| Hannover, 4. März 1869
Mein hochverehrter, lieber Freund!
Meine Propaganda für Ihre Arbeiten beginnt nachgerade einen internationalen Character anzunehmen u. das kömmt folgendermaßen: In Blankenburg a/Harz besteht eine Heilanstalt für Nervenkranke, die sich aus den höheren Ständen recrutirt u. deren Inhaber, Dr. Otto Müller, mich zu vorigen Sonntag zu einer Consultation bei einer kranken Dame berief. Bei dieser Gelegenheit wurde ich auch einem russischen Major vorgestellt, der dort für einige Zeit weilt. Die Unterhaltung kam bald auf politisches Gebiet. Ich behauptete, daß Preußen russische Politik in Deutschland treibe u. daß Rußland, durch Bestechungen u. mittelst einer höchst verschlagenen Diplomatie, es verstanden habe, sich in den meisten europäischen Cabinetten dienstbare Staatsmänner zu schaffen; zB Palmerston. Letzteres überraschte meinen Major, dem ich leider nur Ihre Palmerston-Pamphlets nennen, aber nicht citiren konnte. Gleichzeitig empfahl ich ihm Ihr "Kapital", das bereits in russischer Sprache erschienen sei. –
Meine Darstellung des russischen Einflußes war dem Herrn Major so neu, daß er mich ersuchte ihm desfallsige Literatur zu empfehlen, die ich ihm anzugeben versprach. –
Der Herr spricht außer Russisch nur noch gut Französisch, Deutsch behauptet er auch etwas zu verstehen, Englisch gar nicht. – Könnten Sie oder Borkheim oder Engels nun wohl eine kleine derartige Blumenlese angeben? Ich sagte ihm dieselbe in 10 bis 14 Tagen zu. – Bei Ihrem | Hiersein hatten Sie die Güte mir in Aussicht zu stellen, daß Sie vielleicht noch einige Ihrer Palmerston-Brochüren hätten u. sie mir dann schicken wollten. – Darf ich wohl daran erinnern?
Meinen Brief vom 14 Febr. etc werden Sie erhalten haben u. auf dessen gelegentliche Beantwortung darf ich wohl hoffen.
Ist die russische Übersetzung des "Kapital" schon heraus? Unser Major will es sich bestellen. –
Meine Frau sendet Ihnen viele Grüße u. Fränzchen bittet mich, Ihnen "Madämschen" bestens zu empfehlen.
Mit herzlichen Grüßen für Sie u. die lieben Ihrigen
Ihrtreu ergebener
LKugelmann
Dr
Zeugenbeschreibung und Überlieferung
Dieser Brief wird hier erstmals veröffentlicht.
Zeugenbeschreibung
Der Brief besteht aus einem Bogen mittelstarkem, weißem Papier im Format 280 × 218 mm. Prägung: „Dr. L. Kglm.“. Kugelmann hat die zunächst die vierte Seite vollständig, dann die erste Seite zur Hälfte beschrieben. Die übrigen zwei Seiten blieben vermutlich leer. Schreibmaterial: schwarze Tinte.
Von unbekannter Hand: Nummerierung der beschriebenen Seiten mit Bleistift: „59a–b“.
Zitiervorschlag
Louis Kugelmann an Karl Marx in London. Hannover, Donnerstag, 4. März 1869. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital, hg. v. der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://megadigital.bbaw.de/M0000959. Abgerufen am 24.10.2026.