London den 12ten Mai 1871

Lieber Herr Doktor

Der Mohr beauftragt mich, Ihnen in seinem Namen für alle Ihre lieben Briefe und besonders für die freundliche Erinnerung an seinen Geburtstag den herzlichsten Dank zu sagen. Gleich, als das Paket mit den Angebinden eintraf (ich habe die Kupferstiche in  Siehe L., F. u. G. Kugelmann an Marx, 28.4.1871.
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Fritz Reuter
um so mehr bewundert, als mich der Inhalt des Buches sehr hieroglyphisch ansah), wollte er schreiben, da kam etwas dazwischen und er verschob das Schreiben. Nun wissen Sie, wie gefährlich das Aufschieben ist, aus dem Tag wird eine Woche, aus der Woche ein Monat; nun liegt es ihm aber schwer auf dem Gewissen und ich trete daher für ihn als Fürsprecher ein. Leider war er den ganzen Winter leidend und hat jetzt eine schwere Leberattacke, die regelmäßig im Frühjahr wiederkehrt. Er hat sich seit Wochen zwar einer ärztlichen Behandlung und Kur unterworfen, bisher aber noch mit geringem Erfolge. Doktor und Arznei können kaum helfen, wo der Geist so aufgeregt und das ganze Nervensystem so zerrüttet ist. Sie können nicht ahnen, wie mein Mann, die Mädchen und wir alle durch die französischen Geschichten gelitten haben. Erst der entsetzliche Krieg und nun noch die viel schrecklichere zweite Belagerung von Paris. Der Tod von Flourens, dem Bravsten der Braven, hat uns alle tief ergriffen und nun der verzweifelte Kampf der Commune, an dem alle unsere ältesten, besten Freunde teilnehmen. Der Mangel an militärischer Führung, das ganz natürliche Mißtrauen gegen alles was »Militär« ist, das zudringliche Einmischen der Journalisten, der Phrasenhelden wie Felix Pyat, die daraus notwendig entstehenden Zwistigkeiten, Unentschiedenheit und widerspruchsvolle Aktion – alle diese Übel, unvermeidlich in einer so kühnen jugendlichen Bewegung –, wären sicher von dem Kern tüchtiger, aufopferungsfähiger, selbstbewußter Arbeiter überwunden worden – aber jetzt, glaube ich, ist alle Hoffnung verloren, seit Bismarck sich durch deutsches Geld bezahlt macht, den Französischen Ordnungskanaillen, von denen jeder einzelne ein infames bürgerliches Verbrechen repräsentiert, nicht allein alle Gefangenen, sondern alle Festungswerke ausliefert. Eine zweite Junischlacht ist vor uns. Wie sehr sich die Mädchen die Sachen zu Herzen genommen haben, kann ich Ihnen nicht sagen. Hoffentlich erholt sich Jenny etwas in dem milden schönen Klima und auf dem geliebten französischen Boden. Sie sind glücklich nach einer 4tägigen sehr stürmischen Seefahrt in Bordeaux angekommen. Jenny war die ersten 2 Tage sehr unwohl, fing aber an in den letzten Tagen sich sehr zu erholen. Tussy war von ½ 5 Uhr morgens bis abends 10 Uhr auf dem Vordeck, sich mit den Matrosen unterhaltend und mit dem Kapitän Zigarren rauchend. Sie war da ganz in ihrem Element. Sturm und Wetter passen für sie, nur kein ruhiges bürgerliches Leben. Sie fanden Laura trotz ihrer schweren Krankheit und der vielen Sorgen und Ängsten der letzten Zeit wohl und munter und hübsch wie früher aussehend. Von dem kleinen Schnappy sind sie ganz entzückt. Die Tanten sehen im kleinen bon homme ein Wunder von Intelligenz, Güte und äußerer Lieblichkeit. Ich verspreche mir viel Gutes von dieser Reise und der Gedanke tröstet mich jetzt in meinen stillen einsamen Tagen. So bald der Mohr seine  Karl Marx: The Civil War in France. Address of the General Council of the International Working Men's Association. Den größten Teil der Arbeit am ersten und zweiten Entwurf sowie an der endgültigen Fassung leistete Marx ungefähr zwischen dem 6. und 30. Mai. Am 30. Mai 1871, zwei Tage nachdem die letzten Barrikade in Paris gefallen war, billigte der Generalrat einstimmig den Text. Die erste Ausgabe der Adresse erschien dann am 13. Juni 1871 in London.
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Adresse für die Internationale
fertig hat, wird er Ihnen schreiben.

Ich selbst bitte Sie, Ihre liebe Frau und Fränzchen aufs Herzlichste zu grüßen und von mir die Versicherungen herzlicher Freundschaft anzunehmen mit denen ich bin

Ihre ergebene
Jenny Marx

Ich habe Jenny geschrieben, daß Sie ihrer so freundlich gedacht. Ich kann natürlich die Broschüre und das pocket book nicht schicken und habe einstweilen selbst die Briefe über Musik gelesen.

Zeugenbeschreibung und Überlieferung

Zeugenbeschreibung

Die Originalhandschrift konnte nicht eingesehen werden. Die Wiedergabe erfolgt nach dem Druck (D2).

 

Zitiervorschlag

Jenny Marx an Louis Kugelmann in Hannover. London, Freitag, 12. Mai 1871. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital, hg. v. der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://megadigital.bbaw.de/M5849395. Abgerufen am 10.08.2026.

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