| Milano Li 30/11.71.
Mein lieber Bürger Engels!
Dank für Siehe Engels an Th. F.
Cuno, 13.11.1871.
Schließen Ihren Brief und die Schriften. Eine Adresse in Genua werde
ich Ihnen bald schicken, ich habe an einen Freund dort geschrieben und wird
derselbe die Sache pünktlich besorgen. Ueber den Fortgang unserer
Angelegenheiten hier folgendes: Im September hat sich hier ein Arbeiterverein
constituirt unter der Devise: „Società operaja di mutuo soccorso morale e di
istruzione.“ Kurz nach Empfang Ihres Briefes las ich in Gazzettino Rosa einen Aufruf dieses Vereins an die
hiesigen Arbeiter, und waren darin die unseren Generalstatuten vorausgesetzten
Gründe für die Emancipation der
Arbeiters
enthalten, ja es waren dieselben wörtlich abgeschrieben. Voll Freude und in der
Hoffnung Gesinnungsgenossen zu finden liess ich mich durch den Mitarbeiter des
Gazz. Rosa den Bürger Pezza einen Freund
Bakunin’s in den Verein einführen und
aufnehmen. Aber zu meinem Erstaunen fand ich eine Gesellschaft von
Erz-Mazzinianern aus der Conspirations Schule vor! Von der Internazionale hatten die Leute gar keinen Begriff,
ja sie wussten nicht einmal, dass ihre Statuten und Proclamationen von uns
copirt seien! Mit der Copie verhält es sich nun folgendermassen: Pezza und einer
seiner Freunde, der Agricultur Student Testini haben das Programm redigirt nach unserem Muster, ohne
der anderen Bande etwas davon zu sagen, mit der Absicht moralisch auf die
Mitglieder einzuwirken und | wenn der Zeitpunkt günstig, den Verein in eine
Section umzuwandeln. Das Programm wurde darauf in Bausch und Bogen angenommen,
und von Pezza u. Testini dann die Propaganda begonnen. In kurzer Zeit hatten sie
eine Anzahl Gesinnungsgenossen gewonnen, leider hält es jedoch schwer die
Majorität zu bekommen, So war der Stand der Dinge als ich eintrat. Pezza hatte
es dahin gebracht, dass jede Sitzung über den Anschluss an die Intern. discutirt
wurde, wobei denn natürlich die ganze Verschrobenheit und Verwirrung des
Mazzinianismus und die Unwissenheit seiner Anhänger zum Vorschein kam. Ich trat
lebhaft in die Debatten ein, plaidirte auch mit Erfolg, so dass wir mit
Bestimmtheit darauf rechnen Ihnen in einigen Wochen unseren Anschluss mittheilen
zu können. Wenn es mir gelingt die Arbeiter unseres
Stabilimento,
ungefähr 100–200 zum Eintritt in die Gesellschaft zu bewegen ist unser Erfolg
gesichert. Freilich ist die Agitation für mich ein gefährliches Spiel, da ich
dadurch jeden Augenblick in Gefahr bin Amt und Brot zu verlieren, was mir, da
mir innerhalb dieses Jahres dasselbe schon in Chemnitz und Wien passirte,
natürlich von grossem Nachtheil sein würde, weil hier in Italien die Stellungen
für unser
Fach sehr schwierig zu finden sind; jedoch hoffe ich mich auf
die Collectivität der Leute verlassen zu können, und bin deshalb ausser Sorge. –
Vorläufig bitte ich sie um Mitglieder Karten für Pezza, Testini, Danieli, Poggio, Stocker, Rainoldi, Orisio
Santo, Pozzoli, Cerimedo, und ungefähr 50–60 Andere, ebenso um
| Agitations Schriften, die wir natürlich bezahlen werden, wie um die
Adresse des Präsidenten der Sectionsgruppe Italienischer Sprache. Ebenfalls
haben Sie die Güte mir einen Rath zu geben was wir mit den Oppositions
Mitgliedern thun sollen, falls wir sie überstimmen sollten, denn wir können doch
erklärte Feinde nicht in unserer Mitte behalten, sie aber ausstossen würde uns
erheblichen Schaden bringen. – Der Hauptgrund der Opposition ist: die Leute
steifen sich darauf, die Internationale erkläre, sie sei keine politische
Gesellschaft, sondern sie wolle die sociale Frage lösen, ohne die staatliche
Reform vorerst herbei führen zu wollen! Es hält sehr schwer in diese verbohrten
Köpfe, die nie etwas reelles gelernt und studirt haben, Raison zu bringen, und
ihnen den Unsinn ihrer Argumente
ad
oculos zu demonstriren, es wäre daher wünschenswerth, wenn Sie
uns diesbezüglich Broschüren und andere Litteratur zuwiesen. – Ueber den Gazz. Rosa, den Sie wahrscheinlich
nicht lesen, kann ich Ihnen nur mittheilen, dass er ein Blatt ist, das sich in
seinem
Anfänge
nur von Theater Kritiken, Skandalgeschichten der Municipalbeamten,
Familienangelegenheiten des Prinzen Umberto
und seines Vaters ernährte, aber auch
Privatpersonen angriff und lächerlich machte, so dass er in letzter Zeit Gefahr
lief seine Abonnenten zu verlieren, und um diesem auszuweichen hat er sich auf
die sociale Frage geworfen, nennt sich Internazional und sucht damit die
Arbeiter zu ködern, ja er ist sogar so kühn zu behaupten die „ganze |
Arbeiterschaft stehe hinter ihm“. Der Redacteur ein gewisser Achille Bizzoni ist abgedankter ital. Officier,
der im letzten Kriege mit Garibaldi focht,
aber sonst eine ziemlich dunkle Persönlichkeit, der an nichts weniger denkt als
ein Proletarier sein zu wollen, in Glaceehandschuhen steckt, goldene Kette und
Ringe trägt, ein Duell über das andere zu bestehen hat, und eine ganz absurde
Opposition gegen die Regierung macht, indem er zum Beispiel sagt: „Und nach dem
seine Majestät seine gewöhnliche Gymnastik auf den bekannten lebenden
Instrumenten gemacht haben wird, wird er wohl zu Bette gegangen sein!“ Was nützt
solcher Unsinn nur! Die Beilage ist nicht überliefert.
Schließen Ein anderes Pröbchen dieser
Journalistik lege ich Ihnen hier bei. Fortwährend hat der
Gazz. R. Tausende von
Franken Strafe zu bezahlen und den 3ten Theil des
Jahres sitzt Bizzoni im Arrest. Es schadet solches Treiben der democratischen
Partei sehr, und entzieht ihr Summen, die 100 mal besser angewandt werden
könnten. – Eine persönliche Bitte an Sie besteht darin, mir Ihre und Carl Marx
Photografie schenken zu wollen, ich möchte alle die lieben Gesichter gern in
meinem Kämmerchen und stets vor Augen haben, es stärkt und befestigt mich deren
Anblick in manchen trüben Stunden, wo ich, mit meinen Gedanken allein, an das
ungeheure Elend, das die Menschheit umfängt, zu denken gezwungen bin, ohne
Hoffnung auf die baldige Erfüllung unserer heissesten Wünsche!
Leben Sie wohl für heute. Salut et egalité!
Ihr getreuerTh. Cuno.
/ Adressiren Sie nicht mehr an die Elvetica: sondern: Th. Cuno. Via Mulino delle armi No 19. Presso Carolina Chiesa. /
/ Die Beilage ist
überliefert (IISG, Marx-Engels-Nachlass, Signatur: L 976/L III Bei
20–2. Fotosign. 10336). Siehe Digitalisat.
Schließen Anbei auch einen unserer Aufrufe an die hiesigen
Arbeiter. /
Zeugenbeschreibung und Überlieferung
Zeugenbeschreibung
Soweit aus der Fotokopie zu ersehen ist, besteht der Brief aus einem Bogen weißem Papier. Cuno hat alle vier Seiten vollständig beschrieben. Schreibmaterial: schwarze Tinte.
Von Engels’ Hand: Notiz in schwarzer Tinte oben auf der ersten Seite: „Mailand 30. Nov. 71 / Th. Cuno / Btw. 16 Dec“.
Von unbekannter Hand: Unterstrichungen mit Rotstift von Engels’ Notiz auf der ersten Seite.
Archivnummerierung mit Bleistift oben rechts auf der ersten Seite: „20–2“.
Das Postskriptum ( „Adressieren Sie ...Chiesa.“) ist in vertikaler Schreibrichtung am linken Rand der vierten Seite notiert. Der Satz „Anbei auch einer unserer Aufrufe an die hiesigen Arbeiter“ steht vertikal am linken Rand der dritten Seite.
Die Schreibweise wurde nicht berichtigt.
Zitiervorschlag
Theodor Friedrich Cuno an Friedrich Engels in London. Mailand, Donnerstag, 30. November 1871. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital, hg. v. der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://megadigital.bbaw.de/M5418434. Abgerufen am 10.08.2026.