| Broughty Ferry 18. Feb.
70.
(Dundee)
Lieber Marx,
Nach einer Unterbrechung unsrer Correspondenz während so vieler Jahre ist es keine Kleinigkeit für mich nun endlich wieder an Dich zu schreiben. Ich will ohne Umschweif gestehen, daß ich Unrecht that Dir nicht sogleich den Empfang Deines mir vor Jahren geschickten Buches anzuzeigen und daß ich noch größeres Unrecht that, nachdem ich es wieder und wieder gelesen und studiert hatte, Dir nicht meine Bewunderung desselben ausgedrückt zu haben. Die einzige Entschuldigung, die ich hatte, war, daß ich Deine Adresse erst im vorigen Sommer durch Carl erhielt. Du wirst Dich erinnern, | daß „Das Kapital“ mir ohne Deine Adresse von Manchester zugeschickt wurde. Ich konnte nicht vermuthen, daß Du nach so langer Zeit immer noch auf dem Haverstockhill haustest.
Ich danke Dir daher nachträglich herzlich für Dein Buch. Die Entwickelung des Werthes in der Einleitung ist aber doch a very hard nut indeed und obschon ich mich, wie Willich that mit dem Hegel , in ein Zimmer einschlösse und Tage und Nächte studierte, ich fürchte sehr es würde mir ergehen wie ihm. Ist ein zweiter Theil erschienen?
Ich habe am Ende des vorigen Jahres das Scharlachfieber gehabt und habe bis vor kurzer Zeit an seinen Folgen gelitten. Mein jüngster Junge — 5 Jahre alt, bekam es erst und ich bekam es nach ihm. Die beiden andern blieben verschont. — Meine Existenz hier oben, wie Heise zu sagen pflegte — ist eine höchst langweilige. Die Stelle an der Schule ist mager, sodaß ich durch Privatpauken ein mühsames Dasein fristen muß. — Von frühern Freunden habe | ich alle Spur verloren. Nach den Mittheilungen zu schließen, die mir Carl nach seinem Besuche bei Dir machte, existiren Dronke und Biscamp noch. Wo sind sie? Ist Engels noch in Manchester?
Die preußische Regierung hat mich seit Jahren mit Mahnbriefen wegen einer Schuld die die Bonner Universität reclamirt, belästigt. Es sind die Stundungsgelder für die Collegien, die ich in Bonn hauptsächlich über elende Theologie hörte. Ich refüsirte zuletzt die Briefe. Aber der Norddeutsche Bund hat nun einen Consul hier und durch ihn werde ich nun allen Ernstes getreten. Ich nahm keine Notiz von der Sache, indeß hat der General Consul in London für den Bundeskanzler H. v. Bismark einen hiesigen Solicitor engagiert, von dem ich in der nächsten Woche einer Summons vor den Sheriff zu gewärtigen habe. Die Schuld beträgt nur 50 reichstaler – aber es mögen andere Reclame von Greifswalde nachkommen. Nun wäre es doch abgeschmackt nach 22 Jahren „bittern Brodes in der Verbannung“ | diesen preußischen Hunden noch Geld bezahlen zu müssen. Die Schuld datirt vom Jahre 1844–45. also 26 Jahre. Denkst Du daß ich zahlen muß? Du bist ja ein alter Jurist, was sagen die Gesetze der Verjährung? Wie soll ich mich verhalten, soll ich zahlen oder vor Gericht gehen? Wenn Du mir mit Deinem Rathe beistehen willst, auf den ich Alles halte und nach dem ich zu verfahren entschlossen bin, so schreibe mir sofort, denn die Frage ist eine brennende. Der schwäbische Musikus von hier, den Du im Coupée in Frankreich vorigen Sommer getroffen, hat mir Deinen Gruß getreulich ausgerichtet. Er war amüsirt darüber, daß Du ihn für einen Commis voyageur hieltest. — Uebrigens he ought to be so, not being a musician of note. Hast Du immer noch nicht Lust einmal hierher auf zu kommen? Die Steamers gehen noch immer jede Woche von den London Docks hierher. Carl does a good business in Lille. Mit besten Grüßen an Frau Marx und die „Kinder“.
Dein Imandt.Zeugenbeschreibung und Überlieferung
Dieser Brief wird hier erstmals veröffentlicht.
Zeugenbeschreibung
Soweit aus der Fotokopie zu ersehen ist, besteht der Brief aus einem Bogen weißem Papier. Imandt hat alle vier Seiten vollständig beschrieben. Schreibmaterial: schwarze Tinte.
Von unbekannter Hand: Nummerierung des Briefes auf der ersten Seite mit Bleistift: „18“.
Zitiervorschlag
Peter Imandt an Karl Marx in London. Dundee, Freitag, 18. Februar 1870. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital, hg. v. der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://megadigital.bbaw.de/M1643529. Abgerufen am 24.10.2026.