| St. Leonards on Sea
46 Warrior
Square
15. Sept. 1870.
Lieber Engels,
In „Daily News“ von heute sehe ich Wylds “Plan of the fortifications of Paris” angezeigt und als “the best” beschrieben: 1:25000. Ist diese Karte Ihnen bekannt und können Sie dieselbe empfehlen? Sie oller Stratege! Ich habe mir die 18 „Notes“ ausgeschnitten und zusammen weggelegt. „18“ von heute hat mir Glogauer Vorlesungen ins Gedächtniß gerufen, von irgend einem Lieutenant gehalten unter Räuspern, Husten und Wichtigthun, nur waren sie nicht so einfach verständlich, wie die Ihrigen. Sie haben aber die vertikalisirende Wirkung der Nigro-Nitro-Glycerinotaktik des Engländers „Walter“ gar nicht erwähnt, die Belagerungskunst mit der „Strippe“ von oben — die Straßburger werden es wahrscheinlich „von hinten“ nennen. Wie der | verflixte Kerl nur die Falllinie so genau berechnen kann, so daß seine Glycerinbombe in das Pulvermagazin und nicht nebenan z. B. in ein kommunistisches Artilleriescheißhäuschen fällt! Die „Strippe“ könnte ja etwas „schlenkern“! —
Bis jetzt verkaufen sich doch die franz. Festungskommandanten nicht, wie die preußischen 1806–1807 zu Magdeburg, Glogau, Graudenz (?) u. a. Auch der Stettiner war glaube ich „verkümmelt“.
Der „Badinguet“ wird am Ende von den Deutschen im Triumphe nach Paris | in die Tuilerien geführt, um solange weiter zu regieren, als seine waterworks ihm unter den Irdischen herumzuwandeln erlauben. Favre, Gambetta, Rochefort & Co nach Leicestersquare — Cremieux von Tours via St. Malo, mit Victor Hugo als „Kourier“, nach Jersey, Picard nach Badde-Badde, wo er nicht unbekannt ist, Kératry nach Twickenham, wo der schlaue Thiers schon Quartier bestellt hat, Louis Blanc aus Versehen nach Lötzen, Arago zum Sternkucken nach Berlin kommandirt — Ledru Rollin erhält für anhaltendes Schweigen die preußische Verdienstschnalle — Trochu wird mit | dem Beinamen „von und zu Moblos“ in den preußischen Freiherrnstand erhoben — Karl Blind Gesandter für Kanton Mecklenburg, Freiligrath Reisender Hohenzollernscher Gelegenheitsdichter mit Ehrenklystierspritze für den Sohn „Wolf“ — man soll sagen, was eine Sache ist — Les Prussiens sont capables de tout! — Genug meines Blödsinns! Ich habe hier keinen Menschen, mit dem ich ein vernünftig Wort sprechen kann; thue nichts wie essen, trinken, schlafen, bummeln, rauchen und — Zeitungen lesen; kein Wunder, daß ich überschnappe. Dabei wiege ich 11 stone 2; mehr habe ich in meinem ganzen Leben nicht gewogen, oft aber viel weniger. — In 14 Tagen kehre ich heim; noch etwas Beklemmung von links her; es geht aber stetig besser.
Wann kommen Sie nach London? Schreiben Sie mir mal hierher in die Öde meines Gesundheitswahnsinns.
Der IhrigeSigismund L. Borkheim.
| 16. Sept.
Neulich sammelte ich mich mit Marx zu Ramsgate an unter „Niggers“ mit „Grecian bend“ und sturmzerschlagenen Badehäusern. Da sagte er mir, P. M. Gazette hätte noch andere Artikel außer den „Notes“ von Ihnen gedruckt. Geben Sie mir doch die Daten und Titel an, wenn möglich.
Endlich, wie Sie wohl neulich gelesen haben werden, ist selbst „Azamat Batuk“ von den Deutschen „gerührt“. Der ist übrigens höchstens ein „Beschreiber“, so wie er räsonnirt, ist er „futsch“. Ich habe lange überlegt, was er mit dem verhackten Namen „sagen“ will. Endlich εὕρηκα; Rückwärts gelesen, giebt | es „Tamaza Kutab“. In Tamaza ist eine Wurzel אֶמֶת(?) (Amas englisch auszusprechen) enthalten, welches Wahrheit heißt; Kutab ist irgend eine Verbalform von שקר(?) Lüge oder lügen, oder eine Ablautung. Also denke ich Azamat Batuk soll „wahrhafter Lügner“ oder „Wahrheit und Dichtung“ oder gedichtete Wahrheit bedeuten. Ist Ihnen dort irgend ein Rabbi Melammed, einheimisch oder aus Jassy, mit oder ohne Locken bekannt, so wollen Sie ihm diese wichtige Entdeckung unterbreiten.
„Immer lustick“.Zeugenbeschreibung und Überlieferung
Dieser Brief wird hier erstmals veröffentlicht.
Zeugenbeschreibung
Soweit aus der Fotokopie zu ersehen ist, besteht der Brief aus zwei Bogen rosafarbenem Papier. Borkheim hat alle vier Seiten des ersten Bogens, vom zweiten Bogen nur die ersten zwei Seiten vollständig beschrieben; die übrigen zwei Seiten sind leer. Schreibmaterial: schwarze Tinte.
Die Passage „Karl Blind ... Sohn Wolf“ ist auf der vierten Seite des ersten Bogens mit Einfügungszeichen am linken Rand notiert.
Von unbekannter Hand: Nummerierung des Briefes mit Bleistift: „65“ und Blaustift: „120“ links oben auf der ersten Seite.
Zitiervorschlag
Sigismund Ludwig Borkheim an Friedrich Engels in Manchester. Saint Leonards on Sea, Donnerstag, 15. und Freitag, 16. September 1870. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital, hg. v. der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://megadigital.bbaw.de/M5471332. Abgerufen am 02.10.2026.