| Hannover, 29. März 1870

Mein lieber Marx!

Heute ist unser erster Tenor, Dr. Gunz, zu einem 4 wöchentlichen Gastspiel an der italienischen Oper nach London gereist u. da ich sehr gut mit ihm bekannt bin, seine Frau vorlängst in einer schweren Krankheit glücklich behandelt habe, ersuchte ich ihn Euch, so oft es ihm möglich sei, Billets zu seinen Opern zu schicken, was er mir gern zusagte. Nimm mir, lieber Freund, diese Zudringlichkeit nicht übel, ebenso wenig, daß ich ihm einige Zeilen an Dich mitgab, um die er mich bat. Gunz ist ein vortrefflicher Sänger, hat schon öfter in London gastirt u. wird namentlich in deutschen Opern: Fidelio, Freischütz, Constanze u. Belmonte etc, auch in Concerten auftreten u. ich möchte gern, daß Jennychen unsere deutsche Musik kennen lernt. Gunz hat Medicin studirt u. war schon 1 Jahr lang practischer Arzt in Wien. — Wenn Du ihm in irgend welcher Weise in Bezug auf die Presse mit Rath zur Hand gehen kannst, so thue es. —

Für Deine u. Jennychens prompte Antwort herzlichen Dank. Jennychens Ansicht, daß die Affaire BonaparteNoir den Sturz des Empire beschleunigen werde, theile ich nicht. Das Bewußtsein der Klassengegensätze ist in Europa so weit durchgedrungen, daß solche Bagatellen keine entscheidende Krisen herbeiführen können. Die Bourgeoisie freut sich, daß den Revolutionärs mal ein Exempel statuirt ist, selbst hier höre ich solche Äußerungen. Die Sympathien sind nicht auf Seiten des Corsischen Peter, aber gegen die in Rochefort personificirte Revolution. — Was ich aber glaube ist, daß bei einer revolutionären Krise, so private Reminiscenzen, mehr oder minder private Racheacte hervor|rufen werden, die die Franzosen von ihrer Hauptaufgabe mehr noch, als jetzt schon zu befürchten, ablenken werden. — Die vollständige Freisprechung in Tours ist sehr nützlich um den für „Ideen“ begeisterten Franzosen zu zeigen, qu’est ce que c’est que la justice. —

Wenn Du in belgische oder sonstige Blätter Aufsätze von Bedeutung schreibst, so bitte ich sehr um Mittheilung der NNo, damit ich mir dieselben kommen lassen kann. So zB. die der  Siehe Karl Marx: Le gouvernement anglais et les prisonniers fenians. In: L'Internationale. Bruxelles. Nr. 59, 27. Februar 1870; Nr. 60, 6. März 1870.
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Internationale, worin Deine Ansichten über Irland
. —

Deinen wiederholt angedrohten Bericht über Bakunin u. die russische Affaire möchte ich wirklich bald erhalten

In beifolgender „Zukunft“ interessirt Dich gewiß die Bestätigung Deiner richtigen Prognose betreff des  Siehe Friedrich Engels, Karl Marx: Die heilige Familie, oder Kritik der kritischen Kritik. Gegen Bruno Bauer & Consorten. In: MEGA2 I/4. S. 3–210.
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Mitglieds der „heiligen Familie“ Edgardo
. —

Wenn Dr. Gunz zu Euch kommt grüße ihn von mir u. nehmt ihn freundlich auf, wenn Du auch nicht at home sein solltest. —

Herzlichste Grüße Deinen Damen.

Stets
Dein
treu ergebener
L. Kugelmann
Dr

Folgender Abschnitt geschrieben von Franzisca Kugelmann

Lieber Mohr, Für heute nur viele Grüße, übrigens bin ich sehr betrübt, daß Du mich nicht als Mitglied der geheimen Association der  Anspielung auf Marx’ rheinische Aussprache von „Arbeiter“.
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Achtblättler
anerkennst, denn ich heiße als solches nicht Fränzchen, sondern Dein Dich herzlich liebendes

Käuzchen

| Mama, die grade schreiben wollte wird eben daran verhindert, und bittet mich nun, da Papa seinen Brief gleich fortschicken will, einstweilen für sie zu grüßen und zu sagen, daß sie sich mit Jennychens Brief sehr gefreut hätte und auch mit dem was Du  Siehe Marx an L. Kugelmann, 26.3.1870.
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in Papas Brief über Madame la comtesse geschrieben hast
; bald würde sie selbst schreiben. —

Nochmals herzliche Grüße.

In diesem Falle (weil
ich an Mamas Statt schreibe)von
Deinem
Fränzchen.

Zeugenbeschreibung und Überlieferung

Dieser Brief wird hier erstmals veröffentlicht.

Zeugenbeschreibung

Soweit aus der Fotokopie zu ersehen ist, besteht der Brief aus einem Bogen weißem, leicht vergilbtem Papier. L. Kugelmann hat die vierte Seite vollständig, die erste Seite zu zwei Dritteln beschrieben. F. Kugelmann hat das untere Drittel der ersten Seite und die zweite Seite zur Hälfte beschrieben. Die dritte Seite ist leer. Schreibmaterial: schwarze Tinte.

Von unbekannter Hand: Nummerierung der beschriebenen Seiten mit Bleistift: „73a–c“.

 

Zitiervorschlag

Louis Kugelmann und Franziska Kugelmann an Karl Marx in London. Hannover, Dienstag, 29. März 1870. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital, hg. v. der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://megadigital.bbaw.de/M9454030. Abgerufen am 08.08.2026.

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