| Hoboken N. J. box 184.
Hollidaysburg,
Pennsylvania 30. August 71.
Lieber Freund, nachdem ich 2 wochen in Pittsburg bei Herman Meyer zugebracht, bin ich seit 8 tagen von einem Bergingenieur als Gehilfe beim Bau von Cokes-öfen etc. angestellt und werde bald hier bald dorthin zu reisen haben. Meine alte adresse bleibt sicher.
In Pittsburgh habe ich bei Weydemeyers tochter, die an einen jungen Kaufmann Livingston verheirathet ist, gewohnt und auch ihren bruder, der zum besuch aus St. Louis da war, kennen gelernt. Herm. Meyer hat ein auge ganz verloren und muß das andre schonen; er grüßt und dankt für das exemplar des „Civil War“. Er hat an seinem neffen Livingston einen strebsamen schüler gefunden.
Vogt ist wahrscheinlich noch in New-York. Der drohende untergang der alten kunden-schusterei macht seine Lage besonders schlecht, vielleicht gelingt es ihm, in einer fabrik, trotz seines alters, noch an zu kommen. Er ist so thätig in der agitation, wie immer, wenn er auch keinem principiellen verein (wie sie das ding nennen) angehört. Während der Pariser revolution war er in großer aufregung und bedauerte stets, nicht dort sein zu können
Seine und meine ansichten über das New Yorker central-komitee der I.A.A. sind, troz ihrer und Engels mahnungen, unverändert geblieben. Wir sind sicher, daß in kurzer zeit die | hohlheit dieses treibens zu tage treten wird.
Proceedings of the Seventh
Annual Session of the Workingmen's Assembly, State of New York, Held in
the City of Albany, N.Y., January, 24, 25, 26 and 27, 1871. New York
1871.
Die
Beilage ist nicht überliefert.
Schließen Ich sende ihnen „Proceedings of the N-Y State Workingm
Assembly“ und bitte
besonders um beachtung des berichts von Jessup über den vorjährigen kongreß in Cincinnati S. 57–65 und
des Henry Walls: Letter to
Jessup. In: Workingmen’s Assembly Proceedings (1871). S.
82–84.
Schließen briefes von Walls
S. 82–84. Die arbeiterbewegung ist in den lezten 5 jahren
abgeschwächt worden trotz des großen geschreis über eine selbstständige
arbeiterpartei und trotz der über das ganze land ausgebreiteten Labor Unions.
Und worin liegt die ursache? Die kleinbürgerlichen elemente, welche von dem
Trades Unions aus revolutionärem instinkt abgestoßen werden (Bei den Crispins darf sogar kein vormann mitglied sein)
sind herein gezogen worden und damit kamen die systeme, die steckenpferde, die
idealisirenden redensarten u. s. w. Und gerade so ist es bei den vielen
sektionen, die sich jezt in N-Y bilden. Der
Freidenker
bund (eine art freie gemeinde) gehört dort zur
Internationalen; die amerikanischen sektionen enthalten
nicht mehr als 1 oder 2 arbeiter und, während eine Deutsche sektion nach der
andern entsteht, versäumen deren mitglieder alles um die Trades-Unions zu
stärken, ja manche suchen sie mit bewußtsein zu zerstören. Gerade weil das
proletariat hier mit den mittelschichten in so vielfache berührung kommt, |
muß man die bewegung möglichst rein erhalten. Eigentlich große industrie ist in
den New England staaten mehr vorherschend, als in New-York, wo der
manufakturbetrieb mit gelernten und geschikten arbeitern mehr allgemein ist.
Wenn die spießbürger sich in den vereinen einfinden, entsteht verwirrung und
unklarheit; die proletarisch gesinnten arbeiter finden bald den richtigen weg
und sind hier überall revolutionär gesinnt, natürlich ohne es zu wissen und
obgleich sie meistens in die kirche gehen. Die Irländer, die hier überall zu den
eifrigsten Union-männern gehören, bilden besonders ein der einwirkung
zugängliches material. Aber die Irische sektion in New-York ist nicht der boden,
auf dem gepflanzt werden kann. Die delegaten zum Central-komite sprechen
meistens sehr unvollkommen Englisch und müssen also auf jeden gedanken-austausch
verzichten. Der eigentliche schaden besteht darin, daß die I.A.A. bei den Amerikanischen arbeitern
und auch bei vielen Deutschen nicht so geachtet wird, als wünschenswerth; ist da
man offenbar zu leicht die ganze association und den Generalrath mit dem N-Y
centralkomite zusammen wirft. Und es hält jezt viel schwerer, eine Trades' Union
der I.A.A. zuzuführen, als vor einem jahre. – Sobald ich gelegenheit haben |
werde, irgendwo mich an der agitation zu betheiligen, will ich für die I.A.A.
unabhängig von dem New-Yorker central-komite wirken, das schon durch die
zusammengruppirung der sprachen sich ein sehr unpraktisches Ding aufgehalst
hat.–
Sie werden wissen, daß der
name Karl Marx in den lezten monaten in depeschen sowol, als korrespondenzen
fast aller Amerikan. zeitungen zu finden war. Die Deutschen blätter waren
natürlich sehr giftig, Freund Heinzen treibt
es in der alten manier und hat an seinem Norddeutschen korrespondenten
(Bruhn in Hamburg) einen würdigen
gehilfen. Aber Bernays in St. Louis
überbietet ihn im Lügen.
Das neueste
war, daß sowol sie als ihre frau von Juden
abstammen. – Sie werden wol die „interviews“ in der N-Y
World und N-Y
Herald zu gesicht bekommen haben; erstere schien
stattgefunden zu haben, Siehe hierzu Karl Marx: To
the Editor of the “New York Herald”. London, 17 August, 1871 (Enturf).
In: MEGA
I/22. S. 264.
Schließen die leztere war unzweifelhaft
fabricirt.
In der N-Y
World vom 17 august steht ein aus London 3 august datierter längerer bericht
über die sitzung des generalraths, in der unter anderm Engels über Mazzini
sprach. Hoffentlich wissen sie die urheber. Einzelnes in dem
bericht war offenbar erlogen.
[Karl Marx:] The Civil War in France. Address of the
General Council of the International Working Men's Association.
London 1871.
Schließen Ihre
abhandlung über den bürgerkrieg gehört ohne zweifel zu dem
bedeutendsten, was aus ihrer feder | geflossen. Der schwung und die
begeisterung reißen den leser mit fort. Und sie haben offenbar aus quellen
geschöpft, welche den geschichtsschreibern der gegenwart selten zur verfügung
stehen. Ich brauche also nicht hinzu zu fügen, daß ich sehr viel daraus gelernt
habe. Dennoch habe ich einige bedenken aus zu sprechen, welche engen
zusammenhang mit den erfahrungen haben, welche ich erst hier in der Vereinigten
Staaten in der
praktischen bewegung gesammelt habe.
Ich glaube
nicht, daß die Commune eine arbeiter-regierung war. Die
proletarier müssen stets in der minderheit gewesen sein. Hätten sich die
arbeiter vor der revolution vor der vermengung mit den
kleinbürgern und idealisten bewahrt, so hätten sie innerhalb der Commune mehr einfluß gehabt und weniger fehler wären
begangen worden. Woraus sollten die bauern den schluß ziehen, daß die
proletarier, die mit ihnen gehen würden, an der spitze standen? Gethan wurde zur befreiung der arbeit herzlich wenig und
nur durch thaten konnte man zu den Franzosen reden; an proklamationen und
dekreten war vorher auch kein mangel gewesen. Ich will nicht sagen daß die
möglichkeit eines sieges vorlag, da die Preußen so nahe waren. Dennoch wäre viel
erreicht gewesen, wenn der charakter der revolution rein proletarisch |
geblieben wäre. Als ich von den freundschaftsbezeugungen der freimaurer las,
fieng ich an zu verzweifeln: Und deshalb hätte ich das lob der „Paris middle
class“ (seite 21) lieber nicht darin gelesen. Ich glaube bestimt, daß diese
leute auch diesmal, wie immer sich als die falschen freunde gezeigt haben, denen
die arbeiter nicht genug mistrauen entgegen sezen können.
Karl Marx: Mr. Washburne, The American Ambassador in
Paris.—To the New York Central Committee for the United States'
Sections of the International Working Men's Association. London
1871.
Schließen Die
enthüllungen über Washburne konnten hier in den Vereinigten
Staaten sehr
wenig aufsehen erregen.
Man ist
hier so an die korruption aller art gewöhnt und hält das gebiet der politik für
so unvereinbar mit den allergewöhnlichsten gesetzen des anstandes und der
ehre, daß noch viel schlimmere dinge nicht überraschen würden.
Das system, wonach die hiesigen parteien arbeiten, ist berechnet und tief
angelegt; die erfahrung vieler jahre hat es allmälich vervollkommnet und zwar
der art, daß eine befreiung von diesen banden für die arbeiter kaum möglich ist.
Trotz des
allgemeinen Stimmrechts haben sie nirgends weniger ihre macht durch den
stimmkasten in den eignen händen, als gerade hier.
Ich hoffe, daß ihre gesundheit erfreulich ist.
IhrSigfrid P. Meyer.
Zeugenbeschreibung und Überlieferung
Zeugenbeschreibung
Soweit aus der Fotokopie zu ersehen ist, besteht der Brief aus einem Bogen und einem Blatt weißem, liniertem Papier. Meyer hat alle sechs Seiten vollständig beschrieben. Schreibmaterial: schwarze Tinte.
Die Schreibweise wurde nicht berichtigt.
Von unbekannter Hand: Nummerierung des Briefes mit Bleistift oben links auf der ersten Seite: „107“.
Drucke
- D: Erstveröffentlichung: in russischer Übersetzung: gekürzt: Первый Интернационал и Парижская Коммуна 1871–1971. Moskau 1972. S. 576/577.
- Vollständig in der Sprache des Originals wird der Brief hier erstmals veröffentlicht.
Zitiervorschlag
Sigfrid Meyer an Karl Marx in London. Hollidaysburg, Mittwoch, 30. August 1871. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital, hg. v. der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://megadigital.bbaw.de/M8863626. Abgerufen am 11.08.2026.