Inhaltsbeschreibung und Datierung
1Das vorliegende Heft X schließt unmittelbar an das vorangegangene Heft IX an und enthält die Fortsetzung der dort im Januar/Februar 1878 begonnenen Exzerpte aus John Peter Gassiots Schrift „Monetary Panics and their Remedy“. Es enthält Exzerpte aus vier Schriften von drei Autoren. Auf den vorderen Innendeckel schrieb Marx ein Inhaltsverzeichnis und einige bibliographische Notizen (S. [0]). Er betitelte das Heft dort mit „I)“; wahrscheinlich hatte er es zunächst für einen anderen Zweck vorgesehen. Gemäß der Reihenfolge der in dem vorliegenden Band (MEGA IV/25) veröffentlichten Exzerphefte wird es redaktionell als Heft X geführt.
2Für das Heft gibt es keine Datierungsnotiz von Marx oder Engels. Nach Abschluss der Exzerpte aus Gassiots „Monetary panics“ (S. 1–3) exzerpierte Marx eine zehn Jahre später erschienene Schrift dieses Autoren (S. 4–7). Es folgen Auszüge aus Bethel Henry Strousbergs autobiographischem Werk „Dr. Strousberg und sein Wirken von ihm selbst geschildert“ (S. 7–9), die unvermittelt abbrechen. Von Februar bis April 1879 war Marx’ Frau schwer krank; auch Marx’ Gesundheitszustand verschlechterte sich so sehr, dass er zeitweise arbeitsunfähig war. Möglicherweise brach er aus diesem Grund seine Exzerpte aus „Dr. Strousberg und sein Wirken von ihm selbst geschildert“ ab. Vermutlich gedachte er zunächst, diese später fortzusetzen, denn, nach vielen unbeschriebenen Seiten, stehen am Ende des Hefts (S. 38–40) Auszüge aus „De la démocratie dans ses rapports avec l’économie politique“ von Henri-Charles Mailfer, einem 1878 erschienenen Buch. Diese könnten erst später, bis vermutlich Mitte des Jahres 1879 entstanden sein.
3Auf S. 40 machte Marx einige bibliographische Notizen, die mit den Themen des Hefts in Verbindung stehen: Aktienwesen, Kredit, Krisen. Die vermerkten Titel stammen u. a. von Clément Juglar, Émile de Laveleye und Bethel Henry Strousberg. Zu den ersten beiden Titeln gab Marx die Signatur der Bibliothek des British Museum an, er hatte sie also dort recherchiert.
John Peter Gassiot: Monetary Panics and their Remedy
4 John P. Gassiot: Monetary Panics and their Remedy, with Opinions of the Highest Authorities on the Bank Charter Act. 2. Ed., enlarged. London 1867. (S. 1–3.)
5Marx beendet hier die in Heft IX begonnenen Auszüge. Siehe Entstehung und Überlieferung.
John Peter Gassiot: London and Westminster Bank. Address to the
Shareholders
6 John P. Gassiot: London and Westminster Bank. Address to the Shareholders, on their Being Unjustifiably Deprived of the Moiety of their Dividend, July Last Year, and Proposing that the Directors of the London and Westminster Bank Be Authorized to Pay the Amount out of the Reserve Fund. [London] 1876. (S. 4–7.)
7Den 14-seitigen Vortrag schätzt Marx gleich zu Beginn seines Exzerpts als „höchst charakteristisch für das Directorium der Actiengesellschaften“ (S. 4) ein. Weiter schreibt er: „Es ist eine Adresse, die Gassiot, selbst kurz vorher einer der Directoren der London u. Westminster Bank – der grössten Bank in England ausser B. o. E. – an die Actionärgesellschaft derselben hielt. Die Naivetät seiner Erzählung lässt nichts zu wünschen übrig.“ (S. 4.) Den Vorwurf der Naivität wiederholt Marx noch einmal an der Stelle, an der Gassiot behauptet, von den praktischen Vorgängen des Bankgeschäfts noch nichts verstanden zu haben, als er im Jahr 1862 zu einem der Direktoren der London and Westminster Bank ernannt wurde. Zum Zeitpunkt seines Vortrags hatte Gassiot diese Position, der 1875 in den Ruhestand eintrat, nicht mehr inne. In seinem Vortrag erinnert er an die Vorgänge und sein Verhalten in der Krise von 1866.
8Marx interessiert sich vor allem für das Agieren der Bank in der Finanzkrise von 1866. Gassiot beschreibt die „lender of last resort“-Operation der Bank of England: Diese lieh der London and Westminster Bank 500 000 Pfund Sterling (wohl in Form von Banknoten der Bank of England) gegen bei der London and Westminster Bank liegende Wechsel im Wertbelauf von 1 Million Pfund Sterling, die als Sicherheit in der Bank of England deponiert wurden. Gassiot bemerkt nun, dass diese Transaktion nicht in den Büchern der London and Westminster Bank verzeichnet worden war, sondern außerhalb des Protokolls blieb, obwohl (wohl gerade weil) sie präzedenzlos in der Geschichte der Bank war. Marx’ Charakterisierung der Schrift als „naiv“ bezieht sich daher wohl nicht nur auf Gassiots selbst eingestandenes Unverständnis des Bankgeschäfts, sondern zusätzlich noch darauf, dass dieser den Aktionären auf deren Versammlung seine Unwissenheit vor allem deshalb vorstellt, um dadurch seine Unschuld zu versichern.
Bethel Henry
Strousberg:
Dr. Strousberg und sein Wirken von ihm selbst geschildert
9 [Bethel Henry Strousberg:] Dr. Strousberg und sein Wirken von ihm selbst geschildert. Mit einer Photographie und einer Eisenbahn-Karte. Berlin 1876. (S. 7–9.)
10Auf S. 7–9 macht Marx Auszüge aus dem Buch des namhaften deutschen Eisenbahnbauunternehmers Bethel Henry Strousberg, der zu Lebzeiten als der „Eisenbahnkönig“ bekannt war. Über Strousberg schrieb Engels Marx bereits 1869 anerkennend, aber wohl nicht ohne Ironie, er sei der „größte Mann in Deutschland“. Engels führte dies wie folgt aus: „Er kauft jetzt alle möglichen industriellen Etablissements auf, & reduzirt überall sofort die Arbeitszeit auf 10 Stunden, ohne den Lohn herabzusetzen. Dabei hat er das klare Bewußtsein daß er als ein ganz armer Schlucker endigen wird. Sein Hauptprinzip ist: nur Actionäre zu prellen, mit Lieferanten & andern Industriellen aber coulant sein.“ (Engels an Marx, 5. September 1869.) Auf Strousberg, der nicht unmittelbar im Gründerkrach, sondern erst 1875 Bankrott machte, hatte auch Marx in der zweiten deutschen Ausgabe des ersten Bands des „Kapital“ – die Ende 1872, noch vor dem Gründerkrach erschien – verwiesen und ihn dort als eine Art Weiterentwicklung des englischen Eisenbahn-Kontraktors Samuel Morton Peto beschrieben, der im Zuge der Krise von 1866 Pleite ging (MEGA II/6. S. 241; siehe Einführung zu MEGA IV/19). Marx legte damit nahe, dass die vorwiegend auf England beschränkte Krise von 1866 der zukünftigen Krise in Deutschland ähneln würde. Strousberg galt in Deutschland zwar als Erfinder eines neuen Systems von Eisenbahnbauunternehmungen, der sogenannten „Generalentreprise“. Aber Marx betonte im „Kapital“ – wie auch Strousberg selbst in seinem Buch – eine Kontinuität mit der englischen Praxis, die Strousberg vielmehr in Preußen in großem Stil einführte und an die lokalen Gegebenheiten anpasste.
11Auf Strousberg wurde Marx erneut im Rahmen seiner Studien von 1877 bis 1879 zum Aktienwesen und zum Gründerkrach aufmerksam. Wahrscheinlich erfuhr er aus Otto Glagaus „Der Börsen- und Gründungs-Schwindel in Deutschland“ von Strousbergs Autobiographie.Siehe Otto Glagau: Der Börsen- und Gründungs-Schwindel in Deutschland. (Zweiter Theil von „Der Börsen- und Gründungs-Schwindel in Berlin“.) Leipzig 1877. S. 57. Schließen [1] In der Folge übertrug Marx den Titel in sein Notizbuch aus den Jahren 1877 bis 1881 und recherchierte über Strousberg in den Beständen der Bibliothek des British Museum (siehe Notizbuch aus den Jahren 1878 bis 1879, S. 6/7). Der „kolossale rumänische Eisenbahnschwindel“ Strousbergs wird auch in seinen Exzerpten aus Heinrich Joachim Gehlsens Schrift „Das kleine Buch vom Grossen Bismarck Buch über Bismarck“ (siehe dort, S. 155) erwähnt. Engels hatte in einem Brief an Wilhelm Bracke am 24. April 1877 im Zusammenhang mit dem Russisch-Türkischen Krieg die ironische Bemerkung gemacht: „Welch ein Verdienst hat Strousberg sich erworben, indem er die rumänischen Eisenbahnen so prächtig unsolid baute, daß sie schon jetzt den Russen den Dienst versagen.“ Im Entwurf des Briefs an August Bebel, Wilhelm Liebknecht, Wilhelm Bracke u. a. vom 17./18. September 1879 bemerkte Engels, dass Strousberg wie alle Menschen nur ein Kind seiner Zeit sei, was jedoch kein „hinlänglicher Entschuldigungsgrund“ (MEGA I/25. S. 183) sei, ihn von einer Polemik auszunehmen. Anfang Juni 1879 exzerpierte Marx das Buch „Politische Gründer und die Corruption in Deutschland“ (Leipzig 1877) von Rudolph Meyer , in dem u. a. auf den Seiten 38–41 das „System Strousberg“ vorgestellt wird (siehe Heft XI).
12Aus dem fast 500-seitigen Buch „Dr. Strousberg und sein Wirken von ihm selbst geschildert“ exzerpiert Marx vor allem aus dem vierten Kapitel „System Strousberg“. Strousberg galt der deutschen Öffentlichkeit häufig ein Sündenbock für den Gründerkrach: Otto Glagau kritisierte in der „Gartenlaube“ Strousberg scharf und auch der liberale Abgeordnete Eduard Lasker griff im Abgeordnetenhaus ein „System Strousberg“ an, jedoch ohne dieses näher zu charakterisieren. An anderer Stelle bezeichnete Marx Laskers Polemik als eine „pathetische Anticorruptionsdeclamation“ (Heft IX, S. 11). In seinem eigenen Buch versuchte Strousberg sein Handeln durch eine detaillierte Beschreibung seiner Zeit als „Generalunternehmer“ von Eisenbahnen zu verteidigen. Er bestritt, ein „Gründer“ gewesen zu sein; für die Krise von 1873 machte er vielmehr die Abgeordneten des Reichstags und das Versagen von Aufsichtsbehörden verantwortlich: „Die Krisis zu schaffen oder gar zu befördern, – weil diese der Genesung vorhergehen muss, – wird selbst der eifrigste Homöopath nicht versuchen, – denn damit kann man den Kranken tödten, jedenfalls ihn schädigen. Dies aber haben die Herren im Abgeordnetenhause getan“ (Strousberg, S. 50). In diesem Zusammenhang beschreibt er im zweiten Kapitel anhand der Berliner „Häuserspeculation“ Ursache und Wirkung von Kreditblasen.
13Marx interessiert sich in erster Linie für Strousbergs eigene Charakerisierung seines „Systems“. In diesem wurde der gesamte der Bau von Eisenbahnlinien (Erdarbeiten, Tunnel, Brücken, Gleisanlagen, Bahnhöfe, Lokomotiven und Waggons zur Personen- und Güterbeförderung, Post- und Telegrafenverbindungen usw.) durch einen Generalunternehmer ausgeführt, der als Gegenleistung kein Geld, sondern die Aktien der zu begründenden Eisenbahngesellschaft erhielt und mit diesen „unter pari“, das heißt unter ihrem Nennwert, auf dem Geldmarkt handeln konnte. Strousberg umging damit die Bestimmung des preußischen Handelsgesetzbuchs, wonach eine Gesellschaft keine Actien „unter pari“ veräussern durfte. Weil sein Exzerpt mitten im Satz abbricht und die folgenden Seiten des Hefts leer geblieben sind, hatte Marx wahrscheinlich zunächst beabsichtigt, weitere Auszüge aus dem Buch anzufertigen, dies dann jedoch, womöglich krankheitsbedingt, unterlassen.
14Der Beginn seines Exzerpts zeigt eine größere Vertrautheit von Marx mit der Publizistik Strousbergs: Er verweist auf eine Publikation desselben aus dem Jahr 1852, die „Bethel Henry sich jedoch hüthet zu citiren“ (S. 7). Strousberg weilte Anfang der 1850er Jahre in London und besuchte damals – wie Marx – die Bibliothek des British Museum. Es ist durchaus denkbar, bleibt gleichwohl spekulativ, dass sie sich damals persönlich begegnet waren. Jedenfalls befand sich in Strousbergs privater Bibliothek, die 1876 zwangsversteigert wurde, eine Ausgabe der ersten Auflage des ersten Bands des „Kapital“ (Catalog der Strousberg’schen Bibliothek nebst einer Anzahl von Kunstgegenständen … Berlin [1876]. Nr. 427.). Den Sammelband, in dem Strousbergs Aufsatz über Lebensversicherungen in England publiziert worden war, notiert Marx in den bibliographischen Notizen am Ende des vorliegenden Exzerpthefts, und zwar mit der Signatur der Bibliothek des British Museum. Seine Bemerkung dazu – „Dies auch wieder nachzusehn. Baruch Strousbergs u. andrer Pamphlets über Assurance Cos. in demselben vol.“ (S. 40) – deutet ebenfalls auf seine Absicht einer weiteren Beschäftigung mit Strousberg als einer wichtigen Figur des Aktienwesens hin. Über Strousberg bemerkte Marx in seinen Exzerpten aus Ilarion Ignat’evič Kaufmans „Teorija i praktika bankovago dela“: „Dieser Specialisation wird abgeholfen durch Direktoren v. Aktiengesellschaften, die jedes Geschäft nicht kennen u. daher in einer Unzahl verschiedner Geschäfte gleichzeitig agiren können, durch Erfindung des Universalgenies à la Stroussberg“ (Heft I, S. 9).
Henri-Charles Mailfer: De la démocratie dans ses rapports avec l’économie
politique
15 H.-C. Mailfer: De la démocratie dans ses rapports avec l’économie politique. Paris 1878. (S. 38–40.)
16Marx fertigt die Auszüge auf den Heftseiten 40, 39 und 38 (in dieser Reihenfolge) an. Gleich zu Beginn seines kurzen Exzerpts charakterisiert er die Schrift als die „Eselei eines bourgeois-demokratisirenden Idioten“ und beschwert sich über deren Umfang: „und dazu 505 p.!“ (S. 40.) Er sieht das Buch gestützt auf die Ideen des liberalen Ökonomen Frédéric Bastiat, die er schon früher kritisiert hatte (siehe MEGA II/1). Er exzerpiert eine Statistik über die Entwicklung der Staatsschulden in Europa, eine Annekdote über das Wirken von Jean Law sowie einige Ideen Mailfers über Sozialismus, Lohnarbeit, Kredit und die französische Agrikultur, über die Mailfer negative Bemerkungen macht.
Anmerkungen
- [1]Siehe Otto Glagau: Der Börsen- und Gründungs-Schwindel in Deutschland. (Zweiter Theil von „Der Börsen- und Gründungs-Schwindel in Berlin“.) Leipzig 1877. S. 57.
Zeugenbeschreibung
- H Originalhandschrift: IISG, Marx-Engels-Nachlass, Sign. B 154/B 138.
- Beschreibstoff: Schulheft mit kartoniertem Umschlag, Außenseiten grünblau, Innenseiten weiß. Format: 229 × 183 mm. Erste Umschlagseite bedruckt mit einem Zierrahmen und einem Textaufdruck, wovon nur noch THE lesbar, da von Engels mit einem Etikett im Format 131 × 128 mm überklebt. Letzte Umschlagseite bedruckt mit Arithmetical tables und Multiplication tables. Darin eingeheftet 20 Blatt (= 40 Seiten) mittelstarkes, glattes, weißes Papier, hellblau liniert. Format wie Umschlag. Als Wasserzeichen nur helle Linien im Abstand von 26 mm. Im Heft hinten zwei Papierstreifen (133 × 47 mm) eingelegt, die jeweils oben den eigenhändigen Namenszug Karl Marx tragen.
- Zustand: Gut erhalten, Papier leicht vergilbt, an den Außenrändern etwas nachgedunkelt, Ecken umgeknickt. Umschlag an den Außenseiten leicht verschmutzt. Keine Textverluste.
- Schreiber: Marx, Engels (nur Etikett).
- Schreibmaterial: Schwarze, bräunlich verfärbte Tinte.
- Beschriftung: Vorderdeckel beidseitig (teilweise), S. 1–9 und 38–40 (S. 3, 40 und 38 teilweise), S. 10–37 leer (bis auf Paginierungsziffern).
- Paginierung: Marx paginierte von 1–40 mit Tinte (einige Ziffern später von fremder Hand mit Bleistift nachgezogen).
- Vermerke fremder Hand: Archivstempel IISG, Sign. B 138; Fotosign. Bb 0a, 0b, 1 - Bb 40.
Zitiervorschlag
Timm Graßmann: Entstehung und Überlieferung zu Heft X (1879). In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital, Bd. IV/25, hg. v. der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://megadigital.bbaw.de/M1613568. Abgerufen am 08.08.2026.
Inhaltsverzeichnis
- Inhaltsbeschreibung und Datierung
- John Peter Gassiot: Monetary Panics and their Remedy
- John Peter Gassiot: London and Westminster Bank. Address to the Shareholders
- Bethel Henry Strousberg: Dr. Strousberg und sein Wirken von ihm selbst geschildert
- Henri-Charles Mailfer: De la démocratie dans ses rapports avec l’économie politique
- Zeugenbeschreibung