Inhaltsbeschreibung und Datierung
1Das vorliegende Heft enthält weitere Auszüge von Marx aus dem Lehrbuch „Das Ganze der kaufmännischen Arithmetik“ von Friedrich Ernst Feller und Carl Gustav Odermann. Inmitten der Exzerpte befinden sich einige längere Ausführungen von Marx zur ökonomischen Theorie, die isoliert unter der redaktionellen Überschrift „Über Profitrate, Kapitalumschlag, Zins und Rabatt“ bereits veröffentlicht worden sind (siehe MEGA II/14. S. 155–162). Diese Marxʼschen Kommentare werden nun im Kontext ihrer Entstehung in den Exzerpten aus „Das Ganze der kaufmännischen Arithmetik“ dargeboten (siehe unten). Außerdem wurde die Entzifferung geprüft und konnte an einigen Stellen noch einmal verbessert werden.
2Das Heft lässt sich nicht genau datieren, da es weder Datierungsnotizen enthält noch im Briefwechsel darüber gesprochen wird. Es besteht allerdings eine inhaltliche Kontinuität zu Heft II, die es wahrscheinlich macht, dass die vorliegenden Exzerpte im Anschluss an Heft III entstanden sind, das mit Exzerpten aus Feller/Odermann endet. Marx nimmt gleich zu Beginn der vorliegenden Exzerpte die in Heft II entwickelte Fragestellung nach dem Einfluss des Diskonts auf den Wechselkurs wieder auf (siehe unten).
3Zudem gibt es auch mindestens eine deutliche Überschneidung zwischen einer der längeren Bemerkungen zur ökonomischen Theorie, die Marx in den vorliegenden Exzerpten macht, und einem früheren Kommentar in seinen Exzerpten aus Kaufmans „Teorija i praktika bankovago dela“ in Heft I der vorliegenden Edition. Bei der Diskussion des Ursprungs der Revenuen benutzt Marx in beiden Fällen den Begriff „natürliche Monopole“ (S. [62]; Heft I, S. 31). Beide Male betont er, dass in Geschäftszweigen, die natürliche Monopole bilden (wie Eisenbahn-, Gas- und Wassergesellschaften), wegen den dort möglichen „Monopolpreisen“ ein Surplusprofit entsteht, der über dem Niveau des Durchschnittsprofits liegt. Die Ähnlichkeit der beiden Marxʼschen Ausführungen spricht für ihren ähnlichen Entstehungszeitraum.
4Die Zusammengehörigkeit der Exzerpte aus Feller/Odermann in den Heften III und IV wird zusätzlich noch dadurch gestützt, dass Marx im vorliegenden Heft an zwei Stellen auf die in Heft III behandelte Gesellschaftsrechnung zurückkommt und eine Vertrautheit mit ihr zeigt (S. [60]). In einer längeren Darlegung schreibt er etwa: „Bei Berechnung der allgemeinen Profitrate, so weit in Betracht kommen solche Surplusprofite, ist Rechnung wie bei Gesellschaftsrechnung, wo einzelne der Associés besondre Prämie neben dem mit den andern gleichen Antheil erhalten.“ (S. [63].)
5Wie Heft III enthält auch das vorliegende Heft weitere Exzerpte aus mathematischen Büchern. Weil Marx bei der Zinsrechnung auf Probleme der geometrischen und arithmetischen Progressionen gestoßen war, dazu jedoch bei Feller/Odermann keine Ausführungen fand, fertigte er Exzerpte zu dieser Problematik aus anderer Quelle an (S. [37]/[38]), wobei er wiederum auf die zusammengesetzte Zinsrechnung traf (S. [32]–[36]). Später machte Marx auf S. [71]–[88] weitere Auszüge aus mathematischen Schriften. Alle mathematischen Exzerpte werden in MEGA IV/30 veröffentlicht.
Friedrich Ernst Feller, Carl Gustav Odermann: Das Ganze der kaufmännischen
Arithmetik
6Fr[iedrich] E[rnst] Feller, C[arl] G[ustav] Odermann: Das Ganze der kaufmännischen Arithmetik. Für Handels-, Real- und Gewerbschulen, so wie zum Selbstunterricht für Geschäftsmänner überhaupt. 7., verm. und in Folge der im Münz- und Gewichtswesen eingetretenen Veränderungen z. Th. umgearb. Aufl. Leipzig 1859. (S. 1–15 und 39–71.)
7Zu dem Lehrbuch von Friedrich Ernst Feller und Carl Gustav Odermann und Marxʼ jahrelanger Beschäftigung damit siehe Entstehung und Überlieferung zu Heft III. In Heft III beschäftigte sich Marx mit der Gesellschafts- und der Alligationsrechnung, im vorliegenden Heft eignet er sich im ersten Teil der Exzerpte Grundlagen der Diskont-, Termin- und Wechselrechnung an (S. 1–15) sowie im zweiten Teil Grundlagen der Prozentrechnung und ihre Anwendung in der Spesen-, Gewinn- und Verlust-, Rabatt- und Zinsrechnung (S. 39–71).
8Marx setzt seine Exzerpte aus dem Lehrbuch von Feller/Odermann zunächst mit der selbst gewählten Überschrift „Einfluss v. Discont auf Wechselpari“ (S. 1) fort. Damit nimmt er das Thema aus seinen Überlegungen zum Wechselkurs in Heft II wieder auf. Dort schrieb er: „Einwirkung v. Discont auf Wechselkurs. Der Discont amount hängt ab, seine Rate gegeben, v. Zeitlänge. Er wirkt also auf den Wechselkurs bei terminweisen Wechsel, als ein kreditliches Element, welches Zu- od. Abschlag bewirkt; könnte eben so gut, getrennt vom Wechselkurs notirt werden; wirkt also in keiner Weise auf den bullionpoint ein, d. h. den Punkt, wo Bullionversendung, statt Zahlung in Wechseln eintritt. Dagegen wird bei Land mit Papiergeld mit der Expansion u. Contraction des letztern das Wechselpari selbst afficirt.“ (Heft II, S. 143.) Daran schloss Marx in Heft II Exzerpte aus Ernest Seyds „Bullion and Foreign Exchanges Theoretically and Practically Considered“ an, die er in Heft III fortsetzte. Jetzt nimmt er sich erneut das Buch von Feller/Odermann vor, in dem diese Problematik im Kapitel „Wechselrechnung“ behandelt wird.
9Um sich die Grundlagen für die gewünschte Aufgabenstellung zu vergegenwärtigen, springt Marx sogleich zurück zur „Diskontrechnung“ (S. 2–5) und dann zur „Terminrechnung“ (S. 6–9), ehe er auf S. 10 wieder bei der „Wechselrechnung“ angelangt ist und dort abermals in eigenen Worten die – mit der auf S. 1 der Sache nach identischen – Überschrift „Einfluss von discont auf Wechselpari“ setzt. Diese Problematik ist bei Feller/Odermann in das Kapitel „Wechselrechnung“ eingeschlossen (Feller/Odermann, S. 323). Marx schreibt hier nicht immer aus dem Lehrbuch ab, sondern nimmt Umstellungen, Einfügungen und Änderungen vor, vor allem bei Zwischenüberschriften. Anschließend wiederholt er den Stoff in einer eigenen Zusammenfassung (S. 11–13). Es folgen kurze Exzerpte zu den Wechselreduktionen (S. 14/15) und dann 16 unbeschriebene und unpaginierte Seiten.
10Nach einigen Exzerpten aus anderen mathematischen Büchern beschäftigt sich Marx im zweiten Teil der Exzerpte aus Feller/Odermann im vorliegenden Heft mit der Prozentrechnung (S. 39–71). Wahrscheinlich beschrieb er zuerst Seite [43] mit drei Wegen des Aufsuchens der Prozente, unterbrach diese Exzerpte dann und exzerpierte auf den Seiten [42], 41, [40] und 39 die zunächst übersprungene allgemeine Formel der Prozentrechnung, um anschließend auf S. [43] die unterbrochenen Exzerpte bis S. [71] zur Prozent-, Rabatt- und Zinsrechnung fortzusetzen. Deutlich wird hier Marxʼ Bedürfnis, sich die Ausführungen von Feller/Odermann an seine eigenen Begrifflichkeiten anzupassen (S. 40). Schon über die Terminrechnung bemerkte er in eigenen Worten: „Oekonomisch nur wichtig f. die Berechnung der Umschlagszeit eines Capitals (auch des gesellschaftlichen), dessen verschiedne Bestandtheile verschiedne Umschlagszeiten haben.“ (S. 6.)
11Auch Marxʼ sechs längere Kommentare zur ökonomischen Theorie zeugen von dem Versuch, sich den mathematischen Stoff für seine eigenen theoretischen Vorhaben nutzbar zu machen. Gleich im ersten Kommentar bemerkt Marx: „Die einzige Rabbattrechnung, die anwendbar für wissenschaftliche Zwecke bei „Capital“ ist die der Buchhändler“ (S. 50).
12Marxʼ Kommentare stehen alle im letzten Teil „Anwendung von Procentrechnung“, die Marx im Anschluss an Feller/Odermann in „A) Berechnung v. Provision, Courtage, Assekuranzprämie u. andre Spesen“, „B) Gewinn- u. Verlustrechnung“, „C) Rabattrechnung“ und „D) Zinsrechnung“ unterteilt. Sie behandeln Probleme des zweiten und dritten Buchs des „Kapital“ und zeigen, dass Marx insbesondere die Zinsrechnung für die Fertigstellung des dritten Buchs nutzen wollte.
13Im bereits zitierten ersten Kommentar diskutiert Marx ausgehend von der Rabattrechnung die Verteilung des Mehrwerts zwischen Produzenten und Händlern (S. 50) und im zweiten Kommentar ausgehend von der Zinrechnung die von Feller/Odermann vorgebrachte Begründung für die Existenz des Zinses (S. [54]/55).
14Im dritten Fall stellt Marx mitten in seinen Exzerpten zur Berechnung der einfachen Zinsen Überlegungen zur Berechnung der allgemeinen Profitrate des gesellschaftlichen Kapitals an. Für den Ausgleich der Profitrate müssten verschiedene Größen der Kapitalauslage, Mehrwertrate und Umlaufszeit berücksichtigt werden. Natürliche Monopole könnten dagegen einen Surplusprofit abwerfen, der sich dann zur Grundrente „befestigt“. Wie bemerkt, kam Marx auf die Bedeutung von natürlichen Monopole für die allgemeine Profitrate schon in Heft I zu sprechen. Er erwähnte dabei auch das „allgemeine Gesetz der Profitrate“ als einer „Tendenz […] zu fallen“ (Heft I, S. 30/31).
15Im vierten Kommentar am Ende der Exzerpte zur Berechnung der einfachen Zinsen behandelt Marx die Profitgröße von zwei unterschiedlich großen Kapitalen mit verschiedenem Umschlag (S. 65). Im fünften geht es um die Geschwindigkeit der Akkumulation in Abhängigkeit von Kapitalgröße, Umschlag und Profitrate (S. [66]). Schließlich kommt Marx in seiner sechsten längeren Ausführung auf die Terminrechnung zurück und schreibt, dass diese bei der „Berechnung der mittleren Profitrate für gesellschaftliches Kapital, wo die einzelnen Kapitalien ungleich gross u. ungleiche Umlaufszeit haben“ (S. [69]) anzuwenden sei.
Zeugenbeschreibung
- H Originalhandschrift: IISG, Marx-Engels-Nachlass, Sign. A 101/A 83e.
- Beschreibstoff: Selbstgefertigtes Heft von 22 Bogen (gleich 88 Seiten), graues Papier im Format 202 × 170 mm. Äußerer Bogen dient als Umschlag.
- Zustand: Gut erhalten, von Umschlag linke untere Ecke abgerissen, Seitenkanten leicht beschädigt. Beschriebene Seiten leicht bräunlich verfärbt.
- Schreiber: Marx.
- Schreibmaterial: Schwarze Tinte.
- Beschriftung: S. 1–14 vollständig beschrieben, S. 15 zu einem Drittel. S. [32]−[85] (dritte Umschlagseite) vollständig, S. [86] (vierte Umschlagseite) zur Hälfte.
- Paginierung: S. 1 und 8–15 mit Tinte, S. 2–7 mit Bleistift.
- Vermerke fremder Hand: Fotosign. der beschriebenen Seiten des Heftes IU 1–70 und der Seiten der vorliegenden Texte IU 34, 38, 39, 46, 47, 49, 50 und 53. Auf S. 1 Archivsign. A 83e. Alle Vermerke mit Bleistift. Auf ungeraden Seiten und S. 16 Archivstempel des IISG.
Zitiervorschlag
Timm Graßmann: Entstehung und Überlieferung zu Heft IV (1878). In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital, Bd. IV/25, hg. v. der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://megadigital.bbaw.de/M7770333. Abgerufen am 08.08.2026.