| Hoboken, N.J. 9 Juli 1870.
Geehrter Herr Marx!
Am letzten Sonntag, in
öffentlicher Sitzung u. Versammlung des Allgem.
Deutschen Arb. Ver. in New York beschuldigte A. Vogt (von Berlin, jetzt in New York) den in
Paris lebenden, Ihnen bekannten Schily der
„Stieberei“ = Kofferwort als Wortspiel aus dem
Namen Wilhelm
Stieber und Dieberei.
Schließen „Stieberei“.
Folgendes die Veranlassung:
Im Februar ds. J. schrieb ich im Auftrag des Allgem. Deutschen A. V. wegen Cluseret an Varlin in Paris. Dem Verein theilte ich mit, daß sicherer Ankunft halber eine Kopie dieses Schreibens an eine zweite Person in Paris gesandt werden müßte, u. daß ich diese Abschrift an die mir bekannte Adresse Schily’s (J. Ph. Becker hatte sie mir mitgetheilt) schicken würde, u. später, daß ich sie geschickt habe. Was der Verein stillschweigend genehmigte, da Nichts dagegen gesagt wurde. Varlin’s Antwort kam an u. wurde dem Verein unterbreitet, wobei die Sache ihr Bewenden hatte. Acht Tage später erhielt ich einen Brief von Leo Fränkel aus Paris, der mir mittheilte, daß Schily krank sei, u. verschiedene Angaben machte z. B. daß die chambre fédérale nicht zur I.A.A. gehöre, nicht einmal die Mehrzahl ihrer Mitglieder; daß sie (ch. f.) größtentheils mutuellisten (Proudhonisten) seien; daß sich eine wirkliche Vertretung der Sectionen der I.A.A. zu Paris gebildet habe etc. etc. (Es sei hier bemerkt, daß ich an Schily Nichts geschrieben, als die Bitte: „inliegende Abschrift an die chambre fédérale abzugeben, wenn mein directes Schreiben nicht angekommen wäre“). Diesen Brief von L. Fränkel legte ich ebenfalls dem Verein vor, u. nach kurzer Debatte | ging der Verein zur Tagesordnung über. Dies geschah im April d. J. Letzten Sonntag, 3. Juli, nun macht mir Vogt öffentlich Vorwürfe darüber, daß ich an Schily geschrieben u. beschuldigt diesen — Schily — der „Stieberei“ in Verbindung mit Techow. Ich verwies ihn auf Ihr Werk „Herr Vogt“, aber er schien gerade darauf zu fußen. Obwohl ich den Inhalt Desselben ziemlich gut kenne, habe ich es in den letzten Tagen noch ein Mal gründlich durchgelesen, kann aber Nichts Ehrenrühriges für Schily darin u. daraus finden. Es sind fast 20 Jahre her, daß ich von Schily direct Etwas erfahren außer Ihrem Buch u. einer kleinen Notiz von J. Ph. Becker. Auch habe ich seit Genf 1851 nie eine Zeile von ihm erhalten, weiß aber, daß er 1849–1851 in Genf von Allen als Ehrenmann geachtet wurde, u. diese Meinung von ihm spricht meiner Ansicht nach auch aus Ihrem Buche „Herr Vogt“. — Wichtig aber ist es mir, von Ihnen, dem intellectuellen Chef unsrer Partei u. Schöpfer derselben, zu erfahren, Was Sie von ihm halten. Ich ersuche Sie daher, mir freundlichst mitzutheilen, wie Schily sich zur Partei verhält, und ob irgend welche Verdachtsgründe vorliegen, welche den gegen ihn erhobenen Vorwurf der „Stieberei“ rechtfertigen könnten?
Mit aufrichtiger HochachtungIhr
F. A. Sorge
box 101, Hoboken, N. J. via New York
PS. Sind die Siehe F. A. Sorge an Marx,
10.5.1870.
Schließen von mir übersandten Zeitungen, so wie
der Report of
Statistics of Labor — Massachusets —
angekommen?
Zeugenbeschreibung und Überlieferung
Dieser Brief wird hier erstmals veröffentlicht.
Zeugenbeschreibung
Soweit aus der Fotokopie zu ersehen ist, besteht der Brief aus einem Blatt weißem Papier. Sorge hat die erste Seite vollständig, die zweite Seite zu drei Vierteln beschrieben. Schreibmaterial: schwarze Tinte.
Von unbekannter Hand: Nummerierung des Briefes mit Bleistift: „87“.
Zitiervorschlag
Friedrich Adolph Sorge an Karl Marx in London. Hoboken, Samstag, 9. Juli 1870. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital, hg. v. der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://megadigital.bbaw.de/M7434833. Abgerufen am 08.08.2026.