Berlin, 22. Juli 1868.
Lieber Marx,
Beifolgend heute die letzte Correctur.
Alles Frühere habe ich seit heute wieder im Besitz, und dazu (für Guido Weiss) das Manifest & den Preßprozeß der N. Rh. Ztg. Morgen beginnt der Druck, und gegen Ende nächster Woche wird die Brochüre erscheinen.
Wenn Sie mir die heutige Correctur zurückschicken, so bemerken Sie gefälligst:
„per Expreß zu bestellen“,
damit ich die Correctur schon am Sonntag Vormittag zurückerhalte und der Montag nicht verloren geht.
Zur heutigen Sendung vor Allem eine Frage: neulich ging eine Correspondenz durch die deutschen Zeitungen, worin der „Salut public“ zu Lyon als „hochofficiöses“ Blatt bezeichnet, & ein Artikel über die Römische Frage aus diesem Blatt mitgetheilt wurde. Ist dies „hochofficiöse“ ein Irrthum? Soll ich vielleicht in einer Note darauf zurückkommen?
Ferner: sollte sich der Schluß nicht eignen, um einige Geißelung der Bourgeois-Presse und Bourgeois-Parteien in Deutschland einzuschieben? Anständig benehmen sich meines Wissens nur die Allg. Augsburger, Elberfelder Ztg & Hamburger Börsenhalle. Unanständig | dagegen grade die liberalen Bourgeois-Organe: Kölnische Ztg.; Wiener Neue Freie Presse, das officiöse Organ des Herrn von Beust; die Nationalzeitung, das einzige Organ der Nat. Liberalen, welche die Arbeiterbewegung aus der Weltgeschichte streichen will, dadurch, daß sie gewissenhaft von Redactions wegen selbst in ihren Correspondenzen Alles streicht, was an die sociale Frage heranstreift; die „Berliner Reform“, das 5te Rad am Wagen der Berliner Lokalblättchen Literatur, welche auf dem „Manifest“ herumreitet & dasselbe den petits Bourgeois ihres Leserkreises als Schreckbild des Communismus vorhält.
Endlich: sollte nicht der Hinweis statthaft sein, daß während die liberalen Zeitungen sich bereits compromittirt haben, die deutschen Regierungen sich noch nicht engagirt haben, und abgewartet werden muß, ob sie sich mit der Bourgeoisie zur Verfolgung & wo möglich gewaltsamen Unterdrückung der Bewegung der 4. Classe verbünden, oder, die Unmöglichkeit der Unterdrückung begreifend, sich ihr nicht feindlich entgegenstellen werden?
Sollte nicht eine derartige captatio angebracht sein, um in die Stellung der Parteien zur socialen Frage, zur Bewegung der 4. Classe Klarheit & Leben hineinzubringen? Den Gegensatz zwischen dem Interesse der Bourgeoisie und der durch die Klugheit gebotenen Politik der Regierungen | auf’s Schärfste hervorzukehren & auszusprechen?
Sollte sich nicht auch, um die Gegensätze noch entschiedener herauszustellen, das Capitel über den Bourgeois-Socialismus im Manifest hier im Schlußwort auszugsweise einflechten lassen?
Ich habe dies Alles beabsichtigt, aber es absichtlich unterlassen, um nicht zum Schluß eine unabsichtliche, nicht in die Taktik hineinpassende Tactlosigkeit zu begehen.
Sollte Ihnen dagegen ein derartiger Schluß conveniren, so theilen Sie mir darüber Ihre Ansicht mit, und schreiben Sie der Zeitersparniß wegen wo möglich die Art und Weise vor, wie & wo diese Passagen in den Schluß zu verweben sind.
Übermorgen wird aller Wahrscheinlichkeit nach der erste Arbeiter in den Reichstag gewählt (Cigarrenmacher Fritzsche, vide heutigen Social-Demokrat ). Es kommt jetzt Alles zusammen, der Bewegung dadurch, daß die Arbeiter selbst animirt werden, eine Ausdehnung & Bedeutung zu verschaffen, die der Bourgeoisie & den Regierungen über den Kopf wächst.
Freundschaftlichst IhrWm Eichhoff.
Zeugenbeschreibung und Überlieferung
Dieser Brief wird hier erstmals veröffentlicht.
Zeugenbeschreibung
Der Brief besteht aus einem Bogen mittelstarkem, weißem Papier im Format 285 × 220 mm. Die ersten drei Seiten hat Eichhoff vollständig beschrieben, die vierte Seite ist leer. Schreibmaterial: schwarze Tinte.
Von unbekannter Hand: Nummerierung des Briefes „27“.
Zur Beilage siehe „Anmerkungen zum Brief“. Die Beilage besteht aus einem Blatt mittelstarkem, weißem Papier im Format 142 × 220 mm. Die erste Seite wurde von Eichhoff vollständig, die zweite Seite zur Hälfte beschrieben. Schreibmaterial: schwarze Tinte. Archivvermerk auf der ersten Seite mit Bleistift: „Bei 101“.
Anmerkungen zum Brief
Vermutlich beantwortet Eichhoff einen nicht überlieferten Brief von Marx, geschrieben zwischen dem 18. und 22. Juli 1868 (Marx an W. Eichhoff, zw. 18. u. 22.7. 1868). Die Vermutung stützt sich auf die Beilage zum Brief mit den Zitaten aus dem preußischen Vereinsgesetz, dessen Bestimmungen Eichhoff in seinem Brief an Marx erwähnt (W. Eichhoff an Marx, 18.7.1868: „Das Manteuffel’sche Vereinsgesetz ... so verfallen sie ebenfalls dem Vereinsgesetz.“). Es ist nicht auszuschließen, dass Eichhoff die Bitte von Marx erfüllt und einige Passagen aus dem Text des Gesetzes anführt. Außerdem erwähnt Eichhoff die von Marx erhaltenen Broschüren („Alles Frühere habe ich seit heute wieder im Besitz ...“).
Zur überlieferten Beilage:
Wilhelm Eichhoff: Aus dem preuß. Vereinsgesetz von 11. März 1850.
H.: IISG, Marx-Engels-Nachlass, Sign. D 1211/D II 101. Fotosign. 10186c-d.
Zitiervorschlag
Wilhelm Eichhoff an Karl Marx in London. Berlin, Mittwoch, 22. Juli 1868. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital, hg. v. der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://megadigital.bbaw.de/M0000686. Abgerufen am 26.08.2026.