| Hannover, 13. Juli 1869

Mein lieber Engels!

Tausend herzlichen Dank für Ihren lieben Brief u. die gesandten, sehnlich erwarteten Photographien. Die Ihrige, obgleich photographisch gut, hat den künstlerischen Fehler, daß der dunkle Bart sich zu wenig von dem dunklen Rocke abhebt und dadurch kömmt der ganze Kopf nicht zur gehörigen Wirkung. Fürchtete ich nicht, Sie dadurch von hier zurückzuscheuchen, so würde ich Ihnen vorschlagen sich bei Ihrem nächsten Besuche hier, von Wunder, der auch Marx Bild gemacht hat, photographiren zu lassen; aber sein Sie beruhigt ich weiß, daß diese Procedur zu den peinlichsten, die Ausdauer des Arztes u. des Patienten nicht selten erschöpfenden Operationen gehört. Hoffentlich werden die humanistischen Bestrebungen der Jetztzeit noch eine Methode ausfindig machen, auch hierbei die Wohlthat des Chloroforms in Anwendung zu bringen. –

Letztere habe auch ich subjectiv kennen gelernt, als ich mir kürzlich durch Wilms (Chirurg an Bethanien) meine Hämorrhoïdalknoten (richtiger – Geschwülste) nach der modificirten Dupuytrenschen Methode durch Scheere u. Ferrum Candens entfernen ließ. Mein Zustand war schließlich ein unerträglicher geworden: Erschöpfende Blutungen, häufig arterieller Natur, fast fortwährender Prolapsus der meist subacut entzündeten Knoten, zeitweilige acute Entzündungen mit Incarceration von solcher Intensität das oberfläch|2liche Gangränescenz eintrat, welche eine granulöse zu Blutungen neigende Fläche zurückließ und die Gefahr später cancroïder Entartung (ähnlich den granulösen Geschwüren der Port. vaginal. zurückließ; durch den ganzen Proceß geistige Abspannung und physische Verstimmung bei hartnäckigster Obstipation, das alles waren genügende Indicationen endlich zur Operation, als dem allein genügenden Auskunftmittel zu greifen, um so mehr als der Verlauf in der größten Mehrzahl der Fälle ein günstiger zu sein pflegt. – So bin auch ich glücklich von diesen Afterproducten befreit u. würde mich wie ein neugeborener Mensch fühlen, hätte ich nicht noch mit der, allerdings wesentlich leichteren Obstruction u. mit einer Leber- u. Magenaffection zu thun, die ich mit einem Theil der Collegen für Gallensteine, andere für Magencatarrh halten. –

Durch die langjährigen Blutungen u. speciell durch einen mit Incarceration u. acuten Magencatarrh verbundenen 5wöchentlichen Hämorrhoïdalanfall, gleich darauf die Operation, bin ich einigermaßen reducirt, u. beabsichtigte, wie ich noch vorige Woche an Marx schrieb nach Helgoland zu gehen, die Lebererscheinungen, wenn auch in ganz unschmerzhafter Weise machen sich derart bemerklich, daß ich doch wohl nach Karlsbad gehen werde.

Meine Absicht ist Mitte August fortzugehen und die Cur 4 Wochen lang zu gebrauchen. – Wenn auch in milderer Weise, so glaube ich doch, daß Marx Unterleibsaffection manches Ähnliche mit der meinigen hat und wie ich ihm dieser Tage vorschlug, zur Erholung |3 event. einige Zeit mit mir in Helgoland zuzubringen, so würde es am Ende noch mehr indicirt sein, daß er eine volle Cur mit in Karlsbad gebrauchte. Es bedarf wohl nicht der Erwähnung, daß Fräulein Jenny während dieser Zeit bei meiner Frau gut aufgehoben sein würde, wenn ihr das bescheidene Leben bei uns zusagt. – Jedenfalls erwarte ich aber, daß Marx „zur Nachcur“ noch einige Wochen bei uns in Hannover bleibt. – Daß er, wie er mir im Mai schrieb nur 4 Wochen von London fort sein kann, ist wohl nicht als letztes Wort anzunehmen. Hat man Zeit Monate lang krank zu sein u. – hinterher – Curen zu gebrauchen, wenn auch nur zur Erholung in Margate, so muß man gewiß Zeit haben diesen voraussichtlichen Erkrankungen vorzubeugen, und daß Karlsbad für Marx paßt, ist wohl, im strengsten Sinne, außer Zweifel.

Daß nun auch Sie, lieber Engels, mit von der Partie sein wollen, erhöht die Herrlichkeit der Perspective u. so darf ich Sie wohl bitten, der Zeitersparniß wegen, mit Marx die Unterhandlungen zu leiten u. mich baldigst mit seinen u. Ihren Beschlüssen bekannt zu machen. – Da Sie beide doch frei über Ihre Zeit verfügen können, so würde ich Ihnen äußerst dankbar sein, wenn die Mitte August als Zeitpunct der Abreise von hier nach Karslbad festgehalten würde; wonach Marx so freundlich sein müßte sich zu richten, falls er noch Aufenthalt in Hamburg haben sollte. Da wir Leipzig passiren, könnte eine Besprechung mit Bebel u. Liebknecht, vielleicht von Nutzen sein, |4 namentlich um dem letzteren begreiflich zu machen, daß das Studium der National-Oeconomie für einen polit. Schriftsteller nicht so irrevelant ist, wie er glaubt. – Er ließ mir, auf eine Anpurrung in dieser Richtung, nämlich den Marx zu studiren, früher mal sagen, es gäbe noch was Besseres zu thun, als National-Oecon. zu oxen. – Liebknecht scheint mir seiner ganzen Natur nach „Republicaner“ nach französischem Muster. Das socialistische Element ist durch den Zufall persönlicher Begegnungen in ihn hinein gerathen u., anstatt seine politischen Anschaungen zu klären, fühlt er sich dadurch genirt u. gehemmt. Ich schrieb Marx schon früher einmal, es würde mich nicht wundern, Liebkn. eines schönen Tages zu den Bürgern übergehen zu sehen. Geschiet es nicht, so ist es, weil er sich vor Ihnen u. Marx schämt, seine Überzeugung, glaube ich, trennt ihn schon heute nicht von „der Democratie“. –

Der jetzige Gährungsproceß innerhalb der deutsch. Arbeiterclasse ist gewiß ein günstiger u. ich theile Ihre Ansicht vollkommen. – Auch die Bourgeoisie beginnt sich gegen das Proletariat zu coalisiren, ein Umstand der die Entwicklung nur beschleunigen kann. – Noch gestern tagte hier ein Congreß der deutschen Eisen-Industriellen zur Feststellung allgemeiner Normen in Interesse dieses Geschäftes. Auch ein § wurde angenommen, daß Arbeiter „die sich an ‚unberechtigten‘ Strikes betheiligen nicht wieder beschäftigt werden sollen. – Solche Maaßregelen sind vortrefflich, denn sie demonstriren dem Ungebildetsten den allgemeinen Character der Klassenstellung. Dabei wurden denn auch alberne Mittel |5 wie zB. Betheiligung am Reingewinn zur Ausgleichung der Classengegensätze vorgeschlagen. –

Marx hat Ihnen vielleicht mitgetheilt, daß Weiss sich freut eine Biographie von Marx für die„Zukunft“ zu bekommen. – Einliegend Ihr altes Manuscript, falls Sie daran ändern wollen. In der „Zukunft“ können Sie ziemlich frei heraus geben. Aber beeilen Sie die Rücksendung, denn die Veröffentlichung schließt sich wohl zweckmäßig der des „18. Brumaire“ an. –

Die Gründe warum ich M. bat meinen Aufsatz über Behandlung der acut. Exantheme, wenn möglich in dortige Blätter zu bringen sind folgende:

1, So oft ich mit hiesigen u. auswärtigen Collegen über dies Thema sprach, erfuhr ich, daß die methodische, continuirliche Ventilation nirgend in Anwendung kam, wenigstens nicht mit Bewußtsein. Ich bin durch eigenes Nachdenken darauf gekommen. 2, sagte mir eine hiesige Dame, die zum Besuche bei Verwandten in Manchester war, daß ein dortiger Arzt diese Methode nach einem unbedeutenden hiesigen Collegen benannt habe, (mit der ausdrücklichen Bemerkung, daß man diese Behandlungsweise von Hannover überk(?)ommen habe), der, wenn er es überhaupt so macht, es mir nachgemacht hat.

Ob die Fenster mehr oder minder geöffnet | sind ist irrevelant u. richtet sich nach Temperatur u. Luftströmung. Die stete vollständige Erneuerung ist Hauptsache. Sehr oft öffne ich ganze Fenster. –

Da der Kranke von directem Luftzuge geschützt werden soll, so ist eine solche Anwendung von Schutzmitteln, wie ich sie vorschlage, sicher u. anderseits unschädlich. Eine Erkältung, bei Masern kann Pneumonie, bei Scharlach Morb. Brightii u. A. zur Folge haben. – Solche Cautelen wird jeder vorsichtige Arzt anwenden. –

Was der Portwein, allgemein angewandt, soll, weiß ich nicht. Bei großer Prostratio virium, bei Carbunkel etc etc sind solche flüchtige Reize zweckmäßig. Das englische Clima mag Derartiges erfordern, denn bei den englischen Schriftstellern spielt Brandy u. Portwein stets eine große Rolle.

Daß die Behandlung der Marx’schen Kinder der meinigen entsprochen habe, bezweifle ich, denn nachdem dieselben wochenlang krank gewesen, fragte mich M. noch um Rath u. wenn ich nicht irre erforderte die Reconvalescenz noch ein Seebad. –

Meine Kranken sind nach 8–10 Tagen hergestellt.

Nun genug für heute, lieber Freund! Ich erwarte bald Nachricht wegen der Biographie u. dann wegen des Reiseprogramms.

Herzlich der Ihrige
L. Kugelmann
Dr

Bald hätte ich vergessen Ihnen zu Ihrer glücklichen Entbindung von Ihrem Gottfried zu gratuliren.

Zeugenbeschreibung und Überlieferung

Dieser Brief wird hier erstmals veröffentlicht.

Zeugenbeschreibung

Soweit aus der Fotokopie zu ersehen ist, besteht der Brief aus zwei Bogen weißem Papier. Prägung: „Dr. L. Kglm.“. Kugelmann hat sechs Seiten vollständig beschrieben, die übrigen zwei Seiten sind leer. Eine Passage („nämlich den Marx zu studiren,“), mit dem Einführungszeichen „#“ versehen, steht am linken Rand der vierten Seite quer niedergeschrieben Schreibmaterial: schwarze Tinte.

Die Beilage („Einliegend Ihr altes Manuscript“), das Manuskript von Engels: Karl Marx. Eine biographisch Skizze, ist überliefert (RGASPI, Sign. f. 1, op. 1, d. 2488).

Von unbekannter Hand: Nummerierung des Briefes auf der ersten Seite mit Bleistift: „270“.

Anmerkungen zum Brief

Engels übersendet den Brief an Marx am 18. Juli 1869 (Engels an Marx, 18.7.1869). Marx schickt ihn an Engels am 29. Juli 1869 (Marx an Engels, 29.7.1869) zurück.

 

Zitiervorschlag

Louis Kugelmann an Friedrich Engels in Manchester. Hannover, Dienstag, 13. Juli 1869. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital, hg. v. der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://megadigital.bbaw.de/M0001101. Abgerufen am 21.08.2026.

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