Inhaltsbeschreibung und Datierung

1In seinem Brief an Marx vom 28. Mai 1876 erwähnte Engels seine damaligen Studien zur alten Geschichte, zu denen offensichtlich auch die vorliegenden Exzerpte aus der dreibändigen „Griechischen Geschichte“ von Ernst Curtius zu rechnen sind. Er gab dabei an, diese Studien in Vorbereitung auf den „Anti-Dühring“, seine gegen Eugen Dühring gerichtete Schrift zu betreiben: „Für den Dühring thut mir mein Repetitorium der alten Geschichte & meine naturwissenschaftlichen Studien grosse Dienste & erleichtern mir die Sache in vieler Beziehung.“ (IISG, Marx-Engels-Nachlass, Sign. D 1831.) Engels beschäftigte sich zu dieser Zeit mit Dührings „Kursus der National- und Sozialökonomie einschließlich der Hauptpunkte der Finanzpolitik“ (2. Aufl. Leipzig 1876) (siehe MEGA I/27. S. 5–34) und plante eine Ausarbeitung über drei Grundformen der Knechtschaft, wie er Wilhelm Liebknecht wahrscheinlich Ende März oder Anfang April 1876 mitgeteilt hatte (siehe Wilhelm Liebknecht an Engels, 7. April 1876). Die von Engels an den Beginn der vorliegenden Exzerpte zur Geschichte des antiken Griechenlands gesetzte Überschrift „Sklaverei“ spricht ebenfalls dafür, dass die Exzerpte auch dieser Ausarbeitung dienen sollten. Ende Mai lagen die Exzerpte vermutlich vor, denn ab dieser Zeit wandte sich Engels Dührings philosophischem Werk „Cursus der Philosophie als streng wissenschaftlicher Weltanschauung und Lebensgestaltung“ (Leipzig 1875) zu (siehe MEGA I/27. S. 723).

2Wie die vorliegenden Exzerpte zeigen, verfuhr Engels beim Exzerpieren auf eine andere Weise als Marx. Bei den meisten Sätzen handelt es sich nicht um mehr oder weniger direkt der Quelle entnommene Textauszüge, sondern um stark komprimierende und abstrahierende Zusammenfassungen der in der Quelle mitgeteilten Sachverhalte in eigenen Worten und unter ausgiebiger Verwendung einer eigenen Terminologie. Diese Arbeitsweise macht einen Vergleich der textlichen Abweichungen des Exzerpts von der Quelle schwer möglich, da beinahe jeder Satz eine Kreation von Engels ist und sein Exzerpttext somit einen im Vergleich zu Marxʼschen Exzerpten viel höheren Eigenanteil aufweist. Offensichtlich ging es Engels weniger darum, den Wortlaut der Quelle zu dokumentieren, als vielmehr um eine Aufbereitung von deren Inhalten in einer eigenen Begrifflichkeit. Daneben enthalten die Exzerpte aber auch einige genuine Bemerkungen von ihm. Sie bringen ein näheres Interesse für vorkapitalistische Produktionsweisen zum Ausdruck.

Ernst Curtius: Griechische Geschichte

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  • Ernst Curtius: Griechische Geschichte. Bd. 1. Bis zum Beginne der Perserkriege. 3. umgearb. Aufl. Berlin 1868. (S. 1–3.)
  • – Bd. 2. Bis zum Ende des Peloponnesischen Kriegs. 3. Aufl. Berlin 1869. (S. 3–[6].)
  • – Bd. 3. Bis zum Ende der Selbstaendigkeit Griechenlands. Berlin 1867. (S. [6]–9.)

4 Ernst Curtius war einer der führenden deutschen Althistoriker und klassischen Archäologen seiner Zeit. Ab 1868 hatte er in Berlin die Professur für klassische Archäologie und die Leitung des Alten Museums inne, in den 1870er Jahren leitete er Ausgrabungen in Olympia. Seine in drei Bänden zwischen 1857 und 1861 veröffentlichte „Griechische Geschichte“ wurde bei Erscheinen mit Theodor Mommsens „Römischer Geschichte“ verglichen, auf deren Titel Curtius offensichtlich anspielte und die kurz vorher in demselben Verlag (Weidmann) erschienen war. Auf insgesamt rund 2000 Seiten bietet Curtius einen Überblick über die griechische Geschichte von den Anfängen bis zum 4. Jahrhundert v. Chr. Die letzte (sechste) Auflage der „Griechischen Geschichte“ erschien 1887–1889. Engels gab die von ihm benutzte Auflage nur für den ersten Band an. Anhand der wenigen Seitennachweise, die er in seinem Exzerpt gemacht hat, lassen sich die von ihm herangezogenen Ausgaben für den zweiten und dritten Band ermitteln.

5In seine Exzerpte hat Engels zudem kurze Auszüge aus zwei anderen Quellen einfließen lassen. Es handelt sich um: W[ilhelm] Rüstow, H[ermann] Köchly: Geschichte des griechischen Kriegswesens von der ältesten Zeit bis auf Pyrrhos. Nach den Quellen bearbeitet. Aarau 1852; Otfried Schambach: Der italische Sklavenaufstand 74–71 v. Chr. Halberstadt 1872.

6Die Curtius-Exzerpte benutzte Engels in den „Notizen für den ,Anti-Dühring‘“, im Werk „Anti-Dühring“ sowie in „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“. In den „Notizen für den ,Anti-Dühring‘“ tauchen bei Curtius geschilderte Vorgänge in Engelsʼ Diskussion von Dührings Gewalttheorie auf. Engels wollte Dührings These vom Primat der Gewalt gegenüber der Ökonomie angreifen und schrieb: „Und womit wird die Gewalt, die Armee erhalten? Durch Geld. Also sofort wieder abhängig von der Produktion. Vgl. Athens Flotte und Politik 380–340. Die Gewalt über die Bundesgenossen scheiterte am Mangel der materiellen Mittel lange und kräftige Kriege zu führen. Die englischen Subsidien, durch die neue große Industrie geschaffen, schlugen Napoleon.“ (MEGA I/27. S. 36.30–32.) Zur Illustration seines Arguments verwendete Engels dann im „Anti-Dühring“ Angaben, die sich auf S. 3 der vorliegenden Exzerpte befinden: „Wenn zur Zeit der Perserkriege die Zahl der Sklaven in Korinth 460 000, in Aegina auf 470 000 stieg und auf jeden Kopf der freien Bevölkerung zehn Sklaven kamen, so gehörte dazu noch etwas mehr als ,Gewalt‘, nämlich eine hochentwickelte Kunst- und Handwerksindustrie und ein ausgebreiteter Handel.“ (MEGA I/27. S. 353.5–7.) Dieselben Zahlen über das Verhältnis von Sklaven und Bürgern in Korinth und Ägina benutzte er dann in „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“ (MEGA I/29. S. 104.39–40).

7Seine eigenen Bemerkungen in den Exzerpten zeigen Engelsʼ Interesse für die Formen vorkapitalistischer Produktion. Es geht mit der historischen Nachweisbarkeit der Staatsirrigation und dem Beitrag einer Geldwirtschaft zum Niedergang des Persischen Reichs um Elemente der sogenannten „asiatischen Produktionsweise“ und mit der Zinsabhängigkeit der Bauern von privaten Grundbesitzern (anstatt vom Staat) um Keime zur Entstehung des Feudalismus. Die Bemerkungen könnten im Zusammenhang mit Engelsʼ geplanter Ausarbeitung über drei Grundformen der Knechtschaft stehen (siehe oben).

Zeugenbeschreibung

    • H Originalhandschrift: IISG, Marx-Engels-Nachlass, Sign. J 45/J 21.
    • Beschreibstoff: Ein Bogen Papier, ohne Einband.
    • Zustand: Sehr gut erhalten, Papier leicht vergilbt. Keine Textverluste.
    • Schreiber: Friedrich Engels.
    • Schreibmaterial: Schwarze Tinte, leicht verblasst.
    • Beschriftung: Seite 1 bis 9 beschrieben, S. 10 bis 16 unbeschrieben. Deutsche Kurrentschrift.
    • Paginierung: Engels paginierte alle ungeraden Seiten (1, 3, 5, 7, 9) mit Tinte.
    • Vermerke fremder Hand: Archivstempel IISG. Fotosign. HM 1 bis 9 (alle mit Bleistift).

Zitiervorschlag

Timm Graßmann: Entstehung und Überlieferung zu Exzerpten aus „Griechische Geschichte“ von Ernst Curtius. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital, Bd. IV/23, hg. v. der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://megadigital.bbaw.de/M1164083. Abgerufen am 08.08.2026.