| 5 April 1870
Lieber Engels!
Sei so gut und sehe den Bauernkrieg im Volksst. immer genau durch und schreibe es mir, wenn Du Druckfehler findest, damit dieselben im Separatabdruck vermieden werden können. Aber schreibe stets gleich nach Empfang des Blatts , weil wir den Satz nicht lang stehn lassen können (nicht über 8 Tage).
Deine Einleitung ist famos, und namentlich freut mich 1) daß Du Preußen als einzigen gegner der Revol. (in Deutschland) hingestellt und damit im Wesentlichen meinen bisherigen Kämpfen das placet ertheilst, und 2) Daß Du für die Baseler Beschlüsse eine Lanze gebrochen hast. Ich werde nächstens meinen seit Oktober mal gehaltnen Vortrag über das Thema veröffentlichen und auch auf dem Stuttgarter Congreß herausgehn. Mein Vortrag wurde auch von Bauern angehört, die vollständig bekehrt waren. Die Bauern, d. h. Klein-Grundbesitzer und | Ackerknechte für uns zu gewinnen, halte ich mit Dir für unsre Hauptaufgabe. Das städtische Proletariat ist zwar auch noch nicht genügend aufgerüttelt, doch gegebnen Falls gehört es uns eo ipso, wie wir an den Hirsch-Duncker’schen Gewerkvereinlern sehn.
Die Industriearbeiter allein können in Deutschland keine Revolution machen, und dafür, daß Du das ausgesprochen, danke ich Dir vor Allem. Ich glaube allerdings nicht, daß wir der aktiven Hülfe der Bauern bedürfen, aber sie müssen wenigstens so weit gewonnen sein, daß sie uns nicht entgegentreten. Wie die Dinge jetzt liegen, würde das städtische Proletariat von den Bauern mit Dreschflegeln todtgeschlagen werden. Von diesem Standpunkt aus vertheidigte ich von Anfang an die Baseler Beschlüsse, als dieses elende Waschweib Venedey sammt den Schwabischen Volksphilistern uns den Bauern als theilungswüthige Rinaldini’s denunzirten.
Daß ich mit diesen Burschen öffentlich u. zurückhaltlos gebrochen, wird Dir beilaufig ein Beweis sein, daß ich mich mit ihnen nicht ins geheim’ zu tief eingelassen hatte, wie ihr zu glauben scheint. Es handelte sich nie um eine Allianz, sondern bloß um ein Zusammengehn in einer bestimmten Frage, und auch das nur bis zu einem gewissen Punkt. Daß wir sonst mit der schwäbischen „Volkspartei“ nichts gemein hatten, das sagte ich Hn. | Hausmann, dem Hauptschreier, schon im Dezember 1867 (in Bamberg) auf das Deutlichste und Derbste. Doch das sind die Dinge, über die wir uns vielleicht einmal mündlich des Nähren aussprechen. Kommst Du denn nicht bald wieder nach Deutschland? Dann laufe mir nicht am Haus vorbei, wie Père Marx es im Herbst gethan hat.
Nach Ostern gehe ich nochmals nach Berlin; wir wollen sehn, ob sich dort ein billiges Tagesblatt gründen läßt. Es sind Ausssichten vorhanden. Unter den Arbeitern fassen wir mehr und mehr Fuß. Berlin zu erobern (wo Schweitzer außer den Zimmerleuten und Maurern keine 100 Anhänger hat) ist jetzt unser nächstes Ziel, und der Zerfall der Hirsch-Duncker’schen Gewerkschaften soll uns dabei zu Statten kommen.
Adieu!
DeinW. L.
Zeugenbeschreibung und Überlieferung
Zeugenbeschreibung
Soweit aus der Fotokopie zu ersehen ist, besteht der Brief aus zwei Blatt weißem Papier. Liebknecht hat die ersten drei Seiten vollständig beschrieben, die vierte Seite ist leer. Schreibmaterial: schwarze Tinte.
Von unbekannter Hand: Archivsignaturen auf der ersten Seite mit Bleistift: „L Pg B10.“ und „L Ⅴ 423–11“.
Zitiervorschlag
Wilhelm Liebknecht an Friedrich Engels in Manchester. Leipzig, Dienstag, 5. April 1870. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital, hg. v. der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://megadigital.bbaw.de/M5351569. Abgerufen am 27.10.2026.