| Hannover, 20. Janr. 1871

Mein hochverehrter, lieber Freund!

Wie im vorigen Frühjahr, so auch diesmal hat sich meine Neuralgia ulnaris in eine Furunculose über der gleichseitigen Austrittsstelle des Plexus brachialis aufgelöst. Abgesehen von den individuellen, Dir leider genügend bekannten, Unannehmlichkeiten, ein interessanter Schritt weiter für die, noch ziemlich dunkle Ätiologie dieser so höchst lästigen Affection. – Es freut mich aus Euren Mittheilungen zu sehen, daß es Dir bis jetzt in diesem heillosen Winter gut geht, hoffentlich auch ferner. – Welch angenehmes Dasein ich unter der hier herrschenden allgemeinen Urtheilslosigkeit u. moralischen Feigheit führe magst Du Dir denken. – Ein Umschwung in der öffentlichen Meinung ist schon seit Wochen nicht zu verkennen. Die Widerstandskraft u. Ausdauer des französischen Volkes, ist für eine an Bevormundung so gewöhnte Nation, wie die deutsche, welche, nach Bismark’s Ausspruch, für sich selbst nichts wagt, sondern sich nur zum Krüppel schießen läßt, wenn sie in Reih’ und Glied steht, vollständig unbegreiflich. Ich höre häufig, daß Gambetta, die französ. Regierung überhaupt durch allerlei Kniffe u. Lügen das französ. Volk täusche, daß es „sich gewiß zugeben“ würde, wenn es den wahren Sachverhalt kenne. – Daß die jetzige Regierung in Frankreich eher noch ein Hemmniß der Vertheidigung glaubt keiner. – Sähest Du die alten Leute, welche jetzt als Garnison-Bataillone eingezogen werden, ein lebhaftes Mitleid würde Dich ergreifen. Wie muß unter den deutschen Truppen aufgeräumt |2 sein, wenn man schon zu solchen Mitteln greift. –

Man beabsichtigt, nach der vorausgesetzten baldigen Capitulation von Paris die Forts zu besetzen, der Nationalgarde den Schutz der Ordnung zu überlassen, Armee u. Mobile in die Gefangenschaft zu schicken, Elsass u. Lothringen zu behalten, die Champagne als Kriegspfand zu occupiren u. dann den Franzosen die Fortführung des Krieges ad libitum anheimzugeben. So berichteten wenigstens kürzlich die Zeitungen. Gesetzt es käme so. Was würde die Folge sein? Die bis zur Maiblamage 1848 bestandene Waffenbrüderschaft zwischen Nationalgarde u. Armee wird unwiederbringlich vernichtet, die erste im Bunde mit der Invasion, übernimmt den wohlbekannten Schergendienst gegenüber dem Proletariat, dieses, so weit es Waffen getragen theilt das Schicksal der Armee u. so bereitet sich die so äußerst schwierig zu verwirklichende Interessengemeinschaft, richtiger, das Verständniß des gemeinsamen Interesses zwischen städtischen (Mobile) u. ländlichen (Armee) Proletariat vor. – Die anhaltende Occupation großer Gebietstheile wird bei der Zusammensetzung der deutschen Armee die productiven Elemente Deutschlands dem Ruin entgegenführen. – Deutschland wird wie Frankreich gründlich zerrüttet, die Armee selbst nach etwaigem Friedensschlusse längere Zeit zu ihrer Regeneration bedürfen, während eine halbe Million wuthentbrannter französischer Streiter aus der Gefangenschaft heim kehrt, bereit u. fähig jeden Augenblick das Schwerdt zu ziehen. – Dazu die drohenden Verwicklungen vom Orient. –

Wie Bismark die traurige Parodie Bonaparte’s, so das preußische Abgeordnetenhaus die des Corps legislatif u. das Herrenhaus des Senats. – Die Kaiserkrone dem Kalender zu Liebe angenommen, wo die bairische Volksver|3tretung die Verträge zu verwerfen droht, welche allen Betheiligten gleich ungenügend u. verwerflich u. zwar offen anerkannt erscheinen. Das ist das Resultat so großer Anstrengungen.–

Bitte sage mir, was Du von meiner Auffassung hältst?

Ob Du meine Kreuzbandsendungen erhältst? (Zuletzt am 18/1 Tageblatt No 9 u Zkft No 10 u. 11) u. vergiß, bitte, nicht meine angestrichenen Fragen zu beantworten, damit etwas Sicherheit in unsere Correspondenz kommt. Die vom  Siehe Louis, Franzisca und Gertrud Kugelmann an Marx, 26.12.1870.
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26/12 70
blieben ganz unberücksichtigt. –

Der „Volksstaat“ hat sich unter Carl Hirsch’s Redaction wesentlich gebessert.–

Mit herzlichen Grüßen für Deine Damen, namentlich das l. Jennychen u. Staff

Dein
treu ergebener
LKugelmann
Dr

Von Euch habe ich keine Zeitungen erhalten.

Habt ihr welche geschickt?

Folgender Abschnitt geschrieben von Gertrud Kugelmann

Anstatt einen Brief an die liebe Jenny zu schreiben, wie ich heute, und schon früher, wollte, füge ich hier nur meine herzlichsten Grüße für Sie allesammt bei, nebst vielem Danke für die große Freude, die mir zu Anfang dieses Jahres  Nicht überlieferter Brief von Marx an Louis (?) und Gertrud (?) Kugelmann, geschrieben um den 1. Januar 1871.
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Ihre Zeilen
, lieber Herr Dr. und der reizende Brief Ihrer lieben Frau und Jennychens bereiteten. In den nächsten Tagen schreibe ich ihr u. für jetzt nur noch Fränzchens Grüße

von Ihrer Gertr. Kugelmann.

Zeugenbeschreibung und Überlieferung

Dieser Brief wird hier erstmals veröffentlicht.

Zeugenbeschreibung

Soweit aus der Fotokopie zu ersehen ist, besteht der Brief aus einem Bogen weißem, stark vergilbtem Papier. L. Kugelmann hat die vierte und erste Seite vollständig, die zweite zu zwei Dritteln beschrieben. Der Briefteil von G. Kugelmann befindet sich darunter, im unteren Drittel der zweiten Seite, mit dünnerer Feder notiert. Die dritte Seite ist leer. Schreibmaterial: schwarze Tinte.

Von Kugelmanns Hand: Anstreichungen am Rand.

Von unbekannter Hand: Nummerierung der beschriebenen Seiten mit Bleistift „88a–c“.

 

Zitiervorschlag

Louis und Gertrud Kugelmann an Karl Marx in London. Hannover, Freitag, 20. Januar 1871. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital, hg. v. der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://megadigital.bbaw.de/M7925284. Abgerufen am 11.08.2026.

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