Inhaltsbeschreibung und Datierung

1Zwischen Anfang Oktober 1878 und ungefähr Januar/Februar 1879 erstellte Marx eine Gruppe von fünf Exzerptheften, in denen die beiden Werke des italienischen Ökonomen Pietro Rota über die Geschichte der Banken und über die Prinzipien der Bankwissenschaft im Mittelpunkt stehen. Von Rota erfuhr Marx durch Ilarion Ignat’evič Kaufman. Der erste Teilband von dessen „Исторія банковъ“ („Geschichte der Banken“; St. Petersburg 1877) enthielt dessen Teil-Übersetzung von Pietro Rotas „Storia delle banche“. Marx griff dann selbst zu Kaufmans Quelle, Rotas „Storia delle banche“, aus der er über drei Hefte (Hefte V bis VII) hinweg exzerpierte. Im Anschluss nahm er sich ein weiteres Werk Rotas vor und fertigte Auszüge aus dessen „Principj di scienza bancaria“ an (Hefte VIII und IX).

2Das vorliegende Heft bildet den Auftakt dieser Serie. Es enthält insgesamt fünf Exzerpte aus den Schriften von fünf Autoren. Mit Georges Perrot spürt Marx einer Quelle nach, auf die er bei Rota stieß und mit der er den bei Rota dargestellten Stoff anreichert. Neben kurzen Auszügen aus Karl Dietrich Hüllmanns „Deutsche Finanz-Geschichte des Mittelalters“, die Marx in Heft VII ausführlicher exzerpiert, sieht er sich jeweils eine Schrift der italienischen Ökonomen Antonio Ciccone und Giuseppe Ricca-Salerno an. Seine Beschäftigung mit der zeitgenössischen italienischen politischen Ökonomie setzte er im folgenden Heft VI fort.

3Neben Kreditgeschichte und italienischer politischer Ökonomie untersucht Marx im vorliegenden Heft außerdem die Rezeption seines „Kapital“ in Italien. Er las mindestens drei Autoren, die auf den ersten Band des „Kapital“ zu sprechen kamen. Im Vorwort zum ersten Band des „Kapital“ teilte Marx mit, ihm sei „[j]edes Urtheil wissenschaftlicher Kritik […] willkommen“ (MEGA II/5. S. 15). Das vorliegende Heft zeigt, dass er keinem seiner drei seiner Rezipienten, die das „Kapital“ auf unterschiedliche Weise kritisierten, etwas abgewinnen konnte: „Was der Ricca-Salerno über mich (i. e. ‚Das Kapital‘) sagt, ist alles bosh, wie das was Lampertico , Ciccone u. tutti quanti. Den Ricca-Salerno betrübt namentlich, dass ich das seiner Natur nach ehrwürdige ‚Capital‘ verantwortlich mache für historische Zufälle.“ (S. 29.)

4Ricca-Salerno war wie auch Pietro Rota ein Schüler von Luigi Cossa, der selbst wiederum in Berlin bei Adolph Wagner studiert hatte und die Ideen der historischen Schule in Italien verbreitete. Ricca-Salerno warf Marx vor, das Kapital zu kritisch zu sehen und historische Unfälle auf die Negativität des Kapitals zurückzuführen (siehe unten). Ciccone dagegen griff die Mehrwerttheorie an: Marx habe aus richtigen Prinzipien die falschen Schlüsse gezogen; außerdem verändere sich die Wertgrösse nicht in der Produktion, sondern durch den Austausch (siehe unten). Fedele Lampertico wiederum kritisierte in seinem Buch „Economia dei popoli e degli stati. Introduzione“ (Milano 1874)Dort bietet Lampertico innerhalb des Kapitels „Nozioni del valore“ auf S. 256–263 eine Kritik der „Teoria del Marx“. Diese Schrift exzerpierte Marx nicht, aber notierte ihren Titel zu Beginn des vorliegenden Hefts (S. [0]). Schließen [1] die Werttheorie selbst, wonach der Wert allein auf Arbeit zurückzuführen sei, als fehlerhaft. Lampertico schlug stattdessen eine Theorie der Produktionskosten vor, welche die Rolle der Natur („il valor naturale delle cose“) und des Menschen bei der Wertbildung nicht vernachlässigen würde. Außerdem unterstellte er Marx’ Methode der Abstraktion eine Reduktion der ökonomischen Bewegung auf Zeit sowie eine Vernachlässigung des Raums. Zeit und Arbeit seien nicht abstrakt, sondern konkret: verschiedene Gesellschaften seinen unterschiedlich entwickelt. Der Vorwurf, dass Marx von konkreten Umständen wie dem Entwicklungsstand einer Volkswirtschaft abgesehen habe, zeigt Lamperticos Nähe zur historischen Schule, die eher historische und nationale Besonderheiten betonte, von denen Marx zu Unrecht abstrahiert habe. Marx selbst hatte allerdings im Vorwort zum ersten Band des „Kapital“ betont, nicht „den höheren oder niedrigeren Entwicklungsgrad der gesellschaftlichen Antagonismen, welche aus den Naturgesetzen der kapitalistischen Produktion entspringen“, sondern „diese Gesetze selbst“ (MEGA II/5. S. 12) untersuchen zu wollen.

5Die fünf Schriften hat Marx im vorliegenden Heft abwechselnd exzerpiert. Er hatte sich in der Bibliothek des British Museum die Schriften von Rota, Ciccone, Ricca-Salerno und Hüllmann ausgeliehen und wollte zunächst parallel daraus Auszüge anfertigen und in diesem Heft zusammenführen. Er hatte vor dem Exzerpieren vorgesehen, ab S. 1 Rotas, ab S. 6 Ciccones, ab S. 29 Ricca-Salernos und ab S. 31 Hüllmanns Schrift auszuwerten. Jedoch benötigte er mehr Platz als zunächst vorgesehen, was die zersplitterte Anordnung der Exzerpte erklärt. Beim Exzerpieren des ersten Kapitels aus dem Buch von Rota stieß Marx auf die Abhandlung von Georges Perrot über das Bankwesen im antiken Griechenland. Er reservierte für dieses „Intermezzo“ einen Teil der Seite 2 und die Seite 3 des Hefts. Da dieser Platz dann nicht ausreichte, nutzte er die Seiten 9–11 und exzerpierte teilweise im Wechsel mit Auszügen aus Ciccones Schrift (S. 6–8 und 11/12). Später dann werden S. 28 die Exzerpte aus Rota unterbrochen, weil Marx die folgende Seite 29 schon mit Exzerpten aus dem Buch von Ricca-Salerno beschrieben hatte; die Fortsetzung der Exzerpte aus Rotas Buch erfolgt auf dem freien Platz der Seite 12, von der zwei Zeilen schon mit dem Schluss der Auszüge aus Ciccones Buch beschrieben waren.

6Das vorliegende Heft ist von Marx selbst datiert worden: „Begonnen 8 October 1878“ (S. [0]). Da er den Beginn des unmittelbar folgenden Hefts VI auf 20. Oktober 1878 datierte, muss das vorliegende Heft V innerhalb von zwölf Tagen entstanden sein.

Pietro Rota: Storia delle banche

7 Pietro Rota: Storia delle banche. Milano 1874. (S. 1/2, 4/5, 12–28, 30, 32–37 und 39)

8 Pietro Rota war ein Schüler von Luigi Cossa, dem das Buch gewidmet ist und dessen Schrift „Guida allo Studio dell’Economia Politica“ sich Marx im nächsten Heft (Heft VI) vornimmt. Rota studierte in Pavia, wo Cossa seit 1858 den Lehrstuhl für politische Ökonomie inne hatte und die Ideen der deutschen historischen Schule verbreitete. Auf dem Titelblatt der vorliegenden Schrift wird Rota als Professor für Sozialökonomie am Istituto Tecnico di Milano vorgestellt; später war er Professor an der Universität in Genua. Er war außerdem drei Jahre lang Direktor bei der genossenschaftlichen Banca Popolare di Milano, die 1865 von seinem Freund Luigi Luzzatti gegründet wurde und die wahrscheinlich von den Kreditvereinen des deutschen Sozialreformers Hermann Schulze-Delitsch inspiriert war. Rota selbst stammte aus einfachen Verhältnissen und dachte offensichtlich, das Bankwesen zum Wohle der Arbeiterklasse einsetzen zu können, wenngleich er zwischen den Zeilen des vorliegenden Buchs für die Bankenfreiheit eintrat. Er starb noch vor seinem 30. Geburtstag und hatte bis dahin bereits mindestens drei Bücher vorgelegt: „La cooperazione; studj di scienza sociale“ (Milano 1868), „Principj di scienza bancaria“ (Milano 1872) und „Storia delle banche“ (Milano 1874).

9Im Vorwort der vorliegenden Geschichte der Banken erörtert Rota Schwierigkeit, Neuartigkeit und Bedeutung seines Unternehmens. Es sei das Studium der Geschichte und der Entwicklung von Institutionen, das ein Verständnis ihrer Gesetze und Ziele ermöglicht. Sein praktisches Interesse sei es, Erkenntnisse über die noch die Gegenwart bestimmenden Kreditinstrumente wie Kontokorrent, Scheck, Wechsel und Banknote zu gewinnen. Dazu will er sich nicht auf Abstraktionen stützen, sondern Lehren aus der detail- und faktenreich dargebotenen Geschichte ziehen. „Senza l’aiuto della storia noi cadiamo facilmente in astruserie, che ci tolgono il veder chiaro nelle questioni, ci inclinano a formare progetti impossibili e ci riducono a disperdere in inutili tentativi forze d’ingegno e di volontà, che saggiamente dirette avrebbero potuto condurci a magnifici risultati.“ (Rota, S. 4.)

10In der Ausführung seiner „Storia delle banche“ bietet Rota eine Geschichte der Kreditinstitute in der Reihenfolge der Nationen, die einander in der Entwicklung des Bankwesens folgten: Antikes Griechenland und Rom (Kapitel 1), die Privat- und öffentlichen Banken im italienischen Mittelalter (Kapitel 2 bis 5), die Handelsbanken von Holland und Deutschland zu Beginn des 17. Jahrhunderts (Kapitel 6), die Bank of England und die Erfindung der Banknote (Kapitel 7), John Law und die Agiotage (Kapitel 8), Vereinigte Staaten von Amerika (Kapitel 9), Frankreich (Kapitel 10), die Banken in Belgien, Deutschland, Österreich, der Niederlande und Russland (Kapitel 11) sowie der gegenwärtige Zustand in Italien (Kapitel 12). Rota denkt die Geschichte der Banken als einen Lernprozess, spricht von Fortschritt („progresso“) und Vervollkommnung („perfezionamento“). Italien habe andere in der Kunst des Kredits gelehrt, um dann wiederum selbst von seinen Schülern zu lernen. Die Bank sei das „große Instrument des wirtschaftlichen Fortschritts und der Zivilisation“ (Rota, S. 407). Seine Geschichte ist mit Ausnahme der Vereinigten Staaten auf Europa konzentriert: Babylon, China und Byzanz etwa kommen nicht systematisch vor, obwohl Rota beiläufig erwähnt, dass Francesco Balducci Pegolotti, ein florentinischer Kaufmann der Compagnia dei Bardi, auf seiner Reise nach China im ersten Drittel des 14. Jahrhunderts dem Gebrauch von Papiergeld in Peking begegnete (S. 12 u. 17). Marx warf später, nach seiner Lektüre von Hüllmanns „Geschichte des Byzantischen Handels“, ein, Rota habe Byzanz vernachlässigt (siehe Entstehung und Überlieferung zu Heft VIII).

11Von Rotas Geschichte der Banken hatte Marx, wie oben bemerkt, durch Ilarion Ignat’evič Kaufman erfahren. Marx benutzte das Exemplar der Bibliothek des British Museum: in der Überschrift seines Exzerpts notiert er die entsprechende Signatur. Er exzerpiert das 415-seitige Werk äußerst gründlich und über drei Hefte hinweg. Er übersetzt es zum Teil ins Deutsche, hält aber auch viele Zitate in der italienischen Originalsprache fest. Charakteristisch für das Exzerpt ist die sprachliche Mischform: die Sätze sind häufig auf Deutsch und Italienisch geschrieben, enthalten manchmal zusätzlich noch französische und englische Worte sowie Quellentexte auf Latein. Bibliographische Notizen zu Quellen, auf die Marx beim Studium von Rotas Werk gestoßen war, hielt er zusätzlich auf dem vorderen Innendeckel (S. [0]) fest. Randanstreichungen gibt es, wie in den Exzerpten aus Kaufmans Geschichte der Banken, vergleichsweise wenige.

12Im vorliegenden Heft exzerpiert Marx aus den ersten fünf Kapiteln, die die Geschichte der Banken in der europäischen Antike und im italienischen Mittelalter behandeln. Rotas These ist, dass viele der „raffinierten Hilfsmittel der Bankkunst“, deren Entstehung gewöhnlich in der Neuzeit gesehen wird, schon in der Antike bekannt waren. Gemeinsam sei allen Banken zu allen Zeitpunkten in der Geschichte, „den einfachsten u. elementarischsten, wie den verwickeltsten u. vollkommensten“ (S. 27), das Deposit- und Kontokorrentgeschäft. Griechenland und Rom kannten Depositenbanken; vielleicht schon in Rom, spätestens aber in den mittelalterlichen Handelsstädten Italiens gab es den modernen Schecks ähnliche Instrumente, die bei den Banken deponierten Summen in Bewegung zu setzen. Die moderne Verrechnungsstelle („Clearing House“), in ihrem allgemeinen Charakter als Mittel zur Verrechnung gegenseitiger Kredite und Schulden, findet ihre Entsprechung in den mittelalterlichen Messen und Devisenmärkten. In den italienischen Städten des Mittelalters existierten zudem große Handelsgesellschaften mit beschränkter Haftung, Aktien, öffentliche Schuldverschreibungen und öffentliche Plätze für den Handel mit Wertpapieren, wo es zu auch zu Spekulation und Agiotage kam. Gleichwohl blieb die Bankkunst der Griechen, Römer und mittelalterlichen Italiener „unvollkommen und unvollständig“, denn ihnen fehlten der Diskont und die Banknote.

13Gleich in den ersten beiden Sätzen des Exzerpts hält Marx einen Zusammenhang von Religion und Geld im antiken Griechenland fest: „Aelteste griechische Bank, der Tempel von Delphi. Gott der erste Banker, i. e. nöthig essere superiore, che i loro denari custodisca ed amministri.“ (S. 1.) Religiöse Feste waren häufig Marktfeste zum Tausch von Waren, die auch von ausländischen Händlern besucht wurden. „Rings um den Tempel freier Markt, innerhalb desselben die Bank.“ Die griechischen Banker hießen Trapeziten und waren Geldwechsler, die laut Rota das Geld anderer Leute als Depositen annahmen und diese dann verliehen gegen Pfand von Möbeln, Sklaven, Häusern und Land. Marx unterbricht seine Exzerpte aus dem ersten Kapitel von Rotas Geschichte der Banken und geht einer bei ihm genannten Quelle nach: Georges Perrots Rekonstruktion der Geschichte eines athenischen Bankhauses. Nach diesem Intermezzo kehrt er zurück zu Rotas Geschichte der Banken im antiken Rom. Weil Rom mit dem geraubten Kapital die Arbeit der enteigneten Völker kommandierte, denkt Rota: „Spielt den Capitalista nel mondo antico, wie die italienischen Städte im Mittelalter, später die flandrischen; aber Rom gemacht ricco dalla conquista.“ (S. 4.) Rota behauptet, die Römer hätten schon „la girata di banca in perfecter form“, also Girobanken gekannt (S. 5). Außerdem hätten die Römer der Sache nach schon Schecks gehabt, was Marx durch ein Fragezeichen in Zweifel zieht (S. 5).

14Im zweiten Kapitel – über das italienische Mittelalter – stellt Rota die Banken als Schöpfung und Dienerin des Handels vor: „Industria bancaria entsteht in Italien als Commerce u. Manufactur bereits sehr entwickelt u. vor allem nöthig hat di recare ordine nella circolazione monetaria.“ (S. 13) Das Bankgeschäft umfasste weiterhin das Geldwechseln („campsores“), aber auch die Reduzierung und Berechnung Münzen verschiedner Art (wegen der zersplitterten politischen Struktur) auf ihren wirklichen edlen Metallgehalt („cambiatore“). In diesem Zusammenhang entwickelte sich die Mathematik, etwa durch das Denken von Leonardo Fibonacci. Marx informiert sich auch über Kämpfe um die Regulierung des Zinsfußes (S. 14/15). Die Geschichte sei voller Beispiele der Wut von Fürsten und Volk auf die Geldleiher, die oft verjagt, enteignet und geplündert wurden und zu ihrem Schutz eigene Milizen unterhielten (S. 15). Große florentinische Handels- und Bankunternehmungen wie die Peruzzi und die Compagnia dei Bardi hatten große Niederlassungen in England. Nachdem Edward III. seine Schuld nicht bezahlen konnte und 1339 ein Dekret publizierte, kam es zum Bankrott der Bardi und Peruzzi und in Florenz zur „Crisis v. 1339“ (S. 18). Rota behauptet, dass es schon im Italien des Mittelalters Kommandit- und Aktiengesellschaften („Maona“) gegeben habe (S. 18). Marx zeigt sich teilweise skeptisch und befindet die Beispiele, die Rota für die Kommanditgesellschaft gibt, vielmehr für „sehr einfach Handelsding wie bei den Griechen schon“ (S. 18).

15Das dritte Kapitel behandelt den Wechsel, der laut Rota zuerst in Italien im Mittelalter aufgekommen sei (S. 19). Der älteste bekannte italienische Wechsel von 1207 zeigt schon die voll entwickelte Form, was auf frühere unentwickeltere Wechselformen hindeutet. Erneut bemerkt Marx einen Zusammenhang von Geld und Religion: „Zur Verbreitung u. Generalisation des Wechsels trugen hauptsächlich bei: Kreuzzüge u. die den ital. Kaufleuten vom Pabst gegebne Charge die kirchlichen Einkünfte f. ihn einzutreiben.“ (S. 20.) Allerdings blieb der mittelalterliche Wechsel mangelhaft, da er noch keine Übertragbarkeit („girata“) hatte; dementsprechend gab es vor dem 17. Jahrhunderts auch noch keinen Diskont und der Wechsel des Mittelalters war „kurzlebig“ und in seiner Zirkulationsfähigkeit begrenzt. Gleichwohl bestanden bereits Formen der Verrechnung und des Austauschs von Finanzinstrumenten, wie Marx notiert: „Die fiera dei cambi entspricht modernem clearing house; die piazza dei cambî der ‚Börse‘.“ (S. 25.)

16Kapitel 4 und 5 behandeln die Privatbanken in Venedig. Diese „erleichterten die operazioni commerciali durch introduction des banco-giro, wodurch Zahlungen ohne Transport v. Geld gemacht; vervollkommneten diese Operation mit l’emissione di fedi di deposito, dette contadi di banco, che in commercio servivano come fossero denaro.“ (S. 12.) Nachdem im 16. Jahrhundert die großen Privatbanken zusammengebrochen waren, wurden in Genua, Venedig, Neapel, Mailand und Siena unter Ausschluss von Privatbankiers diverse öffentlich kontrollierte Banken gegründet. Diese Banken sammelten nicht nur Depositen, sondern verwalteten auch Steuern und Staatsschulden. Die Gründung des venezianischen Banco del Giro etwa stand im Zusammenhang mit der Schaffung der ersten venezianischen Staatsschuld (S. 30). Besonders interessiert sich Marx für die Geschichte der Casa delle compere e dei banchi di San Giorgio in Genua, zu der er sich auch viel Literatur notiert. Genua war „eine der grössten Colonialmächte des Mittelalters“ (S. 34) und der San Giorgio, der sein Geld durch Emission von „luoghi“ (der Natur nach Aktien, vgl. S. 34) verschaffte, lieh an den Staat häufig gegen Abtretung von Steuern und Kolonialbesitzungen.Marx exzerpiert: „Seit errichtet der San Giorgio, blieb er Staatspumper; geschah stets gegen Cession (Seitens der Republik) v. qualche gabella od. eine ihrer Colonialbesitzungen u. San Giorgio verschaffte sich das nöthige Geld durch Emission neuer luoghi, die, obgleich sie gleichsam Actien der Società di San Giorgio, immer waren titoli di credito verso lo Stato. So kam’s, dass in un certo tempo San Giorgio si trovò proprietario aller gabelle u. fast aller Colonialbesitzungen der Republik.“ (S. 34.) Schließen [2] Kolonial-, Steuer- und Staatsschuldensystem hatte Marx im ersten Band des „Kapital“ als „Momente der ursprünglichen Akkumulation“ (MEGA II/6. S. 674) bezeichnet und sah sie gemeinsam mit dem Protektionssystem erst im England des 17. Jahrhundert „systematisch zusammengefaßt“ (ebenda). Möglicherweise stellte Rotas Darstellung des genuesischen San Giorgio diese Marx’sche Auffassung in Frage.

17Im vorliegenden Heft exzerpiert Marx fast bis Ende des fünften Kapitels der „Storia delle banche“. Die Fortsetzung der Auszüge erfolgt im nächsten, ihr Abschluss im übernächsten Heft.

George Perrot: Démosthène et ses contemporains

18 George Perrot: Démosthène et ses contemporains. No. 4. Démosthène et le banquier Phormion. Le commerce de l’argent et le crédit à Athènes. In: Révue de deux mondes. T. 108. Paris. November 1873. S. 407–439. (S. 2/3 und 9–11)

19Als Rota im ersten Kapitel seiner „Storia delle banche“ den griechischen Bankier Phormion erwähnt, unterbricht Marx seine Exzerpte aus der „Storia delle banche“ und greift zu einer bei Rota erwähnten Quelle, um aus dieser als Zusatz in eckigen Klammern zu exzerpieren. Der von Marx in diesem „Intermezzo“ (S. 3) exzerpierte Artikel ist der vierte Teil einer Abhandlung von Georges Perrot, deren erste drei Teile in der „Revue des deux mondes“, Nr. 105 vom 1. Juni 1872, Nr. 106 vom 15. November 1872 und Nr. 107 vom 15. Juni 1873 erschienen waren. Marx schlug den Artikel in der „Revue des deux mondes“ nach und ergänzte gleich noch weitere Titel aus der „Revue“. Am Ende des Hefts (S. 38) notiert er viele weitere bibliographische Notizen aus der „Revue“, die Marx wohl in der Bibliothek zur Hand hatte.

20 Perrot war ein französischer Altertumsforscher, Archäologe und Epigraphiker. Er gilt als einer der Begründer der Archäologie in Frankreich, hatte verschiedene Lehrstühle inne und war später Direktor der École normale supérieure. Er führte Ausgrabungen in Griechenland und der Türkei durch, entzifferte Inschriften und verfasste zahlreiche Artikel und Bücher über das gesellschaftliche Leben des antiken Griechenlands. Auch im vorliegenden Exzerpt notiert Marx epigraphische Erkenntnisse Perrots: „Athen, Sinope, Tenos etc scheinen des banques publiques gehabt zu haben; ihre Existenz erhellt aus textes épigraphiques“ (S. 9).

21Marx ergänzt sein Heft außerdem mit Informationen zur Geschichte der Banken im antiken Griechenland. Perrot stützte sich vor allem auf Reden des Isokrates und des Demothenes, wichtige Quellen der ökonomischen Beziehungen im antiken Griechenland. In diesen Reden findet sich, wie Marx festhält, die „Geschichte eines u. desselben athen. Banquierhouses, fast während eines halben Jahrhunderts“ (S. 2). Im 4. Jahrhundert v. Chr. kamen in Griechenland die Trapeziten auf, die laut Perrot Geschäfte mit Roh- oder Münzmetallen – die damals in Griechenland durch den auswärtigen Handel akkumulierten – in ihren Händen vereinigten und in großem Umfang betrieben. Die ersten Trapeziten waren Sklaven, die dann oftmals Freie und naturalisiert werden (Bürgerrecht erhalten) konnten. So auch im Falle des Athener Bankiers Phormion, von dem Demothenes’ Rede für Phormion handelt. Phormion war erst Sklave von Pasion und Angestellter (Faktotum) in dessen Bank. Nach Pasions Tod wurde Phormion sein Nachfolger bei der Bank und heiratete dessen Witwe. Es kommt zum Erbstreit mit Pasions leiblichem Sohn Apollodoros.

Antonio Ciccone: Principj di Economia Politica

22 Antonio Ciccone: Principj di Economia Politica. 2. Ed. Vol. 1. Napoli 1874. (S. 6–8 und 11/12)

23Die Auszüge aus Rotas „Storie delle banche“ unterbricht Marx nicht nur durch das Intermezzo mit Perrot, sondern auch durch kurze Auszüge aus dem dreibändigen Lehrbuch Antonio Ciccones, einem Professor für politische Ökonomie an der Königlichen Universität in Neapel. Bei Luigi Cossa erfuhr Marx, dass das Werk eine gewisse Verbreitung in Italien gefunden hatte (Heft VI, S. 4). Ciccone stützt sich häufig auf Smith, Say, Bastiat und John Stuart Mill, was ihn als einen liberal gesinnten Verfechter der klassischen politischen Ökonomie ausweist. Marx’ Auszüge stammen nur aus dem ersten Band, vor allem aus den Kapiteln 3 („Del Capitale“) und 4 („Rendita della terra“) und behandeln Sklaverei im alten Rom, Börsenspiel und Eisenbahnbau im zeitgenössischen Italien sowie die Theorie der Grundrente.

24Offensichtlich las Marx aber auch in den anderen beiden Bänden des Werks. Im 13. Kapitel („Riforme sociali“) des dritten Bands setzt sich Ciccone auf zwei Seiten (S. 480/481) mit Marx und anschließend mit Lassalle auseinander. Marx gehe von richtigen Prinzipien aus (dass der Wert auf Arbeit zurückzuführen und dass der Austausch zwischen Kapitalisten und Arbeitern äquivalent sei), ziehe jedoch falsche Schlüsse daraus, etwa den, dass das Kapitel kein Recht auf Entlohnung habe und der Profit des Kapitalisten nur ein Teil des vom Arbeiter genommenen Lohns sei. Auch dass der Wertzuwachs aus der Mehrarbeit im Produktionsprozess resultiert, weist Ciccone zurück. Er entstehe vielmehr zwischen den einzelnen Tauschakten. Man kaufe Zucker in einem ersten Tauschakt für 100 Lire in Südamerika und verkaufe es in einem zweiten Tauschakt für 120 Lire in Europa. In der Zwischenzeit sei der Wert gewachsen. Obwohl er Marx zunächst zugesteht, von richtigen Prinzipien auszugehen, wirft er ihm zugleich auch willkürliche Annahmen und Sophistik vor: „La teorica del Marx è un tessuto di sofismi fondati sopra supposizioni arbitrarie, non dimostrate nè dimostrabili.“ (Ciccone, Vol. 3, S. 481.) Marx wiederum bezeichnet Ciccone gleich im ersten Satz seines Exzerpts als „asinus“ (S. 6) und später im Heft (S. 29) die Kritik Ciccones, Lamperticos und Ricca-Salernos an seinem Werk als „bosh“ (Quatsch).

25Zur weiteren Beschäftigung mit Marx verweist Ciccone (Vol. 3, S. 482) auf einen Artikel von Maurice Block im „Journal des Économistes“ vom Juli und August 1872. Diese Rezension hatte Marx im Nachwort zur zweiten Auflage des „Kapital“ zitiert (MEGA II/6. S. 704–707).

Giuseppe Ricca-Salerno: Sulla teoria del capitale

26 Giuseppe Ricca-Salerno: Sulla teoria del capitale. Milano 1877. (S. 29)

27Wie Pietro Rota war auch Ricca-Salerno ein Student von Luigi Cossa und darüber hinaus von Adolph Wagner in Berlin. Nach seiner Rückkehr nach Italien wurde er Professor für politische Ökonomie in mehreren Städten. Marx’ Exzerpt aus seiner 149-seitigen Schrift umfasst genau eine Manuskriptseite. Marx notiert zuerst viele Titel, darunter einen, der sich explizit mit dem „Kapital“ beschäftigt, und zwar K. Strasburger: Zur Kritik der Lehre Marx’ vom Kapital (in: Jahrbuch für Nationalökonomie und Statistik. Jena 1871. S. 93–103). Genannt im Buch, aber nicht notiert von Marx wird noch John Macdonell: Marx and German Socialism (in: Fornightly Review. March 1875. S. 383–391).

28Beim Lesen des Buchs stieß Marx auf Ricca-Salernos Auseinandersetzung mit den „Kapital“. Auf S. 36 zitierte Ricca-Salerno Marx’ Bestimmung der Wertgröße und auf S. 100–108 gibt es eine längere Beschäftigung mit dem „Kapital“, die Marx zu dem folgenden Kommentar veranlasst: „Was der Ricca-Salerno über mich (i. e. ‚Das Kapital‘) sagt, ist alles bosh, wie das was Lampertico, Ciccone u. tutti quanti. Den Ricca-Salerno betrübt namentlich, dass ich das seiner Natur nach ehrwürdige ‚Capital‘ verantwortlich mache für historische Zufälle.“ (S. 29.) Ricca-Salerno hielt Marx zum einen vor, die produktive Tätigkeit des Kapitals vernachlässigt zu haben. Zum anderen betonte er die Kontingenz und Diversität der historischen Entwicklung. Marx würde zu Unrecht historische Zu- und Unfälle auf eine „negative Seite“ des Kapitels schieben.

29Des Weiteren notiert sich Marx die Auffassungen einiger Ökonomen zur Grundrente.

Karl Dietrich Hüllmann: Deutsche Finanz-Geschichte des Mittelalters

30 Karl Dietrich Hüllmann: Deutsche Finanz-Geschichte des Mittelalters. Berlin 1805. (S. 31.)

31Die vorliegenden Auszüge umfassen nur eine halbe Manuskriptseite. Später füllt Marx beinahe ein ganzes Heft mit Auszügen aus mehreren Schriften von Karl Dietrich Hüllmann, darunter auch dessen „Deutsche Finanz-Geschichte des Mittelalters“. Siehe Entstehung und Überlieferung zu Heft VII.

Anmerkungen

  • [1]Dort bietet Lampertico innerhalb des Kapitels „Nozioni del valore“ auf S. 256–263 eine Kritik der „Teoria del Marx“. Diese Schrift exzerpierte Marx nicht, aber notierte ihren Titel zu Beginn des vorliegenden Hefts (S. [0]).
  • [2]Marx exzerpiert: „Seit errichtet der San Giorgio, blieb er Staatspumper; geschah stets gegen Cession (Seitens der Republik) v. qualche gabella od. eine ihrer Colonialbesitzungen u. San Giorgio verschaffte sich das nöthige Geld durch Emission neuer luoghi, die, obgleich sie gleichsam Actien der Società di San Giorgio, immer waren titoli di credito verso lo Stato. So kam’s, dass in un certo tempo San Giorgio si trovò proprietario aller gabelle u. fast aller Colonialbesitzungen der Republik.“ (S. 34.)

Zeugenbeschreibung

    • H Originalhandschrift: IISG, Marx-Engels-Nachlass, Sign. B 146/B 134.
    • Beschreibstoff: Notizheft mit kartoniertem Umschlag, Außenseiten dunkel- und hellbraun marmoriert, Innenseiten weiß. Format: 227 × 180 mm. Auf Vorderdeckel von Engels Etikett im Format 135 × 112 mm aufgeklebt. Keine Vorsatzblätter. Darin ursprünglich eingeheftet 20 Blatt (= 40 Seiten) mittelstarkes, glattes, weißes Papier, im wechselnden Abstand von 9 und 13 mm hellblau liniert. Format wie Umschlag. Als Wasserzeichen nur helle Linien im Abstand von 26 mm.
    • Zustand: Gut erhalten, Papier leicht vergilbt, Ecken abgestoßen bzw. umgeknickt. Der Vorderdeckel im unteren Teil teilweise abgerissen, mit Klebestreifen provisorisch befestigt; dadurch Textverluste auf dem Engelsschen Etikett. Umschlag an Ecken und Falz leicht beschädigt. Das letzte Blatt (S. 39/40) ist herausgerissen, dadurch das erste Blatt lose und seine innere untere Ecke abgerissen, wodurch auf den S. 1 und 2 geringe Textverluste entstanden. Vom vorletzten (jetzt letzten) Blatt vor der Beschriftung unten drei Viertel herausgeschnitten, am Falz verblieb ein Streifen von 18 mm.
    • Schreiber: Marx, Engels (nur Etikett).
    • Schreibmaterial: Schwarze Tinte, leicht bräunlich verfärbt.
    • Beschriftung: Außen- und Innenseite des vorderen Umschlags, S. 1–38 und Innenseite des hinteren Umschlags (teilweise). Lateinische Schrift.
    • Paginierung: Marx paginierte 1–36 (34 und 35 versehentlich zweimal eingetragen) mit Tinte (später von fremder Hand mit Bleistift nachgezogen und dabei Irrtum korrigiert, also 1–38); 1., 2. und 4. Umschlagseite unpaginiert, 3. Umschlagseite später von fremder Hand mit 39 paginiert.
    • Vermerke fremder Hand: Archivstempel IISG, Sign. B 134; Fotosign. BD 0 - BD 39 (mit Bleistift).

Zitiervorschlag

Timm Graßmann: Entstehung und Überlieferung zu Heft V (1878). In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital, Bd. IV/25, hg. v. der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://megadigital.bbaw.de/M1158128. Abgerufen am 08.08.2026.