Hoboken
N. J.
Mill
City, Colorado
26 juli 1870
Lieber Freund,
ich werde wahrscheinlich sehr bald nach New York gehen, da unsrer company die gelder ausgegangen sind. Vielleicht ist es mir möglich, dem kongreß in Cincinnati bei zu wohnen, wo ich ein weites feld der wirksamkeit finden würde. Unser verein wird wahrscheinlich Sorge als delegaten senden, der es am billigsten thun kann. Vogt hat harte Kämpfe gegen ihn durchgefochten, daß er nicht mehr corresp. sekretär ist. Er schreibt mir, daß die bewegung unter den Deutschen immer spießbürgerlicher werde; in der verwaltung der Arbeiter Union (der zeitung) hätten personen-veränderungen zum schlechteren stattgefunden. Ein Deutsches arbeiterblatt, welches seit einigen wochen in Philadelphia herauskomt, ist nach dem muster des New-Yorker und eben so schlecht, als das wochenblatt in Chicago.
Von Hume hatte ich einen langen brief, worin er dieselben sonderbaren Ideen auskramt, die er mir vor 2 jahren mündlich entwickelte; er will den zins abschaffen dadurch, daß die civilrechtliche erlangung desselben unmöglich gemacht wird. Doch erklärt er sich gegen Kellogg’s geldsystem. Ueberrascht hat mich seine verehrung für general Cluseret, über dessen windigkeit ich ohne zweifel bin. Er soll das französische arbeiterblatt (?) in New-York redigiren. Sobald ich kann, werde ich mich mit Pelletier in verbindung setzen, von dem ich günstiges gehört habe.
Jessup ist sehr hoffnungsvoll in bezug auf die centralisation unserer streitkräfte und glaubt die Coolie-frage als ein einigungs mittel betrachten zu dürfen. Die organisation der National Labor Union ist noch sehr mangelhaft und eine engere verbindung mit den verschiedenen National Trades Unions dringend nothwendig. | Vielleicht erreichen wir etwas in Cincinnati. Den anschluß der deutschen vereine New Yorks an die Internat., welchen wir stark betrieben haben, werden wir vielleicht durchsetzen. Die leute wollen stets unmittelbaren praktischen nutzen nachgewiesen haben und wir köderten sie mit einem arbeits-bureau in Castle Garden, welches die „green-horns“ schützen und in die reihen der Trades-Unions führen soll, und zu dessen wirksamer gründung wir den beistand der Internat. brauchen. — Die geringen kosten des jährlichen beitrags fielen gewaltig in die wagschale. — Es würde, nach diesem ersten schritt, weniger schwer sein, die Amerikaner zu gewinnen.
In Pomeroys Democrat, dem verbreitetsten wochenblatt der U. S. (mehr als ¼ million exemplare) sind etwa alle 14 Tage briefe über die arbeiter zustände [in] Europa, wie ich vermuthe, von irgend einem mitgliede des Generalraths geschrieben, die sehr wirksam und nützlich sind.
Das englische arbeiter-blatt in N-Y ist eingegangen.
In der vorigen woche schickte ich eine nummer der Tribune, worin eine sonderbare geschichte der Internat. zu lesen war.
Hier in Colorado herscht die arbeitslosigkeit nicht minder, als im Osten. Der bergbau verlangt stets größere kapitalien, um profit abzuwerfen. Die löhne sind seit vorigem jahre um 25% gefallen, trotz dem noch keine Chinesen hier sind. Der ackerbau entwickelt sich allmälich und viehzucht gedeiht vortreflich. Die eisenbahn-interessen sind hier im Westen überall die herschenden; ihnen ist alles unterthan und jede kongreß-sitzung vermehrt ihre macht und bedeutung. Die Indianer rauben und morden, wo sie irgend können und kosten viel geld. — Aus dem kongreß in Mainz wird wol dies jahr nichts werden.
IhrSigfrd P. Meyer
Zeugenbeschreibung und Überlieferung
Dieser Brief wird hier erstmals veröffentlicht.
Zeugenbeschreibung
Soweit aus der Fotokopie zu ersehen ist, besteht der Brief aus einem Blatt weißem, blau liniertem Papier. Meyer hat beide Seiten vollständig beschrieben. Schreibmaterial: schwarze Tinte.
Die Adresse oben auf der ersten Seite hat Meyer mit einer schwarzen Linie eingerahmt.
Von unbekannter Hand: Nummerierung des Briefes mit Bleistift: „104“.
Zitiervorschlag
Sigfrid Meyer an Karl Marx in London. Mill City, Dienstag, 26. Juli 1870. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital, hg. v. der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://megadigital.bbaw.de/M7182491. Abgerufen am 08.08.2026.