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Lieber Marx

Bald nach Deinem Letzten v. 26. Sept. brachte der Courr. Fr., wie Du gelesen haben wirst die Uebersetzung quaestionis der Vorrede. Quaeritur, ob und was auf dieser Bahn weiter zu versuchen und zu betreiben ist? Vorläufig will ich Dir den Inhalt meiner neulichen Unterredung mit Hess mittheilen. Er hat „das Buch“ nunmehr durchgenossen. Es seÿ in der Nationalökonomie was Kant’s „Kritische Vernunft“ in der Philosophie: Demolirung der alten Scholastik, Aufräumung des Schutts zur Introduktion einer neuen Aera etc. Auf meine Frage, was er von Deiner Hostilität contra Proudhon halte, sagte er, sie seÿ ganz gerechtfertigt, Proudhon seÿ im ökonomischen Fache nur ein Seiltänzer; seine Popularität im revolutionnären Frankreich seÿ nichts destoweniger eine wohlbegründete, weil er ein durch und durch revolutionnärer Charakter, ein ächt französischer Tÿpus seÿ; daher auch seine Glorifikation im Courr. Fr. zu erklären und zu rechtfertigen, was nicht hindern dürfe und wohl auch nicht werde, Dir dessen Spalten zu öffnen. Die Vulgarisation des Buchs in Frankreich | worauf ich nun das Gespräch hinlenkte, müße vor Allem angestrebt werden. Seine werkthätige (übersetzende) Cooperation scheint er sehr gern zur Verfügung zu stellen. Uebersetzung des Buchs respe von Theilen desselben müße geschrieben werden von einem Franzosen, gedacht und präparirt von einem Deutschen, der mit Deinem Ideeengang, Stÿle etc vertraut seÿ, und das seÿ er von Haus aus, um so mehr da er gewißermaßen Dein Vorläufer (Johannes?) seÿ, Briefe von Dir besitze, worin Du Dich zu dem von ihm damals ausgesprochenen Gedanken warm bekennest, daß das Capital krÿstallisirte Arbeit seÿ (Du scheinst ihm also zur Entdeckung des Steins der Weisen in Form des Crÿstalls gratulirt zu haben?) Kurz, er ergeht sich gern in der Ideeengemeinschaft mit Dir, und das kann man ihm ja lassen, meines Erachtens acceptiren und verwerthen zu obbesagter Werkthätigkeit. Mit dem Courrier steht er in Verbindung durch seinen Vetter Hirsch, der manchmal mit der vollen Wucht seines Geweihs gegen die Preußen einstürmt, die ihm sein Frankfurt weggenommen haben, überhaupt | deutsche Verhältniße im Courr. be- respe mißhandelt, deßhalb aber wohl noch nicht der richtige Collaborationsfranzos für Hess wäre, wozu sich eher der Oekonomist des Blattes (Dubois) eignen würde; übrigens dürfte Hess sich selbst und allein Manns genug halten, um dem Courr. was aus dem Buch zu recht zu machen. Hierzu würde er wohl zunächst reflektiren auf Deine Analÿse der englischen Fabrikinspektorsinquiries, die er für besonders verdienstvoll hält, weil dadurch höchst merkwürdige Aufschlüße und wichtiges Material in einer noch nicht dagewesenen Weise kritisirt und der Wissenschaft einverleibt werden; auch dürfte dieser Stoff am Leichtesten zu behandeln seÿn. Doch genug vom Courr. respe von Excerpten für selbigen. Die Hauptsache ist die französ. Uebersetzung des Buchs, welche also Hess zu übernehmen bereit scheint in Association mit einem Franzos, wie er sich ausdrückt, „Ehre und Gewinn“ dabei wohl im Auge habend. Wie wär es nun mit Reclus qua Franzos, der mit Hess befreundet ist, auch sein Organ La Coopération hat, darin also vorläufig präludiren könnte, und sich meines Erachtens in jeder Beziehung für die Sache eignen würde, | vielleicht sogar auch qua Deutscher (er hat in Heidelberg studirt), d. h. ohne die Hess’sche Collaboration wiewohl ich diese für more safe halten würde. Jedenfalls würde ich Dir rathen, ihm das Buch zu schicken. Ich könnte es ja überreichen, da ich ihn von dunnmals (beim Début der Internat. Assoc.) kenne, er mich warm einlud wieder zu kommen und über Sozialistisches mit ihm zu verkehren, ich ihm ohnedies von Becker , den er in Genf kennen lernte, Drucksachen zu bringen habe. Eben fällt mir ein, daß er ja Deiner Frau bei ihrem vorigen Hierseÿn warm die Hand drückte (there is no harm, es galt Dir, ich hab’s von ihr) um ihr zu sagen wie sehr er sich nach dem Erscheinen Deines Buchs sehne etc etc Du könntest ihm eigentlich ein Zettelchen schreiben; er gehört jedenfalls zu den wärmsten, vollblutigsten Sozialisten, ob zu den aufgeklärtesten weiß ich nicht. Wir müßen sorgen, daß noch vor der Revolution, die doch wohl bald hier ausbrechen wird (es ist ja lange keine mehr da gewesen) das Buch hier eingeführt und möglichst vulgarisirt werde. Mit bestem Gruß an Frau und Kinder

Dein
Schily

Zeugenbeschreibung und Überlieferung

Dieser Brief wird hier erstmals veröffentlicht.

Absender

Briefkontext

Zeugenbeschreibung

Der Brief besteht aus einem Bogen dünnem, graublauem Papier im Format 267 × 207 mm. Alle vier Seiten hat Schily vollständig beschrieben. Schreibmaterial: schwarze Tinte.

Archivsignatur des Moskauer Marx-Engels-Instituts (IMĖ): „Rj 1597<a–d>“.

Anmerkungen zum Brief

Schily beantwortet einen nicht überlieferten Brief von Marx vom 26. September 1867 (siehe „nach Deinem Letzten v. 26. Sept.“).

Marx übersandte den Brief am 28. November an Engels (siehe Marx an Engels, 28.11.1867 ) und erhielt ihn mit Engels’ Brief vom 30. November 1867 zurück (siehe Engels an Marx, 30.11.1867).

Marx antwortete Schily am 30. November 1867 (Marx an V. Schily, 30.11.1867).

 

Zitiervorschlag

Victor Schily an Karl Marx in London. Paris, Mittwoch, 27. November 1867. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital, hg. v. der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://megadigital.bbaw.de/M0000449. Abgerufen am 28.10.2026.

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