| Kroll’s Hotel, Amerika Square
Minories E.
London, 30. Oktober 1871.

Verehrter Herr Doktor!

Die Money order über 7 £. welche ich Ihnen hiermit zu übermitteln das Vergnügen habe, bezieht sich zunächst auf das gütige Darlehen von 5 £, welches Sie schon im December 1864, als ich in bedrängter Lage hier lebte, mir freundlichst gewährten.

Die übrigen 2 £ bitte ich in meinem Namen der Kasse der International Working Men’s Assoc. zu übermitteln.

Und nun gestatten Sie mir, mich wegen meines jähen Verschwindens im Januar 1865 zu entschuldigen.

Ich war damals von einem Leiden heimgesucht, das zu seiner Heilung geschickter Aerzte und ein günstiges Clima, nebst allen | sanitätlichen Erleichterungen u. Bequemlichkeiten welche festländische Heilanstalten bieten, bedurfte. Als ich daher unverhofft die Mittel erhielt nach dem Continent abzureisen, zögerte ich keinen Augenblick, und zwar erstens weil meine Gesundheit keinen weiteren Aufschub gestattete, u. dann, weil eine auch nur kurze Verlängerung des londoner Aufenthalts meine Reisemittel unzuländlich gemacht hätte.

Zwei Tage nach meiner Ankunft in Mannheim wurde ich dort glücklich operirt und im März 1865 konnte ich nach Frankfurt a/M übersiedeln.

Ich führte dort bis vor Kurzem ein ärmliches Literatenleben, welches mir leider nicht gestattete meine Schuld gegen Sie, verehrter Herr, abzutragen.

Ein unverhoffter Auftrag führte mich im Juli dieses Jahres nach Amerika, u. nach meiner nunmehr glücklich bewerkstelligten Rückkehr von dort, zögere ich nicht mit Schiller zu sprechen:  „Ist eine heilge Schuld, ich will sie zahlen.“ (Friedrich Schiller: Wilhelm Tell. Vierter Aufzug. Dritte Szene.)
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„S’ist eine heil’ge Schuld – ich will sie zahlen“.

| Daß ich die Internationale und ihre Bestrebungen nicht aus den Augen und dem Herzen verloren habe, dafür könnte ich verschiedene Belege anführen. Ich beschränke mich aber darauf zu erwähnen, daß ich 1868 versuchte in Mainz ein socialistisches Blatt unter dem Titel „Die Wohlfahrt“ herauszugeben, wovon ein paar Probenummern erschienen sind. Die Herrn Bourgeois-Republikaner von Mainz u. Frankfurt (Demokrat. Wahlverein) hatten pekuniäre Unterstützung der Sache zugesagt, ließen mich aber, als ich die Arbeitersache im Sinn der Internationalen vertrat, schmählich im Stiche, so daß ich lange an den pekuniären Folgen des mißlungenen Versuchs zu laboriren hatte.

Im selben Jahre wurde ich mit Oberwinder bekannt (der Frankfurt besuchte) und freute mich, vor u. während seiner Verhaftung, im „Frankfurter Beobachter“ kräftig für ihn u. die Wiener Arbeiter eintreten zu können.

Ich reise jetzt nach Frankfurt, Wien und Italien, wo ich die Wintermonate verleben möchte, könnte ich in Neapel irgend etwas thun, was Ihnen oder der Internationalen wünschenswerth wäre, so würde es mich freuen.

| Noch habe ich eines Umstandes zu erwähnen, von dem ich fürchte, daß er mich bei den Bekannten dem Kreise der Internationalen in ein falsches Licht gebracht hat, weshalb ich die Belegstücke meiner Nichtschuld daheim sorglich aufbewahrt habe. Kurz vor meiner Abreise fand ein Fest der Internationalen statt. Man hatte auch mir Karten für den Ball zur Unterbringung gegeben, ich war jedoch zu unwohl um viel dafür zu thun, u. habe nur 3–4 davon verschenkt, keine einzige aber verkauft. Sämmtliche Karten, außer den erwähnten, sind noch in meinem Besitz u. ich werde dieselben nach meiner Ankunft in Frankfurt wieder an’s Licht ziehen u. Hrn. Bolleter oder Eccarius zusenden. Wollen Sie einstweilen gütigst bei diesen Herrn meine Sache in Schutz nehmen.

Für den Fall, daß Sie mit einen General-Pardon für das lange Säumen zu kommen lassen wollen, bitte ich, verehrter Herr Doktor, dies recht bald, durch Billet oder Telegramm thun zu wollen, da ich vielleicht morgen, Mittwoch Abend noch nach dem Continent abreisen muß, (allerspätestens Mittwoch früh.)

Mit herzlicher Theilnahme für Ihre verehrte Familie (ich las das Abenteuer unter der Thiers-Republik in Woodhull & Claflings Blatt) zeichne ich mit aufrichtiger Hochachtung u. treuer Ergebenheit Ihr

Otto v. Breitschwert

Zeugenbeschreibung und Überlieferung

Dieser Brief wird hier erstmals veröffentlicht.

Absender

Zeugenbeschreibung

Soweit aus der Fotokopie zu ersehen ist, besteht der Brief aus einem Bogen weißem Papier. Wasserzeichen: „Towgood's / Extra Super“. Prägung: <drei Blumen>. Von Breitschwert hat alle vier Seiten vollständig beschrieben. Schreibmaterial: schwarze Tinte.

Archivsignatur des Moskauer Marx-Engels-Instituts (IMĖ) auf der allen beschriebenen Seiten oben links: „Rj 298a–d“ (Bleistift).

 

Zitiervorschlag

Otto von Breitschwert an Karl Marx in London. London, Montag, 30. Oktober 1871. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital, hg. v. der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://megadigital.bbaw.de/M0031173. Abgerufen am 25.10.2026.

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