| Engelsk. 14 Octbr 1870
Lieber Friedrich
Nicht
überlieferter Brief, Engels an E. Engels,
2.10.1870.
Schließen Deinen Brief vom 2. würde ich früher beantwortet haben
wenn ich nicht von einem Maler volle 10 Tage in Anspruch genommen wäre, die
Sache verhält sich so: Im Juni hatten Marie
u. Emil Blank
ihre Silberne Hochzeit u. da wir
ihnen gern eine Freude an dem Tage machen wollten so schlugen Rudolf u. Herm. vor ich sollte mich für sie malen lassen. Obgleich ich
mich schwer dazu entschließen konnte willigte ich doch ein u. es ging nun darum
einen guten Maler zu finden denn ein gutes Bild mußte es sein sonst lieber
keins, wir konnten gar keinen finden u. da E. Blank sich in den letzten Jahren
sehr viel um die Malerkunst bekümmert hat auch die Veranlassung ist daß wir alle
Frühjahr eine schöne Kunstausstellung in | Barmen haben, auch fast alle
Maler in Düsseldorf von einigem Ruf kennt, so sprachen wir mit ihm darüber u.
meinten er solle einen Maler wählen. Ueber diese Ueberlegungen verging die Zeit
u. der Tag der Silb. Hochzeit rückte heran ohne daß der Maler gefunden war. Da
ich nun von Marie hörte daß der Tag vorläufig nicht gefeiert werden sollte weil
es ihr noch zu schmerzlich sei ihn ohne ihre Marie zu feiern, so warteten wir noch. Rudolf ließ sich grade in
Düsseldorf malen u. E. Blank in Barmen von einem Düsseldorfer Maler wir wollten
nun sehen wie die B[ild]er wurden u. fanden das
Rudolf’s das beste Bild sei u. E. Blank stimmte auch für den
Maler
Schäfer der es
gemacht hatte. Grade wie er hierher kommen wollte kam die Kriegserklärung u. ich
schob es wieder auf.
Vor beinah 14 Tagen kam er nun hier an u. hat das Bild untermalt | u. dazu habe ich volle 10 Tage sitzen müssen, in stark 14 Tagen will er wieder kommen um es fertig zu machen. Man findet hier daß es ähnlich wird obgleich ich noch daran auszusetzen(?) habe, u. sagt das würde alles mit dem übermalen kommen.
Es freut mich daß Du den Umzug nach London überstanden hast, jetzt wirst Du wol alles in Ordnung haben u. mit Deiner Alten in gewohnter Weise fort leben. Wie sieht es denn mit Deinen Socken aus? Ich kann Dir jeder Zeit wieder welche stricken.
Das schöne Wetter hatten wir auch u. ich konnte nicht allein spazieren gehn sondern auch oft draußen sitzen, seid 8 Tage haben wir aber recht unbeständiges Wetter, der Barometer ist in beständiger Bewegung was mir gar nicht angenehm ist denn ich wollte gern noch acht Tage mit Elise nach Leutesdorf um da Marie auf ihrer Burg zu besuchen, wenn das | Wetter etwas beständiger wird denke ich auch noch dahin zu gehen.
Was nun die Politik betrifft so hoffe ich daß es bald Frieden wird aber auf einen dauernden Frieden können wir doch wol vorläufig nicht rechnen denn Deutschland mag nun Elsas u. Lotringen nehmen oder nicht so werden die Franzosen doch keine Ruhe haben, denn wenn sie schon Genugtuung für Sedan haben wollten, womit sie doch gar nichts zu thun hatten, so werden sie, wenn man ihnen auch Frankreich unverkürzt läßt doch Genugthuung für alle die Schläge die sie jetzt bekommen haben verlangen u. so bald sie sich s[o] weit erholt haben, daß sie sich gehörig rüsten können wird auch der Krieg wieder da sein die Franzosen halten keine Ruhe, auf diesen Fall wäre es aber doch gut wenn Deutschland nicht noch einmal Strasburg u. Metz belagern müßten. E. Blank jr. u. Rudolf B. sind allerdings einige Wochen bei der Barmer | Colonne gewesen um die Verwundeten vom Schlachtfeld zu tragen u. für die erste Zeit zu unterstützen, auch die großen Sendungen für die Lazarette zu vertheilen, die Barmen dahin abschickte, ich glaube es waren etwas über 30 junge Leute die unter der speziellen Leitung des Herrn Köttchen(?) von Barmen standen u.nd selbstständig handeln konnten ohne die Johanitter zu fragen, sie waren in Courseelles(?) Courseulles wo sie ihr haupt Depôt hatten aber dann hatten sie noch zwei andere Stationen St. Malo(?), die andere weiß ich nicht mehr wo sie Niederlagen hatten. Die Barmer haben fast jede jede Woche 6 bis 8 Wagons dahin abgeschickt, es wurde alles nach Vorschrift eines geschickten Arztes fertig gemacht u. verpackt. Marie schrieb mir als die Jungens zurück gekommen waren sie hätten viel interessantes zu erzählen. Herr Köttcher kam mit ihnen zurück weil er glaubte sie könnten | jetzt entbehrt werden, 12 junge Leute blieben da, auf jeder Station 4 um die ankommenden Absendungen in Empfang zu nehmen und zu vertheilen. Wir hier in Engelsk. sind auch die ganze Kriegszeit beschäftigt gewesen, zuerst wurde für die Verwundeten gearbeitet und da jetzt davon in Ueberfluß vorhanden ist, so werden Socken, Unterhosen, Hemsen und Leibbinden fertig gemacht. Die armen Truppen haben viel aushalten müssen, man hört es recht wenn man die Briefe ließt die sie schreiben, wir bekommen dergleichen von ihren Angehörigen hier zugeschickt. Besonders vor Metz haben sie anfangs durch das schlechte Wetter viel gelitten und zwar immer Ueberfluß an Fleisch aber Mangel an Brod und Wasser gehabt, jetzt geht es aber besser. Die Franzosen scheinen aber mit ihren Verwüstungen die sie in ihrem eigenen Lande anrichten vom allen Verstand verloren zu haben und was Wahrheit ist kennen sie nicht mehr.
Doch ich muß schließen sonst wird der Brief zu | lang. Von hier soll ich Dich von Allen grüßen. Schreibe recht bald wieder u. lebe recht wohl.
Mit treuer LiebeDeine Mutter E.
Zeugenbeschreibung und Überlieferung
Dieser Brief wird hier erstmals veröffentlicht.
Zeugenbeschreibung
Soweit aus der Fotokopie zu erkennen ist, besteht der Brief aus einem Bogen und einem Blatt weißem Papier. Elisabeth Engels hat vermutlich alle sechs Seiten vollständig beschrieben. Von dem einzelnen Blatt konnte nur die Vorderseite eingesehen werden, der Rest des Briefes („jetzt entbehrt ...“) wird nach einer Ersttranskription des RGASPI wiedergegeben. Schreibmaterial: schwarze Tinte.
Die durch Lochung des Papiers entstandenen Textverluste konnten rekonstruiert werden.
Zitiervorschlag
Elisabeth Engels an Friedrich Engels in London. Engelskirchen, Freitag, 14. Oktober 1870. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital, hg. v. der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://megadigital.bbaw.de/M7612977. Abgerufen am 12.08.2026.