| 57 Gloucester Street
Commercial Road East
London, 28th March 1871

Geehrter Herr Engels!

Von der bittersten Noth gedrängt erlaube ich mir an Ihr geneigtes Wohlwollen zu appelliren. Wenn nicht von früheren Jahren so werden Sie jedenfalls vom Jahre 1849 Sich meiner erinnern. Ich machte damals unterm Komando von Carl Jansen den Zug nach den Gräfrather Zeughause mit. Ich führte Ihnen bei Jung auf Haus Hammerstein den schönen Fuchs vor, den Sie mit dem schweren Karrengaul vertauschten. Auch war ich zugegen, wie Ihnen auf unserem Rückzuge in Vohwinkel von dem reactionären Wülfing der Degen entrissen wurde

Im Jahre 1850 stand ich deßhalb vor den Assisen wurde aber frei gesprochen. In | Folge dessen mit meiner Familie zerfallen fand ich mich mit meinen Geschwistern ab und ging nach London, wohin ich zwei Jahre später meine liebe Frau, geborene Klier, mit fünf Kindern nachkommen ließ. Hier hat es mir nun abwechselnd gut und schlecht ergangen, bis mich vor 10 Jahren das schreckliche Unglück traf, daß meine arme Frau in Folge ihrer Niederkunft mit dem achten Kinde ihrer Geisteskräfte beraubt wurde, und befindet sich dieselbe noch heute in der Irrenanstalt. Dazu verlor ich meine Stelle als Wasserklerk durch das Falliment meiner Principale Stern & Lövinsohn, wodurch ich mich genöthigt sah mit meinen älteren Kindern das Blumenmachen anzufangen, wovon ich Ihnen eine Probe beifüge. Während dieser Zeit ist es mir durch unausgesetzten | Fleiß ermöglicht gewesen meine zahlreiche Familie ohne Mutter anständig zu ernähren. Doch dieser grausame Krieg hat mich total ruinirt, da meine Hauptarbeitgeber (zwei Franzosen) seit Beginn desselben mir ihre Aufträge gänzlich entzogen, um mich brodlos zu machen, und sind es jetzt sechs volle Monate, daß ich mit meinen 7 Kindern fast keinen Farthing verdient habe. Nun hat sich ein früherer Werkführer des Einen etablirt und mir bereits schon Bestellungen gemacht, auch fernerhin Arbeit versprochen. Es fehlen mir indeß die nöthigen Mittel die erforderlichen Stoffe zu beschaffen, und da 6 bis 7 £ hinreichen mich in den Stand zu setzen meine Familie vor dem Workhouse zu bewahren so darf ich mich wohl der Hoffnung hingeben, daß | Sie einem Barmer Bürger Ihre geneigte Hülfe nicht versagen werden, zumal ich von Ihren menschenfreundlichen Gesinnungen überzeugt bin. Ich könnte das Geld vielleicht hier zusammen bekommen, aber ich will lieber hungern, als einem Pfaffen meine Noth klagen, und ohne dies würde es mir schwerlich gelingen. Ich werde bei beständiger Arbeit innerhalb zwei Monate im Stande sein Ihnen das Geld, was ich nur als eine Anleihe betrachte, zurück zu zahlen. Da schnelle Hülfe überhaupt nur eine Hülfe für mich sein kann, so sehe ich Ihrer baldigen, geneigten Antwort harrend entgegen und verbleibe mit Hochachtung Ihr dankbar

ergebener
Gustav Schmalz

Zeugenbeschreibung und Überlieferung

Dieser Brief wird hier erstmals veröffentlicht.

Absender

Zeugenbeschreibung

Soweit aus der Fotokopie zu ersehen ist, besteht der Brief aus einem Bogen weißem Papier. Schmalz hat alle vier Seiten vollständig beschrieben: Schreibmaterial: schwarze (o. braune ?) Tinte, stark ausgeblichen.

Archivsignatur des SPD-Archivs auf der ersten Seite: „Ⅱ 21 I 98“.

Von unbekannter Hand: Nummerierung des Briefes oben auf der ersten Seite mit Bleistift: „199“.

 

Zitiervorschlag

Gustav Schmalz an Friedrich Engels in London. London, Dienstag, 28. März 1871. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital, hg. v. der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://megadigital.bbaw.de/M4513176. Abgerufen am 31.10.2026.

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