Inhaltsbeschreibung und Datierung
1Heft VI enthält Marx’ Exzerpte aus den Schriften von drei italienischen und drei amerikanischen Autoren: Pietro Rota, Giovanni Mussida, Luigi Cossa, Charles A. Mann, Amasa Walker und Henry Varnum Poor. Das Bindeglied bildet Rotas „Storia delle banche“, in deren Kapitel über amerikanische Banken das Buch „Paper Money, the Root of Evil“ von Charles A. Mann erwähnt wird. Dieses verfolgt Marx unmittelbar weiter und fertigt daraus umfangreiche Exzerpte an. Im Anschluss daran wendet er sich den Werken von Walker und Poor zu, die beide Geldwesen, Geldpolitik und Geldmarktbewegungen in den Vereinigten Staaten behandeln. Das Heft dokumentiert somit Marx’ Erschließung der zeitgenössischen Debatten um Papiergeld, Bankwesen und Krisentheorie in Italien und den USA, wobei sich ein Schwerpunkt auf die amerikanische Greenback-Debatte herausbildet.
2Alle sechs exzerpierten Schriften sind zeitgenössische Publikationen der 1870er Jahre. Sie stehen im Kontext einer in Italien wie in den Vereinigten Staaten zunehmenden Verbreitung der politischen Ökonomie, deren Qualität jedoch von den Autoren selbst häufig kritisch beurteilt wird. So erklärt Mann im Vorwort, er wolle von der englischen politischen Ökonomie ausgehen, da diese Wissenschaft in Amerika noch unterentwickelt sei; hier könne einzig der Ökonom Henry Charles Carey Originalität für seine – allerdings wenig zuverlässigen – Forschungen beanspruchen. Als Ursachen dieser „Unterentwicklung“ nennt Mann das Fehlen gravierender ökonomischer Krisenerfahrungen sowie das Fehlen einer hinreichend gebildeten und vom Erwerbszwang entlasteten wissenschaftlichen Klasse. Ebenso glaubte Poor, in seiner Darstellung der Geschichte der Geldtheorie auf amerikanische Ökonomen verzichten zu können, da diese bislang nur aus Büchern abgeschrieben hätten, die auf der anderen Seite des Atlantiks verfasst worden waren. Auch Luigi Cossa bemerkte, dass der Streit, der sich in Italien nach der Krise von 1873 zwischen den alten, am Liberalismus der klassischen politischen Ökonomie orientierten und den jungen, eher sozialpolitisch ausgerichteten und historisch arbeitenden Ökonomen entfaltet hatte, bislang unergiebig geblieben sei.
3Aus dem empfundenen Missverhältnis zwischen der allgemeinen politischen Ökonomie und dem besonderen Zustand dieser Wissenschaft in ihren Ländern zogen die Autoren verschiedene Konsequenzen. Viele Italiener wandten sich der historischen Schule zu und betonten die Besonderheit von nationalen historischen Verhältnissen. Fedele Lampertico etwa kritisierte Marx dafür, im „Kapital“ die abstrakte Zeit, nicht den konkreten Raum und den Entwicklungsstand einer Volkswirtschaft analysiert zu haben (siehe Entstehung und Überlieferung). Mann hingegen wendet sich gegen jede Vorstellung einer national spezifischen politischen Ökonomie: Unterschiede zwischen Ländern begründeten keine unterschiedlichen Wissenschaften, so wenig wie die Verschiedenheit der Fauna eine eigene Biologie rechtfertige. Gerade Mann, der von keiner eigenen Theorie ausgehen, sondern die amerikanischen Phänomene mithilfe der Grundsätze der vermeintlich „englischen“ politischen Ökonomie analysieren wollte – auch um die ökonomische Theorie um die Grundsätze des Staatspapiergelds zu erweitern –, gehört zu den Autoren, die Marx in seinen Heften von 1878/1879 zur Theorie und Geschichte des Geld- und Kreditwesens besonders intensiv exzerpiert. Poor wiederum vertritt eine stark polemische Position gegenüber der bisherigen Geldtheorie und sucht seine Originalität in der Behauptung eines bislang unentdeckten Gesetzes (siehe unten), was Marx jedoch kaum ernst nimmt.
4Am Anfang und Ende des Hefts befinden sich bibliographische Notizen, die Marx später ebenso wie viele Titel aus Cossas „Guida allo Studio dell’Economia Politica“ in sein Notizbuch aus den Jahren 1878/1879 übernimmt. Die vermerkten Schriften, die er dem Katalog der Bibliothek des British Museum entnahm, spiegeln die Themen des Hefts wider: Kredittheorie, italienische und amerikanische politische Ökonomie, die wirtschaftliche Entwicklung in den Vereinigten Staaten. Einige Titel hat Marx später mit Blaustift als erledigt markiert: diese hatte er offensichtlich exzerpiert, durchgesehen oder sich angeschafft (S. 92/93). Dazu gehören unter anderem Schriften von Stefano Jacini, David Low, John Laing, Pietro Ellero, Carl Knies, Charles A. Mann, Henry V. Poor und Amasa Walker.Bei diesen Titeln handelt es sich um Stefano Jacini: La proprietà fondiaria e le popolazioni agricole in Lombardia. Milano 1857; David Low: On Landed Property and the Economy of Estates. Edinburgh 1844; John Laing: The Theory of Business. 2. ed. London. 1868; Pietro Ellero: La Questione Sociale. Bologna 1874; Carl Knies: Geld und Credit. Berlin 1873; Charles A. Mann: Paper Money, the Root of Evil. New York 1872; Henry V. Poor: Money and its Laws. London 1877; Amasa Walker: The National Currency and the Money Problem. New York, Chicago, New Orleans 1876. Allerdings sind diese Markierungen nicht vollständig systematisch; einzelne später exzerpierte Werke bleiben ohne entsprechenden Vermerk, etwa Karl Bücher: Die Aufstände der unfreien Arbeiter 143–129 v. Chr. Frankfurt a. M. 1874. Schließen [1]
5Das vorliegende Heft ist innerhalb weniger Wochen zwischen 20. Oktober und November 1878 entstanden. Gleich zu Beginn notiert Marx den Entstehungbeginn: „London. 20 October ’78“ (S. [0]). Diese Datierung lässt sich durch eine Marx’sche Bemerkung auf S. 13 bestätigen. Als er aus Rotas „Storia delle banche“ exzerpiert, dass im Jahr 1872 elf notenausgebende Banken in Schottland existierten, macht er in Klammern eine Anspielung auf den spektakulären Zusammenbruch der City of Glasgow Bank, der zum Entstehungszeitpunkt der Exzerpte erfolgte: „heute: 24 Oct. 1878 in Folge des Bankrutts der Glasgow Bank nur noch 10“ (S. 13). Außerdem spricht Marx’ Exzerpt aus einem Artikel der „Times“ vom 2. November 1878 auf Seite 63/64 für die Benutzung des Hefts zu dieser Zeit. Das folgende Heft VII wiederum, in dem Marx seine Exzerpte aus Rotas Geschichte der Banken beendet, ist mit „Nov. 1878“ datiert.
6Ein thematischer Schwerpunkt des vorliegenden Hefts ist die Wirtschafts- und Finanzgeschichte des Amerikanischen Bürgerkriegs und die Entwicklung des amerikanischen Bankensystems. Davon zeugen nicht zuletzt die Marginalien und Unterstreichungen, die Marx, wahrscheinlich bei einem späteren Durchgang durch das Heft, mit Bleistift zu seinen Exzerpten aus Mann, Poor und Walker auf den Seiten 37–84 gemacht hat. Über die ökonomische Entwicklung der Vereinigten Staaten äußerte sich Marx später mehrmals. Im Brief an Nikolaj Francevič Daniel’son vom 10. April 1879 verglich er die amerikanische mit der russischen Wirtschaft und schrieb u. a.: „The United States have at present much overtaken England in the rapidity of economical progress, though they lag still behind in the extend of acquired wealth, but at the same time the masses are quicker, and have greater political means in their hands, to resent the form of a progress accomplished at their expense.“ Der Amerikanische Bürgerkrieg habe die industrielle Entwicklung und den Fortschritt der Landwirtschaft und damit im Ergebnis die Konzentration des Kapitals und die Expropriation der Massen, so Marx, „künstlich beschleunigt“. Dagegen hatte er im vorliegenden Heft die Auffassungen der Greenback-Gegner Mann und Walker festgehalten, wonach die wirtschaftliche Entwicklung nach dem Bürgerkrieg nicht so schnell wie in der vorangegangenen Dekade verlaufen war (siehe unten).
7In der „Chicago Tribune“ vom 5. Januar 1879 wurde Marx von seinem Interviewer dafür gelobt, mit „American Questions“ unwahrscheinlich gut vertraut zu sein: „His knowledge of them, and the surprising accuracy with which he criticised our National and State legislation, impressed upon my mind the fact that he must have derived his information from inside sources.“ (MEGA I/25. S. 430.) Im Interview mit John Swinton vom 6. September 1880 soll Marx dann sogar geäußert haben, seine theoretische Darstellung des Kredits im dritten Buch des „Kapital“ anhand der Vereinigten Staaten illustrieren zu wollen. Swinton gab Marx’ Äußerungen über das „Kapital“ wie folgt wieder: „He said that that book was but a fragment, a single part of a work in three parts, two of the parts being yet unpublished, the full trilogy being ‘Land,’ ‘Capital,’ ‘Credit,’ the last part, he said, being largely illustrated from the United States, where credit has had such an amazing development.“ (MEGA I/25. S. 443.)
Pietro Rota: Storia delle banche
8Pietro Rota: Storia delle banche. Milano 1874. (S. 1/2 und 12–21.)
9Marx setzt die in Heft V begonnenen Auszüge aus der „Storia delle banche“ von Pietro Rota fort (siehe Entstehung und Überlieferung). Die Exzerpte im vorliegenden Heft beginnen mit dem Ende des fünften Kapitels über die öffentlichen Banken im italienischen Mittelalter. Dieses Mal sieht sich Marx den Monte dei Paschi di Siena an (S. 1/2). Danach exzerpiert er die Kapitel 6 bis 9 über die Neuzeit. Seine Exzerpte aus diesem Buch schloss er in Heft VII ab.
10Rota wollte in den ersten Kapiteln der „Storia delle banche“ zeigen, dass die Grundelemente des Bankwesens (Deposit und Kontokorrent) schon in der Antike existierten. Gleichwohl sei die Bankkunst der Griechen, Römer und Italiener des Mittelalters unvollkommen und unvollständig geblieben, denn es fehlten der Diskont und die Banknote. Die Erfindung des Indossaments ermöglichte die Diskontierung, was die Kreditvergabe erleichterte und den Banken ein geeignetes Mittel zur Kapitalverwendung bot. Die Banknote wiederum erhöhte die Bedeutung der Banken und schuf mit den Emissionsbanken eine neue Form von Kredinstituten.
11Marx’ Auszüge aus dem sechsten Kapitel (Handelsbanken in Holland und Deutschland zu Beginn des 17. Jahrhunderts) behandeln die Entstehung der Amsterdamer Wisselbank und sind knapp gehalten. Auch aus dem siebten Kapitel über die Banken in England, Schottland und Irland notiert sich Marx eher Details über die Geschichte der Bank of England im 19. Jahrhundert. Als Literaturangabe hält er das Buch „Lombard Street“ (London 1873) von Walter Bagehot fest, aus dem Rota (S. 204 u. 226) zwei Mal lobend zitiert. Bagehot hatte der Direktion der Bank of England mangelnde Professionalität vorgeworfen. Die Tatsache, dass der Verwaltungsrat der Bank nur einmal pro Woche für kurze Sitzungen zusammenkomme, polemisierte er, habe zur Folge, dass eine vierstündige Sitzung allein schon wegen ihrer Länge zu einer Finanzkrise führen müsse. Rota hielt diese Aussage für überspitzt, aber nicht ohne Wahrheitsgehalt. Neben der Bank of England interessiert sich Marx wieder für das Londoner Clearing House und Statistiken über das Verhältnis von Clearing-House-Verrechnungen, Banknotenzirkulation und Handelsvolumen. Rota sah das damalige London in der gleichen Position wie das Rom der Antike.So exzerpiert Marx: „Londra infine è la banca et le Clearing-house del mondo. Londra occupa ora quella posizione, che Roma ebbe nell’età antica e che ebbero la le città italiane nel medio-evo, ed Amsterdam in tempi più recenti. Però si può con sicurezza asserire che, se a Roma, a Genova, a Firenze, a Venezia, ad Amsterdam, il commercio ed il credito non si esercitarono con cosi meravigliosa economia come a Londra, riposarono però sopra basi più sicure e più ferme.“ (S. 14.) Schließen [2]
12Auch Marx’ Auszüge aus dem achten Kapitel (John Law und Agiotage) fallen vergleichsweise knapp aus. Deutlich umfangreicher sind die aus dem neunten Kapitel über die Bankengeschichte der Vereinigten Staaten nach der Unabhängigkeit. Wichtige Stationen sind hier die Experimente mit Staatspapiergeld zur Finanzierung des Unabhängigkeitskrieges, die politischen Auseinandersetzungen um die mit Regierungsprivilegien ausgestattete Bank of America, die großen Krisen von 1837 und 1857 sowie die Bankreformen während des Amerikanischen Bürgerkriegs.
13Rota interessiert sich unter anderem für die Rolle der Banken bei der Entstehung der Wirtschaftskrisen und das Verhältnis von Bankwesen und Politik in Amerika. Gegen die Auffassung des US-Präsidenten James Buchanan, wonach die Krise von 1857 auf übergroße Notenemissionen der amerikanischen Banken zurückzuführen war, weist Rota darauf hin, dass das Verhältnis von Reservefond zu Notenzirkulation bei amerikanischen Banken größer als bei europäischen gewesen sei. Marx notiert sich Rotas Auffassung wie folgt: „Das Fehlerhafte an den amerikanischen Banken war nicht übergrosse Emission v. Noten; sondern zogen durch hohen Zins grosse Depositmassen an, die sie festsetzten in prestiti auf langen Termin an Agricultur und società costruttrici v. Eisenbahnen.“ (S. 15.) Rota verwirft die Erklärung der Krisen durch Überemission von Banknoten; die Ursachen der Krisen sah er stattdessen, wie Marx schreibt, im „Speculationsgeist“ (S. 15).
14Rotas Untersuchung des amerikanischen Bankwesens seiner Gegenwart ist auch von der Frage motiviert, inwiefern es Italien als Vorbild dienen könne. Im Amerika gab es zwar, so Rota, seit der Auflösung der Second Bank of the United States im Jahr 1836 „keine durch Governmentsprivilegien überwiegende Bank od. solche mit Character v. Nationalbank“ (S. 17) mehr. Aber mit dem „National Bank Act“ von 1863 sei ein umfangreiches System der Staatseinmischung und gesetzlichen Regulierung (z. B. mit Deckungsvorschriften durch Metall und Greenbacks) geschaffen worden, was den von Rota zitierten amerikanischen Ökonomen Frances Bowen zu der Einschätzung verleitete, dass die Garantie der umlaufenden Banknote im amerikanischen Bankensystem nicht mehr der private, sondern der Staatskredit sei (S. 18). Auch Rota hob hervor, dass in Amerika durch die „minutiöse[n] Bestimmungen des Gesetzes“ von 1863 ein Banksystem entstanden war, das zwar nicht zentralisiert, aber dennoch „ein System v. grösserer Regierungseinmischung als bei den grossen privilegirten Staatsbanken in Europa“ (S. 18) ist. Rota, der mit der Preisgabe seiner eigenen Ansichten grundsätzlich zurückhaltend verfuhr, sprach sich daher gegen die Übernahme des amerikanischen Systems für Italien aus. Da er sich zugleich auch kritisch gegenüber den, wie Marx schreibt, „Knechten privilegirter Banken“ (S. 15) – wie der Bank of England und der Banque de France – zeigt, scheint er Anhänger einer Bankenfreiheit gewesen zu sein.
15Den wahren Zweck des „National Bank Act“ von 1863, über den Marx sich schon in den Exzerpten von 1868/1869 aus dem „Economist“ ausführlich informiert hatte (siehe Entstehung und Überlieferung zu Heft „London. 1868“), sah Rota darin, „künstlich Nachfrage f. die cartelle del debito pubblico u. hence deren Kurssteigerung zu bewirken“ (S. 17).
16Bei Rota erfährt Marx von Charles A. Manns Buch „Paper Money, the Root of Evil“, für dessen Lektüre er seine Exzerpte aus Rota auf S. 21 erneut unterbricht. Der Abschluss seiner Exzerpte aus der „Storia delle banche“ erfolgt in Heft VII.
Giovanni Mussida: Libertà e Protezione
17Giovanni Mussida: Libertà e Protezione. Studi di Economia Politica. Vol. 1.2. Milano 1877. (S. 3.)
18An der italienischen Kontroverse nach der Krise von 1873 zwischen liberalen auf der einen und von diesen als „kathedersozialistisch“ verschrienen Ökonomen auf der anderen Seite beteiligte sich auch Giovanni Mussida, der offenbar zu letzteren zu zählen ist und über den nicht viel bekannt ist. Er starb im Alter von 42 Jahren, kurz nachdem er alle vier Bände seines Werks „Libertà e Protezione“ vorgelegt hatte. Seine in einigen europäischen Zeitschriften berichtete Feuerbestattung deutet auf eine anti-katholische Einstellung hin. In einer Quelle heißt es zudem, er habe sich in Mailand für die Verbesserung der Lage der Armen eingesetzt (Annuario Istorico Italiano. In continuazione dell’Almanacco Istorico d’Italia. Anno XI-1878. Milano 1877. S. 653/654). Dafür mag auch das Motto auf dem Titelblatt des ersten Bands von „Libertà e Protezione“ sprechen, ein Zitat von Charles Montesquieu, wonach es „weder Unterdrückte noch Unterdrücker“ („Nè oppressi nè oppressori“) geben sollte. Mit seinem Werk richtete sich Mussida gegen „laissez-faire“ und betonte die Bedeutung von Gesetz und Regierung für die politische Ökonomie.
19Marx’ Exzerpt ist nur eine halbe Manuskriptseite lang. Ihm war anscheinend nicht bekannt, dass das Werk vier Bände umfasst, denn er notiert „2 Theile“ in der Überschrift seines Exzerpts, das auch nur aus den ersten beiden Bänden stammt. Aus dem ersten Band notiert er sporadisch einige Sätze. Zum zweiten Band, das unter anderem ein ganzes Kapitel der Widerlegung der „Irrtümer und Sophismen von Adam Smith“ sowie ein Kapitel „L’uomo e il clima“ („Der Mensch und das Klima“) enthält, bemerkt Marx bloß: „Das Ganze Eselei.“ (S. 3.)
Luigi Cossa: Guida allo Studio dell’Economia Politica
20Luigi Cossa: Guida allo Studio dell’Economia Politica. Milano, Napoli, Pisa 1876. (S. 3–11.)
21Luigi Cossa studierte unter anderen in Wien bei Lorenz Stein und in Leipzig bei Wilhelm Roscher, seine „Guida allo Studio dell’Economia Politica“ ist ihnen sowie Angelo Messedaglia gewidmet. Cossa wurde 1858 Professor für politische Ökonomie in Pavia, wo er Pietro Rota und Giuseppe Ricca-Salerno zu seinen Schülern zählte; Rotas „Storia delle banche“ ist ihm gewidmet. Bei der „Guida allo Studio dell’Economia Politica“ handelt es sich um eine Art Handbuch. Es umfasst etwas mehr als 250 Seiten und wurde später in viele Sprachen übersetzt; eine englische Übersetzung mit einem Vorwort von William Stanley Jevons erschien 1880. Das Buch ist in einen theoretischen und einen historischen Teil geteilt. Letzterer bietet einen chronologischen Überblick über die ökonomische Literatur vom 14. bis zum 19. Jahrhundert. Marx exzerpiert fast nur aus dem zweiten Teil, der den Charakter einer kommentierten Bibliographie hat und ohne größere Interpretationsleistungen Cossas auskommt.
22Marx’ Exzerpt folgt nicht dem Buch. Zunächst notiert er kurz einige englische, deutsche und niederländische Autoren und Titel aus dem sechsten Kapitel des zweiten Teils und verschafft sich dann einen Überblick über die zeitgenössische politische Ökonomie Italiens, in die Cossa im siebten (und letzten) Kapitel seines Buchs einführt. Francesco Ferrara wird als Oberhaupt der herrschenden Schule und als Anhänger von Carey und Bastiat vorgestellt. Nach dem Risorgimento verbreitete sich die politische Ökonomie rasch an den italienischen Universitäten, wo die Zahl der Lehrstühle erhöht wurde. Die weitgehende Pressefreiheit sowie die Vielzahl der wirtschaftlichen und finanziellen Probleme boten, wie Marx notiert, Anlass zu wissenschaftlichen Studien. Cossa zeigt sich jedoch skeptisch über die Qualität dieser neuen ökonomischen Forschungen in Italien (S. 5).
23In einem polemischen Artikel hatte Ferrara 1874 die jüngere Generation von Ökonomie-Professoren als „germanisti, socialisti, e corruttori della gioventù italiana“ („Germanisten, Sozialisten und Verderber der italienischen Jugend“) angegriffen. In Reaktion darauf organisierten Luigi Luzzatti, Fedele Lampertico, Antonio Scialoja und Cossa im Januar 1875 einen Ökonomisten-Kongress in Mailand, auf dem auch Pietro Rota vortrug. Die dort vertretenen Ökonomen diskutierten – offenbar inspiriert vom Verein für Sozialpolitik – Fragen der Sozialpolitik und der Rolle des Staats, sympathisierten mit der induktiven Methode und zeigten eine Vorliebe für Statistik und historische Vorgänge. Marx exzerpiert: „Seitdem lebhafte Polemik, die bisher zu nichts geführt.“ (S. 5.) Auch Cossas Einschätzung von Lampertico hält er fest: „i risultati migliori della scienca tedesca (!) sono italianamente interpretati“ (S. 4). Mit dem Ausrufzeichen wollte Marx offensichtlich sein Erstaunen zum Ausdruck bringen. Lampertico, der Marx’ „Kapital“ kritisiert hatte (siehe Entstehung und Überlieferung), war von der historischen Schule inspiriert, die Cossa hier als die besten Resultate der deutschen Wissenschaft vorstellt. Marx selbst hingegen, der sein „Kapital“ als „Triumph der deutschen Wissenschaft“ (Marx an Engels, 20. Februar 1866) begriff, wird unter den zahlreichen bei Cossa aufgeführten Autoren und Schriften nicht erwähnt.
24Nachdem er sich einen Überblick über die zeitgenössische italienische Ökonomie verschafft hat, geht Marx mehrmals im zweiten Teil des Buchs zurück: zuerst zum fünften Kapitel über Adam Smith und seine unmittelbaren Nachfolger (S. 5), dann zum vierten Kapitel über die Physiokraten (S. 5), dann zum zweiten Kapitel über die politische Ökonomie in der Antike und im Mittelalter (S. 5–7), schließlich zum dritten Kapitel über die politische Ökonomie in der Neuzeit ab dem 16. Jahrhundert (S. 7–10). Viele Schriften der Neuzeit behandelten – aus ökonomischer, juristischer, philosophischer und naturgeschichtlicher Perspektive – das Geld, das „Lieblingsthema der Schriftsteller jener Zeit […], theils in Folge der amerikanischen Gold u. Silber Zuflüsse, theils wegen der immer noch fortdauernden Geldfälschungen Seitens der Fürsten“, wie Marx exzerpiert (S. 9).
25Zuletzt (S. 10) springt Marx noch kurz in den ersten Teil von Cossas Buch, notiert einige der dort genannten Titel und fällt sein abschließendes Verdikt: „Diese Scheisse des Luigi Cossa gewidmet den »illustri professori« Angelo Messedaglia, Roscher u. Stein!!!“ (S. 11.)
Charles A. Mann: Paper Money, the Root of Evil
26Charles A. Mann: Paper Money, the Root of Evil. An Examination of the Currency of the United States, with Practical Suggestions for Restoring Specie Payments without Robbing Debtors. New York 1872. (S. 22–59, 78–83 und 85–91.)
27Auch über Charles A. Mann ist nicht viel bekannt, als Ökonom scheint er so gut wie keine Spuren hinterlassen zu haben. Das Vorwort von „Paper Money, the Root of Evil“ weist die Stadt Utica als Entstehungsort des Werks aus. Demnach handelt es sich bei dem Autoren wahrscheinlich um Charles Addison Mann (1834–1896), Sohn eines gleichnamigen New Yorker Anwalts und Politikers. Sein Onkel wäre dann Abijah Mann Jr., Abgeordneter in New York, gewesen, sein Bruder der Gynäkologe und Buchautor Matthew Derbyshire Mann.
28Den Anlass zur Veröffentlichung des 374-seitigen Buchs stellt die Entscheidung des Supreme Court von 1871 dar, wonach der „Legal Tender Act“ von 1862, der die Emission von nicht in Gold oder Silber einlösbarem Papiergeld gestattete, verfassungsgemäß sei. Während des Amerikanischen Bürgerkriegs suspendierte der Kongress die Zahlung in Gold und Silber und gestattete dem Treasury Department zur Finanzierung des Kriegs die Ausgabe von inkonvertiblem Papiergeld, das allgemein als „greenbacks“ bekannt wurde. Die damals seit Jahren tobende Debatte um die amerikanische Währung wurde mit dieser Entscheidung neu entfacht. Mann opponiert die Entscheidung des Supreme Court und tritt für eine schnelle Wiederaufnahme der Barzahlung ein. Gegen Henry Charles Carey, dessen protektionistische Ideen er ablehnt, hält Mann, dass in den Vereinigten Staaten die Currency- wichtiger als die Zollfrage sei. Ihre Lösung verbindet er mit einer großen Hoffnung, wie Marx exzerpiert: „When we have learned to obey it (viz. the law of the circulation of the precious metals), we shall gain the leadership of the commerce and manufactures of the world, and make England as much a commercial appendage of the U. St. as Canada now is.“ (S. 54.)
29Der Titel des Buchs ist Programm. Mann will die in seinen Augen fatalen ökonomischen und sozialen Konsequenzen der Greenbacks nachweisen. Inkonvertibles Papiergeld rufe Spekulation hervor, verschlimmere die Krisen und verändere die Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums zugunsten der Kapitalisten.
30Zunächst versucht Mann eine begriffliche Bestimmung von Papiergeld. Gold sieht er als das natürliche Geld an, da es zwischen den Ländern fließt (Kapitel 1), und Papiergeld als sein Substitut. Indes sei zwischen zwei verschiedenen Arten von Papiergeld zu unterscheiden (Kapitel 2): (konvertible) Banknoten einerseits und, wie Marx schreibt, „Staatspapiergeld“ (S. 24) oder, wie Mann es nennt, „paper money proper“ andererseits, das nicht gegen Metallgeld einlösbar ist und das das gegenwärtige Umlaufsmittel („currency“) der Vereinigten Staaten konstituiert. Mann wendet sich in diesem Zusammenhang gegen die Auffassung von John Law, eines Advokaten des Staatspapiergelds, wonach Geld nur ein Zeichen für Reichtum sei. Geld habe vielmehr drei Funktionen: Maß der Werte, Instrument der Zirkulation, Beständigkeit des Werts. Die Banknote habe zwar keine Wertbeständigkeit, aber Mann begreift sie dennoch als Geld, da sie seine beiden anderen Funktionen erfüllt, wohingegen Kreditinstrumente wie Schuldbriefe, Bankschecks und Wechsel nur den Austausch erleichtern (Kapitel 3). Konvertible Banknoten können daher exzessiv über das Ausmaß der „natural circulation“ hinweg ausgegeben werden, was dann die Warenpreise steigen lässt; allerdings nur temporär, denn es gibt einen natürlichen Korrekturmechanismus (Kapitel 4). Mann wägt im fünften Kapitel die Wirkung der einzelnen Kreditinstrumente auf die Preise ab.Marx notiert: „Book credits haben geringsten effect in enhancing prices; nächst höheren: Negotiable paper; still more: bank deposits; banknotes meisten; haben nicht nur quality of being current as money; haben the additional power of increasing the capacity of the banks to make loans by inscribing deposits.“ (S. 85.) Schließen [3] In seiner Analyse konzentriert er sich aus Marx’ Sicht wohl manchmal zu sehr auf das Papiergeld. Als er bemerkt, dass eine Währung aus inkonvertiblen Umlaufsmitteln die Kapitalkonzentration befördert, merkt Marx an: „sonst wohl nicht?“ (S. 48.)
31Es ist auffällig, dass Marx seine Exzerpte aus dem fünften Kapitel unterbricht, um direkt in das achte zu springen, in dem die „Theory of Greenbacks“ entwickelt wird (S. 32). Ab S. 37 seines Exzerpthefts kommt zudem ein Bleistift zum Einsatz, mit dem Marx seinen Auszügen aus Mann, Walker und Poor bis S. 84 Marginalien und Unterstreichungen hinzufügt. Diesen Teil seiner Exzerpte hat er sich anscheinend zu einem späteren Zeitpunkt gezielt angesehen, was sein Interesse an der Finanzgeschichte des Amerikanischen Bürgerkriegs und an dem Charakter des amerikanischen Bankensystems unterstreicht. Allerdings hat Mann, wie bemerkt, einen systematisierenden Anspruch. Fakten seien in der Debatte schon ausreichend präsentiert worden; jetzt müsse man auf ihrer Grundlage zu allgemeinen Aussagen über das Papiergeld gelangen. Manns Schrift ist ihrem Selbstverständnis nach also ein theoretischer Beitrag zum Staatspapiergeld. Es geht auch um das Verhältnis von Geld und „Politik“ (Congress, Gerichte, Treasury Department, legal tender usw.).
32Mann äußert zwar Verständnis für die Ausgabe der Greenbacks – in der Not und im Krieg greift man auf Staatspapiergeld zurück (S. 32) –, aber er kritisiert die Entscheidung der Gerichte, wonach eine dauerhafte Regulierung des Geldwerts unter die verfassungsmäßige Macht des Kongresses falle, als Hybris. Ausdruck einer Währungsabwertung sei ein Preisaufschlag auf Gold („premium on gold“), wie Mann in Kapitel 9, das den Goldpreis und seine Determinanten behandelt, nachweisen will. Marx exzerpiert: „Premium on gold bezeugt Thatsache dass die currency depreciated; keineswegs aber dass dies premium correct measure of the value of the depreciated currency.“ (S. 34.) Die heftigen Fluktuationen des „premium on gold“ während des Amerikanischen Bürgerkriegs hingen nicht direkt von der Quantität des zirkulierenden Mediums ab; stattdessen von den Nachrichten von der Front und den Machenschaften unpatriotischer Goldspekulanten (S. 34 u. 36). An dieser Stelle beginnen die Unterstreichungen und Marginalien von Marx mit Bleistift.
33Zentral im Exzerpt ist Kapitel 10 über die Wirkungen einer inkonvertiblen Währung auf die Produktion und Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums. Die Ausgabe der Greenbacks gab laut Mann dem Bankkapital und der Spekulation einen „artificial stimulus“, aber insgesamt sei das Wachstum des amerikanischen Reichtums zwischen 1861 und 1871 nachlassend und weniger als ein Drittel so groß wie im vorangegangenen Jahrzehnt gewesen (S. 42).
34Mann spricht für die Zeit nach dem Bürgerkrieg von einer „inflation“ und untersucht ihre Ursachen sowie ihre Auswirkungen auf verschiedene Klassen. Auch von der Inflation hätten die „speculators“ am meisten profitiert, wohingegen die Arbeiter (Marx hebt S. 43 heraus: „Labourers“) am meisten unter einer inkonvertiblen Currency zu leiden hätten (S. 46).So hält Marx fest: „Arbeiter erhalten »a nominal advance of wages«, aber nicht sufficient to make up for the loss of purchasing power which money undergoes.“ (S. 43.) Schließen [4] Allerdings seien die Preissteigerungen nicht direkt auf die quantitative Zunahme des inkonvertiblen Papiergelds zurückzuführen, sondern auch Folge der monopolartigen Stellung des amerikanischen Einzelhandels. Die Einzelhändler nahmen Risikoaufschläge, die sie wegen mangelnder Konkurrenz auch auf dem Markt durchsetzen konnten.
35Obwohl Mann die negativen Auswirkungen der Inflation auf weite Teile der Gesellschaft betont, spricht er sich zugleich gegen eine Kontraktion des Umlaufs aus. „The crime of inflation would be logically consummated by the crime of contraction.“ (S. 49.) Marx exzerpiert: „Gleichzeitig long steadily verfolgt die policy of contracting the currency, wovon die greatest sufferers die laborers; contractions verursachen hoarding of capital etc; bring production to a standstill u. daher deprives the laborers of employment; standing argument f. contraction, dass ultimately vortheilhaft f. diese who work for wages. But if they starve before specie payments are reached, the remedy must be pronounced more fatal than the disease. It is better for employed workmen to be partially robbed by paper money than to be left idle by a general stagnation.“ (S. 45.) Im Brief an Nikolaj Francevič Daniel’son vom 10. April 1879, in dem Marx die wirtschaftliche Entwicklung der Vereinigten Staaten mit der Russlands verglich, schien er Manns Auffassung zuzustimmen und schrieb u. a., Amerika „has freed itself (although in a most infamous way, for the advantage of the creditors and at the expense of the menu peuple) of its paper-money“.
36Somit hat der Amerikanische Bürgerkrieg in Manns Deutung zu zweischneidigen Resultaten geführt: Die Tyrannei des Kapitals über die Arbeit im Süden wurde militärisch zerstört, aber dafür habe das Kapital im Norden einen ungerechten Vorteil gegenüber der Arbeit erworben. Marx notiert: „While on the other side of the Atlantic the march is toward equality, on this side we are marching away from it. In these Northern States alone has the course of modern civilization been turned backward.“ (S. 50.)
37So prophezeit Mann in seinem Buch von 1872 eine neue Wirtschaftskrise, zu der es 1873 tatsächlich kommen sollte. Marx exzerpiert: „Wahrscheinlich »recurrence« ⦗dies 1872 geschrieben⦘ of one of those periodical upheavals in commerce which seem inevitable to nations in a progressive state of wealth.“ (S. 58.) In der Ära der Greenbacks werde diese Krise schlimmer ausfallen als jede ihrer Vorgängerinnen (S. 59).
38Marx’ Auszüge aus „Paper Money, the Root of Evil“ zählen zu den längsten seiner Studien von 1878/1879 zur Theorie und Geschichte des Geld- und Kreditwesens. Das Exzerpt stimulierte ihn auch dazu, eigene Ideen zu artikulieren. Die Quantitätstheorie des Geldes bezeichnet er als „false Theory“ (S. 28). Und als Mann gegen John Stuart Mill bestreitet, dass der Kredit die Preise beeinflusst, da Kredit nur ein Effekt sei und keine Wirkung auf den Wert habe, welcher wiederum die Preise affiziiert, entgegnet Marx, dass Kredit sehr wohl auf den Preis und selbst auf den Wert wirkt: „Der Mann irrt darin: […] credit can affect prices without affecting values; but it can also affect values f. i. capital advanced on credit for introduction of inventions etc“ (S. 27). Mann behauptet mehrmals, Kredit sei nur ein Effekt, etwa der Nachfrage nach Waren, und Marx entgegnet dem: „Er sieht hier nur Waarenspeculation; wie credit (als advance of capital) wirkt auf Production, u. by it, auf prices ⦗respective even upon values⦘ er sieht nicht.“ (S. 28.) Marx wiederholt an dieser Stelle auch seine Auffassung, wonach es das „Cardinalgesetz“ sei, dass Wertveränderungen immer auf die Preise wirken (S. 27).
Amasa Walker: The National Currency and the Money Problem
39Amasa Walker: The National Currency and the Money Problem. New York, Chicago, New Orleans 1876. (S. 60–63 und 64–77.)
40Der Ökonom Amasa Walker wurde von Charles A. Mann in „Paper Money, the Root of Evil“ erwähnt, der als eine von drei Quellen über den finanziellen Zustand der Vereinigten Staaten Walkers Buch „Science of Wealth“ empfahl (S. 22). Wie Mann war auch Walker ein Gegner der Greenback-Anhänger. Das 63-seitige Buch ist eine nach Walkers Tod 1875 erschienene Sammlung von zwei Aufsätzen, die zuvor in der „International Review“ veröffentlicht wurden: „Our National Currency“ (Walker, S. 5–35; zuvor veröffentlicht in: International Review. Vol. 1. New York 1874. S. 213–243) sowie „The Money Problem“ (Walker, S. 36–63; zuvor veröffentlicht in: International Review. Vol. 2. New York 1876. S. 249–276). In der Gliederung seines Exzerpts verzichtet Marx auf die Wiedergabe dieser Teilung. Auch wusste er nicht, wann die Aufsätze erschienen waren, da dies in der Buchausgabe nicht mitgeteilt wird. Dies zeigen seine Fragezeichen hinter wörtlich übernommenen Angaben aus dem Buch wie „September last“. Gemeint war damit indes die Krise von 1873, die im September 1873 in New York ausbrach und im Oktober mit dem Gründerkrach auch Deutschland erreichte. Dass Marx’ Exzerpt somit auch die Entstehung dieser Krise behandelt, zeigt ebenfalls sein Exzerpt aus der „Times“ vom 2. November 1878 über die Krise von 1873 und ihre Überwindung in den Vereinigten Staaten, durch welche die Auszüge aus Walker kurz unterbrochen sind (S. 63/64).
41Walker schreibt nach der Krise, die Charles A. Mann antizipiert hatte, und bestätigt dessen Prognose: Der „National Bank Act“ von 1863 hatte die Krise verschlimmert (S. 62/63). Darüber hinaus wollte Walker, wie auch Mann vor ihm, zeigen, dass der Wohlstand Amerikas zwischen 1860 und 1870 weniger stark gewachsen war als in der vorangegangenen Dekade. Marx exzerpiert entsprechende Statistiken (S. 71/72).
42Marx interessiert sich für das amerikanische Bankensystem, wie nicht zuletzt seine Anstreichungen und Marginalien mit Bleistift zeigen. Er informiert sich etwa über die verschiedenen Auffassungen darüber, wie mit den emittierten Greenbacks umzugehen ist. Walker nennt verschiedene Parteien: die „expansionists“, die für eine Ausweitung der Greenbacks eintreten; die „quietists“, die gar nichts unternehmen wollen; ferner jene, die sich für einen Einzug der Noten der Nationalbanken statt der Greenbacks aussprechen; sowie fünf Typen von „resumptionists“, die allesamt die Wiederaufnahme der Barzahlung befürworten, aber über den genauen Modus Operandi streiten (S. 70/71). Anders als Mann hielt Walker den Einzug der Greenbacks für notwendig: „Contraction must precede resumption.“ (S. 70) Walker unterstützt in beiden Aufsätzen mehr oder weniger den Plan von Charles Sumner, der im Senat vorschlug, die (zinslosen) Greenbacks allmählich durch zinstragende Anleihen zu ersetzen (S. 70 u. 73).
Henry V. Poor: Money and its Laws
43Henry V. Poor: Money and its Laws: Embracing a History of Monetary Theories, and a History of the Currencies of the United States. New York, London 1877. (S. 77 und 84.)
44Gleich eingangs des Exzerpts resumiert Marx den Eindruck, den das vorliegende Buch auf ihn gemacht hat: „Von diesem 623 pages starken volume nur soweit Notiz zu nehmen als es charakteristisches opus eines true type of Yankee blackguard and low literary bully and swaggering mountebank.“ (S. 77) Als Yankee-Schurken, literarischen Kleingeist und prahlerischen Scharlatan charakterisierte Marx hiermit Henry Varnum Poor, Gründer der H. V. and H. W. Poor Company (1860), aus der später die weltberühmte Kredit-Ratingagentur Standard and Poor’s hervorging.
45„Money and its Laws“ ist die jüngste der im vorliegenden Heft exzerpierten Schriften; Marx konnte auf das Buch also nicht durch die Lektüre anderer Autoren aufmerksam geworden sein. Wahrscheinlich stieß er darauf beim Durchstöbern des Katalogs der Bibliothek des British Museum; der Titel befindet sich unter den bibliographischen Notizen am Ende des vorliegenden Hefts (S. 93). Marx notiert dort noch eine weitere Schrift Poors sowie auch dessen an Investoren gerichtetes Periodika „Manual of the Railroads of the United States“, in dem Poor detaillierte Informationen über die amerikanischen Eisenbahngesellschaften versammelte, um ihre Kreditwürdigkeit beurteilen zu können.
46Das Buch „Money and its Laws“ knüpft thematisch an einen Schwerpunkt der Mann- und Walker-Exzerpte an: Geldpolitik und Banksystem während des Amerikanischen Bürgerkriegs. Marx’ kurze Auszüge stammen allesamt aus dem Kapitel „Currency and Banking in the United States“. Auch hier gibt es die für das vorliegende Heft charakteristischen Marginalien und Unterstreichungen mit Bleistift. Aus den anderen Kapiteln – über die Gesetze des Geldes („The Laws of Money“) und über die Geschichte der Geldtheorien (von Aristoteles über Locke bis hin zu vor allem englischen Theorien des 19. Jahrhunderts) – notiert Marx nichts.
47Worauf sich Marx’ eingangs zitierte Einschätzung stützt, lässt sich nicht durch sein Exzerpt selbst erkennen. Möglicherweise ging es darum, dass Poor, wohl im Bemühen um Originalität – woran es seiner Meinung nach der amerikanischen politischen Ökonomie bislang gemangelt hatte –, die gesamte bisherige Geldtheorie einfach zu verwerfen scheint. Während er die meisten Arbeiten zum Thema harsch kritisiert, glaubt er, selbst ein neues, von allen anderen Autoren übersehenes Gesetz entdeckt zu haben: „the law of redemption“ (Poor, S. 60).
48Das Buch erschien in New York; aber Marx benutzte laut seiner Exzerpt-Überschrift eine Londoner Ausgabe. Eine solche konnte nicht ermittelt werden. In der Bibliothek des British Museum ist heute die New Yorker Ausgabe vorhanden.
Anmerkungen
- [1]Bei diesen Titeln handelt es sich um Stefano Jacini: La proprietà fondiaria e le popolazioni agricole in Lombardia. Milano 1857; David Low: On Landed Property and the Economy of Estates. Edinburgh 1844; John Laing: The Theory of Business. 2. ed. London. 1868; Pietro Ellero: La Questione Sociale. Bologna 1874; Carl Knies: Geld und Credit. Berlin 1873; Charles A. Mann: Paper Money, the Root of Evil. New York 1872; Henry V. Poor: Money and its Laws. London 1877; Amasa Walker: The National Currency and the Money Problem. New York, Chicago, New Orleans 1876. Allerdings sind diese Markierungen nicht vollständig systematisch; einzelne später exzerpierte Werke bleiben ohne entsprechenden Vermerk, etwa Karl Bücher: Die Aufstände der unfreien Arbeiter 143–129 v. Chr. Frankfurt a. M. 1874.
- [2]So exzerpiert Marx: „Londra infine è la banca et le Clearing-house del mondo. Londra occupa ora quella posizione, che Roma ebbe nell’età antica e che ebbero la le città italiane nel medio-evo, ed Amsterdam in tempi più recenti. Però si può con sicurezza asserire che, se a Roma, a Genova, a Firenze, a Venezia, ad Amsterdam, il commercio ed il credito non si esercitarono con cosi meravigliosa economia come a Londra, riposarono però sopra basi più sicure e più ferme.“ (S. 14.)
- [3]Marx notiert: „Book credits haben geringsten effect in enhancing prices; nächst höheren: Negotiable paper; still more: bank deposits; banknotes meisten; haben nicht nur quality of being current as money; haben the additional power of increasing the capacity of the banks to make loans by inscribing deposits.“ (S. 85.)
- [4]So hält Marx fest: „Arbeiter erhalten »a nominal advance of wages«, aber nicht sufficient to make up for the loss of purchasing power which money undergoes.“ (S. 43.)
Zeugenbeschreibung
- H Originalhandschrift: IISG, Marx-Engels-Nachlass, Sign. B 147/B 135.
- Beschreibstoff: Notizbuch mit kartoniertem Einband, Außenseiten und Rücken mit schwarzlackierter Leinwand bezogen, Innenseiten mit gleichem Papier wie Heftseiten beklebt. Format: 194 × 158 mm. Auf Vorderdeckel von Engels Etikett im Format 176 × 110 mm aufgeklebt. Keine Vorsatzblätter. Darin ursprünglich eingeheftet 48 Blatt (= 96 Seiten) mittelstarkes, glattes, weißes Papier, hellblau liniert. Format wie Umschlag. Als Wasserzeichen nur helle Linien im Abstand von 23 mm.
- Zustand: Gut erhalten, Papier leicht vergilbt, Ecken und Kanten des Umschlags etwas abgestoßen. Zwei Blätter vor Beschriftung herausgerissen, noch 92 Seiten vorhanden. Keine Textverluste.
- Schreiber: Marx, Engels (nur Etikett).
- Schreibmaterial: Schwarze Tinte, leicht bräunlich verfärbt. An- und Durchstreichungen, Ankreuzungen sowie einzelne Eintragungen auch mit Bleistift (Innenseite des Vorderdeckels, S. 37–50, 52, 54, 55, 57, 60–81, 84) und Blaustift (Innenseite des Vorderdeckels, S. 91, 92, Innenseite des Hinterdeckels).
- Beschriftung: Vorderdeckel beidseitig und Innenseite des Hinterdeckels (teilweise) sowie S. 1–92 vollständig (S. 2 teilweise). Lateinische Schrift.
- Paginierung:Marx paginierte von 1–91 mit Tinte, später von fremder Hand mit Bleistift nachgezogen und 92 und 93 (Innenseite des Hinterdeckels) ergänzt. Innenseite des Vorderdeckels nicht paginiert.
- Vermerke fremder Hand:Archivstempel IISG, Sign. B 135; Fotosign. EE 0 - EE 93 (mit Bleistift).
Zitiervorschlag
Timm Graßmann: Entstehung und Überlieferung zu Heft VI (1878). In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital, Bd. IV/25, hg. v. der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://megadigital.bbaw.de/M0329342. Abgerufen am 08.08.2026.
Inhaltsverzeichnis
- Inhaltsbeschreibung und Datierung
- Pietro Rota: Storia delle banche
- Giovanni Mussida: Libertà e Protezione
- Luigi Cossa: Guida allo Studio dell’Economia Politica
- Charles A. Mann: Paper Money, the Root of Evil
- Amasa Walker: The National Currency and the Money Problem
- Henry V. Poor: Money and its Laws
- Zeugenbeschreibung