| London den 14 Juli 1871
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Debeauvoir-Road N
Sehr geehrter Herr!
Infolge Ihres Briefes im Morning Advertiser vernahm ich Ihre Adresse. Ich beeile mich daher eine Tatsache zu Ihrer gefälligen Kenntniß zu bringen der Sie als berühmter Journalist Ihre gütige Aufmerksamkeit schenken mögen:
Ich bin aus Ungarn und war in Paris etablirter Kaufmann als der Krieg ausbrach. Ich hatte die erste Belagerung dort mitgemacht, und dadurch mein winziges Vermögen aufgezehrt, nach Eröffnung von Paris raffte ich jedoch einiges Wenige noch zusammen, und kam damit nach London um da mit Hülfe meiner Kenntniß von 5 lebenden Sprachen irgend eine Position zu finden. Aus Ermanglung an Empfehlungen gelang mir dieses bis heute nicht, und bin ich infolge dessen in solch tiefes Elend gesunken daß ich alle meine Kleidungsstücke versetzen mußte um mein Quartier zu zahlen, und noch £ 6– darauf schulde, welche ich bis nächsten Montag zahlen mus | sonst werde ich vor die Thüre gesetzt.
Ich wendete mich demnach
Abhülfe an den Rudolf Apponyi, österreichisch-ungarischer
Botschafter in London 1860–71.
Schließen oesterreichischen Consul, welcher mich dieserhalb an
die Botschaft wies. Diese jedoch trotz meinen Belegen, beantwortete mein
Ersuchen mit den trostvollen Worten: daß sie für mich nichts
thun könne, sie sei von solchen hunderttausenden Ungarn täglich
überlaufen. Man händigte mir einen Zettel als Empfehlung zu einer
Society of distress ein Diese bemerkte mir wieder, daß sie nur für Deutsche
bestehe, für Oesterreicher nichts thun könne. In dieser verzweifelten Lage
wendete ich mich an die hiesige israelitische Gemeinde, wo mir beschieden wurde,
oder mit ihren eigenen Worten gegeben: We can nothing do for you. Ich erzählte
diese Vorfälle einem jungen Manne der mir rieth gestern Abend zwischen 8–9 zu
der German Society of Benevolence zu gehen, als ich dahinkam, wurde ich nicht
vorgelassen, weil ich keinen gedrukten Zettel brachte.– Von wo und woher wurde
mir nicht gesagt –
|Geehrter Herr! Ich bedauere heute kein Mitglied der International zu sein, aber sollte ich je das Glück haben mich emporzuschwingen, woran ich leider zweifle, weil wenn mir nicht bis nächsten Montag Hülfe kommt, ich meine Lebensaufgabe als beendet betrachte; so würde ich es mir zur Ehre rechnen, als Mitglied dieser Societé aufgenommen zu werden, um gegen das Capital zu kämpfen. Alle anderen Gesellschaften welche reiche Leute zu ihren Mitgliedern zählen, bestehen nur zur prahlerischen Öffentlichkeit und wissen oder wollen die geheime verzweiflungsvolle Armuth nicht würdigen.
Genehmigen Sie meine vollkommeneHochachtung
H L Reiss
Herrn
Karl Marx
Hier
Zeugenbeschreibung und Überlieferung
Dieser Brief wird hier erstmals veröffentlicht.
Zeugenbeschreibung
Soweit aus der Fotokopie zu ersehen ist, besteht der Brief aus einem Bogen blauem Papier. Reiss hat drei Seiten vollständig beschrieben, die vierte Seite ist leer. Schreibmaterial: schwarze Tinte.
Archivsignatur des Moskauer Marx-Engels-Instituts (IMĖ) auf allen beschriebenen Seiten mit Bleistift: „Rj 286a–c“.
Zitiervorschlag
H. L. Reiss an Karl Marx in London. London, Freitag, 14. Juli 1871. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital, hg. v. der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://megadigital.bbaw.de/M5299831. Abgerufen am 10.08.2026.