| Mchr 15 Aug 1870.
Lieber Mohr
Wenn man wie ich, seit 3 Tagen es heftig im Bauch hat, mit gelindem Fieber von Zeit zu Zeit, so ist es selbst auf dem eingeschlagenen Weg der Besserung kein großes Vergnügen über die politique Wilhelm s sich zu verbreiten. Da Du aber den Kram wieder haben mußt so sei es.
In wie weit der sicher sehr
schwache Bracke sich persönlich in nationale
Begeisterung hat fortreißen lassen, weiß ich nicht, & da ich in 14 Tagen
höchstens eine No vom „Volksstaat“ erhalte, kann ich
auch den Ausschuß in dieser Beziehung nicht beurtheilen außer nach Vermutlich Leonhard von Bonhorst an Wilhelm
Liebknecht, 31. Juli 1870. Abgedruckt in: Liebknecht: Briefwechsel mit
deutschen Sozialdemokraten. Bd. 1. S. 331/332.
Schließen
Bonhorsts
Brief an Wilhelm
,
der im Ganzen cool ist aber theoretische Unsicherheit verräth. Dagegen sticht
Liebknechts bornirte Sicherheit der Prinzipienreiterei allerdings in bekannter
Weise vortheilhaft ab.
Mir scheint der Casus so zu liegen: Deutschland ist durch Badinguet in einen Krieg um seine nationale Existenz hineingeritten. Unterliegt es gegen Badinguet, so ist der Bonapartismus auf Jahre befestigt, & Deutschland auf Jahre, vielleicht auf Generationen, caput. Von einer selbstständigen deutschen Arbeiterbewegung ist dann auch keine Rede mehr, der Kampf um Herstellung der nationalen Existenz absorbirt dann Alles, & besten Falls gerathen die deutschen Arbeiter ins Schlepptau der französischen. Siegt Deutschland, so ist der franz. Bonapartismus jedenfalls caput, der ewige Krakehl wegen Herstellung der deutschen Einheit endlich beseitigt, die deutschen Arbeiter können sich auf ganz anders nationalem Maßstab als bisher organisiren, & die französischen, was auch für eine Regierung dort folgen mag, werden sicher ein freieres | Feld haben als unter dem Bonapartismus. Die ganze Masse des deutschen Volks aller Klassen hat eingesehn daß es sich eben um die nationale Existenz in erster Linie handelt & ist darum sofort eingesprungen. Daß eine deutsche politische Partei unter diesen Umständen à la Wilhelm die totale Abstention predigen, & allerhand Nebenrücksichten über die Hauptrücksicht setzen, scheint mir unmöglich.
Dazu kommt daß der Badinguet diesen Krieg nicht hätte führen können ohne den Chauvinismus der Masse der franz. Bevölkerung, der Bourgeois Kleinbürger, Bauern & des von Bonap. in den großen Städten geschaffenen imperialistischen, Haussmannschen, aus den Bauern hervorgegangnen Bauproletariats. Solange dieser Chauv. nicht auf den Kopf gehauen & das gehörig, ist Friede zwischen Deutschld & Fkch unmöglich. Man konnte erwarten, daß eine proletarische Revolution diese Arbeit übernehmen würde; seitdem aber der Krieg da, bleibt den Deutschen nichts übrig als dies selbst & sofort zu thun.
Daß — & jetzt kommen die Nebenrücksichten — dieser Krieg von Lehmann, Bismarck & Co kommandirt wird & ihnen zur augenblicklichen Gloire dienen muß, falls sie ihn glücklich durchführen, das verdanken wir der Misère der deutschen Bourgeoisie. Es ist allerdings sehr öklig, aber nicht zu ändern. Darum aber den Antibismarkismus zum allein leitenden Prinzip erheben, ist wäre absurd. Erstens thut B., jetzt wie 1866, immer ein Stück von unsrer Arbeit, in seiner Weise & ohne es zu wollen, aber er thuts doch. Er schafft uns reineren Bord als vorher. Und dann sind wir nicht mehr Anno 1815. Die Süddeutschen treten jetzt nothwendig in den Reichstag | ein & damit erwächst dem Preußenthum ein Gegengewicht. Dazu die nationalen Pflichten die ihm zufallen, & die, wie Du schon schriebst, die russ. Allianz von vornherein verbieten. Überhaupt, à la Liebkn., die ganze Geschichte seit 1866 rückgängig machen zu wollen weil sie ihm nicht gefällt, ist Blödsinn. Aber wir kennen ja unsere Mustersüddeutschen. Mit dem Narren ist nichts aufzustellen.
Ich meine die Leute können
- 1) sich der nationalen Bewegung anschließen — wie stark sie ist, siehst Du aus Siehe L.
Kugelmann an Marx,
7.8.1870.
Schließen Kugelmanns Brief — soweit & solange sie sich auf Vertheidigung Deutschlands beschränkt (was die Offensive bis zum Frieden unter Umständen nicht ausschließt) - 2) den Unterschied zwischen den deutsch-nationalen Interessen & den dynastisch preußischen dabei betonen,
- 3) jeder Annexation von Elsaß & Lothringen entgegenwirken — B. läßt jetzt die Absicht durchblicken, diese an Baiern & Baden zu annexiren,
- 4) sobald in Paris eine republikanische, nicht chauvinistische Regierung am Ruder, auf ehrenvollen Frieden mit ihr hinzuwirken,
- 5) die Einheit der Interessen der dtschen & fz. Arbeiter, die den Krieg nicht gebilligt & die sich auch nicht bekriegen, fortwährend hervorzuheben,
- 6) — Rußland wie in der internat. Adresse.
Amüsant ist bei Wilh. die Behauptung, weil Bismarck ein Anhä(?) nger ehemaliger Spießgeselle des Badinguet, sei der wahre Standpunkt, sich neutral zu halten. Wenn das die allgemeine Meinung in Deutschland, hätten wir bald wieder den Rheinbund & die der edle Wilhelm sollte einmal sehn, was er in dem für eine Rolle spielte & wo die Arbeiterbewegung bliebe. Ein Volk, das immer nur Hiebe bekommt, & Tritte, ist allerdings | das wahre um eine soziale Revolution zu machen, & noch dazu in Wilhelms geliebten X Kleinstaaten!
Siehe W. Liebknecht an Marx, 13.8.1870: „Ist
es wahr, daß Engels den patriotischen Raptus
hat? Die Elberfelder Zeitung soll es gemeldet haben“.
Schließen Wie hübsch das arme Kerlchen mich auch zu denunziren sucht wegen
etwas das in der Elberf.
Ztg gestanden haben „soll“! Armes
Thier!
Der débâcle in Frankreich scheint gräulich. Alles verlottert, verkauft, verschwindelt. Die chassepots schlecht gearbeitet & versagen im Gefecht, es sind keine mehr da, die alten Steinschloßflinten sollen wieder herausgesucht werden. Trotzdem braucht eine revolutionäre Regierung, wenn sie bald kommt, nicht zu verzweifeln. Sie muß aber Paris seinem Schicksal überlassen, & den Krieg vom Süden aus weiter führen. Es ist dann noch immer möglich daß sie sich so lange halten kann bis Waffen aufgekauft & neue Heere organisirt sind, mit denen der Feind allmählig wieder bis an die Gränze zurückgedrückt wird. Das wäre eigentlich das wahre Ende des Kriegs, daß beide Länder sich gegenseitig den Beweis ihrer Unbesiegbarkeit liefern. Aber wenn das nicht bald geschieht so ist die Komödie aus. Moltkes Operationen sind ganz musterhaft — der alte Wilh. scheint ihn ganz gewähren zu lassen ~ & die 4ten Bataillone rücken bereits bei der Armee ein, während die französischen noch nicht existiren.
Wenn Badinguet nicht schon von Metz fort ist, kann’s ihm schlimm gehn.
Für den Rheumatismus ist das Seebad nicht gut. Aber Gumpert — der in Wales ist auf 4 Wochen — behauptet, die Seeluft sei das besonders wirksame. Ich hoffe Du wirst die Schmerzen bald los, es ist was ganz Infames. Jedenfalls ist’s nicht gefährlich, & die Herstellung der allgemeinen Gesundheit viel wichtiger.
Beste Grüße
DeinF. E.
/ Du siehst übrigens wie der elende Wilh. fortwährend mit den reactionären Partikularisten — Wulster, Obermüller usw. mogelt & die Partei hineinreitet. /
/ Wilhelm hat offenbar auf Sieg des Bonaparte gerechnet, bloß damit sein Bismarck dabei drauf gehe. Du erinnerst Dich, wie er ihm immer mit den Franzosen drohte. Du bist natürlich auch auf Wilhelms Seite! /
Zeugenbeschreibung und Überlieferung
Zeugenbeschreibung
Soweit aus der Fotokopie zu ersehen ist, besteht der Brief aus einem Bogen weißem Papier. Engels hat alle vier Seiten vollständig beschrieben. Die Zeilen „Wilhelm hat offenbar ... auf Wilhelms Seite!“ stehen auf der dritten Seite am linken Rand geschrieben; die Zeilen „Du siehst übrigens ... die Partei hinenreitet.“ stehen am linken Rand der letzten Seite. Schreibmaterial: schwarze Tinte.
Von Eduard Bernsteins Hand: Nummerierung des Briefes auf der ersten Seite oben rechts mit schwarzer Tinte: „501“ bzw. der beschriebenen Seiten mit Bleistift: „62,1–4“ sowie redaktionelle Vermerke und Streichungen.
Von Heinrich Dietz’ Hand: Nummerierung des Briefes auf der ersten Seite oben mit Bleistift: „1225“.
Von unbekannter Hand (Dietz?): Bleistiftvermerk auf der ersten Seite oben: „A“.
Zitiervorschlag
Friedrich Engels an Karl Marx in Ramsgate. Manchester, Montag, 15. August 1870. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital, hg. v. der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://megadigital.bbaw.de/M9504492. Abgerufen am 08.08.2026.