| Hoboken, 24. Novbr. 1871.

Gerehrter Freund!

Ich habe noch ein Paar Punkte in Ihrem letzten Schreiben zu berühren. Vorerst theile ich mit, dass mir vorgestern auch die Beschlüsse des G. wegen S. 12 zugekommen sind. Das Schönste ist, dass Sect. 12 sie mit Eccarius’ Schreiben in Woodhull & Claflin’s Weekly veröffentlicht unter der Überschrift: „Section 12 sustained“ u. dann den Pferdefuß des Nativismus („Knownothingism“ in amerikanischer Politik), des Kleinbürger- u. Reformheldenthumes unverhüllt zeigt. Ich werde Ihnen das Blatt in zwei Exemplaren schicken. Zu bedauern ist nur, dass wir den Brief der S. 12 nicht kennen u. sind Sie daher von den hiesigen Parteigenossen ersucht, Eccarius um Uebersendung einer Kopie Desselben anzugehen. Auch ist es uns nicht ganz korrekt erschienen, dass der Generalrath in einer für die hiesige Organisation so wichtigen Frage Entscheidungen treffe, ohne uns vorher Gelegenheit zu Äußerungen zu geben. Denn wir haben absolut Nichts davon gewußt, dass Sect. 12 irgend welche Schritte beim G. R. gethan habe, die Bursche haben das so heimlich abgemacht im Bewußtsein ihrer schlechten Sache. In Kürze hier den Verlauf des Ganzen: Als Sect. 12 um Aufnahme nachsuchte, frug ich – misstrauisch gegen die mir wohlbekannten Persönlichkeiten – den Delegaten West, ob es eine „Arbeiter“ gesellschaft sei, u. er antwortete mir: „Yes! most of them are wages laborers like myself!“ Es hat sich später herausgestellt, dass das eine Lüge war. Gleich darauf berichtete er mit großem Wichtigthun, dass die S. 12 sich besonders mit „universal language“ befasse. Als ich das im Sectionsbericht erwähnte (nur thatsächlich), wollte er es wegläugnen. Unter der Zeit erschienen in mehreren englischen Arbeiterorganen Mittheilungen von Mitgliedern derselben Section mit Anpreisungen dieses großen Werks der I.A.A., nämlich „Machung einer Universalsprache“. In einem dieser Blätter klärte ich die Leser auf, daß die I.A.A. Nichts damit zu thun habe. – Dann kam der Juli-Aufruhr in New York, wo diese Herrn Internationalen Amerikaner die beschränkteste national-bürgerliche Auffassung bekundeten. – Darauf Andrängen auf Abfassung einer langathmigen, schwerfälligen Geschäftsordnung mit langen Debatten über Lumpereien und – über individual liberty, initiative etc. Indessen immer versteckte |2. Angriffe auf einzelne Personen oder das C. C. in dem famosen „Woodhull & Claflin’s Weekly“. Nicht zu vergessen ist, daß Mesdames Woodhull & Claflin uns 1000 Exemplare der „address on the civil war“ zur Verfügung stellten, Was dankbar angenommen wurde. Aber wie erstaunt waren wir, vornan großgedruckt zu finden „Presented to the I.W.A. by Woodhull & Claflin“. Auf meinen Antrag wurde diese großthuerische Ueberschrift von allen zu versendenden Exemplaren entfernt. W. & Cl. Weekly brachte die Uebersetzung eines aus den „Grenzboten“ entlehnten dummen u. lügnerischen Artikels über die I.A.A. u. Sie. Section l schickte ihnen ein Komité mit einer Entgegnung u. bat die Herrschaften, vorsichtiger zu sein. – Im Central-Komité wurde beantragt, eine Art Programm der Int. für Amerika zu entwerfen. Wir waren dagegen, weil wir die „rules“ u. Kongressbeschlüsse für ausreichend hielten. Als wir aber sahen, dass es den Herrn Amerikanern absolut um eine Proklamation zu thun war, legten wir die Ihnen übersandte Adresse „To the Workingmen of America“ vor. Vor Einbringung irgend einer Vorlage, während der Verhandlungen in den Sectionen u. im Centr. Kom. über diese Angelegenheit veröffentlicht urplötzlich Section 12 den „appeal of Section No12“ (Habe ihn vorgestern Ihnen übersandt). Das war am 16 Septbr., denn das Blatt erscheint 8–9 Tage früher, als sein Datum angibt. Ich enthalte mich jeder Bemerkung darüber, da Sie selbst urtheilen werden. Wir hatten Viel im C. C. zu thun u. erst am 15. Oktbr. konnte ich den Protest meiner Section dagegen einbringen mit beigefügten Anträgen. Die Washingtoner Section hatte ebenfalls vorher schon eine scharfe Verwahrung dagegen eingesandt. (Den Protest übersende ich Ihnen in Abschrift.) Ohne irgend einen Punkt zu widerlegen, beantragt West, Delegat der Section 12, den Beschluss auf Annahme dieses Protests auf den Tisch zu legen, Was auch geschah. Section 1 ernannte darauf Komités, um den hiesigen Sectionen die Angelegenheit u. die Beschlüsse zu unterbreiten u. gaben auch die Meisten der so besuchten Sectionen ihren Delegaten den Auftrag, gegen den „appeal of Section 12“ zu protestiren. In der nächsten Sitzung des C. C. am 23 Oktbr wurde die Angelegenheit von Neuem auf den Tisch gelegt mit 11 gegen 10 Stimmen, indem 2 französische Delegaten unter nichtigem Vorwande gegen ihre Instruction stimmten. Wir appellirten an die Section 2 wegen der Abstimmung ihres Delegirten, welcher dann resignirte.

|3. Wir hatten uns jedes persönlichen Angriffs enthalten u. Alles sachlich behandelt. Der Delegat West (S. 12) und das W. & Cl. Weekly ergingen sich nun in Angriffen, Beleidigungen etc. gegen uns. So z. B. sagte West in einer öffentlichen Sitzung der Section 2 im Auftrage seiner Section „kein Mann von Ehre (no honorable man) hätte für unsren Protest gestimmt“ etc. Sie finden diese Insulte häufig besonders in den letzten Nummern v. 18 u 25 Novbr. etc.. Die oben erwähnte, von uns dem C. C. u. den einzelnen Sectionen unterbreitete Adresse „to the American workmen“ war unterdessen von fast allen Sectionen berathen u. angenommen worden. Section 12 macht sich das Vergnügen, dagegen zu „protestiren“ u. den „Almighty Ballot“ zu proklamiren. Die Washington Section schreibt: „We would rather separate from Sect. 12 than father or endorse their utterances“. Wir werden in der Presse des ganzen Landes mit Schmähungen u. Lächerlichkeiten überladen wegen der Auslassungen u. Handlungen von S. 12. Man kündigt uns die Bildung von Sectionen auf Grund des „appeal of Section 12“ an, also auf grundfalscher Basis. S. 12 weiß gar Nichts mehr von der Emanzipation der Arbeit, der Arbeiter, dort ist nur noch die Rede von woman suffrage, free love, universal language, pantarchy etc.etc. Daß auf diese Weise keine Propaganda unter den Arbeitern, den trades unions, zu machen ist, war uns klar, ist Jedem klar. In mehreren Theilen des Landes geht in Arbeiterkreisen eine lebhafte Diskussion über die „ruchlosen Thaten der Kommune“ u. der I.A.A. vor sich. Konnte u. sollte man auch noch die Last der Section 12 mit ihrem social (sexual) freedom, universal government, woman suffrage, free love, universal language etc etc auf sich nehmen? Wir legten uns diese Frage vor, wir tauschten unsre Meinungen aus, theilten uns das in Arbeiterkreisen Gehörte u. Erlebte mit u. gingen mit einander zu Rathe, Was zu thun? Auf diese Weise mit Sect. 12 fortzufahren, hätte die Bewegung hier zu Lande umgeformt zu einer kleinbürgerlich-fantastisch-reformatorischen. Der Charakter einer Arbeiter-Bewegung wäre ihr abhanden gekommen u. die Arbeiter selbst zurückgeschreckt. Dessen sind wir sicher! Wir haben lange u. reiflich überlegt; das Resultat sind die gemeldeten Handlungen. Wir konnten die Partei, die Grundsätze, die Organisation nicht anders wahren und rein erhalten.

|4. West selbst ist ein verächtlicher Bursche, als „Stänker“ allgemein bekannt. Wenn ich nicht irre, kann Ihnen Eccarius darüber Mittheilungen machen, die ihm durch Gregory geworden sind. –

Vorgestern habe ich Ihnen die verlangten W. & Cl. Weekly geschickt, sowie die Nummern mit dem „appeal“ etc. etc. Wenn von den Konferenzbeschlüssen Keine an einzelne Sectionen Versandt sind, so bitte ich um wenigstens 100 Stück mehr in englischer u. mindestens eben so viel in deutscher Sprache. Sind sie noch nicht deutsch gedruckt? Große Nachfrage nach den deutschen. –

Es ist uns nicht ganz recht, daß Sie unser Korrespondent im General Rat nicht mehr sind. Und hoffen wir, daß Sie uns von Zeit zu Zeit Mittheilungen machen werden im Interesse der Partei. –

Wegen der Washington branch waltet ein Irrthum ob. Sie sagen: „Das New-Yorker Centr. C. hatte nicht das Recht, außer der Mitgliederzahl u. den Namen etc. des korr. Sekretärs Weiteres zu verlangen.“ Wir haben aber gar Nichts Anders verlangt und die Washingtoner haben auch Alles richtig angemeldet. – Ich hatte neulich eine Zusammenkunft mit Hinton von Washington, besonders wegen der Sect. 12. Er gab mir dabei Aufschluß über ihr Wirken in Washington etc Das klingt sonderbar u. werde ich es Ihnen nächstens mittheilen. –

Ich bin Lehrer u. habe Halsleiden. Bei den Debatten im C. C. u. in französischen u. englischen Sectionen muß ich die Hauptarbeit im Sprechen thun u. strenge meine Kehle dabei so an, dass ich manchmal Tage lang meine Arbeit nicht ordentlich verrichten kann. Dies der Hauptgrund meines demnächstigen retirements. –

Ueber Jessup, die Workingmen’s Union etc etc nächstens.

In aufrichtiger Hochachthung
Ihr
F. A. Sorge
box 101, Hoboken, N. J. via New York.

Zeugenbeschreibung und Überlieferung

Dieser Brief wird hier erstmals veröffentlicht.

Absender

Zeugenbeschreibung

Soweit aus der Fotokopie zu ersehen ist, besteht der Brief aus vier Blatt weißem Papier (ursprünglich 1 Bogen, auseinandergerissen). Sorge hat alle vier Seiten vollständig beschrieben. Schreibmaterial: schwarze Tinte.

Von unbekannter Hand: Nummerierung des Briefes mit Bleistift oben auf der ersten Seite: „105“ sowie Vermerk „k“.

Anstreichungen von unbekannter Hand mit Rotstift am Rand auf allen vier Blättern.

 

Zitiervorschlag

Friedrich Adolph Sorge an Karl Marx in London. Hoboken, Freitag, 24. November 1871. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital, hg. v. der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://megadigital.bbaw.de/M6422559. Abgerufen am 30.09.2026.

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