| Manchester 7 Septb 70.
Lieber Mohr
Von Engels an Marx, 4.9.1870.
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Dem
deutschen Philister ist durch die unverhofften & durch ihn auch unverdienten
Siege der Chauvinismus gräulich in die Krone gefahren, &
es ist hohe Zeit, daß was dagegen geschieht. Wäre der „Volksstaat“ nur nicht so gar erbärmlich! Aber da
ist nichts zu machen. Siehe MEGA2 I/21. S. 167–174. Friedrich
Engels: Vorbemerkung zu „Der deutsche Bauernkrieg“ (1870). Diese
Vorbemerkung schrieb Engels im Februar 1870 für einen von Wilhelm Liebknecht zuerst im Feuilleton
des „Volksstaats“ als
Broschüre geplanten Neudruck der von ihm 1850 verfaßten Arbeit „Der deutsche
Bauernkrieg“. (Siehe Friedrich Engels: Der deutsche
Bauernkrieg. In: MEGA2 I/10. S.
367–443.)
Schließen Ehe meine Einleitung zum „Bauernkrieg“
als Brochüre im Druck
erscheint, haben die Ereignisse sie längst überholt. Siehe Karl Marx: Second Address of the
General Council of the International Working Men's Association on
the War. (MEGA2 I/21. S.
485–491 und Erl. S. 1751–1766. / Karl Marx: Zweite Adresse des
Generalrats der Internationalen Arbeiterassoziation über den
Deutsch-Französischen Krieg. (MEGA2 I/21. S. 492–499 und Erl. S.
1767–1776).
Schließen Die
neue
Proclamation der Internationale
(von der Du aber
diesmal auch das
Deutsche
machen mußt) ist daher um so nothwendiger.
Wenn Aufruf von Pariser Mitgliedern der Internationale
mit dem Titel: „Au
Peuple Allemand. A la Démocratie Socialiste Allemande“. Zu
dem Aufruf siehe MEGA2 I/21. S. 1751–1766 und
Erl. 490.21–29.
Schließen die pariser
internat.
Proclamation
einigermaßen getreu hertelegraphirt, so
beweist sie allerdings daß die Leute
noch
vollständig unter der Herrschaft der Phrase stehn. Diese
Menschen, die den Badinguet 20 Jahre
geduldet, die noch vor 6 Monaten nicht verhindern konnten daß er 6 Mill. Stimmen
gegen 1½ erhielt, & daß er den sie ohne Grund
& Vorwand auf Deutschland hetzte, diese Leute verlangen jetzt, weil die
deutschen Siege ihnen eine Republik —
& laquelle!
geschenkt haben, die Deutschen sollen sofort den
heiligen Boden Frankreichs verlassen, sonst:
guerre
à outrance! Es ist ganz die alte Einbildung von der
Überlegenheit Frankreichs, von dem durch 1793 geheiligten Boden den keine
späteren französischen
Schweinereien entheiligen können, von der
Heiligkeit der Phrase Republik. Thatsächlich erinnert dies Auftreten | an
die Dänen die 1864 die Preußen auf 30 Schritt herankommen ließen, eine Salve auf
sie gaben, & dann das Gewehr streckten, in der Hoffnung man werde sie wegen
dieser Formalität nicht mit gleicher Münze bezahlen.
Ich will hoffen die Leute besinnen sich, sobald sie über den ersten Rausch hinaus sind, denn sonst würde es verdammt schwer werden mit ihnen international zu verkehren.
Diese ganze Republik ist wie ihr kampfloser Ursprung, bis jetzt eine reine Farce. Wie ich seit 14 Tagen & länger erwartet, wollen die Orleanisten eine Interimsrepublik, die den blamablen Frieden schließt damit das Onus nicht auf die später zu restaurirenden Orléans fällt. Die Orleanisten haben die wirkliche Macht: Trochu das Militärcommando & Kératry die Polizei, die Herren von der Gauche haben die Schwatzposten. Da die Orléans jetzt die einzig mögliche Dynastie, können sie das wirkliche avènement au pouvoir ruhig abwarten, bis zur gelegnen Zeit. —
Eben geht Dupont weg. Er war den Abend hier, & ist über(?) wüthend über diese schöne Pariser Proclamation. Daß Serraillier hingeht & vorher mit Dir darüber gesprochen beruhigt ihn. Seine Ansichten über den Casus sind ganz klar & richtig: Benutzung der durch die Republik unvermeidlich gegebenen Freiheiten zur Organisation der Partei in Frankreich, Action wenn die Gelegenheit nach erfolgter Organisation sich bietet, Zurückhalten der Internat. in Frankreich bis nach erfolgtem Frieden.
| Die Herren von der provisorischen Regierung & die Bourgeois in Paris (nach der Daily-News-Corresp. zu urtheilen) scheinen ganz gut zu wissen daß es mit der Fortführung des Kriegs reine Redensart ist. Der Regen wird die Deutschen wenig hindern, die Leute die jetzt im Feld stehn sind jetzt daran gewöhnt, & gesunder dabei als bei der Hitze. Dazu können allerdings epidemische Krankheiten kommen besonders bei der Capitulation von Metz wo sie sicher schon sind, aber das ist ungewiß. Ein Guerillakrieg der die Preußen zu massenhaften Erschießungen zwänge, scheint auch nicht sehr wahrscheinlich, könnte aber doch unter dem ersten Eindruck der Revolution hie & da losgehn. Wenn wir erst wissen welchen Eindruck die Kapitulation von Metz die in der nächsten Woche wohl spätestens erfolgt, in Paris machen wird, so wird man auch über den weiteren Gang des Kriegs urtheilen können. Bisher scheinen mir die Maßregeln, d. h. Phrasen der neuen Regenten wenig zu versprechen, als baldige Übergabe.
Rochefort wird wohl nicht lange bei dem Pack bleiben, wenn die Marseillaise wieder erscheint kommt es sicher bald zum Klappen zwischen ihm & ihnen.
Schorlemmer ist heute mit Wehner abgereist um vom hiesigen Unterstützungscomité eine Masse Schnaps, Wein, wollene Decken, Flanellhemden usw. (für über 1000 Pfd. in Allem) direct über Belgien nach Sedan für die Verwundeten zu bringen. Wenn er irgend Zeit hat kommt er zu Dir, sie haben aber noch eine Masse Sachen dort zu besorgen, es wurde erst gestern Morgen angefangen | einzukaufen & zu verpacken. Von da wollen sie wo möglich nach Metz wo Jeder von ihnen einen Bruder bei der Armee hat.
Bezeichnend für die Lauseregierung in Paris ist daß auch sie nicht wagt dem Publikum reinen Wein einzuschenken darüber wie die Sachen eigentlich stehn. Ich fürchte, wenn kein Wunder passirt, ist ein Moment der directen Bourgeoisherrschaft unter den Orléans unvermeidlich, um den Kampf in seiner reinen Gestalt vor sich gehn zu lassen. Die Arbeiter jetzt zu opfern wäre Strategie à la Bonaparte & Mac-Mahon, vor dem Frieden können sie unter keinen Umständen was machen, & nachher werden sie fürs Erste, auch noch Zeit zur Organisation bedürfen.
Die Allianzdrohung wird wohl etwas auf die Preußen drücken. Aber sie wissen daß die russischen Hinterlader nichts taugen, daß die Engländer keine Armee haben & die Oestreicher sehr schwach sind. In Italien scheint Bismark mit dem Pabst (da die Florentiner Regierung offiziell anzeigt sie gehe noch im September nach Rom), ferner mit Zusage von Savoyen & Nizza den Regierenden jeden Widerstand unmöglich gemacht zu haben, der Coup war fein. Übrigens scheint Bismark nur auf etwas Druck zu warten um sich mit Geld & der Stadt Straßburg & Umkreis zu begnügen. Er kann die Franzosen noch brauchen & mag sich einbilden das könnten sie für Großmuth ansehn.
„adjüs“, bereitgestellt durch das Digitale
Wörterbuch der deutschen Sprache, abgerufen am
16.08.2023.
Schließen Adjüs, beste Grüße.
F. E.
Zeugenbeschreibung und Überlieferung
Zeugenbeschreibung
Soweit aus der Fotokopie zu ersehen ist, besteht der Brief aus einem Bogen weißem Papier. Engels hat alle vier Seiten vollständig beschrieben. Schreibmaterial: schwarze Tinte.
Von Eduard Bernsteins Hand: Nummerierung des Briefes auf der ersten Seite oben rechts mit schwarzer Tinte: „505“ bzw. der beschriebenen Seiten mit Bleistift: „71,1–4“, sowie redaktionelle Vermerke und Streichungen.
Von Heinrich Dietz’ Hand: Nummerierung des Briefes auf der ersten Seite oben mit Bleistift: „1234“.
Zitiervorschlag
Friedrich Engels an Karl Marx in London. Manchester, Mittwoch, 7. September 1870. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital, hg. v. der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://megadigital.bbaw.de/M5854988. Abgerufen am 09.08.2026.