sehr
einverstanden zu sein schienen. Ich danke Dir übrigens herzlich für Deine guten
Wünsche. Wie lange mir Gott das Leben noch läßt kann man nicht wissen, wir
wollen hoffen noch einige Jahre, ich bin von Euch auch wieder reich beschenkt
worden u. danke dafür auch u. für die Freude die ihr mir damit gemacht. Ja, Du
hast recht, ich habe schon viel erlebt doch nicht allein großartige
Weltgeschichtlige
Begebenheiten, auch in der Familie vielerlei u. letzteres(?) greift denn doch mehr das Gemüth u. den
Körper an als die großen Weltangelegenheiten.
| Wie Du weißt stehn wir
hier auch jetzt wieder vor einer Crisis in der Familie, das könnte nun in aller
Ruhe u. in Frieden abgemacht werden, denn wenn Adolf aus dem Geschäft treten will u. mit seiner Familie
[an] einen andern Ort zieht, so ist dabei
kein Unrecht u. es kann ihm keiner verdenken u. wenn er dafür als Grund den
Unterricht seiner Kinder angiebt so ist das ein Grund worüber Andere sich nicht
zu beklagen haben, wenn er aber in seinen Briefen mit solchen Verdächtigungen,
Beschuldigungen u. Mißtraun mit scharfer Bitterkeit hervortritt, die dann eine
eben solche Antwort hervorruft, so [is]t das sehr
zu beklagen u. zeigt recht wie die Sünde im Menschen herrscht. Meine Kinder hier
hatten mir die ganze Sache erst verschwiegen, weil sie wußten, daß es mich sehr
aufregen würde, nach einigen Monaten bekam ich aber darüber einen Brief von
Elise, die sich nicht erklären |
konnte daß ich ihr darüber nicht schrieb. Dieses machte mich mehrere Tage ganz
krank. Die erste Hälfte dieses Briefes war ganz ruhig u. vernünftig geschrieben.
Die zweite aber so voll Bitterkeit daß ich darauf nicht antworten konnte. Da ich
nun sah daß diese Briefe zu keiner Verständigung führen würden u. Adolf vor
hatte die ganze
Correspondens
von jetzt u. von vor 7 Jahren einem Schiedsrichter vorzulegen, that ich einen
Machtspruch u. schrieb an Elise wenn er das thäte, (dies hätte die Folge gehabt
daß sie es hier auch thun mußten) so würden wir wol für eine lange Zeit
geschiedene Leute sein, meine [Sö]hne hätten mir
versprochen von jetzt an in ihrer
Correspondenz
nur das Geschäftliche zu berühren u. das wünsche ich auch von ihm. Er schrieb
darauf mir einen ruhigen Brief u. so sind sie denn über das Funkesche Geschäft in Ordnung obgleich Dein Eifer
in der Sache als Unpartheiischer zu erscheinen die Sache leicht verwickelt
machen konnte. | Die Sache war so, daß Emil, Hermann und
Rudolf Engels.
Schließen die Brüder
hier
wünschten mit Adolf aus jeder Geschäftsverbindung zu treten da nach den
gewechselten Briefen von beiden Seiten kein Vertrauen mehr bestehn konnte. Sie
haben sich jetzt dahin geeignet, daß wenn Adolf aus dem Funkeschen Geschäft
tritt er seinen vollen Antheil am Gewinn behält aber am Schaden der möglicher
Weise kommen könnte nicht betheiligt ist aber ein Capital im Geschäft läßt.
Dieser Vorschlag wurde ihm von den Brüdern gemacht u. er ging gleich darauf ein.
Die Einigung über das Fabrickgeschäft ist schwieriger da es wol darauf ankommt
in wie fern das Elsas auf die deutsche Fa[bri]kation einwirkt. Ich habe in meinem Leben schon so viele
Auseindersetzungen in der Familie erlebt u. die Erfahrung gemacht daß es ohne
Kämpfe selten her geht, daß ich auch bei dieser Gelegenheit einen Schrecken
bekam u. Adolf hat wirklich ein Talent dazu scharf u. bitter zu sein, wie ich es
noch niemals gefunden habe.
| Ich will aber darüber nichts mehr schreiben, es regt mich nur wieder auf u. es wäre am besten ich könnte Adolfs Briefe ganz vergessen, aber so schlecht mein Gedächtniß auch ist u. auch wol die Ausdrücke u. Worte nicht alle behält, der Sinn bleibt nur allzufest sitzen. Dazu kam nun daß Emil grade in der Zeit wo ich krank war auch sehr krank wurde an einem gastrischen Zustand u. wahrscheinlich in Folge der Aufregung über Adolfs Briefe beinah 8 Tage phantasierte u. immer da von sprach Lottchen dürfe Adolf nicht auf sein Zimmer kommen lassen, was mir natürlich nicht verschwiegen werden konnte, alle diese Sachen haben mich doch recht angegriffen u. mager gemacht. Emil ist auch jetzt noch nicht wieder ganz gesund, er schwitzt so leicht in Folge der Krankheit u. erkältet sich dadurch oft u. sieht nicht gut aus. Adolf hat vor 14 Tage mit seinen Jungen eine Reise gemacht um sich nach | einen Ort um zu sehn wohin sie wol ziehen könnten, er besuchte Wisbaden, Frankfurth, Carlsruh, Stutgard u Heidelberg u. findet das Carlsruh in Beziehung der Schulen, der Gesundheit u. Billigkeit den Vorzug verdient. Sein Bruder Alberth der in ein Paar Jahren seinen Abschied nehmen will, will dann auch dahin ziehen.
Hebchen war einige Wochen mit Emils Adele hier, Erstere mußte aber vor einigen Tagen wieder abreisen da sie ganz plötzlich Herr Lauterbach verlassen hat u. nun Elise u. Hebchen sich so viel wie möglich in den Unterricht theilen müssen. Adele bleibt aber noch einige Wochen bei mir, was mir auch sehr lieb ist. Hermann wohnt jetzt in seinem neuen Haus u. wir können durch den Garten zusammen kommen u. Rudolf bezieht jetzt grade das Haus wo Herm. sonst wohnte u. hat die beiden Häuser übernommen.
Nun leb wohl lieber Friedrich, Gott behüte Dich u. gebe daß wir uns in diesem Sommer doch / mal wieder sehn. Nächstens schreibe ich Dir hoffentlich einen Brief der heiterer ist.
Mit tr. Liebe Deine Mutter E. /Zeugenbeschreibung und Überlieferung
Dieser Brief wird hier erstmals veröffentlicht.
Zeugenbeschreibung
Soweit aus der s/w-Fotokopie zu ersehen ist, besteht der Brief aus einem Bogen und einem Blatt Papier. Elisabeth Engels hat alle sechs Seiten vollständig beschrieben.
Masch.-schr. Nummerierung (aufgeklebte Zettel): „831a–d“ und handschriftlich: „831“.
Die letzten Zeilen des Briefes („mal wieder sehn ...“) stehen am linken Rand quer geschrieben.
Die Textverluste durch Lochung des Papiers konnten rekonstruiert werden.
Die Schreibung wurde nicht korrigiert.
Zitiervorschlag
Elisabeth Engels an Friedrich Engels in London. Barmen, Freitag, 28. April 1871. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital, hg. v. der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://megadigital.bbaw.de/M9850037. Abgerufen am 25.09.2026.